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Identität und Identifizierung - Die sprachliche Herstellung von Identität

Seminararbeit 2000 12 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

INHALT:

Abstract

1. Einleitung

2. Identität und Identifizierung: Die sprachliche Herstellung von Identität
2.1 Diskussionsgrundlage
2.1.1 Definition des Begriffs ‘identifizieren‘
2.1.2 Methodische Abgrenzung gegenüber anderen Soziolinguisten
2.1.3 Positivismus als zugrunde liegende Weltsicht
2.1.4 Begriffe zur Kategorienbildung
2.1.5 Das Prinzip der ‘predictability‘
2.1.6 Unmöglichkeit der Definition des Begriffs ‘Ethnie‘
2.1.7 Unmöglichkeit der Definition des Begriffs ‘Rasse‘
2.1.8 Die Beziehung zwischen ‘Sprache‘ und ‘Ethnizität‘

3. Schlussgedanke

ABSTRACT

This is the first part of a two-pieced written form paper dealing with the following topic: ‘Identity and identification: the influence of language to the establishment of identity‘.

What function does language fulfill in regard to the establishment of our self-identity as well as to the identity of groups? How do categories like ‘community‘, ‘ethnic group‘, ‘language‘ or ‘race‘ come into being? Which patterns are followed in order to create such categories?

These questions are tried to be answered in this written form paper. It is based on extracts from the text ‘Acts of identity – Creole based approaches to language and ethnicity‘, written by Robert B. LePage and Andrée Tabouret-Keller in 1985.

This first part contains a description of the theoretic philosophical basis on which LePage and Tabouret-Keller grounded the empirical analysis they realized within several Caribbean communities in Belize.

A second part, giving main attention to the realization and the acquired results of the empirical analysis, is going to come up next.

1. EINLEITUNG

“Ich bin ein Berliner!” verkündete John F. Kennedy, 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, am 23. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus, und die West-Berliner Massen spendeten dem Mann aus Massachusetts tosenden Applaus – gerade so, als sei er durch diesen Ausspruch wahrhaftig ‘einer von ihnen‘ geworden.

Mit dieser mittlerweile historischen verbalen Geste gelang es John F. Kennedy eine Brücke in die Herzen der Bürger West-Berlins zu schlagen, obwohl er diesen Satz sehr wahrscheinlich lediglich als geschickten rhetorischen Schachzug - zumal auf deutsch - in seine Rede eingebaut hatte; ohne Berücksichtigung der komplexen Identitätsdimension, die dieses klare Statement wörtlich genommen beinhaltet hätte.

Das führt uns zu der Frage: Was macht eigentlich einen Berliner zum Berliner? Ist es seine Sprache? Sein spezifisches äußeres Erscheinungsbild? Genetische Reinrassigkeit? Oder sind es preußische Tugend und Tradition, über die sich die Berliner definieren?

In abstrahierter Form erlangt diese Fragestellung durchaus wissenschaftliche Relevanz: Anhand welcher Kriterien erfolgt die Selbstpositionierung eines Individuums in seinem sozialen Umfeld? Welche Rolle spielt die Sprache bei der Entwicklung sowohl der persönlichen Identität des Einzelnen als auch der Identität einer Gruppe? Auf welche Weise kommen Kategorien wie ‘Gemeinschaft‘, ‘Ethnie‘, ‘Sprache‘ oder ‘Rasse‘ überhaupt zustande? Nach welchen Mustern werden diese Einteilungen vorgenommen?

2. IDENTITÄT UND IDENTIFIZIERUNG:

DIE SPRACHLICHE HERSTELLUNG VON IDENTITÄT

Diese Referatschriftfassung zum Thema ‘Identität und Identifizierung: Sprachliche Herstellung von Identität‘ gliedert sich in zwei eigenständige, formal und inhaltlich jedoch aufeinander bezogene und sich teilweise ergänzende Teile.

2.1 DISKUSSIONSGRUNDLAGE

Die oben gestellten Fragen werden im Folgenden auf der Grundlage des Textes[1]‘Acts of Identity – Creole based approaches to language and ethnicity‘, veröffentlicht 1985 von Robert B. LePage und Andrée Tabouret-Keller, diskutiert.

Dieses Buch basiert auf Ergebnissen empirischer Untersuchungen[2], welche die beiden Autoren innerhalb verschiedener “Caribbean communities” (S. 2) in Belize durchgeführt haben.

Im hier vorliegenden ersten Teil der Schriftfassung wird zunächst die philosophisch-theoretische Basis, die LePage und Tabouret-Keller ihrer empirischen Analyse in Belize zugrunde legten, vorgestellt.

