Lade Inhalt...

Der Einfluss von präoperativen Coping-Strategien auf die Genesung nach einem chirurgischen Eingriff

Ein systematisches Review der aktuellen empirischen Forschungsliteratur

Bachelorarbeit 2015 73 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Das transaktionale Stressmodell
2.2 Der Coping-Begriff
2.3 Klassifikation von Coping-Strategien
2.4 Messinstrumente
2.4.1 Ways of Coping Questionnaire (WAYS)
2.4.2 Coping Operations Preference Enquiry (COPE)
2.4.3 Coping Inventory for Stressful Situations (CISS)
2.4.4 Stressverarbeitungsfragebogen (SVF)
2.5 Psychologische Operationsvorbereitung
2.6 Rekonvaleszenz und postoperative Komplikationen
2.7 Forschungsfragen

3 Methode und Auswahl der Studien

4 Ergebnisse
4.1 Überblick über die verwendeten Studien
4.2 Befunde zum Einfluss situativen Copings auf die Genesung
4.3 Befunde zum Einfluss dispositionellen Copings auf die Genesung
4.4 Befunde zum Einfluss situativen und dispositionellen Copings auf die Genesung
4.5 Einfluss psychologischer Operationsvorbereitung
4.6 Kurzüberblick über die Ergebnisse

5 Diskussion
5.1 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
5.2 Einschränkungen der verwendeten Studien
5.3 Einschränkungen der vorliegenden Arbeit
5.4 Implikationen für zukünftige Forschung und Praxis
5.5 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Klassifikation von Bewältigungsprozessen

Abb. 2: Alter moderiert den Einfluss präoperativen Copings auf gewöhnliche Aktivitäten (3 Monate nach der OP)

Abb. 3: Pfaddiagramm—Zusammenhänge zwischen psychologischen Faktoren, Immunstatus und postoperativen Komplikationen

Abb. 4: Vorhersage postoperativer seelischer Belastung—das finale Modell

Abb. 5: Allgemeines Wohlbefinden der Patientinnen im Zeitverlauf

Abb. 6: Einfluss der Bewältigungsdisposition und des Vorbereitungsprogramms auf den perioperativen Angstverlauf

Tabellenverzeichnis

Tabelle A-1: Protokoll der Literaturrecherche

Tabelle A-2: Übersicht der empirischen Studien

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Ich habe angefangen, ein bisschen vergnügt zu sein, da man mir sagte, das sei gut für die Gesundheit.“ (Voltaire, 1821, S. 91)

In Deutschland haben sich im Jahr 2013 15,8 Millionen Menschen einem chirurgischen Eingriff unterzogen (Statistisches Bundesamt, 2014). Im Vergleich mit den Vorjahren lässt sich ein steigender Trend feststellen: Im Jahr 2009 wurden in der Bundesrepublik noch 14,4 Millionen Patienten operiert, 2011 waren es bereits 15,4 Millionen (Statistisches Bundesamt, 2010, Statistisches Bundesamt, 2012).

Während Operationen für das Krankenhauspersonal zum Alltag gehören, stellen sie im Leben des betroffenen Patienten[1] jedoch häufig eine stressreiche (Ausnahme-)Situa-tion dar (Schumacher, 2002). Nicht im eigenen Zuhause, getrennt von seiner Familie, sieht er sich mit einer ungewohnten, sterilen Umgebung sowie ihm unbekannten und fremdbestimmten Abläufen konfrontiert, die wenig Spielraum für eigene Einflussnahme lassen. Dazu kommen die Sorgen um die eigene Gesundheit und um das Befinden nach der Operation: Bin ich in guten Händen? Werde ich die Anästhesie gut überstehen? Werden Komplikationen (möglicherweise bis hin zum Verlust des eigenen Lebens) auftreten? Muss ich mit starken Schmerzen rechnen und kann ich hoffen, vollständig zu genesen (Gilmartin & Wright, 2008; Kushnir, Friedman, Ehrenfeld & Kushnir, 2012; Schumacher, 2002)?

Die Feststellung, dass die postoperative Genesung verschiedener Patienten bei vergleichbaren Eingriffen höchst unterschiedlich verläuft, eröffnete ein wichtiges Forschungsfeld. Die beobachtete Variabilität in postoperativen Genesungsverläufen lässt sich nicht allein durch demographische und klinische (bspw. Art und Schwere der Erkrankung) Faktoren sowie die körperliche Verfassung des Patienten insgesamt (bspw. Begleiterkrankungen) erklären (bspw. Cohen & Lazarus, 1973; Munafò & Stevenson, 2001; Rosenberger, Jokl & Ickovics, 2006). Aus diesem Grund wird mittlerweile auch intensiv erforscht, welchen Beitrag psychologische bzw. psychosoziale Faktoren, wie beispielsweise das Coping-Verhalten der Patienten, zum postoperativen Entwicklungsverlauf leisten, und wie der Patient in seiner Bewältigung der stressreichen Situation unterstützt werden kann. Allerdings ist die Befundlage bisher sehr gemischt und zum Teil auch widersprüchlich. Aus diesem Grund soll die vorliegende Arbeit einen Versuch darstellen, einen Überblick über die empirischen Forschungsergebnisse der letzten zehn Jahre darzustellen.

Während die Zahl an ambulanten und stationären chirurgischen Eingriffen in deutschen Krankenhäusern in den letzten Jahren stetig zunimmt, entstehen den gesetzlichen Krankenkassen anteilig die größten Kosten durch Krankenhausaufenthalte ihrer Versicherten (Bundesministerium für Gesundheit, 2013). Somit ist nicht nur aus humanistischen Gründen, sondern auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten die Fragestellung, wie sich eine möglichst reibungslose und vollständige postoperative Genesung unterstützen und beschleunigen lässt, interessant. Welche Rolle in diesem Zusammenhang Bewältigungsstile bzw. das situationale Bewältigungsverhalten der Patienten spielen und wie sich dieses möglicherweise unterstützen lässt, soll Fragestellung der vorliegenden Bachelorarbeit sein. Der Fokus wird dabei auf Patienten im Erwachsenenalter bzw. in der Adoleszenz liegen.

Vor diesem Hintergrund wird im folgenden Kapitel einleitend das transaktionale Stressmodell von Lazarus vorgestellt. Im Anschluss daran wird erläutert, was unter dem Begriff Coping zu verstehen ist, und es wird eine mögliche Klassifikation von Coping-Strategien erörtert; zudem soll erläutert werden, wie diese erfasst werden können. Auch der Begriff Rekonvaleszenz (Genesung) soll kurz dargestellt sowie Informationen zu möglichen postoperativen Komplikationen gegeben werden. In Kapitel 3 wird das methodische Vorgehen des vorliegenden Reviews dargelegt, um dann im folgenden Kapitel die untersuchten Studien und die wichtigsten Befunde daraus vorzustellen. Zum Abschluss soll in Kapitel 5 diskutiert werden, inwieweit diese Arbeit zur Klärung der vorliegenden Fragestellung beitragen konnte und inwiefern weiterer Forschungsbedarf besteht.

