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Pilgerreisen im Mittelalter. Oswald von Wolkensteins Reise ins Heilige Land

Bachelorarbeit 2013 42 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gattung Reisebericht

3. Pilgerfahrt am Beispiel der Fahrt ins Heilige Land
3.1 Warum das Heilige Land?
3.2 Die Rolle der Kirche
3.3 Motive
3.4 Prestige
3.5 Reiselogistik
3.6 Ankunft und Aktivitäten vor Ort

4. Lyrische Umsetzung bei Oswald von Wolkenstein
4.1 Wer war Oswald von Wolkenstein?
4.2 Zeitgeist
4.3 Biographie
4.4 Die Reise ins Heilige Land in von Wolkensteins Liedern
4.4.1 Kl 17 und Parallelen
4.4.2 Kl 18 und Parallelen
4.4.3 Sonstige
4.5 Exkurs: Die Reise ins Heilige Land bei Mandeville

5. Authentizitätsproblematik
5.1 Oswalds Lieder als Authentizitätsbeweis
5.2 Briefentwurf an Ludwig III
5.3 Stiftung und Denkmal

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.1

Wer im Mittelalter reiste, hatte oft einen Wallfahrtsort als Ziel. Der gesellschaftliche, religiöse und touristische Wert einer Pilgerreise machte es nahezu obligatorisch, sie in schriftlicher Form festzuhalten. Der daraus resultierende Pilgerbericht nimmt in der Forschung eine Zwischenstellung ein. Nicht nur, dass er Rückschlüsse auf die Kulturgeschichte einer Gesellschaft zulässt, er ermöglicht es auch, Geschichte und Soziologie der Literatur nachzuverfolgen.2

In dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, was einen Pilgerbericht charakterisiert, wie eine typische Pilgerfahrt in das Heilige Land abläuft und wie Oswald von Wolkenstein seinen Pilgerbericht über eine solche Reise umsetzt. Ferner wird analysiert, warum seine Reisebeschreibung als authentisch anzunehmen ist und warum dies bei der Reisebeschreibung von Jean de Mandeville nicht der Fall ist. Dazu wird im zweiten Kapitel erst die Gattung charakterisiert, dann werden die verschiedenen Texttypen innerhalb des Genres mit Blick auf ihre Entwicklung und die Forschung dargestellt. Im dritten Kapitel wird der Frage nachgegangen, warum das Heilige Land seit jeher ein priorisiertes Pilgerziel ist, welche Motivationen mit einer Pilgerreise dorthin verbunden sind und wie eine entsprechende Fahrt, einschließlich der Aktivitäten vor Ort, im Mittelalter umgesetzt wird. Im Kapitel 4 wird schließlich Oswald von Wolkensteins Schilderung seiner Reise ins Heilige Land anhand seiner Lieder untersucht. Dazu wird der Protagonist vorgestellt und der damalige Zeitgeist dargestellt, um inhaltliche und historische Zusammenhänge nachvollziehbar zu machen. Anschließend folgt eine kurze Information zu den Überlieferungen der Texte Oswalds von Wolkenstein. Um ihre Lesbarkeit ansprechender zu gestalten, werden die zitierten Liedtexte mittig gesetzt. Nach der Analyse von Oswalds Texten erfolgt ein Exkurs zu Jean de Mandevilles Reise in das Heilige Land, in dem aufgezeigt wird, mit welchen Mitteln der Autor seine Reise beschreibt und aus welcher Perspektive er berichtet. Das fünfte Kapitel ist der Authentizitätsproblematik von Oswalds Texten gewidmet. Untersucht wird, was die Reise Oswalds und die dazugehörigen Lieder authentisch macht und welche Rolle hierbei historische Dokumente spielen. Abschließend werden im letzten Kapitel die Ergebnisse zusammengefasst.

2. Gattung Reisebericht

Schon der berühmte Pilger von Bordeaux, der im Jahre 333 auf dem Landweg in das Heilige Land reiste, und die Aquitanierin Aetheria, die etwa ein Jahrhundert später ihre Wallfahrt mit einem Besuch auf dem Sinai begann, hielten die Stationen ihrer Pilgerreise schriftlich fest.3

Zur Annäherung an die Gattung des Reiseberichts wird in diesem Kapitel zunächst eine allgemeine Charakterisierung anhand verschiedener Forschungspositionen vorgenommen. Die Darlegung ist mit einer Skizzierung der Entwicklung der verschiedenen Subtypen innerhalb der Gattung verbunden.

