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Das Welt- und Menschenbild von Arthur Schopenhauer. Der Einfluss des Weltwillen auf die Entwicklung des menschlichen Charakters

Seminararbeit 2015 19 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schopenhauers Weltbild

3. Schopenhauers Menschenbild

4. Die charakterliche Entwicklung des Menschen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Arthur Schopenhauer ist einer der bedeutendsten Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts. Nicht nur das weitreichende Spektrum seiner Philosophie, sondern auch der Einfluss, den er heutzutage immer noch ausübt, deutet auf seinen genialen Geist hin. In seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung geht er auf Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik ein. Trotz der zahlreichen philosophischen Disziplinen, die er anspricht, liest sich seine Schrift wie ein einziger Gedankengang. Dieser universale Blick, den Schopenhauer in seiner Lehre mit einfließen ließ, liegt an seinem akademischen Hintergrund. Er studierte Medizin, Geschichte, Naturwissenschaften, Mathematik, Sprachen und Philosophie. Dieses umfangreiche Wissen nutzte er, um seine Auffassung von der Welt und den Zusammenhängen der Dinge niederzuschreiben. Dabei beschreibt er, was die Welt an sich ist, wie wir sie wahrnehmen und wie sie uns beeinflusst. Um diese Gedanken nachzuvollziehen, wird in den folgenden Zeilen zunächst das Weltbild Schopenhauers erklärt und danach sein Verständnis vom Menschen beschrieben. Mit Hilfe dieser Grundlage wird in der zweiten Hälfte dieser Arbeit veranschaulicht, inwieweit sich die Beschaffenheit der Welt auf den Menschen und dessen charakterliche Entwicklung ausübt.

2. Schopenhauers Weltbild

Schopenhauer wurde von den Lehren von Kant und Platon sowie von den Upanischaden, einer Sammlung philosophischer Schriften des Hinduismus, beeinflusst. Er erweiterte und änderte diese, um seine eigene Theorie von der Welt und ihren Zusammenhängen zu stützen. Schon im Vorwort seines Hauptwerkes Die Welt als Wille und Vorstellung verweist er darauf, dass er die Schriften von Platon und Kant als vorausgesetzt annimmt. Die Philosophie Immanuel Kants setzt den Grundstein für Schopenhauers weiteres Denken und den ersten Aspekt seiner Weltauffassung. Kant hatte gezeigt, dass wir die Welt nicht so wahrnehmen, wie sie an sich ist, sondern nur so, wie sie uns erscheint. Wir können nur das verarbeiten, was uns unsere Sinne liefern. Diese Werkzeuge sind für uns unumgänglich, um unsere Umwelt zu erfassen. Wir sind von ihnen abhängig und berufen uns auf sie. Demnach ist die Welt so wie wir sie sehen nur eine Vorstellung von dieser. Unsere Sinne und ihre Beschaffenheit haben einen gravierenden Einfluss auf unsere Erkenntnis. Zum Beispiel nehmen Menschen mit ihren Augen nur einen Teil ihrer Außenwelt wahr. Fliegen sehen wie durch eine Zeitlupe, Bienen UV-Licht und Schlangen Infrarot. Während wir Menschen die ultravioletten Färbungen vieler Blumen nicht einmal sehen können, liefern sie den Insekten wertvolle Informationen. Wenn wir nun auch solche Rezeptoren hätten, würden wir ein anderes Bild von der Welt haben und dadurch auch eine andere Vorstellung von ihr. Demnach ist jede empirische Erkenntnis von unseren Sinnen abhängig und nur eine Vorstellung von der Welt an sich. Unsere Erkenntniswerkzeuge, also die Sinnesorgane und der Verstand, übertragen die Außenwelt nicht eins zu eins, sondern geben immer noch etwas hinzu. Zum Beispiel ordnen sie alle Wahrnehmungen nach Raum und Zeit. Das uns alle Dinge räumlich und zeitlich bzw. nacheinander oder gleichzeitig erscheinen, liegt nicht an den Objekten selbst, sondern an dem System, in dem wir sie einordnen. Aufgrund dieser einfließenden Faktoren erhält die Welt so wie wir sie wahrnehmen eine bestimmte Form, welche nur in uns existiert, als unsere Vorstellung. Deshalb nehmen wir nur unsere eigene Wirklichkeit wahr. Dies ist der Grundgedanke, den Schopenhauer von Kant übernimmt und für seine weiteren Gedanken nutzt. Die Welt ist eine subjektive Vorstellung.