Ein zweiter Teil, der sich ganz der Darstellung der praktischen Durchführung der Untersuchung sowie der Auswertung der gewonnenen Ergebnisse widmen wird, folgt.

2.1.1 DEFINITION DES BEGRIFFS ‘IDENTIFIZIEREN‘

Zu Beginn der Einleitung legen LePage und Tabouret-Keller ihr grundlegendes Verständnis des Begriffs ‘to identify‘ (zu deutsch: ‘identifizieren‘) dar. Sie definieren die Bedeutung dieses Verbs in zwei Richtungen:

1. jemanden oder etwas anhand individuumsspezifischer Merkmale als Individuum innerhalb einer Gruppe zu identifizieren[3] (z.B.: die Identifikation des Kindes ‘Paul‘ aus einer Gruppe von Kindern anhand ‘pauleigener‘ Merkmale, wie schwarze Locken, Sommersprossengesicht o.ä.)[4]

2. jemanden oder etwas anhand gruppenspezifischer Merkmale als Teil einer größeren Einheit oder einer übergeordneten Kategorie zu identifizieren[5]

(z.B.: die Identifizierung eines Menschen als ‘Kind‘ aufgrund kindspezifischer Merkmale, wie z.B. ‘klein‘ und ‘jung‘).

Diese definitorische Aufsplittung wird anschließend jedoch sofort wieder relativiert, indem LePage und Tabouret-Keller eine sich gegenseitig ergänzende Beziehung[6]zwischen Identitätshandlungen im Sinne der ersten und Identitätshandlungen im Sinne der zweiten Definition feststellen. Mit anderen Worten: Sie wollen mit ihrer Untersuchung zeigen, inwieweit das Verhalten eines Individuums Einstellungen gegenüber Gruppen, Traditionen etc. widerspiegelt und gleichzeitig aber determiniert wird durch bestimmte identifizierende Faktoren; und inwieweit die Identität einer Gruppe innerhalb der Projektionen liegt, die Individuen anhand der Konzepte, die jeder über diese Gruppe hat, machen.

2.1.2 METHODISCHE ABGRENZUNG GEGENÜBER ANDEREN SOZIOLINGUISTEN

LePage und Tabouret-Keller wählten bei ihrer Untersuchung grundsätzlich eine Alternative zur wissenschaftlichen Herangehensweise anderer angesehener Soziolinguisten (wie z.B. William Labov bei seinen Untersuchungen in NewYork).

Ihr zentrales Anliegen bestand nach eigener Aussage nicht darin, beobachtete Phänomene sprachlicher Variation innerhalb einer angenommenen Sprachgemeinschaft mit verschiedenen sozialen Faktoren, die in dieser Gruppe eine Rolle spielen, in Korrelation zu setzen[7].

Vielmehr gingen sie davon aus, Variation im Sprachverhalten als die Norm anzusehen und den Prozessen, die zur Entstehung von Kategorien, wie ‘Sprache‘ oder ‘Sprachgemeinschaft/Ethnie‘ – die William Labov u.a. z.B. als gegeben voraussetzt[8]– über Identitätshandlungen, sogenannnte ‘acts of identity‘, die jedes Individuum sowohl an sich selbst als auch an seinen Mitmenschen vollzieht, auf den Grund zu gehen. Zur Auswertung ihrer Daten aus Belize gebrauchten sie deshalb adäquaterweise die Methode der ‘cluster analysis‘.

2.1.3 POSITIVISMUS ALS ZUGRUNDE LIEGENDE WELTSICHT

Dieser methodologische Ansatz basiert auf der als radikal positivistisch einzustufenden Grundhaltung der beiden Autoren.

Sie proklamieren, dass sich alle ‘Dinge‘ der Wirklichkeit erst in der Wahrnehmung durch das einzelne Individuum konstituieren. Ihrer Meinung nach existiert nichts (weder eine Gemeinschaft, noch eine Sprache, noch sonstige Konzepte) von vornherein, oder kann als existent vorausgesetzt werden. Das äußern sie auf Seite 205 folgendermaßen: “A community, its rules, and its language only exist insofar as its members perceive them to exist”.

Sie vertreten also vielmehr die Ansicht, dass alles Menschenwerk und nur wahrgenommen wirklich sei; so auch Kategorisierungen –ganz gleich, ob ethnischer, sprachlicher oder rassischer Art- die den “multidimensionalen Raum des sozialen Universums, in der Form wie es jeder wahrnimmt” (vgl. S. 4), und in dem sich der Mensch als Individuum verorten muss, gliedern.