Während des Mittelalters werden Reiseberichte zwar schon als literarische Gattung angesehen, allerdings mehr im Sinne einer Eigenkunst in Bezug auf Betätigungen wie Seefahrt, Handel, topologische Erkundungen.4 Im Mittelalter führt das Verständnis von Wahrheit zu einer Wirklichkeitsauffassung, die die Verschmelzung von Phantasie und Realität erlaubt. Dies ist für die Betrachtung der Texte Oswalds von Wolkenstein und Jean de Mandevilles wichtig, da von Wolkensteins Lieder voller persönlicher Wahrnehmung, Empfindung und Meinung sind, während sich bei Mandeville in signifikanter Weise wunderbare Beschreibungen finden.5 Sein Reisebericht wurde lange Zeit fälschlicherweise als empirisches Dokument eingestuft, wohingegen der Authentizitätsanspruch von Oswalds Reise bis heute unumstritten ist. Ausführlich wird dieses Thema im Kapitel 5 behandelt.

Die neuere literaturwissenschaftliche Forschung widmet sich schwerpunktmäßig weniger jenen Reiseberichten, die Rom betreffen, als den Berichten der Jerusalemreisen.6 Der Wert dieser Pilgertexte liegt vor allen Dingen darin, dass es bei Verzicht auf eine Interpretation möglich ist, sie als „sozialhistorisch analysierbare Kulturdokumente des Spätmittelalters mit einer gesellschaftlichen Funktion“7 zu betrachten.

Die Gattungspoetik des Reiseberichts setzt sich zusammen aus der Auswahl der berichteten Gegenstände und der dazugehörigen Rechtfertigung, ferner der argumentativen Glaubhaftmachung (und der dazu notwendigen stilistischen Mittel) von Gegenständen, Beobachtungen und Erfahrungen. Werden die argumentative Glaubhaftmachung, die Beschreibung fremder Topologie und Gesellschaften sowie die authentische Darstellung von Erlebnissen zusammengefasst, kann der Reisebericht „als Dokument einer authentischen Historizität“8 betrachtet werden. Jedoch bleibt er, unabhängig vom Grad der Selbstreflexion, „an die Vermittlung einer authentischen Fremderfahrung […] gebunden“9.

Während Hippler den Pilgerbericht aus lyrischer Sicht „als eigenständige Textsorte mit ästhetischen Ansprüchen“10 wertet, sieht Neuber in ihm erkenntnistheoretisch die „ästhetische Selbstrepräsentanz des wahrnehmenden Individuums“11. Dabei ist der Reisende zugleich der Erzähler, weshalb Neuber die unauflösliche Identität von wahrnehmendem und erzählendem Ich konstatiert. Brenner definiert den Komplex von Autor, Erzähler und Erzähltem wie folgt: Im Reisebericht „sind Autor und Held der Erzählung identisch, und sie beziehen sich auf eine Wirklichkeit, deren Faktizität im authentischen Erlebten verbürgt sein soll“12. Zrenner, die von Hippler zitiert wird, betrachtet die Gattung Pilgerbericht als „eine über die Sprachgrenzen hinausreichende Einheit“13, die als geschlossene Textsorte mit typischen Merkmalen über die Standesgrenzen hinausgehe.14 Gemäß Sommerfeld lassen sich im Hinblick auf Reiseberichte, die vom Heiligen Land handeln, spezifische Charakteristika festmachen. Demnach werden typische Situationen berichtet, zu denen Stationen und der Verlauf einer Reise, der Reiseweg, das Schiffsleben sowie der Besuch heiliger Stätten und etwaige Reliquien zählen.

Neuber differenziert weiter und ordnet die Gattung Reisebericht verschiedenen Typologien zu. Dazu gehören Reiseführer und -handbücher, wissenschaftliche Reiseschriften (so seit dem 16. Jahrhundert auch Entdeckungs- und Forschungsberichte zu praktischen Zwecken), Reisetagebücher, Reiseberichte, -beschreibungen, - schilderungen, -erzählungen und zuletzt Reisenovellen.15 Gekennzeichnet ist der Progress von einer „zunehmende[n] epische[n] Strukturierung der Texte […].