2 Theoretischer Hintergrund

In diesem Kapitel werden wichtige Fachbegriffe sowie das transaktionale Stressmodell und eine Klassifikation von Coping-Strategien vorgestellt. Auch auf einige im Zusammenhang mit dem Thema der vorliegenden Arbeit relevante Messinstrumente wird eingegangen.

2.1 Das transaktionale Stressmodell

In der psychologischen Stressforschung wurden in der Vergangenheit viele unterschiedliche Stressmodelle entwickelt. In diesen wurde beispielsweise auf die stressauslösenden Reize („Stressoren“) fokussiert oder die Stressreaktion des betroffenen Individuums in den Mittelpunkt gestellt (beispielsweise im Modell des Allgemeinen Anpassungssyndroms, AAS; Selye, 1976). Da sich in der Forschungstradition der Gesundheitspsychologie jedoch eine relationale Sichtweise etabliert hat (Schröder, 1997), soll im Rahmen dieser Arbeit nur das transaktionale Stressmodell vertiefend vorgestellt werden.

Dem transakationalen Stressmodell von Lazarus liegt die Annahme zugrunde, dass sich Stress weder in der Umwelt noch in der Person selbst finden lässt, sondern durch das Zusammenspiel dieser beiden Komponenten entsteht. Es handelt sich somit um ein dynamisches, bidirektionales und reziprokes Modell, wobei der Fokus auf der kognitiven Bewertung der Umweltreize durch das Individuum liegt (Lazarus & Folkman, 1984). Stress wird als eine wahrgenommene Imbalance zwischen den Anforderungen der Umwelt und den selbsteingeschätzten Bewältigungsmöglichkeiten definiert (Kaluza & Vögele, 1983).

Ein Umweltreiz bzw. eine Situation wird in einer primären Bewertung zunächst einmal als irrelevant, positiv oder belastend eingeschätzt. Eine positive Bewertung führt zu einer Steigerung des Wohlbefindens, während eine Einschätzung als irrelevant keine weiteren Auswirkungen für die betroffene Person hat (Lazarus, 1966).

Als belastend beurteilte Situationen werden im Zuge der primären Bewertung entweder als Schaden (harm), Bedrohung (threat) oder Herausforderung (challenge) klassifiziert. Während ein Schaden bereits eingetreten ist, liegt eine potenzielle Bedrohung noch in der Zukunft; die Schädigung kann in beiden Fällen sowohl körperlicher als auch psychischer Natur sein. Die Bewertung als Herausforderung ist hingegen positiv konnotiert: Die erfolgreiche Bewältigung der Situation kann zur Steigerung des Selbstwertgefühls beitragen (Kaluza & Vögele, 1983; Lazarus, 1966).

Im Zuge der sekundären Bewertung schätzt die betroffene Person ihre Bewältigungskapazitäten ein. Hierzu ist zu sagen, dass diese Einschätzung—trotz der verwendeten Begrifflichkeiten—nicht unbedingt nach der primären Bewältigung erfolgen muss, vielmehr können die Einschätzungen auch parallel und in Wechselwirkung erfolgen. Im Rahmen der sekundären Bewältigung wird eine Bewältigungsstrategie (Coping-Strategie) ausgewählt, im Anschluss wird durch Neubewertung der Situation eingeschätzt, inwiefern die Bewältigung erfolgreich war (Lazarus, 1966).

Kritik wird unter anderem an der Zirkularität des Modells geübt: Während situative Faktoren nur dann als Stress eingestuft werden, wenn sie Bewältigungsverhalten auslösen, handelt es sich bei den gezeigten Reaktionen zugleich nur dann um Bewältigungsverhalten, wenn sie als Konsequenz aus einem Bewältigungsprozess resultieren (Kaluza & Vögele, 1983).

2.2 Der Coping-Begriff

Lazarus und Folkman (1984, S. 141) definieren Coping als „constantly changing cognitive and behavioral efforts to manage specific external and/or internal demands that are appraised as taxing or exceeding the resources oft the person“.

Aus dieser Definition ergeben sich gleich mehrere Implikationen: Coping umfasst Bewertungsprozese sowie Verhaltensweisen, ist nicht statisch, sondern vielmehr als dynamischer und situationsgebundener Prozess zu verstehen (und somit im Rahmen dieser Definition nicht als dispositionelle Variable). Automatisierte Anpassung sowie somatische Reaktionen werden in dieser Definition ausgeklammert, vielmehr ist Anstrengung („effort“) ein integraler Bestandteil (F. Cohen & Lazarus, 1973; Kaluza & Vögele, 1983; Lazarus & Folkman, 1984). Allerdings wurde dieser Bestandteil der Definition u.a. kritisiert, da Reaktionen wie „Resignieren“ oder „Akzeptieren der Situationen“ üblicherweise ebenfalls unter den Bewältigungsbegriff fallen, obwohl diese keine oder nur geringe Anstrengung erfordern (Kaluza & Vögele, 1983).

Während im alltagssprachlichen Gebrauch des Begriffs Bewältigung der Erfolg eines solchen Coping-Versuchs meist mitgemeint ist, betonen Lazarus und Folkman (1984), dass bereits die Bemühungen an sich unter dem Begriff zu subsumieren sind. Somit gibt es erfolgreiche genauso wie nicht erfolgreiche Bewältigung.

Unter anderem aus diesem Umstand sowie aus dem Nichtvorhandensein von qualifizierenden Kriterien ergibt sich die Kritik, der Coping-Begriff sei noch unzureichend definiert bzw. durchdacht (Kaluza & Vögele, 1983). Weber (1992) bevorzugt daher den breiteren und neutraleren Begriff der Belastungsverarbeitung.

2.3 Klassifikation von Coping-Strategien

Laut Lazarus und Folkman (1984) existieren sowohl Stabilität als auch Veränderung hinsichtlich der Coping-Reaktionen einer Person. Es lassen sich somit zwei theoretische Ansätze der Klassifikation von Coping-Strategien unterscheiden: persönlichkeits- sowie stateorientierte Ansätze (vgl. Kaluza & Vögele, 1983).

In persönlichkeits- bzw. traitorientierten Zugängen wird von einer transsituativen Konsistenz der Bewältigungsreaktionen (Bewältigungsstile) ausgegangen und es wird versucht, Personen „hinsichtlich habitueller Muster von kognitiven und behavioralen Reaktionen“ (Kaluza & Vögele, 1983, S. 359) einzuordnen. In dieser Forschungstradition häufig untersuchte dispositionelle Dimensionen sind u.a. Represser vs. Sensitizer sowie Vermeidung vs. Vigilanz (F. Cohen & Lazarus, 1973; Kaluza & Vögele, 1983).

