Lade Inhalt...

Lebensmittelverfälschungen und -verunreinigungen im Mittelalter. Maßnahmen zur Kontrolle der Lebensmittelqualität am Beispiel der Stadt Berlin

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Fälschungsbegriff

3 Lebensmittelverfälschung

4 Essen und Trinken im Mittelalter
4.1 Bedeutung von Brot
4.2 Bedeutung von Fisch
4.3 Bedeutung von Fleisch
4.4 Bedeutung von Bier und Wein

5 Prüfung der Lebensmittelqualität

6 Maßnahmen zur Lebensmittelkontrolle am Beispiel der Stadt Berlin
6.1 Berlinisches Stadtbuch
6.2 Bedeutung der Viergewerke und deren Kontrolle
6.3 Interpretation der Quellen

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Antibiotika im Futtermittel, dioxinbelastete Eier, Pferdefleisch in der Lasagne und EHEC-Keime auf spanischen Gurken – die Liste der Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre ist lang. Doch nicht immer handelt es sich um derart aufsehenerregende Lebensmittelskandale. Falsche Werbeversprechen, irreführende Bezeichnungen und fehlende Kennzeichnungen von eventuell bedenklichen Inhaltsstoffen sind im Supermarkt eher der Alltag.

Eine Reihe von Täuschungsschutzbestimmungen, sowie die Lebensmittelhygieneverordnungen, Zusatzstoff-Zulassungs- und Schadstoffhöchstmengenverordnungen sind Bestandteile des Lebensmittelrechts[1] – doch unzureichende Kennzeichnungsvorschriften und fehlende Prüfungsmöglichkeiten für den Verbraucher, denen häufig das Wissen über die Herkunft und Herstellung der einzelnen Lebensmittel fehlt, „können Täuschungen und Irreführungen nicht verhindern.“[2] Auch Organisationen wie foodwatch haben es sich zu Aufgabe gemacht den Verbraucher aufzuklären und vor Täuschungen und gesundheitlichen Gefahren zu schützen.[3]

Lebensmittelverfälschungen sind nicht erst ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Erste Ansätze der Lebensmittelüberwachung und -kontrolle können in der Ausbildung des Städtewesens im 12. Jahrhundert gefunden werden.[4] Mit der Ablösung der Selbstversorgung durch den Handel mit Lebensmitteln auf dem Markt kam es zu einer Verschärfung des Problems. Doch nicht nur die Qualität der Lebensmittel wurde geprüft, sondern vor allem auch die Einhaltung des richtigen Maßes und des Gewichts.

Die Fälschungsdelikte an sich sind nur in wenigen Fällen überliefert worden. Allerdings finden sich eine Reihe von Rechtstexten, die Aufschluss darüber geben, welche Maßnahmen zur Kontrolle und Einhaltung der Lebensmittelqualität getroffen wurden und welche Strafen man bei einem Vergehen verhängte.

Um einen Überblick zu geben, soll die Lebensmittelpolitik der Stadt Berlin, als Mittelstadt mit wenigen tausend Einwohnern, bezüglich ihrer Kontrollmaßnahmen bei der Lebensmittelqualität untersucht werden. Es ist zwar viel über Berlin im Mittelalter geschrieben worden, allerdings wurde die Lebensmittelpolitik dabei nur indirekt dargestellt.[5] Deshalb soll im Folgenden ermittelt werden, ob ein bestimmtes Interesse mit der Überwachung der Lebensmittelqualität verfolgt wurde und welche Instanzen an der Durchsetzung derselben beteiligt waren. Es ist zu bedenken, dass dabei die Städte teilweise auf sehr unterschiedliche Art und Weise gegen die Lebensmittelverfälschungen vorgingen. Aus diesem Grund kann eine Stadt nicht exemplarisch für das gesamte mittelalterliche Städtewesen und das Vorgehen gegen die Lebensmittelverfälschung und -verunreinigung stehen.

Zunächst soll erläutert werden, welche Delikte unter der Sammelbezeichnung der Lebensmittelverfälschung im Mittelalter gefasst werden und welche Lebensmittel betroffen waren, wobei die Ernährungsgewohnheiten des Mittelalters hierbei berücksichtigt werden und die besondere Bedeutung der am häufigsten betroffenen Lebensmittel dargestellt wird. Auf diese Weise soll verdeutlicht werden, dass die Beaufsichtigung der Qualität dieser Lebensmittel in einer engen Beziehung zu deren Bedeutung für den täglichen Nahrungsbedarf standen. Welche Möglichkeiten der Käufer zur Selbstkontrolle der Lebensmittelqualität hatte, soll in einem weiteren Kapitel dargestellt werden, um die Möglichkeiten aber auch die Grenzen der Kontrolle aufzuzeigen.