Fortschritte im Beobachtungsvermögen ermöglichen […] die Verbindung von Topographie und (Auto-)Biographie [sic!] sowie die Säkularisierung des Reisens“16, zitiert Brenner Sommerfeld zusammenfassend. Handelt es sich bei den ersten Pilgerberichten noch um schlichte Tatsachennennungen, steht später der Reisende mit seinen (subjektiven) Eindrücken und Erlebnissen, über welche er erzählt, im Fokus.17 In Die deutschsprachigen Reiseberichte des Spätmittelalters erklärt Wolf die drei verschiedenen Typen von Pilgertexten genauer. Die Vorläufer der Reiseberichte über Reisen in das Heilige Land, die sogenannten descriptiones sanctae, 18 werden zunächst von europäischen Geistlichen verfasst und enthalten der biblischen Tradition entsprechende Beschreibungen der heiligen Stätten Palästinas. Sie entstehen vor der Kreuzzugszeit. Durch die Öffnung des Heiligen Landes werden die Möglichkeiten, dorthin zu pilgern, vereinfacht, wodurch sich auch Einzelpersonen der Zugang eröffnet. Ein neues Interesse wird entfacht, und es entsteht ein Bedarf an Informationen zu Lage, Logistik und Reise, was auch Material über mögliche Reiserouten, empfohlenes Verhalten im Heiligen Land und die Möglichkeiten von Ablässen19 - die in Verzeichnisform in spätmittelalterlichen Pilgerberichten zu finden sind - beinhaltet.20 Dieser Bedarf führt zur Entstehung der von Franziskaner-Mönchen meist lateinisch geschriebenen mittelalterlichen Pilgerführer, die den Texttyp 1 darstellen und nicht nur im 12. Jahrhundert viel Anklang finden, sondern auch noch im 14. und 15. Jahrhundert in aktualisierter Form verwendet werden. Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts wird dadurch ein traditionsgebundenes Bild des Nahen Ostens und der christlichen Heiligtümer festgehalten. Die Pilgerführer werden nicht exklusiv für Reisen ins Heilige Land geschrieben, sondern auch für Reisen zu anderen Pilgerzielen. Zu den Merkmalen dieser Führer gehört, dass der Autor sich nie selbst mit eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen in den Vordergrund stellt, sondern diese begleitend einbringt.21 Neuber erklärt, dass der Text dem biblischen Geschehen inhaltlich und strukturell entspricht, während die „Chronologie der Erfahrung“22 keine Relevanz habe. Die Textpassagen, Beobachtungen und Erkenntnisse des Reisenden in den Berichten seien dabei an die mittelalterlichen Darstellungsmittel gebunden. Ferner ähneln sich die Werke dieser Pilgertextsorte, da die Autoren meist jeweils von einer Vorlage abschreiben.23 Aufgrund ihrer Sachbezogenheit und der systematischen Reiseempfehlungen dienen sie am unmittelbarsten für den Reisegebrauch, denn die Leser können eine Reise anhand der Texte nachvollziehen und selbst entsprechend vorbereiten.24 Ebenfalls von Belang ist in den Reiseführern die Beschreibung der Reisestationen außerhalb des Heiligen Landes. Im Fokus stehen Lage und Beschreibung Jerusalems und der heiligen Stätten einschließlich etwaiger Legenden.25 „Sie ermöglichten, auf meditativem Wege die Pilgerfahrt übers Meer nachzuvollziehen, die Reise ins Heilige Land vorzubereiten oder aber, sich diese wieder in Erinnerung zu rufen und einen Pilgerbericht zu verfassen.“26 Das klassische inhaltliche Prinzip der Franziskaner bleibt auch später erhalten und bildet die gängige Struktur der Reisebeschreibungen im Spätmittelalter.27