Stateorientierte Ansätze legen einen stärkeren Fokus auf die situative Variabilität von Coping, somit geht es hier um eine Taxonomie von Reaktionen. Hierbei wird zwischen Funktionen und Formen der Bewältigung unterschieden (s. Abb. 1).

Funktionen von Bewältigungsreaktionen können nach Lazarus und Launier (Lazarus & Launier, 1978) danach unterschieden werden, ob sie sich „auf die Veränderung der gestörten Person-Umwelt-Beziehung (problemorientierte oder instrumentelle Bewältigung)“ oder „auf die Regulierung der emotionalen Reaktionen, die aus dieser Beziehung resultieren (emotionsorientierte oder palliative Bewältigung)“ (Kaluza & Vögele, 1983, S. 361), richten. Bei der Unterscheidung zwischen problemorientierter und emotionsorientierter Bewältigung liegt der Fokus darauf, „was“ bewältigt werden soll (im Gegensatz zum „Wie“), wobei diese beiden Kategorien nicht distinkt sind (Kaluza & Vögele, 1983)

Bei der Differenzierung der Formen von Bewältigung geht es nun darum, wie bewältigt wird. Hierbei lässt sich unterscheiden zwischen aktional (offen behavioral) und intrapsychisch (verdeckt), wobei diese Bewältigungsformen nicht als exklusive Kategorien, sondern vielmehr als zwei Pole eines Kontinuums zu verstehen sind.

Beide Formen des Coping können sich entweder durch eine Zuwendung zu oder durch eine Abkehr von den belastenden Problemen oder Emotionen auszeichnen.

Beispiele für die zuvor genannten Funktionen und Formen der Bewältigung können Abbildung 1 entnommen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Klassifikation von Bewältigungsprozessen (Kaluza & Vögele, 1983, S. 364)

2.4 Messinstrumente

In diesem Abschnitt sollen einige der in der Forschung am häufigsten eingesetzten Inventare zur Erfassung von Stressbewältigung vorgestellt werden. Dabei wird darauf eingegangen, ob das jeweilige Messinstrument dispositionelles Coping, im Sinne eines Coping-Stils, oder situatives Coping, im Sinne einer Reaktion auf die im spezifischen Kontext vorliegenden Gegebenheiten, erfasst.

Im Folgenden werden kurz vorgestellt: das von Folkman und Lazarus entwickelte Ways of Coping Questionnaire (WAYS; Folkman & Lazarus, 1988) sowie die in der deutschen Forschung am häufigsten eingesetzten Instrumente (Bodenmann & Gmelch, 2008) Coping Operations Preference Enquiry (COPE; Carver, Scheier & Weintraub, 1989), Coping Inventory for Stressful Situations (CISS; (Endler & Parker, 1990) und Stressverarbeitungsfragebogen (SVF; Janke, Erdmann & Kallus, 1997).

2.4.1 Ways of Coping Questionnaire (WAYS)

Das Inventar Ways of Coping Questionnaire wurde von Folkman und Lazarus (1988) auf Grundlage der transaktionalen Stresstheorie entwickelt, umfasst 66 Items, die auf einer 4-stufigen Ratingskala (0 = „does not apply or not used“ bis 3 = „used a great deal“) eingeschätzt werden, und misst situationale Coping-Reaktionen. Dabei werden acht Bewältigungsstrategien erfasst: konfrontatives Coping, Distanzierung, Selbstkontrolle, Suche nach sozialer Unterstützung, Verantwortungsübernahme, Flucht – Vermeidung, planvolles Problemlösen, positive Umbewertung. Die Testperson soll sich zu Beginn des Fragebogens an die stressreichste Situation der vergangenen Woche erinnern und angeben, wie sie unter diesen spezifischen Umständen reagiert hat. Um mit dem WAYS dispositionelles Coping erfassen zu können, müssten viele verschiedene Situationen durch ein und dieselbe Person mithilfe des Fragebogens eingeschätzt und die Antworten im Anschluss durch den Testleiter auf Konsistenz hinsichtlich des Bewältigungsverhaltens eingeschätzt werden (Bodenmann & Gmelch, 2008; Folkman & Lazarus, 1988, o. J.). Die Reliabilität der acht Subskalen (mit Cronbachs Alpha je zwischen .69 und .78) sowie des Fragebogens insgesamt (Cronbachs Alpha: .84) wird als akzeptabel betrachtet (J. Cohen, 1988; Kieffer & MacDonald, 2011).

2.4.2 Coping Operations Preference Enquiry (COPE)

Der COPE erfasst mit 60 Items die folgenden 15 Bewältigungsstrategien auf einer 4-stufigen Ratingskala (1 = „don’t do this at all“ bis 4 0 „do this a lot“): aktives Coping, Planen, Unterdrückung konkurrierender Aktivitäten, Aufschub von Coping-Aktivitäten, Suche nach instrumenteller sozialer Unterstützung, Suche nach emotionaler sozialer Unterstützung, positive Reinterpretation und Wachstum, Akzeptierung, religiöses Coping, Fokussieren auf und Ablassen von Emotionen, Verleugnung, behaviorales Loslassen vom eigentlichen Ziel, mentales Abschalten, Abschalten durch Substanzeinnahme, (Humor) (Bodenmann & Gmelch, 2008). Theoretisch beruht dieses Messinstrument auf dem Coping-Modell von Lazarus und Folkman (s. transaktionales Stressmodell; 1984) sowie auf dem Selbstregulationsmodell von Carver und Scheier (Carver & Scheier, 2001) und vereinigt Coping-Reaktionen, die sich zum einen theoretisch oder/und zum anderen empirisch als bedeutsam erwiesen haben (Carver, 1997). Mit dem COPE kann je nach Bedarf sowohl situatives als auch dispositionelles Coping erfasst werden (Carver et al., 1989), die Reliabilität der Skalen kann allerdings maximal als akzeptabel bezeichnet werden, da die Hälfte der Skalen ein Cronbachs Alpha von unter .70 erreicht (Lyne & Roger, 2000).

Es liegt auch eine Kurzversion des Fragebogens vor: Der Brief COPE (Carver, 1997) erfasst 14 (teilweise leicht abgewandelte) Bewältigungsreaktionen mit je zwei statt vier Items pro Skala (Bodenmann & Gmelch, 2008).