Nun besteht jedes Objekt, welches wahrgenommen werden kann, aus Materie. Auch diese ist nur eine Erscheinung in Raum und Zeit. Sie hat gewisse Eigenschaften, ist mit sich selbst identisch und hat durch ihre Beschaffenheit eine Wirkung nach außen, da sie in Wechselwirkung mit ihrem Umfeld steht. Diese Wirkung können wir beobachten und zeitlich verorten. Jede Materie hat bestimmte Kräfte in sich, die durch Reize von außen hervor gebracht werden. Diese sind nach Schopenhauer von vornherein vorhanden und müssen erst aktiviert werden. Jene Reaktionen sind aber nicht willkürlich, sondern berechenbar. Sie sind zielgerichtet und zweckorientiert. Sie werden durch Wechselwirkung mit anderen Objekten oder Kräften ausgelöst. Jene einwirkenden Faktoren nennt Schopenhauer Gelegenheitsursachen. Sie bieten der Materie die Möglichkeit, ihre innere Disposition freizusetzen, da die Aktivierung jener innerlich ruhenden Naturkräfte zu einer planmäßigen Veränderung der Erscheinung führt. Dadurch kommt die Materie in einen neuen Zustand, welcher durch eine weitere Gelegenheitsursache weiter getrieben werden kann. Bei physikalischen Reaktionen kann diese Veränderung auch rückgängig gemacht werden. Ein Beispiel dafür wäre das Gefrieren und das Schmelzen von Wasser. Beim Entstehen von Eiskristallen scheinen diese auch offensichtlich einem vorgegebenen Schema zu folgen. Natürlich ist jede verzweigte Eisblume oder Schneeflocke einzigartig. Dennoch geschieht dieser Vorgang nach einem gewissen Muster, als ob die Form schon vorbereitet wäre. Zur Zeit Schopenhauers konnte dieses Phänomen noch nicht auf den atomaren Aufbau eines Wassermoleküls (H2O) zurückgewiesen werden. Doch das Resultat beim Einwirken von Kälte auf Wasser war wohl bekannt, genauso wie die Strukturen, die bei diesen Wechselwirkungen hervorgebracht werden. In diesen und anderen Verhaltensmustern sah Schopenhauer einen Zusammenhang.

Ebenso verhält sich jeder Stoff unterschiedlich beim Einwirken von magnetischen, elektrischen oder thermischen Kräften. Je nachdem, was es für ein Stoff ist und welche potentiellen Kräfte in ihm stecken, verhält sich dieser. Diese Abläufe folgen einem wiederkehrenden Schema und können dementsprechend als dessen planmäßige Wechselwirkung mit einwirkenden Kräften festgehalten werden. Laut Schopenhauer ist dies ein Ausdruck des inneren Wesen der Dinge, welche immer Kraft und Zweck in sich tragen. Dieser innere Strukturplan kommt der platonischen Idee recht nahe, da jede Materie einem vorgegebenen Muster folgt; Etwas, das immer da ist und einen ständigen Einfluss auf die Dinge auswirkt, aber nicht wahrgenommen werden kann. Dieser komplexe Sachverhalt könnte mit einem voreingestellten Programm verglichen werden, welches nur noch ausgelöst werden muss. Bei Platon ist jedes Objekt, das wir wahrnehmen, nur ein Abbild seiner Idee, seines eigentlichen Wesens. Die Ideen können wir in der leiblichen Welt nicht finden und nur durch die Vernunft erahnen. Er verweist auf eine rein geistige Ebene und verortet den Antrieb und das Wesen der Dinge im Jenseits. Im Gegensatz dazu sieht Schopenhauer keine Dualität zwischen der antreibenden Kraft und der Substanz. Für ihn hat ein Objekt immer Kraft und Struktur und diese Kombination nennt er Wille.