Die deutsche Pilgerliteratur hat ihren Beginn Mitte des 14. Jahrhunderts. In dieser Zeit entstehen die ersten Handschriften und die ersten deutschen Übersetzungen lateinischer Texte. Sie sind von den traditionellen Pilgerberichten beeinflusst und dokumentieren vor allem Reisen aus dem deutschsprachigen Raum ins Heilige Land. Es ist noch möglich, frei von politischen bzw. kirchlichen Beschränkungen oder etwaigen Sanktionen zu reisen und unbeschwert einer Wallfahrt nachzugehen. Geschrieben wird vor allem über die Rundgänge durch das Heilige Land zu Stätten und Schauplätzen des biblischen Geschehens.28 Die Pilgerberichte beinhalten aber auch belehrende Informationen. Verfasst sind die Texte dieser Zeit unpersönlich und schematisch: Sie enthalten keine individuellen Äußerungen zum Geschehen. Auch die regionale Herkunft hat keinen wesentlichen Einfluss auf Sicht und Interessen des Schreibenden, weshalb der Pilgerbericht des 14. Jahrhunderts als Text angesehen wird, der über Standesgrenzen hinausgeht.29

Aufgrund der verbesserten praktischen und finanziellen Organisation pilgern zunehmend auch Laien, wodurch es ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu einer signifikanten Vermehrung der Pilgerberichte kommt. Dies zeigt sich daran, dass allein 65 Berichte über die Jerusalem-Wallfahrt verfasst werden, darunter viele von Geistlichen, Adligen und Bürgern.30 Waren bislang Einzelreisende oder kleine Gruppen auf den Pilgerstrecken unterwegs, gibt es jetzt vermehrt Pilgergesellschaften. Diesem Zeitraum werden die dem Texttyp 2 zugehörigen Itinerare, zugeordnet. Die Itinerare stehen im Gegensatz zu den Pilgerführern, denn der Autor schreibt zwar in der Ich- Form, muss aber nicht zwangsläufig selbst gereist sein. Im Fokus steht die Dokumentation der nur vermeintlich selbst erlebten Reise - einschließlich Informationen und Fakten über die zurückgelegten Wege, abgeschlossenen Schiffsverträge, die Reiseausrüstung und insbesondere die entstandenen Kosten.31 Die verzeichnisartigen Angaben sind stilistisch anspruchslos. Sie sind in der Regel kurz und beginnen nahezu jeden Satz mit dem Verknüpfungspartikel Item.32 Je nach sozialem Status der Reisenden wird explizit erwähnt, dass es sich um eine besonders vornehme Pilgergesellschaft handelt. Dennoch bleibt es meist bei denselben Themen; vor allem die Seereise von Venedig bis Jaffa ist fester Bestandteil des Berichts. Mit der Abfahrt von Venedig über das Meer (uber meer) beginnt die tatsächliche Pilgerfahrt und mit ihr auch die Reisebeschreibung. Die Beschreibung der heiligen Stätten entspricht aus Furcht vor der kirchlichen Zensur oft einem „offiziösen Pilgerführer“33, um der traditionellen Darstellung nicht zu widersprechen. Daher weisen die Texte dieses Typs eine hohe inhaltliche Übereinstimmung untereinander auf, enthalten aber keine Aussage darüber, was der Autor im Heiligen Land selbst gesehen und was er abgeschrieben hat. Das dünne Daten- und Faktengerüst ist oft nur noch in einer Handschrift erhalten und mitunter als Teil einer Sammelhandschrift und Familienchronik eingearbeitet.34 „Die Itinerare der adligen und bürgerlichen Pilger erfüllen die Funktion, die fromme Tat zu dokumentieren und die eigenen Nachkommen zur Nachahmung anzuregen.“35 Nur in Sonderfällen sind Pilgerführer und Itinerare poetisch ausgestaltet.

Im 16. Jahrhundert erfolgt ein Bruch mit der bisherigen Tradition, und es entwickeln sich neue Tendenzen, während die Zahl neuer Pilgerberichte abnimmt. Da es bei neu entdeckten Ländern keine Tradition gibt, auf welche sich die Autoren stützen müssen, werden jetzt vermehrt eigene Empfindungen und persönliche Beobachtungen betont, weshalb der neuzeitliche Reisebericht als empirisches Dokument verstanden wird.36

