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Welchen Einfluss hat das Alter auf die Spracherholung nach einer unilateralen Hirnläsion?

Hausarbeit 2015 16 Seiten

Psychologie - Kognitive Psychologie

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Altersunterschiede hinsichtlich der Rehabilitation von Sprache nach einer unilateralen Hirnläsion
Theoretischer Hintergrund
Die sprachliche Rehabilitation von Kindern im Vergleich zu Erwachsenen

Diskussion

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Hirnläsionen in der Kindheit sind Beispiele für die bemerkenswerte Kapazität des jungen Gehirns, sich selbst innerhalb einer kurzen Zeit wiederherzustellen. Kinder mit fokalen Hirnläsionen zeigen typischerweise innerhalb von sechs Monaten bis hin zu zwei Jahren nach der Verletzung eine vollständige Erholung davon und entwickeln sich normal (Chapman, Max, Gamino, McGlothlin, & Cliff, 2003). Selbst wenn bei Kindern eine Hemisphäre entfernt werden musste, konnten Studien zeigen, dass ein Kleinkind oder Säugling kognitiv keine Nachteile davonträgt (Anderson, Spencer-Smith, & Wood, 2011). Die früheste Forschung ging noch davon aus, dass sprachliche Defizite von Kindern nach einer Hirnläsion denen Erwachsener ähnelten. Doch viele Untersuchungen zeigen nun, dass diese kaum sprachliche Einschränkungen aufweisen, obwohl ihre Art der Verletzung bei Erwachsenen meist zu einer irreversiblen Aphasie, also einer erworbenen Sprach- und Kommunikationsstörung (Abbrenderis, 2010), führt (Bates, 1999). Normalerweise haben also jüngere Patienten hinsichtlich der Spracherholung eine gute Prognose, Erwachsene ab ca. 40 Jahren jedoch eine schlechtere, obwohl einige von ihnen Besserungen zeigen (Prins, Snow, & Wagenaar, 1978). Wenn die plastische Eigenschaft des Gehirns nun also mit zunehmendem Alter graduell abnimmt (Bates et al., 2001), wird dann die sprachliche Rehabilitation parallel dazu immer schlechter? Oder gibt es vielleicht sogar eine konkrete Altersschwelle, nach der es dem kindlichen Gehirn schwerer fällt, sich zu reorganisieren? Der sprachliche Rehabilitationsverlauf über verschiedene Altersklassen hinweg ist in der Literatur nur aus Einzelstudien zusammenzupuzzeln, die oft jedoch konträre Ergebnisse aufzeigen. Direkte Vergleichsstudien von z. B. Kindern mit Erwachsenen sind dabei Mangelware. Um den Einfluss des Alters eines Menschen beim Eintritt einer Läsion hinsichtlich seiner Rehabilitationschancen zu untersuchen, werden deshalb nun im Folgenden, anschließend an eine kleine theoretische Einführung zur Plastizität des Gehirns und der Idee einer kritischen Periode, drei Studien genauer vorgestellt: Die erste zeigt Unterschiede zwischen Kindern auf, die zweite liefert erstaunliche Erkenntnisse zur Rehabilitation von Erwachsenen und die letzte versucht Kinder im direkten Vergleich Erwachsenen gegenüber zu stellen. Ob und wie diese Studien Altersunterschiede im Spracherholungsverlauf aufzeigen und die dahinter stehenden Theorien unterstützen, wird dann in der Diskussion erörtert.

Altersunterschiede hinsichtlich der Rehabilitation von Sprache nach einer unilateralen Hirnläsion

Theoretischer Hintergrund

Plastizität des Gehirns. Unter der Plastizität des Gehirns versteht man die erfahrungsbedingte dauerhafte Veränderung des Gehirns (Wirtz & Strohmer, 2013), welche an den Entwicklungsprozess über die gesamte Lebensspanne hinweg gebunden ist (Anderson et al., 2011). Sie ist im Kindesalter stärker ausgeprägt als im Erwachsenenalter (Schaner-Wolles, 2005), weshalb dem kindlichen Gehirn dabei laut Anderson et al. (2011) oft ein entscheidender Vorteil zugeschrieben wird: da es ihm aufgrund seiner Unreife noch an funktioneller Spezialisierung mangelt, es also hinsichtlich funktioneller Lokalisierungsmöglichkeiten flexibler ist als das Gehirn eines Erwachsenen, soll es ihm deshalb z. B. leichter fallen, Funktionen von einer geschädigten Hirnregion in eine gesunde zu transferieren. Das würde bedeuten, dass Kinder mit einer Hirnläsion besser in der Lage sein sollten, diese wieder auszugleichen, sich also schneller und umfassender von deren Folgen zu erholen. Anderson et al. (2011) bezeichnen diese Erklärung als early plasticity, die konträr zur Auffassung von early vulnerability steht, wonach das kindliche Gehirn im Gegensatz dazu eher sehr anfällig für Störungen sein soll, empfindlich reagiert und Funktionen geschädigter Areale somit nicht, wie so optimistisch angenommen, leicht umlagern kann. Untermauert wird diese Annahme wiederum von empirischen Studien, die bei allgemeinen, plötzlich eintretenden cerebralen Läsionen bei Kindern eine langsamere Rehabilitation und schlechtere Testergebnisse zum Vorschein brachten (Anderson et al., 2011). Wie dies in Bezug auf sprachliche Erholung aussieht, wird sich im Folgenden noch zeigen.

