Lade Inhalt...

Zur gesellschaftlichen Bedeutung von Literatur. Bertolt Brecht und seine Exillyrik

von Theresa Hoch (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 1

2. „Svendborger Gedichte“ ... 3
2.1 Zum Gedicht „Besuch bei den verbannten Dichtern“ ... 4
2.2 Zum Gedicht „An die Nachgeborenen“ ... 6

3. Zu Brechts „Kriegsfibel“ ... 9

4. Zu den Wirkungsmöglichkeiten des Schriftstellers im Exil ... 10

5. Zu Brechts Konzept der Verfremdung ... 12

6. Schlussbetrachtung ... 13

Literaturverzeichnis ... 17

Primärliteratur ... 17

Sekundärliteratur ... 17

1. Einleitung

Bertolt Brecht war einer von vielen deutschen Schriftstellern, die während des zweiten Weltkrieges Deutschland verlassen und im Exil weiter leben und schreiben mussten. Brecht war von Anfang an bestrebt, den aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland zu bekämpfen, was sich auch in seinen Werken widerspiegelt.

Seine Aufenthaltsorte im Exil wechselte er mehrfach; von 1933 bis 1939 hielt er sich im dänischen Küstenort Svendborg auf. Auf diesen ist der Name der „Svendborger Gedichte“ zurückzuführen, von welchen in der vorliegenden Arbeit beispielhaft zwei näher betrachtet werden sollen. Es soll außerdem, am Beispiel Brechts, die Rolle der Literatur für die Gesellschaft herausgearbeitet werden. Kann man Literatur überhaupt gesellschaftlich oder politisch betrachten, oder existiert sie unabhängig davon? Einer Antwort auf diese Frage, wie sie sich bei Brecht finden lässt, soll sich im Folgenden angenähert werden. Neben ausgewählten Werken Brechts, werden seine Sicht auf die Rolle des Exilanten, des Exils im Allgemeinen sowie Möglichkeiten des Schriftstellers im Exil der Betrachtung hinzugezogen.

Aus einem offenen Brief von 1942 an Karin Michaelis, eine Freundin Brechts, wird Brechts Verhältnis zum Exil sichtbar:

„Liebe Karin:

Ich denke nicht, daß du sehr erstaunt bist, im Exil zu sein; ich jedenfalls wäre eher erstaunt, wenn du nicht im Exil wärest – bei deiner Liebe zur Wahrheit und deinem Zorn gegen das Unrecht. […]“ [1]

Es ist laut Brecht also nicht erstaunlich, in Zeiten des Nationalsozialismus im Exil zu sein, wenn man ein wahrheitsliebender Mensch ist, der politische Ungerechtigkeiten und Unwahrheiten verabscheut. Dieses Zitat enthält schon einen deutlichen Hinweis darauf, dass für Brecht Politik und Literatur scheinbar nicht getrennt voneinander zu betrachten sind.

Zu Brechts Meinung über die Bedeutung von Literatur in der Gesellschaft und Politik soll in der vorliegenden Arbeit eine Annäherung stattfinden. Als Beispiele sollen hier vor allem die „Svendborger Gedichte“, speziell die Gedichte „Besuch bei den verbannten Dichtern“, und „An die Nachgeborenen“ sowie seine „Kriegsfibel“ herangezogen werden. Es soll gezeigt werden, dass Brecht der Literatur eine wichtige gesellschaftliche Bedeutung zuschrieb und dass er offenbar der Meinung war, Literatur könne sich zwangsläufig nicht vom gesellschaftlichen und politischen Geschehen distanzieren. Es wird dabei der Frage nachgegangen, wie Brecht mit seinem literarischen Werk, anhand einiger Beispiele aus seiner Exillyrik, Politik und Gesellschaft nicht nur kommentieren, sondern auch Anstoß zu Diskussionen geben und schließlich konkret den Faschismus bekämpfen wollte.

2. „Svendborger Gedichte“

Der Name der Lyriksammlung „Svendborger Gedichte“ geht auf den dänischen Küstenort Svendborg auf der Insel Fünen zurück. Dort lebte Brecht zwischen 1933 und 1939 während der ersten sechs Jahre seiner Exilzeit.

Die „Svendborger Gedichte“ sind Brechts zweite große Sammlung von Exilgedichten. Die Gedichtsammlung erschien 1939 in Kopenhagen. [2]

Laut Kittstein markieren die „Svendborger Gedichte“ den Höhepunkt von Brechts Exillyrik.[3]

Die Sammlung gliedert sich in sechs Teile.