Entsprechend den individuellen Beobachtungen und Empfindungen wird der letzte Texttyp, der literarische Reisebericht, bewusst poetisch verfasst. Es handelt sich um eine Adaption zweier Traditionszusammenhänge: einerseits die der historisch- enzyklopädischen, theologischen, biblischen Vorlage und andererseits die der „literarische[n] Tradition der Aventiurefahrt“37. Moritz stellt fest, dass die Entwicklung des reinen Pilgerberichts zum Reisebericht mit anwachsendem geographischem Wissen verbunden ist und gleichzeitig die Entwicklung des reinen Abenteuerberichts erkennbar wird.38

Es zeigt sich also, daß erst mit der sprachlichen Entwicklung des 16. Jahrhunderts die einzelnen Szenen persönlich ausgestaltet und anschaulich beschrieben werden. Jetzt kommt der Reisende nicht einfach an, wie noch im höfischen Epos, sondern erfährt seine Reise als Wagnis und Abenteuer.39

Die Reiseberichte entwickeln sich im Laufe der Jahrhunderte von unpersönlichen Erzählungen und schlichten Tatsachenreihungen zu individuellen Aussagen, welche die Eindrücke und Sicht der Autoren, unabhängig vom Bildungsstand, widerspiegeln.40 Bei der literarischen Umsetzung des Erlebten werden die Formen und Stoffe der Reiseliteratur zudem von der fiktionalen Literatur aufgegriffen und verwertet.

Mit der Einführung der persönlichen Färbung, der Subjektivität, der Gefühlsäußerung, der stilistischen Verbesserungen, der korrelativen Beziehung zwischen dem Autor und dem Leser, der Spannung, der Illustrierung […], der Vermischung von Wunderbarem und der Fiktionalisierung erhalten die Reiseschriften einen neuen Charakter.41

Mit ihnen wendet sich der Autor an einen Rezipientenkreis mit einheitlich hohem Bildungsniveau, aber unterschiedlichen Erwartungen.42 Nach Wolf werden die Reiseberichte durch das Einfügen verschiedener Textformen als Kleinform in die Schilderung des Reiseverlaufs mit „punktuellen Spannungsmomenten“43, „einem (pseudo-)persönlichen [sic!] Bezug sowie ausgedehnten enzyklopädischen Exkursen“44 versehen. Falls der Autor die Reise selbst erlebt hat, ist es wahrscheinlich, dass die Berichte auf persönlichen Itineraren basieren, in welche eine große Menge weiterer Quellen zum Heiligen Land eingearbeitet werden. Der literarische Reisebericht besitzt somit einen deutlich größeren Umfang als einfache Pilgerführer und Itinerare. Wegen seines Umfangs, seiner Unhandlichkeit und Unübersichtlichkeit ist er nicht mehr al praktisches Reisebuch nutzbar, sondern lässt vermuten, dass das Hauptinteresse der Information und Unterhaltung eines Publikums, das die Berichte zu Hause liest, gilt.45 Angesicht dieses unterhaltenden Charakters erklärt Wolf, bezogen auf Mandeville, „daß eine derartige Intention in letzter Konsequenz gar keine persönliche Reiseerfahrung des Autors voraussetzt“46. Trotzdem gilt der literarische Reisebericht in Anbetracht seiner enormen Verbreitung als dominierende Reiseerzählung des Spätmittelalters. Eine Analyse von Mandevilles Reisebeschreibung erfolgt im Kapitel 4.5.47

3. Pilgerfahrt am Beispiel der Fahrt ins Heilige Land

Nach dem vorausgegangenen Überblick über die literarische Gattung Reisebericht, ihre Entwicklung und Charakteristika soll an dieser Stelle die Pilgerfahrt ins Heilige Land analysiert werden. Zuerst wird der Faktor „heilig“ erklärt, dann folgt eine Erläuterung des gesellschaftlichen Hintergrunds mit besonderem Augenmerk auf der Kirche. Im Anschluss werden die Motive der Pilger dargelegt, um explizit auf die Prestigemöglichkeit einzugehen. Mit einem umfassenden Bild über Hintergrund und Grundlagen soll schließlich veranschaulicht werden, wie eine Pilgerfahrt ins Heilige Land konkret umgesetzt wurde und welche Tätigkeiten vor Ort üblich waren.