Der Wille ist für Arthur Schopenhauer das, was Kant als Ding an sich bezeichnete und die Idee, die Platon beschrieb ist nichts weiter als die Objektivation des Willens. Dementsprechend ist die Welt einerseits bloße Vorstellung und andererseits bestimmt durch einen irrationalen, erkenntnislosen Lebensdrang. Dieses Urprinzip steckt in jedem Objekt und in jeglicher Materie und beeinflusst diese. Alles was existiert hat ein bestimmten Aufbau, der strukturiert und zweckmäßig ist und ebenso Kräfte, die sich zielgerichtet entfalten. Um dies nochmals zu verdeutlichen, kann die Quantenphysik herangezogen werden. Dort wird versucht, im mikroskopisch Kleinen, auf atomarer und molekularer Ebene, das letzte und ursprüngliche Teilchen zu finden. Doch selbst wenn dies gelingt und das letzte und kleinste Teilchen gefunden wird, muss es trotzdem Kraft und Struktur haben, weil sonst keine Wechselwirkung erkennbar wäre und es somit nicht feststellbar wäre. Deshalb hat jegliche Materie, da diese aus Teilchen besteht, immer innewohnende Kräfte, welche sich gezielt auswirken. Jene Wirkung können wir wahrnehmen, doch den Willen an sich nicht. Er entzieht sich dem Erkennbaren. Er entsteht nicht und vergeht ebenso wenig. Er ist immer da. Die Welt kann sich verändern, doch vor und nach dem Wandel gibt es immer Energie, welche Struktur, Kraft und neue Wechselwirkung beinhaltet. Auf der einen Seite ist die Welt nur eine vom Betrachter abhängige Vorstellung und auf der anderen Seite besteht sie aus Materie, welche eine innere Kausalität in sich trägt. Durch diese innere Struktur kommen die beobachtbaren Wechselwirkungen zustande. Jene Kräfte, die in den Reaktionen wirken, treten durch die Gelegenheitsursachen hervor. Diese Reaktionen sind kein Zufall, sondern immer zielgerichtet. Diese Verknüpfung aus Kraft und Zweck ist für Arthur Schopenhauer die Manifestation des Weltwillens.

Wie oben erwähnt können wir diese Phänomene nicht wahrnehmen, aber ihre Erscheinungen. Die zeitliche und räumliche Einordnung, welche intuitiv erfolgt, lässt uns in kausalen Zusammenhängen denken. Wir sehen ein bestimmtes Ereignis und die Verhältnisse vor und nach diesem Vorfall. Mittels der Verstandestätigkeit wird das Gesehene in ein bestimmtes Schema übertragen und eine Erkenntnis gewonnen. Dieses Schema von dem kausalen Zusammenhang ist bei Schopenhauer der Satz vom Grunde. Ein Betrachter sieht einen bestimmten Gegenstand zu einem gewissen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort. Nun tritt zu einem späteren Zeitpunkt ein zweiter Gegenstand hinzu. Die beiden Objekte treten nun in Wechselwirkung und bewirken eine Veränderung an dem zuerst gesehenen Gegenstand. Der Beobachtende sieht nun zu einem dritten Zeitpunkt das Resultat der Reaktion, das veränderte Objekt. Jene Wahrnehmungen zu den unterschiedlichen Zeitpunkten werden nun in Verknüpfung gebracht und in ein Erkenntnisschema eingeordnet. Dies ist der Satz vom Grunde.

Die wirkenden Naturkräfte sind für das Subjekt nicht sichtbar. Sie zeigen sich erst in ihrer Wirkung, wenn sie in Erscheinung treten. Der Satz vom Grunde kann dies nur beschreiben, denn die potentiellen Kräfte bleiben uns verborgen. Diese Verstandestätigkeit ist eine reine Vorstellung. Doch unser Gehirn ist ebenfalls Materie mit Kraft und Struktur. Demnach haben wir die Fähigkeit, durch Beobachtung auf den Satz vom Grunde zu kommen. Für Kant wäre dies eine Erkenntnis a priori, ohne jegliche Erfahrung. Wahrnehmungen setzen in uns eine Kraft frei, welche die beschriebenen Prozesse auslöst. Doch woher können wir wissen und uns sicher sein, dass es diese inneren Kräfte gibt, wenn wir nur ihre Erscheinungen erfassen können? Für Schopenhauer liegt die Antwort darauf nicht um uns herum, in der Außenwelt, sondern in uns selbst. Nur in unserem Inneren können wir den Willen spüren.

3. Schopenhauers Menschenbild

Für Arthur Schopenhauer gibt es neben dem Satz vom Grunde noch eine weitere Erkenntnisweise. Dies sind die Empfindungen, welche uns unser eigener Leib erfahren lässt. Nach Schopenhauer ist uns jener auf zwei verschiedenen Ebenen gegeben. Zum einen ist unser Körper auch nur ein Objekt wie jedes andere, welches eine Vorstellung in uns hervorruft. Wir sehen seine Bewegungen und erfassen die Wirkungen, die andere Gegenstände auf ihn ausüben. Wir erkennen die Folgen verschiedenster Reize, sei dies Kälte, starke Hitze oder das Einwirken einer scharfen Klinge auf die zarte und weiche Haut. Doch unser Leib ist uns noch auf einem anderen Weg zugänglich.