2.4.3 Coping Inventory for Stressful Situations (CISS)

Das CISS von Endler und Parker (1990) basiert sowohl auf theoretischen Annahmen—hier fließt das Interaction Model of Stress, Anxiety and Coping (Endler, 1997) ein—als auch auf empirischen Erkenntnissen. Mit 48 Items werden bei diesem Inventar bevorzugte Bewältigungsstile (dispositionelles Coping) erfasst, indem die Probanden instruiert werden, auf einer 5-stufigen Likert-Skala (1 = „Not at all“ bis „5 = „Very much“) anzugeben, wie sehr sie bestimmte Bewältigungsstrategien ausführen, wenn sie sich mit schwierigen, stressreichen oder erschütternden Situationen konfrontiert sehen. Dabei werden die folgenden drei Dimensionen erfasst: Task (aufgabenorientiertes Coping), Emotion (emotionsorientiertes Coping), Avoidance (vermeidungsorentiertes Coping). Die Dimension Avoidance wird weiter unterteilt in Distraction und Social Diversion. Mit dem CISS:SSC wurde auch eine situationsspezifische Version entwickelt, die mit 21 Items situatives Coping erfasst. Die interne Konsistenz wird als gut bis exzellent angegeben, die Werte für Cronbachs Alpha liegen im hohen .80er bis niedrigen .90er-Bereich (Endler & Parker, 1990, 1994).

2.4.4 Stressverarbeitungsfragebogen (SVF)

Der SVF besteht aus 114 5-stufigen (0 = „gar nicht“ bis 4 = „sehr wahrscheinlich) Items. Seine Langform, der SVF 120, umfasst mit 120 Items die folgenden 19 Subtests bzw. Stressverarbeitungsstrategien: Bagatellisierung, Herunterspielen, Schuldabwehr, Ablenkung, Ersatzbefriedigung, Selbstbestätigung, Entspannung, Situationskontrolle, Reaktionskontrolle, positive Selbstinstruktion, soziales Unterstützungsbedürfnis, Vermeidung, Fluchttendenz, soziale Abkapselung, gedankliche Weiterbeschäftigung, Resignation, Selbstbemitleidung, Selbstbeschuldigung, Aggression, Pharmakaeinnahme. Theoretisch baut der SVF u.a. auf den Annahmen auf, dass Stress nicht passiv hingenommen wird, sondern mit „Prozessen beantwortet [wird], die das Abweichen von einer Ausgangslage verhindern bzw. diese wieder herstellen sollen“, dass diese Stressverarbeitungsmechanismen untereinander relativ unabhängig (d.h. mehrdimensional) und auch unabhängig von Persönlichkeitsmerkmalen sind, zugleich aber zeitliche und situative Konsistenz aufweisen (habituelles Coping). Die internen Konsistenzen der Subtests liegen zwischen .66 und .92, bei zweien werden Cronbachs Alpha-Werte von unter .70 berichtet (Janke et al., 1997).

2.5 Psychologische Operationsvorbereitung

Laut Schumacher (2002) umfasst psychologische Operationsvorbereitung „alle interventiven Methoden und Techniken, die anforderungsbezogene Bewältigungsaktivitäten des Patienten fördern und unterstützen und/oder ereignisspezifische Bewältigungskompetenzen bei Patienten aufbauen und trainieren“. Dabei können zwei Funktionen unterschieden werden: Unterstützung der Bewältigung von aufgrund von Krankheit oder Operation bereits eingetretenen Belastungen (korrektiv) zum einen, Förderung antizipatorischer Bewältigungsprozesse im Vorfeld, um Beeinträchtigungen des Wohlbefindens zu miniminieren oder zu verhindern, zum anderen (präventiv).

In der vorliegenden Arbeit finden unter dem Gesichtspunkt der psychologischen Operationsvorbereitung nur präventive Interventionen Berücksichtigung. Diese lassen sich den folgenden Kategorien zuordnen: Informationsvermittlung, supportive Ansätze, Vermittlung von Bewältigungsstrategien, Verhaltensinstruktionen, kognitiv-behaviorale Strategien sowie Entspannungsverfahren (Kategorisierung nach Tefikow, Rosendahl & Strauß, 2013). Während erstere die Vermittlung von Informationen zum Ablauf, zu möglicherweise auftretenden Emotionen und (sensorischen) Empfindungen beinhaltet und die Unsicherheit der Patienten durch Erhöhung der wahrgenommenen Vorhersagbarkeit und Kontrollierbarkeit reduzieren soll, dient die supportive Intervention dem „Ziel, eine potenzielle akute psychische Dekompensation aufzufangen sowie Schutz und Halt in akuten Krisensituationen zu geben“ (Tefikow et al., 2013, S. 210). Die Vermittlung von Bewältigungsstrategien hat die Bewertung und Optimierung individueller Coping-Strategien, unter Einbezug externaler, internaler sowie interpersonaler Ressourcen und unter Berücksichtigung der aktuellen Befindlichkeit des Patienten, zum Inhalt, während Verhaltensinstruktionen der Förderung der Compliance, d.h. der Kooperation bzw. der Therapietreue des Patienten dienen. Kognitiv-behaviorale Strategien hingegen umfassen u.a. kognitive Umstrukturierung, Umdeutung und Neubewertung sowie Methoden der Aufmerksamkeitsablenkung. Entspannungsverfahren dienen der Reduktion sympathischer Erregung, Erhöhung der Muskelentspannung und Förderung des Gefühls der Ruhe und Gelassenheit, mit dem Ziel, Schmerzen und Distress im Rahmen der Operationen zu reduzieren (Michie, Johnston, Francis, Hardeman & Eccles, 2008).

Meta-Analysen berichten, dass komplexe Interventionen, die auf mehreren der vorgenannten therapeutischen Prinzipien beruhen, einfachen Interventionen überlegen sind (u.a. Devine, 1992; Mumford, Schlesinger & Glass, 1982).

2.6 Rekonvaleszenz und postoperative Komplikationen

Rekonvaleszenz wird lt. dem Roche Lexikon Medizin definiert als „die Phase der ’Genesung’“; diese Phase umfasst den Zeitraum zwischen dem Ende einer Krankheit bzw. dem akuten Stadium bis zur „Wiederherstellung des früheren Gesundheitszustandes“ (Urban & Fischer Verlag, 2006e).

Cohen und Lazarus (1973) weisen darauf hin, dass es sich bei Genesung um einen komplexen Prozess handelt, bei dem physiologische, behaviorale und soziale Elemente multikausal zusammenspielen. Somit können unterschiedliche zugrunde liegende Wirkmechanismen über den Zusammenhang zwischen Bewältigungsstilen und Genesungsverlauf postuliert werden. Ein angenommener Mechanismus ist, dass gewisse Coping-Strategien Stressreaktionen, wie sie auch im Zusammenhang mit einer Operation entstehen können, reduzieren, indem sie die Einschätzung der Gefährdung (threat) beeinflussen. Andere Coping-Strategien bieten mutmaßlich Gelegenheit zu antizipatorischem Coping, d.h., der Patient kann sich im Vorfeld seiner Operation bereits mit möglichen Gefährdungen bzw. Schäden („harms and threats“) auseinandersetzen (s. auch "work of worrying", Janis, 1958). In beiden vorgeschlagenen Wirkzusammenhängen wird der Genesungsverlauf durch die Erhöhung oder Senkung des psychologischen Stresslevels beeinflusst.

