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Über die Darstellung des Alkoholismus im sowjetischen Plakat in den Anfangsjahren des ersten Fünfjahresplans

„Genossen, trinkt nicht!“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 19 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung
1.1) Gegenstand
1.2) Materiallage:
1.3) Methodischer Zugang:

2) Aufbau der Industrie
2.1) Plakatanalyse
2.2) Einordnung

3) Alkohol in der Familie
3.1) Plakatanalyse
3.2) Einordnung

4) Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1) Einleitung

1.1) Gegenstand

Wodka, das russische Wässerchen. In der heutigen Zeit wird versucht durch staatliche Maßnahmen, den Konsum von alkoholischen Getränken in Russland zu reduzieren. Dies geschieht auf der einen Seite durch Steuererhöhungen für alkoholische Getränke und auf der anderen Seite durch Maßnahmen, um das Schwarzbrennen in Russland zu unterbinden.[1]Ein solches Verhältnis zwischen Staat und Alkohol zieht sich auch durch die Geschichte des Landes. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschloss der russische Zar Nikolaus II. den Konsum von Alkohol zu beschränken. Im Zuge dieses Prohibitionsversuches entstand ein Zarenerlass, nach dem alle Läden, die Alkohol verkauften, geschlossen werden mussten. Eine Ausnahme bildeten hier gehobene Etablissements. Zunächst sollte dieser Erlass nur für die Zeit der Einberufung der Soldaten bestehen, da befürchtet wurde, dass sich ansonsten die Truppen auf dem Weg zur Front Trinkgelagen hingaben und so die Truppenverlegungen behindern würden. Im Anschluss wurde das Gesetz jedoch bis zum Ende des Krieges immer weiter verlängert, auch wenn es ab 1916 Stück für Stück ausgehöhlt wurde.[2]Bei den Alkoholgegnern in der Duma führte dieses „trockene Gesetze“ zur Euphorie und sorgte für einen Gesetzesentwurf „über die Erhaltung der Nüchternheit für alle Ewigkeit.“[3]Jedoch hielt die Illusion der Abstinenz des Volkes nicht lange an. Der Verbrauch von Surrogaten unter den Arbeitern stieg an. Die Bauern produzierten und konsumierten mehr Selbstgebrannten (Samagon) und die Intilligenzija erwarb medizinischen Alkohol aus den Apotheken. Dies führte dazu, dass diese Ersatzmittel innerhalb von zwei Jahren die ausgebliebenen Alkoholmengen ersetzen.[4]Weiterhin hatte das Gesetz auch wirtschaftliche Folgen. Aufgrund des erzwungenen Konsumverzichts von alkoholischen Getränken blieben benötigte Einnahmen für den Staat aus. Darüber hinaus stellte sich die Industrie auf die Kriegsproduktion ein, was dazu führte, dass die sich die Spareinlagen der Bevölkerung erhöhte, weil diese nun ihren finanziellen Überschuss nicht mehr ausgeben konnte. Hieraus resultierte eine steigende Inflation im Land.[5]Dies führte wiederum dazu, dass die Bauern aufgrund des niedrigen Verkaufspreises für Getreide, ihre Ernten nicht mehr an den Staat verkauften, sondern für die Samagonproduktion verwendeten.[6]Dieses Problemfeld erbte wiederum die Übergangsregierung nach der Februar- und anschließend die Bolschewiki nach der Oktoberrevolution.

In der sozialistischen Ideologie wurde Alkohol als ein Mittel zur Unterdrückung der Klasse der Arbeiter und Bauern angesehen. Daraus folgerte sie Staatsführung, dass ohne die Alkoholisierung des Volkes das alte System nicht mehr tragbar wäre und die Nüchternheit ein muss zur Erreichung der Revolution sei. Aus diesem Grund wurde das „trockene Gesetz“ weiter erhalten. Schwarzbrenner wurden im Zuge dessen zu „Volksfeinden“ erklärt und die Samagonproduktion unter Strafe gestellt.[7]Es zeigte sich jedoch schnell, dass das kommunistische Russland nicht ganz auf die Alkoholproduktion verzichten konnte. Nach dem die Entente den Kaukasus besetze und Russland damit von den dortigen Ölfeldern abgeschnitten wurden, musste ein Brennstoffersatz gefunden werden. Dies führte dazu, dass 1920 Spirituosenbetriebe nationalisiert und auf die Herstellung von Industriealkohol umgestellt wurden. Der Verkauf von trinkbarem Alkohol blieb jedoch weiterhin verboten, was zu einer weiteren Steigerung der Anzahl der Schwarzbrennereien führte.[8]Noch auf dem 10. Parteitag im Jahre 1921 verkündete Lenin mit den Worten: „Sie (Wodka und andere berauschende Mittel) bringen uns zurück zum Kapitalismus aber nicht vorwärts zum Kommunismus“[9], dass die sozialistische Regierung den Alkoholhandel nicht dulden würde. Jedoch wurde im Zuge der Neuen Ökonomischen Politik der Alkoholverkauf erneut als Einnahmequelle in Betracht gezogen. 1922 schloss Lenin die Einführung des staatlichen Weinmonopols zur Finanzierung des Sozialismus nicht mehr aus. Daraufhin entbrannte in der Partei eine hitzige Diskussion. Während die Nationalökonomen den Alkoholhandel als einzige Möglichkeit betrachteten, um die Inflation zu stoppen, befürchteten die orthodoxen Ideologen, dass die Rückkehr zur zaristischen Alkoholpolitik eine Zerstörung des Sozialismus zur folge hätte.[10]Nichts desto trotz wurde die Alkoholproduktion wieder aufgenommen, was dazu führte, dass Russland bis zur Mitte der 20er Jahre zu der alten Trinkkultur zurückkehrte. Auf dem Land stieg der Konsum im Vergleich zur Vorkriegszeit sogar um ein Viertel.[11]

