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Diätenwahn. Zum Verhältnis von Körperstilisierung und gesundem Menschenverstand

Eine kulturanthropologische Untersuchung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 25 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Begriffs Diät
2.1. Die Geschichte der Diät
2.2. Sinnverschiebung & Kulturverfall der Diät

3. Körperlichkeit
3.1. Schönheitsideal & Körpernormen
3.2. Diät als Körpermodifikation

4. Verschiedene Diätkonzepte und Ausführungen
4.1. Exkurs: Die Minnesota Studie
4.2. Diäten allgemein
4.3. Sport
4.4. Medizin - Chirurgie
4.5. Hormone - Technik

5. Wandlung der Normalität
5.1. Exkurs: Definition Norm & Abweichung
5.2. Normalität & Körper

6. Der gesunde Menschenverstand
6.1. Definition
6.2. Gesunder Menschenverstand & Diätenwahn

7. Ausblick

8. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In Rekordzeit hat die Schauspielerin Renée Zellweger für diverse Filme (u.a. „Bridget Jones“,2001 ) an Gewicht zu- und wieder abgenommen In Hollywood ist der Körper das soziale Statussymbol und steht für Prestige, denn von ihm hängt Vieles ab, ob es der nächste Musikvertrag ist oder die nächste Schauspielrolle. Der Anspruch an das körperliche Erscheinungsbild wird immer höher. Um den Schönheitsidealen der Film- und Musikwelt zu entsprechen werden Frauen wie Männer nicht selten krank. Durch diverse Diäten, extreme Fastenkuren oder den übertriebenen täglichen Sporteinheiten verlieren einige Menschen die Verbindung zu ihrem eigenen Körper. „Körperpraktiken der Diät und des Bodybuilding, der ästhetisch- plastischen Chirurgie und der „body modification“ (Tattooing, Piercing, Scarfications wie Branding oder Cutting), aber auch Technologien und elektronische Medien, die den Körper und seine Sensomotorik in „inaktiver“ Weise einbinden [..], eröffnen ein hochdifferenziertes Feld individueller und sozialer Körperlichkeit“1. Durch die fast „perfekten“ Körperbilder, die täglich über den Bildschirm flimmern oder in Zeitschriften abgebildet sind, lassen sich viele Frauen und Männer blenden.

Aber wo bleibt der gesundheitliche Aspekt? Was tun diverse Menschen um ihrem Schönheitsideal näher zu kommen, welche Risiken nehmen Sie auf sich? Und genau diese Relation von Körperstilisierung bzw. Körpermodellierung und gesundem Menschenverstand will ich in meiner Hausarbeit näher erläutern.

Nach einer Definition des Begriffs „Diät“ werde ich zunächst ihre allgemeine, historische Entwicklung darstellen. Daraus werde ich im Zusammenhang von Schönheitsidealen und Körpernormen die verschiedenen Techniken zur Körperumformung darstellen, durch welche die Wandlung der Normalität ersichtlich wird. Mit einem Fazit, in dem ich nochmals alle wichtigen Kernpunkte zwischen dem gesunden Menschenverstand und der aktuellen Körperlichkeit mit einem Ausblick in die Zukunft, werde ich diese Arbeit abschließen2.

2. Definition des Begriffs Diät

Das Wort Diät stammt von dem griechischen Wort „diaita“ ab, was für die Bezeichnung der Lebensweise bzw. Ernährungsweise des Menschen steht. Unter Diät versteht man therapeutische Ernährungsmaßnahmen, die das körperliche Wohlbefinden unterstützen und steigern sollen. Nicht selten werden dadurch Krankheiten geheilt oder gelindert.

Heutzutage versteht man unter dem Wort Diät allerdings diverse Ernährungsmethoden zur Gewichtsreduktion ohne dabei immer die moralischen Aspekte zu beachten.

2.1. Die Geschichte der Diät

Diäten gibt es nun mehr als über 2000 Jahren. Die Anfänge finden wir in der Antike, in der medizinischen Lehre vom „Vater der Medizin“ Hippokrates von Kos (ca. 460 v. Chr. - ca. 370 v. Chr.). Der Begründer der Allgemeinmedizin widmete sich unter anderem der Forschung im Bereich der Diätetik (Ernährungslehre). Hierbei ging es um eine einheitliche Gesundheitslehre des Lebens bezogen auf die vier Grundelemente (Feuer, Wasser, Wind und Erde) mit dem Ziel den Körper und die Seele in Einklang zu bringen.