Komplikationen umfassen in diesem Zusammenhang „jedes [...] außerordentliche Krankheitsgeschehen, das im Verlauf einer Grundkrankheit auftritt u. deren Verlauf ungünstig gestaltet“ (Urban & Fischer Verlag, 2006b, S. 1031).

Im Rahmen der im Folgenden vorgestellten Studien wurde Genesung u.a. durch die folgenden Indikatoren gemessen: postoperatives allgemeines Funktionsniveau, Lebensqualität, physische Fitness, Wundheilung und Schmerzen. Als objektive Indikatoren wurden zudem u.a. die Dauer des Krankenhausaufenthaltes, Schmerzmittelverbrauch, die Dauer der ausgestellten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, verbrachte Zeit auf der Intensivstation und physiologische Maße herangezogen.

Teilweise wurde Genesung auch als langfristige Abwesenheit von Komplikationen wie postoperative/s Fatigue (chronisches Erschöpfungssyndrom) oder Delirium (rückbildungsfähige symptomatische Psychose vom akuten exogenen Reaktionstyp; Urban & Fischer Verlag, 2006b, S. 404) operationalisiert.

2.7 Forschungsfragen

Im transaktionalen Stressmodell wird angenommen, dass Stress durch ein wahrgenommenes Ungleichgewicht zwischen den als belastend empfundenen Anforderungen der Umwelt und den eigenen Ressourcen entsteht. Im Vorfeld einer Operation entsteht Stress also dann, wenn der Patient diese Situation als bedeutsam empfindet, wovon in den meisten Fällen ausgegangen werden kann, und die ihm zur Verfügung stehende Ressourcen als nicht ausreichend einschätzt. Hierauf wird mit verschiedenen Coping-Strategien reagiert, wobei diese—im Hinblick auf das weitere Wohlbefinden bzw. die Genesung des Patienten—sowohl funktionaler als auch dysfunktionaler Natur sein können.

Im Rahmen dieser Arbeit sollen die doch teils sehr uneinheitlichen empirischen Befunde zum Einfluss präoperativen Copings auf den postoperativen Genesungsverlauf seit dem Jahr 2004 gesammelt und gegenübergestellt werden. Dabei werden die untersuchten Studien inhaltlich danach unterteilt, ob sie situatives oder dispositionelles Coping oder Interventionen zur Beeinflussung von Coping-Reaktionen erfassen, und untersucht, ob sich je nach Herangehensweise andere Befundmuster ergeben. Des Weiteren soll bei der Analyse des Materials darauf eingegangen werden, ob die jeweiligen Studien Genesung mithilfe subjektiver oder objektiver Indikatoren erfassen. Auch hier soll dargestellt werden, ob sich je nach gewählter Kategorie Muster in den berichteten Ergebnissen finden lassen.

3 Methode und Auswahl der Studien

Um die vorliegenden Forschungsfragen beantworten zu können, wurde im Zeitraum von Dezember 2014 bis März 2015 eine systematische Literaturrecherche nach Primärstudien durchgeführt, indem simultan die folgenden Datenbanken durchsucht wurden: PsycARTICLES, Psychology and Behavioral Sciences Collection, PsycINFO, PSYNDEX sowie die EBSCOhost eBook Collection. Ein Protokoll der verwendeten Suchbegriffe und der entsprechenden Treffer findet sich in Tabelle A-1 in der Anlage.

Aufgrund der hohen Trefferzahl und um die Aktualität der untersuchten Forschungsbefunde zu gewährleisten, wurden letzten Endes nur Studien ab dem Jahr 2004 in der Auswertung berücksichtigt. Anhand der Literaturverzeichnisse der verwendeten Studien wurde zudem eine Rückwärtssuche durchgeführt, indem die dort aufgeführten, verwendeten Quellen auf Relevanz untersucht und ggf. in die Auswertung miteinbezogen wurden.

Neben dem Erscheinungsjahr als Cut-Off-Wert wurden weitere Ausschlusskriterien festgelegt: Nicht verwendet wurden Studien, deren Fokus auf dem präoperativen Coping-Verhalten von Kindern sowie auf Interventionen zur Beeinflussung desselbigen lag. Die Hinzunahme von Probanden im Altersspektrum unterhalb der Adoleszenz hätte eine starke Erweiterung der zu berücksichtigenden Coping-Strategien, möglichen Interventionen und weiterer Einflussfaktoren (wie bspw. das Verhalten der Eltern) bedeutet. Eine gesonderte Betrachtung der Coping-Strategien von Kindern böte vielmehr Stoff für ein ganz eigenes Forschungsreview.

4 Ergebnisse

In diesem Kapitel werden die verwendeten Studien im Hinblick auf die Fragestellung ausgewertet. Dabei wird in den folgenden Unterkapiteln danach unterschieden, ob die vorliegenden Untersuchungen Coping-Dispositionen, situatives Coping oder Interventionen im Sinne psychologischer Operationsvorbereitung erfasst. Eine kritische Diskussion derselben soll dann in Kapitel 5 erfolgen.

Um den Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht zu sprengen, werden ausschließlich diejenigen Variablen und Ergebnisse berichtet, die zur Beantwortung der Fragestellung dienlich sind. Eine detaillierte Übersicht aller verwendeten Studien findet sich in Tabelle A-2 im Anhang dieser Arbeit.

4.1 Überblick über die verwendeten Studien

Insgesamt wurden 20 Studien aus dem Zeitraum 2004-2014 ausgewertet. Die Untersuchungen wiesen nicht nur bezüglich der theoretischen Hintergründe und der verwendeten Variablen bzw. Indikatoren, sondern auch bezüglich der Stichproben eine starke Heterogenität auf. So lagen die Stichprobengrößen zwischen N = 9 und N = 335 und das Alter der Probanden rangierte zwischen 19 und 85 Jahren. Es wurden ungefähr zu gleichen Teilen Studien aus Europa, Nordamerika sowie Asien verwendet, zudem je eine Untersuchung aus Neuseeland bzw. Australien. Am häufigsten ließen sich Querschnittdesigns finden, doch auch acht Längsschnittstudien gingen in dieses Review mit ein. Unter den verwendeten Untersuchungen wies eine ein rein exploratives Design auf.