Dadurch stieg der Verkauf staatlichen Alkohols in Russland, während die Partei weiterhin propagierte, dass der Konsum nicht sozialistisch sei. Diesen Wiederspruch löste sie, indem sie den Vertrieb dadurch legitimierte, dass sie der Bekämpfung der Samagonproduktion diene. Daraus folgte, dass der russische Staat zum einen am Verkauf von Alkohol verdiente, während er auf der anderen Seite mit propagandistischen Mitteln gegen dessen Konsum kämpfte. 1928 wurde dieser Kampf auch im ersten Fünfjahresplan festgeschriebenen. Über Filme, Reden, Zeitungen, Zeitschriften, Pamphlete und Plakate sollte die Bevölkerung dazu gebracht werden, auf den Alkoholgenuss zu verzichten.

Besonders das Plakat erfreute sich großer Beliebtheit. Dieses wurde für die Propagandapolitik instrumentalisiert und unter strenge parteiliche Leitung gestellt, um so das Volk beeinflussen zu können.[12]Jedoch muss betrachtet werden, dass die Künstler bei der Gestaltung einen gewissen Freiraum besaßen. Vor 1931 arbeiteten mehrere Organisationen relativ frei. Jedoch waren sie verpflichtet, sich bei diesen an der politischen Linie der UdSSR zu orientieren.[13]In der Sowjetunion war die Verwendung ebenfalls von Beginn an bedeutend, da man mit diesen, aufgrund der hohen Quote an Analphabeten im Land, weite Bevölkerungsteile erreichen konnte, da sich das Plakat i.d.R. mit viel Bild und wenig Schrift begnügt.[14]Ein weitere Grund für dieses Popularität war die Tradition der Ikonographie aus der orthodoxen Kirche. So war die Bevölkerung an die Verwendung bildhafter Gestaltungen gewöhnt.[15]

Hieraus ergibt sich die Frage, wie sich die Antialkoholpropaganda im Plakat gestaltete? Betrachtet werden soll dabei zum einen die Botschaft, die vermittelt wurde sowie die Probleme, die sich für die Partei mit dem Thema des Alkoholismus in Russland ergab. Ob diese nun real waren oder eine Einbildung der Partei, soll hierbei nur am Rande betrachtet werden. Dies soll unter der These diskutiert werden, dass dich das Plakat gänzlich dem Fünfjahresplan unterwarf. Dies zeigt sich auch in der Anti-Alkoholpropaganda, die mit ihren Argumentationsmustern auf den Aufbau der Industrie ausgerichtet ist.

1.2) Materiallage:

Die Plakate, die für diese Arbeit gewählt wurden, richten sich nach den großen Themen des Betriebs und der Familie, da diese beliebte Motive der Anti-Alkoholkampagne gewesen waren. Neben diesen existieren auch Plakate, die thematisch anders argumentieren. Diese werden hier bewusst ausgeklammert, um die Konzentration auf den gewählten Themenschwerpunkt legen zu können. Entnommen werden die Quellen von der Internetseite Plakaty.ru, die eine Digitalisierung der Plakate mit Angaben zum Künstler und dem Entstehungsjahr geben. Weiterhin wird die Internetseite Russianposter.ru verwendet. Hierbei handelt es sich, nach eigenen Angaben der Betreiber der Seite, um ein Projekt Bochumer Studenten, in dem das Ziel verfolgt würde, eine Übersicht der russischen und sowjetischen Plakatkunst der letzten 150 Jahre zu vermitteln. Zu diesem Zweck sind die Plakate mit Angaben zum Künstler und Titel Abgebildet. Zur Bearbeitung dieses Themenkomplexes wird die Arbeit von Michael Sauer zum Plakat als historische Quelle verwendet.[16]Diese beschreibt zum einen die Geschichte des Plakates und gibt zum anderen methodische Ansätze über die Vorgehensweise bei der Verwendung dieser als Quelle. Weiterhin finden hier die Arbeiten von Ana Nikolić[17]über die Propagandasprache im sowjetischen Plakat des ersten Fünfjahresplans, Laura Phillips[18]über den Alkoholismus und deren Umgang in den Jahren 1900-1929 und Victoria E. Bonnel[19]über das Sowjetposter unter Lenin und Stalin.