3.1 Warum das Heilige Land?

Die Vorstellung von der Existenz heiliger Orte und deren besonderen Wirkung ist alt. Ein solcher Ort ist nicht wegen seiner Eigenschaften oder Beschaffenheit heilig, sondern aufgrund historischer und biblischer Geschehnisse. Auch der christliche Glaube spielt eine wichtige Rolle für seine Bedeutung. Je länger die Heilsgeschichte zurückliegt und je mehr sich das Christentum ausbreitet, desto größer wird der Wunsch unter den Gläubigen, selbst die Orte der Ereignisse kennenzulernen, zumal die Reise Heil für Leib und Seele verspricht.48

Eine Reise ins Heilige Land, das heißt in die Region Israels mit dem Schwerpunkt Jerusalem, gilt als „spiritueller Höhepunkt eines Christenlebens“49. Im Mittelalter stellt Jerusalem neben Rom und Santiago de Compostela das wichtigste Pilgerziel dar. Zwar verfügt Rom als Kirchenstaat über größeren kirchen- und weltpolitischen Einfluss. Aber Jerusalem besitzt eine ältere Tradition und von allen heiligen Orten die größte Bedeutung, ist es doch die Stadt, in der Jesus lebte und wirkte.50 Bereits in der Bibel gilt Jerusalem als wahrhaftige Heimat der Christen, deren Besuch das Ende menschlichen Leidens verheißt.51 Aufgrund der Glorifizierung ihrer religiösen Geschichte und wegen ihrer geographischen Lage wird die Stadt zudem als Mittelpunkt der Welt betrachtet.52 Der Reiseradius um Jerusalem dehnt sich bis auf Orte aus, die mit Jesus‘ Verwandtschaft in Verbindung gebracht werden. So gilt der Berg Sion beispielsweise als „Nabel der Welt“53. Entsprechend beinhalten Reiseberichte neben der Schilderung von Lage und Erscheinungsbild der heiligen Stätten Palästinas und Jerusalems auch eine Beschreibung der Stationen außerhalb des Heiligen Landes einschließlich der dazugehörigen Legenden und Vorstellungen.54

Bereits im 4. Jahrhundert finden erste Pilgerreisen nach Palästina statt.55 Die Pilgerfahrt ist zu jener Zeit der einzige Anlass für eine Reise, wodurch ihr enorme Bedeutung zukommt. Waren fremde Länder zuvor nur als unsichere Gebiete bekannt, gegen deren Besuch massive Einwände bestanden, wächst ab dem 7. Jahrhundert die Bereitschaft, sich neuen Impressionen und unbekanntem Terrain zu öffnen.56 Die Reisen werden schließlich zu einer Massenbewegung, die sich bis ins 11. und 12. Jahrhundert fortsetzt. Durch die verbesserte Logistik in der Organisation kommt es zu einem Anstieg der Reisenden und gleichzeitig zu einer Entwicklung innerhalb ihrer sozialen Zusammensetzung: Besteht das Pilgerpublikum im 10. und 11. Jahrhundert noch mehrheitlich aus hochadligen Personen, so handelt es sich im Spätmittelalter vor allem um Bürger und ritterliche Pilger,57 die dadurch Neues erleben, ihren Horizont erweitern und dem vorgeschriebenen Leben zu Hause entrinnen können.58 Hippler beschreibt den enormen Reisedrang dieser Zeit „als Ausdruck des Lebensgefühls einer endenden Epoche“59. Sie attestiert weiter „einen schon ganz und gar nicht mehr mittelalterlichen Wissensdurst und eine nahezu neuzeitlich anmutende Neugier“60.