Gemein ist den vorliegenden Studien, dass die Probanden Adoleszenten oder Erwachsene waren, denen ein elektiver chirurgischer Eingriff bevorstand, d.h. es handelte sich nicht um eine Notoperation—allerdings variierten die Art der chirurgischen Eingriffe bzw. die Anlässe der Operationen stark zwischen den Untersuchungen.

4.2 Befunde zum Einfluss situativen Copings auf die Genesung

Im Folgenden werden zunächst Studien vorgestellt, die situative Bewältigungsstrategien vor einer Operation und ihren Einfluss auf die Genesung erfassen, im Anschluss daran folgen die Untersuchungen, deren Fokus auf behavioralem/dispositionellem Coping lag. Dieser Abschnitt endet mit einer Darstellung der Studien, in denen der Einfluss sowohl von dispositioneller als auch von situativer Bewältigung erforscht wurde.

Im Rahmen einer qualitativen explorativen Studie führten Bergvik, Sørlie und Wynn (2010) halbstrukturierte Interviews mit neun Patienten, die sich im University Hospital of Northern Norway einer Bypass-Operation unterzogen hatten, um rückblickend ihre Sorgen und Gedanken bezüglich des bevorstehenden Eingriffs zu erfahren. Hierfür wurde ein interpretativ-phänomenologischer Ansatz (Smith & Osborn, 2008) gewählt, in welchem es darum geht, Aspekte eines Erlebnisses aus Sicht des Individuums zu begreifen.

Die Probanden berichteten übereinstimmend, dass die Operation für sie ein stressreiches Ereignis war, in den eingesetzten Bewältigungsstrategien unterschieden sie sich allerdings. Die Interviewten berichteten zum einen von vermeidenden Bewältigungsstrategien, wie bspw. das Verschieben der Arztbesuche, das Unterdrücken der mit der Operation verbundenen Gedanken, Ablenkung durch Aktivitäten sowie das Verfallen in einen schläfrigen Zustand beim Warten auf die OP. Zum anderen wurden auch annähernde Strategien berichtet: aktives Hilfesuchen, Informationssammlung, mentale Vorbereitung sowie Selbstinstruktion im Sinne von positivem Denken. Dabei zeigten die meisten eine hohe Tendenz, sowohl aktives als auch passives Coping einzusetzen. Insgesamt berichteten die Autoren, dass sich die vorgefundenen Strategien gut anhand des Schemas vermeidend/annähernd kategorisieren ließen.

In einer hypothesengeleiteten US-amerikanischen Studie erforschten LaMontagne, Hepworth, Cohen und Salisbury (2004) Zusammenhänge zwischen prä- und postoperativem vermeidendem bzw. vigilantem Coping und langfristigen Aktivitätsergebnissen (long-term activity outcomes) von 118 Adoleszenten, die sich einer Operation zur Korrektur einer Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose) unterzogen. Im Folgenden werden nur die Ergebnisse berichtet, die im Zusammenhang mit präoperativem Coping gefunden wurden.

Die Autoren erhoben die situativen Bewältigungsstrategien der Patienten im Vorfeld der Operation mithilfe des Preoperative Mode of Coping Interview (F. Cohen & Lazarus, 1973), dabei handelt es sich um ein strukturiertes Interview mit dem Ziel, das Coping der Befragten auf der Dimension vermeidend – vigilant einzustufen. Dabei stehen niedrige Werte für vermeidendes Coping (bspw. Vermeidung von Informationen) und hohe Werte für vigilantes Coping (bspw. aktive Suche nach Information, Auseinandersetzen mit möglichen Komplikationen.

Um postoperative Aktivitäten zu erfassen, wurde die Kompetenz-Skala des Youth Self-Report and Profile-Inventars (YSR) verwendet. Diese umfasst die Subskalen „übliche Aktivitäten“, „soziale Aktivitäten“ und „schulische Leistungen“. Zusätzlich wurde ein neues, dichotomes Item kreiert, in welchem die Probanden angeben sollten, ob sie an neuen Aktivitäten teilnahmen. Die Patienten wurden gebeten, den so entstandenen Fragebogen sowohl einen, drei, sechs und neun Monate nach ihrem Eingriff auszufüllen. Es handelt sich somit um einen subjektiven Genesungsindikator.

Die Autoren berichteten, dass präoperatives Coping signifikant die gewöhnlichen Aktivitäten einen Monat nach der Operation (β = .24, p < .05), schulische Leistung nach sechs bzw. neun Monaten (β = .27, p < .01 bzw. β = .25, p < .05) sowie neue Aktivitäten nach einem bzw. sechs Monaten (b = .34, OR = 1.41, p < .05 bzw. b = .50, OR = 1.65, p < .05) vorhersagte. Dabei galt, je vigilanter das präoperative Coping, desto aktiver waren die Patienten zu den postoperativen Erhebungszeitpunkten. Moderiert wurde der Einfluss präoperativen Copings auf neue Aktivitäten nach einem Monat (p = .04) sowie auf gewöhnliche Aktivitäten nach 3 Monaten (p = .03) durch das Alter. Je älter die Befragten waren, desto stärker war der Zusammenhang zwischen Coping und postoperativen Aktivitäten. Dieser Zusammenhang ist auch aus Abbildung 2 ersichtlich, beispielhaft illustriert für gewöhnliche Aktivitäten nach drei Monaten. Dort wurden die Ergebnisse für die Gruppe der jüngsten sowie der ältesten Probanden der Untersuchung dargestellt, dabei handelt es sich um Adoleszenten, deren Alter eine Standardabweichung über dem Durchschnittsalter lag (15.7 Jahre oder älter, n = 16) sowie Adoleszenten, deren Alter mindestens eine Standardabweichung unter dem Durchschnittsalter lag (12.1 Jahre oder jünger, n = 30). Die „Vigilanteren“ in der Gruppe der älteren Adoleszenten nahmen an mehr gewöhnlichen Aktivitäten und die eher „Vermeidenden“ nahmen weniger an gewöhnlichen Aktivitäten teil. Für die Gruppe der jüngeren Adoleszenten konnte hingegen kein Zusammenhang zwischen präoperativem Coping und postoperativen Aktivitäten gefunden werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Alter moderiert den Einfluss präoperativen Copings auf gewöhnliche Aktivitäten (3 Monate nach der OP; LaMontagne et al., 2004, S. 247)

In einer 2009 in Sidney durchgeführten Studie untersuchten Vollmer-Conna et al. Zusammenhänge zwischen psychologischen Faktoren, Immunstatus und postoperativen Komplikationen mithilfe eines rekursiven Strukturmodells. Dabei wurden Daten von 29 Patientinnen erhoben, denen die Gallenblase entfernt wurde (Cholezystektomie).