1.3) Methodischer Zugang:

Zunächst muss jedoch erst einmal das Medium Plakat an sich betrachtet werden. Durch dieses allein ist es nicht möglich, die Wirkung auf die Bevölkerung zu analysieren. Nur mit dem Einbezug weiterer persönlicher Angaben, wie Briefen, ist dies am Rande möglich. Weitere Annäherungspunkte könnten Informationen über die Verbreitung, auch wenn dies oft nicht überliefert ist, sowie Statistiken über die Entwicklung in Bezug auf das zu bearbeitende Thema liefern. Hierbei müssen jedoch auch andere Faktoren betrachtet werden, die für die Entwicklung eines Problems (in diesem speziellen Fall der Konsum alkoholischer Getränke) verantwortlich sind. Erforschen lässt sich mit dem Komplex des Plakates zum einen die Wirkungsabsicht, die damit erzielt werden sollte und im Umkehrschluss die wahrgenommenen Realität der Verfasser. Hierbei muss diese wahrgenommene Realität nicht mit der Wirklichen übereinstimmen. Gerade dabei bietet das Plakat die Möglichkeit, auf kleinem Raum eine politischen Linie/ Ideologie über einen größeren zu betrachten und liefert zudem Möglichkeiten die Darstellungsmuster sowie die Argumentationslinien zu betrachten.[20]Die Gliederung teilt sich dabei in zwei Themengebiete: Der Aufbau der Industrie und der Alkohol in der Familie. Bei diesen wird dann zunächst auf die Analyse der Plakate und anschließend auf deren Einordnung eingegangen. In der Analyse werden Bildmotive (Gegenstände, Figuren etc.), Ikonografien, Bildgestaltungen (Größe einzelner Elemente, Perspektiven, etc.) und Text/ Schrift (höhe der Textmenge, Integration ins Bild, Schriftart/ -größe etc.) betrachtet. In der zusammenfassenden Deutung sollen dann der Gesamtcharakter des jeweiligen Plakats sowie die Botschaft, die es vermutlich vermitteln sollte, reflektiert.[21]In der Einordnung soll dann der Hintergrund dieser Plakate betrachtet werden und dabei einen Ausblick auf den Grund für deren Gestaltung gegeben werden.

[...]


[1]Eller, Carmen: Trinken bis zum Tod. Über die russische Volksdroge Alkohol und ihre Auswirkungen. In: Bundeszentrale für politische Bildung. URL: http://www.bpb.de/internationales/europa/russland/48008/alkoholismus?p=all (05.03.2015, 15:20).

[2]Herlihy, Patricia: The Alcoholic Empire. Vodka and Politik in late Imperial Russia. Oxford 2002, S. 67.

[3]Margolina, Sonja: Wodka. Trinken und Macht in Russland. Berlin 2004, S. 117.

[4]Ebenda, S. 117-118.

[5]Herlihy: The Alcoholic Empire, S. 144.

[6]Margolina: Wodka, S. 118.

[7]Margolina: Wodka, S. 121-123.

[8]White, Stephen: Russia goes dry. Alcohol, State and Society. Cambridge 1996, S. 16.

[9]Tresvost’ i kul’tura 1 (1928), S. 4.

[10]Margolina: Wodka, S. 124-125.

[11]White: Russia goes dry, S. 204.

[12]Nikolić, Ana: Propagandasprache im sowjetischen Plakat zur Zeit des ersten Fünfjahresplans. Wien 2012, S. 5.

[13]Eben da, S. 13.

[14]Sauer, Michael: „Hinweg damit!“. Plakate als historische Quellen zur Politik- und Mentalitätsgeschichte. In: Paul, Gerhard (Hg.): Visual history. Ein Studienbuch. Göttingen 2006, S. 42.

[15]Nikolić, Ana: Propagandasprache, S. 6-7.

[16]Sauer: „Hinweg damit!“.

[17]Nikolić, Ana: Propagandasprache im sowjetischen Plakat zur Zeit des ersten Fünfjahresplans. Wien 2012.

[18]Phillips, Laura L.: Bolsheviks and the bottle. Drink and worker culture in St. Petersburg 1900-1929.

[19]Bonnel, Victoria E.: Iconography of Power. Soviet political posters under Lenin and Stalin. Berkeley; Los Angeles 1997.

[20]Ebenda, S. 46-51.

[21]Analysemodel nach Sauer, Michael: „Hinweg damit!“, S. 50-51.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668092143
ISBN (Buch)
9783668092150
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310507
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Osteuropäische Geschichte
Note
14
Schlagworte
über darstellung alkoholismus plakat anfangsjahren fünfjahresplans genossen

Autor

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