„Dem Subjekt des Erkennens, welches durch seine Identität mit dem Leibe als Individuum auftritt, ist dieser Leib auf zwei ganz verschiedene Weisen gegeben: einmal als Vorstellung in verständiger Anschauung, als Objekt unter Objekten, und den Gesetzen dieser unterworfen; sodann aber auch zugleich auf eine ganz andere Weise, nämlich als jenes Jedem unmittelbar Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet.“[1]

Dies sind zum Beispiel die instinktiven Triebe, die uns zur Fortpflanzung und zum Selbstschutz bewegen. Jener innere Überlebensdrang, der sich zielgerichtet auf uns auswirkt, ist für Schopenhauer genauso eine Naturkraft wie jene, welche sich in allen anderen Objekten befindet. Der gravierende Unterschied dabei ist, dass wir die antreibenden Kräfte in uns direkt und intuitiv erkennen können. Demnach ist unser eigener Leib der bestmöglichste Zugang zur Erfahrung des Willens. Ein Beispiel dafür wäre das Hungergefühl. Diesen inneren zielgerichteten Drang nach Nahrung erkennen wir unmittelbar und versuchen ihn zu befriedigen. Der Zielinhalt des Hungers ist es, ihn zu beseitigen. Dadurch werden wir dazu gebracht, Wissen und demnach auch Erfahrungen zu sammeln, wie wir ihn stillen können. Das Handeln, welches die Sättigung bezwecken soll, ist geleitet von einer bestimmten Kraft und diese inneren zielgerichteten Kräfte nennt Schopenhauer Wille. Dieser Wille wirkt sich aber nicht nur auf der physischen und biologischen Ebene aus, sondern auch auf der neurologischen. Unser Handeln wird bestimmt vom Satz vom Grunde. Wir erkennen Zusammenhänge und reagieren dementsprechend. Doch um aus wahrgenommenen Ereignissen Erkenntnisse zu gewinnen und auf weitere Folgen zu schließen, bedarf es abstrakten Verknüpfungen und Gedankenstrukturen. Laut Schopenhauer haben wir eine Naturkraft in uns, um Begriffe zu bilden. Da das Erkennen an sich nicht gelernt werden kann, muss diese kognitive Fähigkeit angeboren sein. Die Gegenstände der Außenwelt setzen dieses Vermögen in uns frei. Demnach ist unser Handeln, Denken und Urteilen bestimmt vom Willen. Nicht die Erkenntnis bestimmt unser Handeln, sondern ein irrationaler Drang, welcher sich intuitiv auf uns auswirkt. Dieser Gedanke Schopenhauers spricht komplett gegen den Geist seiner Zeit. In der Epoche der Aufklärung war es das vernunftbegabte Individuum, welches im Mittelpunkt der Welt stand. Ob nun durch Erfahrung oder durch reine Verstandeskraft, dennoch stand immer die Erkenntnis und die Vernunft als auslösender Faktor aller Handlungen im Zentrum der damaligen Überlegungen. Mit seinem Werk stellte Arthur Schopenhauer wieder die Triebe über die Vernunft des Menschen. Der Wille kann zwar von der Erkenntnis beeinflusst werden, indem sie ihm neue Motive vorgibt, doch niemals von dieser verändert werden. Es ist immer dieser Lebenswille, welcher uns antreibt. Jedoch kann er sich personen- und situationsspezifisch unterschiedlich äußern. Alles hängt von Kräften ab und diese können wir bei uns selbst feststellen. Schopenhauer entwickelt eine alles umschreibende Weltauffassung und bindet uns vollständig in diese ein. Es ist eine philosophische Interpretation einer physikalischen Beobachtung. Da jede Anschauung zeitgebunden ist, spricht Schopenhauer nur von freigesetzten Kräften und geht nicht vertiefend auf diese ein. Bei ihm gibt es keine übergeordnete Gewalt, keine Weltschöpfung. Es existiert diese universelle Wechselwirkung und dieser Zusammenhang aller Dinge wird bei Schopenhauer Weltwille genannt. Dennoch bekommen wir in seiner Lehre einen besonderen Stellenwert.

[...]


[1] Schopenhauer, Arthur; Die Welt als Wille und Vorstellung; § 18, S. 157.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668092228
ISBN (Buch)
9783668092235
Dateigröße
814 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310634
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
welt- menschenbild arthur schopenhauer einfluss weltwillen entwicklung charakters

Autor

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Titel: Das Welt- und Menschenbild von Arthur Schopenhauer. Der Einfluss des Weltwillen auf die Entwicklung des menschlichen Charakters