Die situativen Bewältigungsreaktionen der Probandinnen wurde erhoben, indem ihnen zwei Wochen vor der Operation im Rahmen eines strukturierten Interviews die folgende Frage gestellt wurde: „Is there anything that you can actively do to maximise the success of this operation?“ (Vollmer-Conna et al., 2009, S. 171). Die Antworten wurden durch die Interviewer auf einer 3-stufigen Skala kategorisiert: 0 = kein aktives Coping, 1 = eine aktive Coping-Strategie, 2 = mehr als eine aktive Coping-Strategie. Die Patientinnen gaben zudem die von ihnen eingeschätzte Bedeutung und Wirksamkeit aktiven Copings in diesem Kontext an.

Die Chirurgen wurden gebeten, die Schwere der postoperativen Komplikationen einer jeden Patientin auf einer Likert-Skala (0 bis 5) einzuschätzen. Bei dem so zustande-gekommenen Komplikations-Index handelt es sich somit um ein subjektives Maß. Zusätzlich erhobene Indikatoren werden im Rahmen dieser Arbeit aufgrund der Fragestellung nicht ausführlich berichtet.

In Abbildung 3 ist das finale Modell der Autoren zwecks besserer Verständlichkeit dargestellt. Darin werden nur direkte Effekte dargestellt, die einen Wert größer als 0.25 Standardabweichungen annehmen oder die mindestens ein Signifikanzniveau von 5% erreichen. Treffen beide Kriterien zu, werden die Pfade in Fettdruck dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Pfaddiagramm—Zusammenhänge zwischen psychologischen Faktoren, Immunstatus und postoperativen Komplikationen (Vollmer-Conna et al., 2009)

Mit Blick auf den Einfluss präoperativer Bewältigungs-Strategien lässt sich als Ergebnis der Studie festhalten, dass aktives Coping einen direkten Einfluss auf das Risiko einer komplikationsreichen Genesung aufwies (SD = 0.40, SE = 0.15, p < .05). Im Umkehrschluss bedeutet dies: Passives Coping führte zu einem—mit subjektivem Indikator erhobenen—Genesungsverlauf mit geringeren Komplikationen.

Die absoluten Goodness of Fit-Indizes geben einen Hinweis darauf, dass das finale Modell adäquat zu den vorgefundenen Daten passt (GFI = 0.94, AGFI = 0.86).

4.3 Befunde zum Einfluss dispositionellen Copings auf die Genesung

Ai, Park, Huang, Rodgers und Tice (2007) untersuchten ein Strukturgleichungsmodell, in dem u.a. religiöse Coping-Stile den Einfluss von Religiosität auf postoperativen Stress mediieren. Untersucht wurden 309 Patienten, die sich in Michigan (USA) einer kardiovaskulären Operation unterzogen. In diesem Zusammenhang wurden subjektive Maße zur Erhebung der postoperativen Genesung gewählt: Depressivität und Angst wurden mithilfe der beiden Selbstbericht-Fragebogen Center for Epidemiologic Studies-Depression Scale (CES-D; Radloff, 1977) und Trait Anxiety Inventory (Skala des State-Trait Anxiety Inventory, STAI; Spielberger, 2010) erhoben und als Indikatoren für postoperative seelische Belastung verwendet. Das final ermittelte Model der Autoren findet sich in Abbildung 4.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Vorhersage postoperativer seelischer Belastung—das finale Modell (Ai, Park, Bu Huang, Rodgers & Tice, 2007, S. 10)

Das Ergebnis der Studie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Unter Kontrolle der Werte für seelische Belastungen, Geschlecht und Bildungsstatus, trug Religiosität zum Einsatz von positiven religiösen Coping-Stilen bei (β = .82, p < .001), welche wiederum, vermittelt über die Pfade wahrgenommene soziale Unterstützung und Hoffnung, zur Senkung subjektiv empfundener postoperativer Belastung beitrugen (soziale Unterstützung: β = -.09, p < .01; Hoffnung: β = -.11, p < .05).

Negative religiöse Coping-Stile waren nicht signifikant mit Religiosität korreliert, wurden aber durch präoperative seelische Belastung beeinflusst (β = .34, p < .001) und erhöhten sowohl auf indirektem als auch direktem Weg (β = .08, p < .05) die postoperative Belastung. Auf indirektem Weg wurde der Einfluss negativer Coping-Stile über wahrgenommene geringere soziale Unterstützung (β = -.24, p < .001) mediiert.

Die Gütemaße für das finale Modell der Autoren lagen sämtlich im zufriedenstellenden bis guten Bereich: χ2 = 205.65 (50, N = 309), p < .001. Der Absolute Fit-Index SRMR lag mit .03 im Rahmen einer guten Modellpassung (p < .05). Der komparative Fit-Index CFI (0.96) sowie der inkrementelle Fit-Index TLI (0.93) lagen beide über 0.90 bzw. 0.95, ein Hinweis für mäßige bis gute Modellpassung.

Eine schwedische Studie, ebenfalls mit Schwerpunkt auf dispositionellem Coping, beschäftigte sich mit dem Zusammenhang zwischen der Fähigkeit zur Stressbewältigung (stress coping abilites) und der postoperativen Genesung (Persson & Kjølhede, 2008) bei Frauen nach einer Hysterektomie (operative Entfernung der Gebärmutter). Genesung wurde bei den 117 Probandinnen durch einen objektiven Indikator (Dauer der Arbeitsunfähigkeit) und einen subjektiven Indikator (Einschätzung des Wohlbefindens auf einer visuellen Analogskala) erfasst. Stress-Coping-Fähigkeit wurde mithilfe des Stress Coping Inventory (SCI) erhoben.

Die Autoren fanden, dass Stress-Coping-Fähigkeit (angegeben mit dem Summenscore des SCI) die Dauer der Arbeitsunfähigkeit (angegeben in Tagen) nicht zu beeinflussen schien: M = 30.9 (SD = 12.3) bei geringem SCI-Summenscore, M = 30.8 (SD = 14.2, p = .997) bei hohem SCI-Summenscore.