Konkret formuliert bedeutet das, dass LePage und Tabouret-Keller Kategorien, wie ’Nation‘, ‘Rasse‘, ‘Sprache‘ oder ’Ethnie‘, anhand derer sich Identitäten aufzäumen können, nicht als ursprünglich selbst entstandene, objektive oder sogar normative Typologisierungen ansehen, sondern als rein menschengemachte, subjektiv individuelle Gedankengerüste verstehen.

Damit berauben sie die Wirklichkeit (im Sinne von sozialgesellschaftlicher Realität) jeglicher objektiver Existenzgrundlage, da sie in ihren Augen erst mit der subjektiven Perzeption des Einzelnen entsteht[9].

Auf Seite vier bringen LePage und Tabouret-Keller ihre radikal anmutende Position mit folgenden Worten auf den Punkt: “it is essential to stress that groups or communities and the linguistic attributes of such groups have no existential locus other than in the minds of individuals”.

2.1.4 BEGRIFFE ZUR KATEGORIENBILDUNG

Zur Beschreibung der Bildung solcher Kategorien bieten LePage und Tabouret-Keller zwei begriffliche Instrumente an:

1. den Begriff des ‘focussing‘ bezüglich der Entstehung von Kategorien

2. den Begriff der ‘diffusion‘ bezüglich des Zerfalls von Kategorien.

Unter ‘focussing‘ verstehen sie die gleichzeitige Fokussierung oder Herauskristallisierung von einigen wenigen Kriterien (oder eines einzigen Kriteriums) durch mehrere Individuen, auf denen/dem mögliche Identitätskategorien basieren können, mit dem Ergebnis der Herausbildung einer solchen Kategorie (z.B. einer Ethnie). Oder einfacher formuliert: ethnische, sprachliche oder sonstige Kategorien entstehen immer dann, sobald sich die primäre Aufmerksamkeit mehrerer Menschen auf die gleichen identitätsstiftenden Kriterien richtet[10]und andere als weniger wichtig betrachtet beziehungsweise völlig unbeachtet gelassen werden.

Den Begriff ‘diffusion‘ benutzen LePage und Tabouret-Keller zur Erklärung des Zerfalls/ der Zerstreuung von Kategorien. Sie sehen ihn immer dann gegeben, sobald sich in der individuellen Wahrnehmung vieler Einzelner zum gleichen Zeitpunkt die Gewichtung der kategoriebildenden Kriterien verschiebt. Die ethnische Trennung zwischen der Gruppe der Serben auf der einen und der Gruppe der Kosovaren auf der anderen Seite zum Beispiel würde sich völlig auflösen, sobald - sowohl die Angehörigen dieser Gruppen selbst als auch Außenstehende - rein hypothetisch nicht mehr ethnische Faktoren (wie z.B. familiäre Abstammung) fokussierten, sondern z.B. nach Größe, Alter, Geschlecht oder Ess- und Trinkgewohnheiten etc. Kategorisierungen vornehmen würden.

[...]


[1]In Auszügen.

[2]Siehe hierzu ausführlich Teil 2 der Schriftfassung.

[3]Im Original: “‘to pick out as a particular person, category or example‘ ” (S. 2).

[4]Sogenannte “idiosyncratic features” (S. 2).

[5]Im Original: “‘to recognize some entity as a part of some larger entity‘ ” (S. 2).

[6]Im Original: “symbiotic relationship” (S. 2).

[7]Vgl. Seite 8/9.

[8]LePage und Tabouret-Keller sprechen auf S. 3 von “ ‘given ethnic groups‘ and ‘given languages‘ ”.

[9]Im englischen Original wesentlich treffender ausgedrückt mit “come into being” (S. 2).

[10]Wird z.B. ausschließlich der Faktor ‘Alter‘ fokussiert, entstehen verschiedene Altersgruppen, kristallisiert sich in der subjektiven Wahrnehmung unterschiedlicher Individuen beispielsweise hauptsächlich der Faktor ‘Hautfarbe‘ heraus, bilden sich Rassetypen, wie ‘Schwarze‘, ‘Weiße‘ etc. , lenken Individuen ihre Aufmerksamkeit dagegen besonders auf den Faktor ‘Sprache‘, so kategorisieren sie ihr Umfeld nach Sprachgemeinschaften usw.

Details

Seiten
12
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638118750
ISBN (Buch)
9783640202461
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3105
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Kulturwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Identität Identifizierung Herstellung Proseminar Ethnische Säuberung Sprachliche

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Titel: Identität und Identifizierung - Die sprachliche Herstellung von Identität