Galenus von Pergamon (130 - 200 n. Chr.) nahm später die Lehre des Hippokrates auf und erweiterte das Wissen um die Diätetik. „Sechs Faktoren, die „sex res non naturales“ waren dabei für die gesunde Lebensführung zu beachten: 1. Licht und Luft, 2. Speise und Trank, 3. Schlafen und Wachen, 4. Bewegung und Ruhe, 5. Leerung und Füllung des Körpers, 6. Bewegung des Gemüts.“3 Die Erhaltung der Balance der Elemente nach der hippokratisch-galenischen Diaita wurde bis ins Mittelalter angestrebt.

Erst ab dem 19. Jahrhundert gab es einen Wandel, dass das Wort Diätetik zu „Diät“ verkürzte und seit dem zur „Krankenkost“ umgewandelt wurde.4 Durch diverse, aus therapeutischer Sicht angeordnete „Diäten“ sollten wieder das körperliche Wohlbefinden herstellen oder präventiv dafür sorgen, dass es erst gar nicht zu einer Erkrankung kommen konnte.

2.3. Sinnverschiebung & Kulturverfall der Diät

„In Zeiten der Nahrungsmittelknappheit galten kräftige Menschen noch als mächtig. Könige wurden meist mit einer stattlichen Figur abgebildet. Als die Industrialisierung es ermöglichte, sich Nahrungsmittel auszuwählen, tendierte das Schönheitsideal hin zum schlanken und durchtrainierten Menschen. Heute transportieren und fördern die Massenmedien dieses Idealbild, dem beinahe Jedermann nacheifert.“5

Mit dem Industrialisierungsprozess nach dem zweiten Weltkrieg um 1950, der Abschaffung der Lebensmittelkarten und der wachsenden Produktion industriell hergestellten, günstigen Fertigprodukten kam es zu einem Umbruch der Ernährungsgewohnheiten der Menschen.6 In den verarbeiteten und konservierten Produkten wurde der Fett- und Zuckeranteil erhöht, was quasi viele Menschen zum „König mit einer stattlichen Figur“ macht und die Zahl der Übergewichtigen ansteigen ließ. „Vor diesem Hintergrund kam es zu einem Wandel des Schönheitsideales hin zum sportlich-schlanken Körper; eine beleibt-dicke Körperstatur war jetzt praktisch jedem möglich und hatte als Wohlsstandssymbol ausgedient.“7 Als die Werbeindustrie beginnt Produkte mit schönen, schlanken Frauen zu annoncieren, wächst die Nachfrage übergewichtiger Menschen nach Möglichkeiten das Gewicht zu reduzieren. Ratgeber wie „ Werde schlank mit Genuss - ohne Gymnastik, Massage, Pillen oder Diät, 1950! “ oder „ Ich werde zu dick - Was tun? 1950! “ werden veröffentlicht.8

Bildquellen: linkes Bild: http://www.wirtschaftswundermuseum.de/kochbuecher-50er.html rechtes Bild: http://www.wirtschaftswundermuseum.de/gesellschaft-1950-1.html Neben der Entwicklung der Natur- und Geisteswissenschaften und das Fortschreiten der Medizinforschung wächst auch das Wissen um die verschiedenen Ernährungsformen. Aber mit dem wachsenden Drang immer schlanker werden zu wollen, verlieren „Diäten“ ihren eigentlichen, aus der Antike stammenden, Sinn und werden zu einem neuen „Lifestyle“ vieler Menschen. Mit der Zeit entstehen viele Ernährungsweisen um ein Idealgewicht zu erreichen und somit auch dem Schönheitsideal zu entsprechen. Und genau da fangen die Probleme an: Durch den gesellschaftlich-kulturellen Druck erkranken viele Frauen und Männer.