Zu Anfang bekundet Brecht vom Exil aus gewissermaßen seine Anteilnahme am politischen Geschehen in seiner Heimat. „Geflüchtet unter das dänische Strohdach, Freunde / Verfolg ich euren Kampf.“[4] U.a. greift Brecht in seinen „Svendborger Gedichten“ die schwierige Situation der Exilanten im Exil auf und spricht so auch von seiner eigenen Situation. Er setzt sich mit der Bezeichnung des Emigranten auseinander. Hier sei vom Auswanderer die Rede, obwohl es sich laut Brecht bei den Emigranten, sich selbst eingeschlossen, um Geflohene, Vertriebene und Verbannte handele. Aus Sicherheitsgründen hatte er auch den dänischen Exilort Svendborg in Richtung Schweden wieder verlassen müssen, noch bevor die „Svendborger Gedichte“ 1939 erscheinen konnten.[5].

Laut Kittstein wird die gesamte Gedichtsammlung vom Bewusstsein der Bedrohung durch den Faschismus überschattet, dies wird selbst an den Stellen deutlich, wo es nicht direkt angesprochen wird, beispielsweise in vermeintlich einfach gehaltenen Kinderliedern. An anderer Stelle begegnet man offensichtlicher ‚politischer Agitation’, ‚ironisch-subversiven’ Texten, oder auch ausführlichen Erzählgedichten mit historischem Inhalt. [6]

Die Gedichte „Besuch bei den verbannten Dichtern“ sowie „An die Nachgeborenen“ stehen beispielhaft für einen von Brecht gewollten Dialog bzw. eine lebendige politische Debatte zwischen verschiedenen Menschen aus verschiedenen Zeiten. Es wird ein Aspekt des Lehrens und Lernens sichtbar, so wie die Tradition der ‚Memoria’.

2.1 Zum Gedicht „Besuch bei den verbannten Dichtern“ [7]

Das Gedicht „Besuch bei den verbannten Dichtern“ schildert laut Kuhn in besonderem Maße ein Aufeinandertreffen von Brechts ‚heraufbeschworenem Selbst’, seiner Rolle gegenüber der Öffentlichkeit in politischem Sinne sowie Mythos und Tradition in Bezug auf das Exil. [8]

In diesem Gedicht betritt ein namenloser ‚Er’, offenbar stellvertretend für den modernen Dichter,[9] die Hütte der verbannten Dichter; diese stammen aus verschiedenen Ländern und Zeiten und haben gemeinsam, dass ihre Werke geächtet und verboten waren. Deutliche Anklänge finden sich laut Kuhn an Dantes ‚Göttliche Komödie’; Dante ist ebenfalls einer der Anwesenden in diesem ‚Traum’ des ‚Er’. [10] Gemeinsam in dieser Hütte mit großen Namen wie u.a. Dante, Shakespeare (wobei dieser nie selbst im Exil war[11]) etc. scheint der Aufenthalt im Exil beinahe etwas Ehrenhaftes zu haben und einer Auszeichnung gleichzukommen. Allerdings gibt es auch die andere Seite, den Aspekt des Fliehens und der Verbannung. Es wird eine Ambivalenz in der Tradition des Exils deutlich.

„Wohl ist diese Ambivalenz schon immer Teil der Tradition gewesen: Es mag einerseits eine Auszeichnung sein, an ihr Teil zu haben, aber es ist auch infernalisch – vor allem für den radikalen Dichter, der über die Stränge der europäischen Lyriktradition, an deren Ursprung Shakespeare und Dante stehen, schlagen wollte.“ [12]

Im Gedicht findet sich in erster Linie die direkte Rede. Der ‚Er’ wird als Neuer von den Anwesenden mit Ratschlägen versehen, wobei sich die Anwesenden untereinander jedoch nicht einig zu sein scheinen. Neben der Hütte der verbannten Dichter befindet sich eine weitere, nämlich die der verbannten Lehrer. Von diesen hört man Streit und Gelächter. Die verbannten Dichter, die gewissermaßen ebenfalls in Streit und Gelächter übergehen, stehen damit in einer Verbindung zu den Lehrern. Laut Kuhn ist dieses Streiten und Gelächter aus der Sicht Brechts als positiv zu bewerten. Es ist von Engagement die Rede, das als aktiv und kritisch, aber ebenso als freundlich bewertet werden kann.[13] Die Dichter scheinen nun ebenfalls Lehrer zu sein, ein Aspekt, den Brecht selbst für erstrebenswert hielt.[14] Die Lehren der Dichter bieten laut Kuhn keine einfachen Antworten, sondern führen zu einer engagierten Debatte. Das Gespräch scheint dabei Themen aufzugreifen, die ebenfalls in Brechts Leben und Werken zu finden sind. „Es ist […] interessant, daß beinahe jede Bemerkung der Dichtergrößen auf Brechts persönliche Situation und seine Werke bezogen werden kann.“ [15]