Im Anschluss erfolgt die Darstellung und Analyse des Quellenmaterials. Die Quellen für diese Arbeit sind dem Abdruck des Berliner Stadtbuches von Ernst Fidicin[6] entnommen. Die genannten Beispiele können nur ein Teilaspekt des gesamten Spektrums darstellen, da „schwere Stadtbrände von 1348, 1376 und 1380 fast alle Originalurkunden aus den ersten anderthalb Jahrhunderten Berliner Geschichte vernichte“[7] haben.

Als Standardwerke zum Thema Essen und Trinken im Mittelalter dienen die Bücher von Ernst Schubert „Essen und Trinken im Mittelalter“[8] und Anne Schulz „Essen und Trinken im Mittelalter (1000 – 1300)“[9], in welchen unter anderen auch Formen der Lebensmittelverfälschung dargestellt werden, weshalb sie dieser Arbeit zugrunde gelegt werden.

2 Der Fälschungsbegriff

Ob Reliquien, Urkunden oder Rechtstexte – es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Fälschungs- und Betrugsdelikte, die aus dem Mittelalter überliefert sind. Bei den Lebensmittelverfälschungen ist der Nachweis über die Existenz des Delikts ebenso möglich, obwohl das verfälschte Produkt verständlicherweise nicht bis in die Gegenwart tradiert wurde. Mithilfe der Sanktionierungs- und Kontrollmaßnahmen lässt sich ermitteln, was unter den Tatbestand der Lebensmittelverfälschung gefasst wurde. Die Existenz dieser Maßnahmen in zahlreichen Stadtrechten macht sichtbar, dass es sich hierbei nicht um regionale Einzeldelikte handelte, sondern dass es reaktive Maßnahmen waren, die auf die Missstände reagierten. Dennoch bedeutet es nicht, dass die Rechtsetzung der Rechtswirklichkeit entsprach.[10]

Die Lebensmittelverfälschung kann unter dem Sammelbegriff der Warenfälschung gefasst werden. Das mittelalterliche Recht „benannte die Fälschungstatbestände zumeist sehr konkret“[11], auch wenn eine Abgrenzung zwischen den Begriffen Betrug, Täuschung, Fälschung und dem Vorspiegeln falscher Tatsachen nicht immer eindeutig auszumachen ist.

Metzger begingen „falsch“, indem sie schlechtes Fleisch verarbeiteten, Müller, indem sie das Mühlwerk nicht exakt einstellten, Bäcker, indem sie zu kleine Brote buken, Krämer, indem sie Gewürze verdünnten oder anfeuchteten, damit sie schwerer würden. All diese Tatbestände implizieren eine i.d.R. nicht ausdrücklich angesprochene Täuschungs- u. Bereicherungsabsicht, die sie in die Nähe des Betrugs rücken lässt.[12]

3 Lebensmittelverfälschung

Die Lebensmittelverfälschung soll im Folgenden zunächst als eine gezielte und vorsätzliche Täuschung verstanden werden, bei der die Unwissenheit des Verbrauchers über die Beschaffenheit und den Wert der Ware ausgenutzt und vorausgesetzt wird.[13]

Deshalb ist sie abzugrenzen von der Hinzugabe von Zusatzstoffen an der Tafel vor den Speisenden oder der „Inszenierung und möglichst spektakulären optischen Gestaltung der Speisen“,[14] die eine Verfremdung des Aussehens der Gerichte bewirkten. So gab es beispielsweise an der klösterlichen Tafel Braten, die optisch einem Schweinebraten nachempfunden wurden, jedoch aus Fisch bestanden. Auch konnte es in Zeiten von Hungersnöten vorkommen, dass das zur eigenen Verwendung gebackene „Brot mit Kalk oder Lehm gestreckt wurde.“[15] In diesem Fällen kann nicht von einer vorsätzlichen Täuschung gesprochen werden, da die Verfälschung der Lebensmittel mit dem Wissen der Speisenden erfolgte.

Unter Lebensmittelverfälschungen soll vielmehr der Zusatz von Stoffen gefasst werden, die den Geschmack, das Aussehen und das Gewicht der Lebensmittel veränderten und den Wert der Lebensmitteln minderten, ohne das der Verbraucher es wusste.[16] Folgen einer solchen Verfälschung können sowohl wirtschaftlicher Art sein als auch gesundheitliche Schäden nach sich ziehen.[17] Deshalb wurde mithilfe festgesetzter Regelungen zum einem der Verkauf verdorbener Lebensmitteln verboten, die Einhaltung von Maße und Gewicht überwacht und andererseits auch das Strecken von Gewürzen, sowie von Bier und Wein sanktioniert.[18]

4 Essen und Trinken im Mittelalter

Populäre Vorstellungen über die Ernährungsgewohnheiten des Mittelalters entsprechen meist kaum der Realität, vermitteln sie doch das Bild von schier unendlichen Tafelfreuden und Fleischgelagen. Diese Vorstellungen knüpfen noch am ehesten an die Ernährungsgewohnheiten der höfische Gesellschaft an. Diese unterschieden sich jedoch stark von der Situation der bäuerlichen Bevölkerung, die auf eigene Feldprodukte angewiesen waren und die der Stadtbewohner, welche die Vorteile des Marktes nutzten.[19]