Kritische Periode. Manche Forscher argumentieren, dass der Rückgang der Plastizität des Gehirns mit fortschreitendem Alter in Bezug auf Sprache am Ende einer sogenannten kritischen Periode stattfindet, nach der es Kindern schwerer fallen sollte, sich von einer Hirnläsion zu erholen (Bates 1999). Laut Bates (1999) weiß man jedoch noch zu wenig über eine solche hypothetische Periode. Woods und Carey (1979) stellten in früheren Studien mit 64 eigenen Probanden und 760 Fällen aus der Literatur heraus, dass kein Kind, welches die jeweilige Hirnläsion vor seinem achten Lebensjahr erlitten hat, zum Zeitpunkt der Studie noch sprachlich beeinträchtigt war. Obwohl dies für die Existenz einer kritischen Periode spricht, kritisieren sie das Konzept einer Altersgrenze insofern, dass sich Schätzungen in der Literatur dazu zwischen einer frühen Grenze von fünf Jahren und einer sehr späten, wie dem Eintritt in die Pubertät, bewegen (Woods & Carey, 1979). Des Weiteren könnten trotz nachgewiesener vollständiger klinischer Erholung eventuelle subtile Sprachschwierigkeiten, wie z. B. schulische, durch standardisierte Sprachtests, die Patienten mit einer gesunden Kontrollgruppe vergleichen, nicht erfasst werden, wie auch schon Studien von Alajouanine und L’Hermitte (1965) gezeigt haben. Dadurch verzerren sie die Ergebnisse womöglich zugunsten der jüngeren Kinder (Woods & Carey, 1979). Außerdem herrscht Uneinigkeit in Bezug auf die theoretische Gestalt einer solchen zeitlichen Spanne, z. B. ob diese monoton steigend ausfällt, es also mit zunehmendem Alter schwerer fällt, die Folgen einer Hirnläsion zu kompensieren oder ob es einen anderen Verlauf gibt (Bates 1999). Im Folgenden geht es deshalb um eine Studie, die genau das versucht herauszufinden: Gibt es tatsächliche eine Zeit, in der das kindliche Gehirn besser in der Lage ist, sprachliche Defizite zu kompensieren und wenn ja, wie sieht diese aus?

Die sprachliche Rehabilitation von Kindern im Vergleich zu Erwachsenen

Woods und Carey (1979) untersuchten 27 Kinder mit Läsionen auf der linken Hemisphäre hinsichtlich ihrer sprachlichen Fähigkeiten. Dabei wurden sie in zwei Gruppen eingeteilt: Elf Kinder hatten ihre Verletzung vor dem ersten Lebensjahr erlitten, sechszehn danach. Bei Eintreten der Läsion waren die Patienten zwischen null und fünfzehn Jahren alt und zum Zeitpunkt der Testung acht bis fünfundzwanzig. Der verbale IQ aller Kinder war ähnlich. Als Kontrollgruppe dienten 48 gesunde Kinder ähnlichen Alters, die von ihren Lehrern als durchschnittlich intelligent eingestuft wurden. Ziel der Studie war es, speziell nach subtilen Sprachdefiziten zu suchen, die nach einer Hirnläsion im Säuglings- und Kindesalter (vor der Adoleszenz) bestehen bleiben. Die Ergebnisse verschiedener sprachlicher Tests ergaben, dass die „früh-lädierten“ Kinder, die ihre Läsion vor dem ersten Lebensjahr erlitten hatten, nur in einem Test signifikant schlechter abschnitten als die Kontrollgruppe, nämlich beim Buchstabieren von Wörtern. Im Gegensatz dazu erzielten die „spät-lädierten“ Patienten, deren Verletzung nach dem ersten Lebensjahr auftauchte, in sechs von acht Aufgaben schlechtere Resultate, und zwar sowohl beim Beurteilen falscher Relativsätze, als auch beim Vervollständigen von Sätzen, dem Benennen von Objekten auf Bildern, dem Token-Test, dem Buchstabieren und dem Erkennen falsch oder richtig dargebotener Verwandtschaftsverhältnisse, z. B. „die Schwester meines Vaters ist meine Tante“. Der Token-Test ist ein sprachlicher Kurztest zur Identifikation der Sprachrückbildung bei einer Aphasie („Token-Test“, 2000). Bei Woods‘ und Careys (1997) Token-Test mussten die Kinder Kommandos richtig ausführen, z. B. das Plättchen mit dem blauen Dreieck und roten Kreis berühren. Aus den Ergebnissen schließen die Autoren, dass Hirnläsionen einen größeren Effekt auf sprachliche Fähigkeiten haben, wenn die Verletzung nach dem ersten Lebensjahr auftritt. Weitere Analysen der „spät-lädierten“ Gruppe ergaben, dass fünf der sechszehn Kinder, die ihre Läsion zwischen einem und fünf Jahren erworben hatten, keinerlei Symptome einer Aphasie zeigten. Genau das gleiche Bild zeichnete sich überraschender Weise auch bei zwei Jugendlichen ab, die ihre Hirnschädigung mit dreizehn und fünfzehn Jahren erworben hatten. Weitere sieben Kinder mit einer erworbenen Hirnschädigung ab dem ersten bis siebten Lebensjahr galten anfangs als aphasisch, zeigten aber in Woods‘ und Careys (1979) Untersuchung vollständige Rehabilitation. Zwei Patienten, die ihre Läsion mit acht Jahren erworben hatten, galten und blieben bis zum Zeitpunkt der Studie aphasisch. Die rehabilitierten Kinder schnitten im Vergleich zur Kontrollgruppe trotzdem in vier von acht Testdurchgängen schlechter ab, nämlich beim Objekt-Benennen auf Bildern, dem Buchstabieren, beim Beurteilen falscher Relativsätze und dem Vervollständigen von Sätzen. Im Gegensatz dazu waren die Kinder, die nie aphasisch waren, nicht signifikant schlechter als die Kontrollgruppe. Woods und Carey (1979) schließen aus diesen Ergebnissen, dass es keine Altersgrenze von z. B. acht Jahren zum Zeitpunkt der Läsion geben kann, vor der eine vollständige Spracherholung erwartet werden kann. Sie postulieren demnach eher ein Stufenmodell der sprachlichen Rehabilitation, da die sprachliche Erholung bei Kindern unter einem Jahr bei Läsionsauftritt nach diesen Studienergebnissen am besten ausfällt, zwischen einem und acht Jahren mittelmäßig und ab acht Jahren am schlechtesten. Demnach ist die Spracherholung von Kindern mit einer Läsion der linken Hemisphäre nach Woods und Carey (1979) weniger vollständig als allgemein angenommen und das kindliche Gehirn dadurch auch weniger plastisch.