Ein weiterer für Brecht typischer Aspekt findet sich in der, den Neuankömmling betreffenden, Ambivalenz von Selbstverleugnung und Selbstbestätigung. [16] ‚Er’ besitzt keinen Namen und durch die Ansprache Ovids wird sein unsicheres Selbst bzgl. seiner Exil-Identität zum Vorschein gebracht: „Wer weiß da / Ob du nicht doch noch zurückkehrst? Und ohne daß / andres sich ändert / Als du selber.“ [17] Diese Aussage kann laut Kuhn als Drohung verstanden werden. Es folgt der lauter werdende Wortwechsel der Verbannten, an welchem der Neue jedoch nicht teilnimmt. Er bleibt stumm, scheint zwischen den anderen nicht zu Wort zu kommen. Am Ende ist er erblasst. Dieses Erblassen kann man möglicherweise dem Gewahr-Werden der eigenen Bedeutungslosigkeit zuschreiben.

„Die blasse, geisterhafte Erscheinung des Lebenden unter den lebhaften Toten ist nicht nur eine schöne Inversion, sie bringt auch das bange Bewußtsein des Dichters von der Kraft der poetischen Leistungen seiner Vorgänger zum Ausdruck.“ [18]

Die Gegenwart der großen Dichternamen deutet wieder auf Brechts Aspekt des Erinnerns hin. Das Gedicht erinnert an große Dichter der Vergangenheit. Auf der anderen Seite schildert es jedoch auch die Gefahr des Vergessens. Kurz vor Ende des Gedichts hört man einen Ruf aus der ‚dunkelsten Ecke’ der Hütte. Somit gedenkt Brechts Gedicht auch den Vergessenen. Möglicherweise wird der ‚Er’ auch blass, da sich darin Brechts eigene Angst vor dem Vergessen-Werden spiegelt. Brecht soll Ruth Berlau in Dänemark einmal gebeten haben, seine Gedichte auswendig zu lernen; offenbar aus Angst, sie könnten die Zeit nicht überdauern.[19] Der Aspekt des Erinnerns greift eine traditionelle Funktion der Lyrik auf, die ‚Memoria’. [20]

Die Angst des Vergessen-Werdens, die sich im Gedicht spiegelt, deutet auf einen „der pessimistischen Tiefpunkte in Brechts lyrischem Selbstentwurf im Exil“[21] hin.

Jedoch scheint der Aspekt des Lehrens eine mögliche Lösung des Problems darzustellen. Nicht ohne Grund scheinen sich in der Nachbarhütte die Lehrer aufzuhalten. Durch das Lehren bleiben die Werke, ob mit oder ohne vorhandenen Text, den Schülern im Gedächtnis und werden so auf die eine oder andere Weise weitergegeben. Kuhn bringt hier den Begriff der Dialektik an. Es gehe nicht in erster Linie darum, ein Denkmal für die Dichter oder ihre Zeit zu schaffen. Vielmehr werde die Situation selbst als kreatives Material genutzt. Es gehe nicht darum, zu einer gesicherten Position zu gelangen:

„[…]stattdessen bleibt man in einer Dialektik von Anwesenheit und Abwesenheit, Gedächtnis und Vergessen, Lehren und Lernen […] eine Dialektik, deren kreatives Potential die eigenen und zukünftige Lesarten weiterhin mitbestimmen wird.“ [22]

[...]


[1] Kuhn, Tom: Politische Vertreibung und poetische Verbannung in einigen Gedichten Bertolt Brechts. In: Deutschsprachige Exillyrik von 1933 bis zur Nachkriegszeit. Hg. v. Jörg Thunecke. Amsterdam / Atlanta: Rodopi 1998 (= Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, Bd.44), S. 25-38, S.25

[2] Vgl. Brecht Lexikon. Hg. v. Ana Kugli / Michael Opitz. Stuttgart / Weimar: J.B. Metzler 2006, S.4

[3] Vgl. Kittstein, Ulrich: Bertolt Brecht. Paderborn: Fink 2008, S.70

[4] Brecht, Bertolt: Gedichte. IV. 1934-1941. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1961, S.5

[5] Vgl. Metzler, S.238

[6] Vgl. Kittstein, S.70

[7] Brecht, S.55f

[8] Vgl. Kuhn, S.30

[9] Vgl. ebd., S.30f

[10] Vgl. ebd., S.30

[11] Vgl. ebd.

[12] Ebd.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. ebd., S.31

[15] Ebd.

[16] Vgl. ebd.

[17] Brecht, S.55

[18] Kuhn, S.31

[19] Vgl. ebd., S.33

[20] Vgl. ebd., S.32

[21] Ebd., S.33

[22] Ebd.

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668084643
ISBN (Buch)
9783668084650
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310186
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Schlagworte
bedeutung literatur bertolt brechts exillyrik

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Theresa Hoch (Autor)

Zurück

Titel: Zur gesellschaftlichen Bedeutung von Literatur. Bertolt Brecht und seine Exillyrik