3. Körperlichkeit

Das Verhältnis zu unserem Körper ist und war schon immer intensiv gewesen. „Selbstwertgefühl, Wohlbefinden, Akzeptanz, aber auch Differenzierung und Individualisierung hängen unmittelbar vom äußeren sowie vom inneren Körperbild ab.“9 Nicht nur in der Biologie, Medizin oder Psychologie wird der Körper untersucht und versucht zu beschreiben, als Forschungsgegenstand in den Sozialwissenschaften wurde der Körper im 20. Jahrhundert „wiederentdeckt.“10 Hierbei wird der Körper nicht als solche untersucht, sondern in seinem Bezug auf die Gesellschaft oder von dieser ausgehend, eingebunden.

Verschiedene, wichtige Vertreter der Sozialwissenschaften, u.a. Michel Foucault oder Pierre Bourdieu, arbeiteten an körpersoziologischen Abhandlungen, die eine Grundlage für die „Soziologie des Körpers“ werden sollten. Foucault beschreibt in seinen körperbezogenen Diskursen den Körper als Objekt, das mit der Entwicklung des Kapitalismus im 18./19. Jahrhundert vergesellschaftlicht wurde. Er argumentiert, dass der Körper diskursiv kulturell und sozial konstruiert ist. Er definiert aber den Körper nicht als solche, sondern stellt den Körperbegriff im Wechselspiel zu den Oberbegriffen Macht, Wissen und Subjektivität gegenüber und erklärt so in seinen Werken, wie die Definition des Wortes Körper zu verstehen ist.11

Bourdieu beschreibt alles, was den Körper betrifft als „körperliches Kapital“ (z.B. Schönheit allgemein). Er beschäftigt sich (in seinen Werken) u.a. mit diversen sozialen Körpern, die es in der Gesellschaft gibt.12 Aber der Körper als Kapital läuft immer mit anderen bestehenden Kapitalformen Hand in Hand (z.B. ökologisches Kapital -> Bezahlung von Kosmetika um die Schönheit aufrecht zu erhalten). In beiden Definitions-Beispielen wird ersichtlich, dass immer eine Interaktion zwischen dem „Körper sein“ und „Körper haben“ herrscht. „Einerseits ist der Mensch sein Körper, ganz wie andere animalische Organismen. Andrerseits hat er einen Körper. Das heißt, daß der Mensch sich selbst als Wesen erfährt, das mit seinem Körper nicht identisch ist, sondern dem vielmehr dieser sein Körper zur Verfügung steht. Die menschliche Selbsterfahrung schwebt also immer in der Balance zwischen „Körper- Sein“ und „Körper-Haben“, einer Balance, die stets von neuem wiederhergestellt werden muß.“13

3.1. Schönheitsideal & Körpernormen

Was ist Schönheit eigentlich? Schönheit kann man nicht einfach so definieren, weil sich die Schönheitsideale immer wieder und häufiger ändern. Schön ist etwas in dem Sinne, wenn es den gesellschaftlichen Wertvorstellungen entspricht. Eigentlich könnte man schon fast, aber vorsichtig sagen, dass Schönheit etwas von der Gesellschaft definiertes ist.

In seinem Werk „Die Geschichte der Schönheit“ zeigt Umberto Eco, dass sich Schönheit je nach Zeit und Kultur unterscheidet und auch weiterentwickelt. Sie ist nicht greifbar, aber veränderbar. Er dokumentiert die Geschichte der Schönheit anhand verschiedener Bilder aus der Kunst, weil seiner Meinung nach nur Künstler, Dichter und Schriftsteller „das Schöne“ beschrieben und gemalt oder gezeichnet haben. Sie haben Beispiele an den Menschen getragen, welche Gegenstände, welche Figuren - ob männlich oder weiblich, welche Naturphänomene „schön“ sind. Würde ich jetzt an dieser Stelle, das Buch von Umberto Eco mit all der Entwicklungsgeschichte des Schönen reinkopieren, würden wir sicherlich anhand der Bilder „sehen“, wie sich mit dem Wandel der Zeit auch die Körpernormen ständig bewegen bzw. ändern. (Aber Geschmäcker sind ja auch bekanntlich - und das ist auch gut so - verschieden.)