Hinsichtlich des allgemeinen Wohlbefindens wurde berichtet, dass ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen mit geringen bzw. hohen Stress-Coping-Fähigkeiten gefunden wurde. Da Wohlbefinden über einen Zeitraum von sieben Tagen vor der Operation bis 35 Tage danach (und zusätzlich noch einmal innerhalb einer Woche sechs Monate nach der OP) täglich—mithilfe einer visuellen Analogskala—erfasst wurde, wurde dieser Unterschied mithilfe einer Grafik dargestellt, welche hier ebenfalls abgebildet ist (s. Abb. 5). Dazu wurde die statistische Signifikanz für den Haupteffekt zwischen den Gruppen (geringer SCI-Score bzw. hoher SCI-Score) auf das allgemeine postoperative Wohlbefinden an Tag 1 bis 35 (p = .033) sowie für den Haupteffekt im Zeitverlauf (p < .0001) berichtet. Ein Interaktionseffekt konnte nicht gefunden werden (p = .992).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Allgemeines Wohlbefinden der Patientinnen im Zeitverlauf

(Persson & Kjølhede, 2008, S. 112)

Eine dritte Studie schloss sich an die vorgenannte Untersuchung an und untersuchte den Einfluss von Stress-Coping-Fähigkeit (stress coping capacity), erfasst mit dem SCI, auf die Genesung von Patientinnen nach einer Hysterektomie unter Vollnarkose bzw. unter Einsatz einer Spinalanästhesie (Kjølhede, Borendal Wodlin, Nilsson, Fredrikson & Wijma, 2012). Die Stichprobe umfasste 162 Patientinnen und wurde ebenfalls in Schweden erhoben. Die Autoren zogen sowohl objektive als auch subjektive Indikatoren zur Erfassung von Genesung heran: Die Dauer der Arbeitsunfähigkeit sowie des Krankenhausaufenthaltes wurden dokumentiert. Postoperative Beschwerden wurden mithilfe eines Selbstberichtfragebogens (Swedish Postoperative Symptoms Questionnaire, SPSQ; Alkaissi et al., 2004) erfasst.

Kjølhede et al. überprüften Gruppenunterschiede mithilfe des Mann-Whitney-U-Tests. Patientinnen mit einem hohen Stress-Coping-Vermögen (HSC-G) wiesen eine signifikant kürzere Arbeitsunfähigkeit, gemessen in Tagen, auf als Patientinnen mit geringem Coping-Vermögen (LSC-G): Mdn = 19.5 (2-258) bzw. Mdn = 29.0 (14-81) ; p = .001. Ebenso wiesen Probandinnen mit hohem Stress-Coping-Vermögen eine geringere Anzahl und Intensität postoperativer Beschwerden—gemessen als SPSQ-Score—auf als Patientinnen mit geringem Coping-Vermögen: Mdn = 3.0 (0-8.5) bzw. Mdn =5.1 (1.4-12.3); (p = .001). Diese Zusammenhänge fanden sich allerdings nur unter der Bedingung, dass die Frauen eine Spinalanästhesie erhalten hatten. Wurde die Hysterektomie unter Vollnarkose durchgeführt, fand sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen: Arbeitsunfähigkeit in Tagen Mdn = 28.0 (7-81) für HSC-G bzw. Mdn = 30.5 (20-49) für LSC-G (p = 0.219), postoperative Beschwerden/SPSQ-Score Mdn = 4.1 (1.3-8.6) für HSC-G bzw. Mdn = 4.8 (1.9-10.0) für LSC-G (p = 0.353).

Für die Dauer des Krankenhausaufenthaltes (in Stunden) sowie Schmerzmittelverbrauch (in mg) ließ sich kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen finden. Ohne Unterteilung nach Art der Narkose ergaben sich für die Dauer des Krankenhausaufenthalts: Mdn = 47.2 (21.9-123.4) für HSC-G bzw. Mdn = 50.2 (24.4-124.6) für LSC-G (p = 0.227). Für den Schmerzmittelkonsum innerhalb von 16 Tagen nach der Operation ergaben sich: Mdn = 15.0 (0‑255.4) für LSC-G bzw. Mdn = 15.0 (0‑130.0) für HSC-G (p = 0.969).

In einer in Kanada durchgeführten Untersuchung ergründeten L. Cohen, Fouladi und Katz (2005) den Zusammenhang zwischen präoperativ erfassten Coping-Stilen und postoperativem Schmerzlevel sowie Morphinverbrauch bei 122 Patientinnen, die sich einer gynäkologischen abdominalen Operation unterzogen. Coping-Stile wurden mit dem Brief COPE erfasst. Das Schmerzlevel wurde 48 Stunden nach dem Eingriff sowie noch einmal vier Wochen später als subjektiver Indikator für Genesung erhoben. Morphinverbrauch als objektiver Indikator wurde 24‑48 Stunden nach der Operation erfasst.

Die durchgeführte hierarchische Regressionsanalyse ergab, dass die Bewältigungsstrategie der Ablenkung das Schmerzlevel 48 Stunden nach dem Eingriff positiv vorhersagte (β = .25, p = .039). Religiöses Coping sagte zudem den Morphinverbrauch 24-48 Stunden postoperativ positiv vorher (β = .21, p = .036). Prädiktiven Wert im Bezug auf das Schmerzlevel der Patienten 4 Wochen nach der Operation wiesen die Variablen behaviorales Loslassen vom eigentlichen Ziel (β = .32, p = .034) sowie auch hier religiöses Coping (β = .34, p = .001) auf.

Zusammengefasst bedeuten die Ergebnisse dieser Studie, dass Ablenkung, behaviorales Loslassen und religiöse Bewältigung stärkeres Schmerzempfinden (subjektiv) nach der Operation—und im Falle des religiösen Copings zusätzlich auch einen höheren Morphinverbrauch (objektiv) vorherzusagen scheinen.

4.4 Befunde zum Einfluss situativen und dispositionellen Copings auf die Genesung

Ai, Peterson, Bolling und Rodgers (2006) untersuchten in einer Studie den Zusammenhang zwischen glaubensbasiertem Coping und kurz nach Operation erhobenem globalem Funktionsniveau (short-term postoperative global functioning, SPGF) von 481 Kardiologie-Patienten in Michigan (USA). Die Autoren erfassten dabei sowohl dispositionelles als auch situatives glaubensbasiertes Coping. Während „trait“-Coping präoperativ erfasst wurde, wurde „state“-Coping postoperativ erhoben, indem die Patienten angeben sollten, welche Strategien tatsächlich zum Einsatz gekommen waren. Das allgemeine Funktionsniveau der Patienten nach dem Eingriff wurde mithilfe von Subskalen des Activities of Daily Living-Inventars (Katz, 1963) erhoben. Da der behandelnde Arzt bzw. das Krankenhauspersonal den Zustand des Patienten einschätzt, handelt es sich um einen subjektiven Genesungsindikator.

[...]


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit weitgehend das generische Maskulinum verwendet. Wenn nicht ausdrücklich anders formuliert, sind jedoch stets beide Geschlechter gleichberechtigt gemeint.

Details

Seiten
73
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668085374
ISBN (Buch)
9783668085381
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310166
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für Psychologie
Note
1,7
Schlagworte
einfluss coping-strategien genesung eingriff review forschungsliteratur

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Einfluss von präoperativen Coping-Strategien auf die Genesung nach einem chirurgischen Eingriff