Es sollte dabei nicht übersehen werden, dass im Hochmittelalter die weitaus meisten Menschen mehr oder weniger Selbstversorger waren, für die der Gang zum Bäcker, Fleisch-, Fisch-, Obst- oder Gemüsehändler sowie zum Gewürzkrämer oder Apotheker eher die Ausnahme als die Regel darstellte.[20]

Einen wesentlichen Anteil der Nahrung erzeugten die Bürger der Stadt zwar selbst, doch im Verlauf des Mittelalters stieg die Abhängigkeit vom Handel und der Lebensmittelproduktion durch die Zünfte. Die zentrale Bedeutung bestimmter Lebensmittel für die Ernährung der städtischen Bevölkerung hatte zur Folge, dass bestimmte Erzeugnisse auf ihre Qualität hin überprüft wurden:

Besonderen Schutz erfuhren die Genußmittel, vor allem Wein und Bier, Brot, Fleisch, Fisch und Gewürze.[21]

[...]


[1] Vgl. Dokument: Lebensmittelrecht im Überblick, Handelskammer Hamburg, URL: http://www.hk24.de/recht_und_steuern/handels_und_gewerberecht/gewerberecht/363168/lebensmittelrecht.html (05.10.2014).

[2] S. Coduro, E.: Täuschung und Irreführung im Lebensmittelverkehr, in: Naturwissenschaften 67, 494.

[3] Vgl. Foodwatch, URL: http://www.foodwatch.org/de/ueber-foodwatch/2-minuten-info/ (03.10.2014).

[4] Vgl. Grüne, Jutta: Anfänge staatlicher Lebensmittelüberwachung in Deutschland, Stuttgart 1994, 26.

[5] Vgl. u.a. Bauer, Roland: Berlin. Illustrierte Chronik bis 1870, Berlin 1988; Geschichte Berlins. Von der Frühgeschichte bis zur Industrialisierung, hg. von Wolfgang Ribbe, München 1988; Theissen, Andrea: Das Leben in den Städten, in: Bürger –, Bauer –, Edelmann. Berlin im Mittelalter (Katalog der Ausstellung im Museum für Vor- und Frühgeschichte), Berlin 1987.

[6] Vgl. Historisch-diplomatische Beiträge zur Geschichte der Stadt Berlin. Teil 1: Berlinisches Stadtbuch, hg. von Ernst Fidicin, Berlin 1837.

[7] S. Berlinisches (Berliner) Stadtbuch, URL: http://www.luise-berlin.de/stadtentwicklung/texte/1_04_berlinisch.htm, (17.10.2014).

[8] Vgl. Schubert, Ernst: Essen und Trinken im Mittelalter, Darmstadt 2010.

[9] Vgl. Schulze, Anne: Essen und Trinken im Mittelalter (1000-1300). Literarische, kunsthistorische und archäologische Quellen, Berlin 2011.

[10] Vgl. Goetz, Hans-Werner: Proseminar Mittelalter, Stuttgart 2006, 133.

[11] S. Deutsch, Andreas: Fälschungsdelikte, in: HRG, Sp. 1490.

[12] S. ebd., Sp. 1490.

[13] Vgl. Coduro, E.: Täuschungen und Irreführungen im Lebensmittelverkehr, 488.

[14] S. Schubert, Ernst: Essen und Trinken im Mittelalter, 278.

[15] S. Korthals, Andreas: Essen im Mittelalter, in: Blicke auf das Mittelalter. Aspekte von Lebenswelt, Herrschaft, Religion und Rezeption, hg. von Bodo Gundelach und Ralf Molkenthin, Herne 2004, 134.

[16] Vgl. Coduro, E.: Täuschungen und Irreführungen im Lebensmittelverkehr, 489f.

[17] Vgl. Schulz, Anne: Essen und Trinken im Mittelalter (1000 -1300), 706.

[18] Vgl. Grüne, Jutta: Anfänge staatlicher Lebensmittelüberwachung in Deutschland, 26.

[19] Vgl. Korthals, Andreas: Essen im Mittelalter, 131.

[20] S. Schulz, Anne: Essen und Trinken im Mittelalter (1000 -1300), 718.

[21] S. Grüne, Jutta: Anfänge staatlicher Lebensmittelüberwachung, 27.

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668088597
ISBN (Buch)
9783668088603
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310374
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Historisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
lebensmittelverfälschungen mittelalter maßnahmen kontrolle lebensmittelqualität beispiel stadt berlin

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Lebensmittelverfälschungen und -verunreinigungen im Mittelalter. Maßnahmen zur Kontrolle der Lebensmittelqualität am Beispiel der Stadt Berlin