Es gibt Männer, welche schlanke Frauen begehren, schlanke Frauen wie einst das Topmodel „Twiggy“ (1960) war. Und dann gibt es noch die Männer, die Frauen wie Jennifer Lopez attraktiv finden, wohlgeformt an den „richtigen“ Stellen, die die weiblichen Rundungen extra betonen. Das wiederum zeigt, wie paradox das Verständnis von Schönem ist und trotzdem gibt es die sogenannten Körpernormen, wie Schönheitsnormen. War es in der Steinzeit noch die Venus Willendorf mit ihrer üppigen Figur, die als Idealfrau galt, so gelten heute für die Idealfrau Attribute wie jugendlich, sportlich, schlank. Und da Frauen sowieso als das schönere Geschlecht beschrieben werden: „Die gesellschaftlich-kulturell genormte Gleichsetzung von Schönheit und Weiblichkeit brachte ein ambivalentes Gefühl der Frauen gegenüber ihrem eigenen Aussehen hervor, denn von der Zuweisung der Frauen zum schönen Geschlecht, bis zu der Forderung, dass sie auch schön zu sein haben, ist es noch ein kleiner Schritt. Weil weibliche Schönheit erwartet wird, erhält sie übertriebene Bedeutung; die stereotypen Schönheitsvorstellungen unserer Gesellschaft stellen eine Form von sozialer Kontrolle dar, die Frauen anfälliger werden lässt für eine zwanghafte Beschäftigung mit ihrem Aussehen.“14 Zwischen Ablehnung und Anerkennung werden Frauen durch die herrschenden Schönheitsideale und Körpernormen hin und her „geschubst“. Als die gängigste und berühmteste Körpernorm gelten die Werte 90-60-90 wie sie die heutigen Models als Traummaße verkörpern.

[...]


1 Antoni-Komar, Irene Hg. (2001): Moderne Körperlichkeit. Körper als Orte ästhetischer Erfahrung, S. 11

2 Der Inhalt des Kapitels 2 bezieht sich auf folgende Seite: Verband der Diaetologen Österreichs - Geschichtlicher Überblick. http://www.diaetologen.at/de/portal/beruf/berufsbild/geschichtlicherberblick/

3 Piller, Gudrun (2007): Private Körper. Spuren des Leibes in Selbstzeugnissen des 18. Jahrhunderts, S. 59

4 Wäscher, Cornelia (2007): Von der antiken Diätetik zur zukünftigen Ernährungstherapie und Prävention. In: Ernährungs Umschau 3/07, S. 159. http://www.ernaehrungs-umschau.de/media/pdf/pdf_2007/03_07/EU03_158_160.pdf

5 Vgl. Deutsche Gesellschaft für Gesundheit und Prävention e. V. (DGGP): 7 von 10 Personen essen zu wenig um abzunehmen. Blitzdiäten & Co. - wirksam oder gesundheitsschädigend? http://www.dggp.org/pressemitteilung/2

6 Vgl. Essen und Trinken 1950: Zeitgeschichte, Zeitzeugen und Erinnerungen. http://www.chroniknet.de/tml1_de.0.html?article=1932

7 Ulrich Cuntz, Andreas Hillert (2000): Essstörungen. Ursachen, Symptome, Therapien. S. 40

8 Vgl. Wirtschaftswundermuseum. Kochbücher der 50er Jahre. Vom Nachkriegsmangel zum Wirtschaftswunder-Überfluss. http://www.wirtschaftswundermuseum.de/kochbuecher-50er-1.html

9 Vgl. Irene Antoni-Komar (2001): Moderne Körperlichkeit. Körper als Orte ästhetischer Erfahrung, S. 6

10 Gugutzer, Robert, Hg. (2006): body turn. Perspektiven der Soziologie des Körpers und des Sports, S.57 6

11 Dreyfus, Hubert L.; Rabinow, Paul (1987): Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, S. 275

12 Vgl. Rehbein, Boike (2006): Die Soziologie Pierre Bourdieus.

13 Vgl. L. Berger, Peter; Luckmann, Thomas (2010): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: eine Theorie der Wissenssoziologie.

14 Vgl. Antoni-Komar, Irene Hg. (2001): Moderne Körperlichkeit. Körper als Orte ästhetischer Erfahrung, S. 70

Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668087491
ISBN (Buch)
9783668087507
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309972
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Volkskunde
Note
2,0
Schlagworte
Gesundheit Diät Diätwahn Schönheitsideal Modifikation Körper Gesellschaft

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Titel: Diätenwahn. Zum Verhältnis von Körperstilisierung und gesundem Menschenverstand