Nach diesen Erkenntnissen müssten nun Erwachsene trotzdem noch einmal eine zunehmend schlechtere Prognose für sprachliche Rehabilitation haben, als Kinder. Tatsächlich gibt es aber auch Studien, die eine vollständige Rehabilitation von Erwachsenen nach einer Aphasie durch eine Läsion der linken Hemisphäre empirisch nachweisen, obwohl deren Gehirn eine eingeschränktere Plastizität im Vergleich zu Kindern nachgesagt wird. Zu erwähnen ist dabei die retrospektive Untersuchung von Ferro und Crespo (1988), die in Bezug auf das Alter der Probanden sehr gut an Woods‘ und Careys (1979) Studie anknüpft, denn sie testeten 254 Erwachsene nach einem Schlaganfall im Alter von fünfzehn bis fünfzig Jahren. Aufgrund der vielfältigen Ursachen wurden sie mit Hilfe der klinischen Daten zu ihrem Schlaganfall in ätiologische Gruppen zusammengefasst. Dabei wurden sie anhand eines Aphasie-Tests hinsichtlich ihrer sprachlichen Defizite eingestuft. Der Großteil der Patienten, nämlich 234, wies Läsionen auf der linken Hemisphäre auf. Davon wiederum galten zum ersten Messzeitpunkt 166 (71%) als aphasisch. 64 (39%) der aphasischen Patienten wurden in Intervallen nach dem Hirnschlag hinsichtlich ihrer Rehabilitation getestet: im dritten Monat nach dem Schlaganfall, dem sechsten, einem Jahr und mehr als einem Jahr nach diesem Ereignis. Insgesamt zeigten über alle Zeitspannen hinweg 5% der jungen Erwachsenen einen wiederkehrenden Schlaganfall, 33% hatten sich stabilisiert, 33% verbesserten sich und ganze 30% erholten sich vollständig von ihren sprachlichen Defiziten. Die Tests, die dabei zu absolvieren waren, waren eine 22-Item-Version des Token-Tests, Tests auf Alexie (Leseblindheit), Agraphie (Verlust der sinnhaften Schreibfähigkeit), Hemiagnosie (halbseitiger Verlust des Wahrnehmungsvermögens) und u. a. auf Gesichtsapraxie, der Störung zielgerichteter Bewegungen im Gesicht („Alexie“, 2000; „Agraphie“, 2000; „Hemiagnosie“, 2000; „Gesichtsapraxie“, 2000). Obwohl diese Testbatterie eher klinisch-diagnostisch ausgerichtet ist, kann man die vollständige Erholung von 30% der Patienten in diesen Gebieten nicht völlig negieren.

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Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668089099
ISBN (Buch)
9783668089105
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310361
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie
Note
1,3
Schlagworte
Hirnläsion unilateral Sprache Spracherholung Rehabilitation Schlaganfall Kinder Läsion Alter Gehirn Schädigung Hemisphäre Hirn

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