3.2 Die Rolle der Kirche

Die Förderung durch die Kirche spielt bei der Reise ins Heilige Land eine wichtige Rolle, vordergründig sogar die wichtigste.61 Zu den Anreizen zählt der Nachlass von Sündenstrafen für den Besuch bestimmter Plätze und die Ableistung vordefinierter Gebete. Ferner schreibt die Kirche den aufzusuchenden Orten zu, über außergewöhnliche Kräfte zu verfügen. Demnach bleibt das Heil des besuchten Ortes nicht auf die jeweilige Wallfahrtsstätte beschränkt, sondern entfaltet sich über den Besuch hinaus im Leben des Pilgers - so die Ideologie der Kirche, die ihre Ideen seit Beginn der Pilgerfahrten im christlichen Glauben manifestiert.62 Pilgerfahrten werden gerne im Sinne der Kirche und des christlichen Gewissens als „Gottesdienst außer Landes“63 bezeichnet. Die zunächst noch religiösen Motive für die Reise ins Heilige Land sind Folge eines „Heiligen-, Reliquien- und Wunderglaubens, der durch entsprechende Berichte systematisch propagiert wurde“64. Die Reliquien dienen nicht nur als Reisesouvenir, sondern entsprechen auch dem Wunsch, einen Teil der Heilserfahrung selbst mit nach Hause zu nehmen, da die Besucher auf ihre Wirkung im Alltag hoffen.65 Das Bedürfnis, eine Reliquie als Zeugnis des einmaligen Erlebnisses mitnehmen zu können, gründet darüber hinaus auf dem hohen finanziellen Aufwand für die Reise.66 Mit der einhergehenden Verweltlichung der Pilgerreise kommt es ab dem 15. und 16. Jahrhundert schließlich sukzessive zum „Sakraltourismus“67.

Reisemotive ohne religiösen Hintergrund werden in den ersten Reiseberichten nicht explizit erwähnt, da die Reise im kirchlichen Sinne keine aventiure ist. Nach Auffassung der Kirche soll das Pilgerwesen zwar das religiöse Bewusstsein der Pilger stärken, aber wirtschaftliche Interessen spielen dennoch eine wichtige Rolle. Die Pilgermassen sorgen für erhebliche Spendeneinnahmen. Bereits die päpstliche Erlaubnis, nach Jerusalem pilgern zu dürfen, ist mit einer Gebühr verbunden.

[...]


1 Matthias Claudius, deutscher Dichter (1740-1815).

2 Vgl. Hippler, Christiane: Die Reise nach Jerusalem. Untersuchungen zu den Quellen, zum Inhalt und zur literarischen Struktur der Pilgerberichte des Spätmittelalters (Diss. Univ. Heidelberg 1984). Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang, 1987, S. 35.

3 Hippler, C.: Die Reise nach Jerusalem, S. 106.

4 Vgl. Neuber, Wolfgang: Zur Gattungspoetik des Reiseberichts. Skizze einer historischen Grundlegung im Horizont von Rhetorik und Topik. In: Brenner, Peter J. (Hrsg.): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989, S. 55f.

5 Vgl. Brenner, Peter J.: Der Reisebericht in der deutschen Literatur. Ein Forschungsüberblick al Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte. In: Frühwald, Wolfgang (Hrsg.): 2. Sonderheft Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Tübingen: Max Niemeyer, 1990, S. 62.

6 Vgl. ebd., S. 50.

7 Wolf, Gerhard: Die deutschsprachigen Reiseberichte des Spätmittelalters. In: Brenner, Peter J.: Der Reisebericht (Hrsg.): Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989, S. 85.

8 Neuber, W.: Zur Gattungspoetik des Reiseberichts, S. 54.

9 Ebd., S. 54.

10 Hippler, C.: Die Reise nach Jerusalem, S. 36.

11 Neuber, W.: Zur Gattungspoetik des Reiseberichts, S. 50.

12 Brenner, P.: Der Reisebericht in der deutschen Literatur, S. 77.

13 Hippler, C.: Die Reise nach Jerusalem, S. 97.

14 Vgl. ebd., S. 97.

15 Vgl. Neuber, W.: Zur Gattungspoetik des Reiseberichts, S. 51. 4

16 Bremer, Ernst: Spätmittelalterliche Reiseliteratur - ein Genre? Überlieferungssymbiosen und Gattungstypologie. In: von Erzdorff, Xenia / Neukirch, Dieter (Hrsg.): Reisen und Reiseliteratur im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Amsterdam: Chloe, 1992, S. 332.

17 Vgl. Neuber, W.: Zur Gattungspoetik des Reiseberichts, S. 50f.

18 Vgl. Wolf, G.: Die deutschprachigen Reiseberichte des Spätmittelalters, S. 86.

19 Vgl. ebd., S. 86.

20 Vgl. Hippler, C.: Die Reise nach Jerusalem, S. 68.

21 Vgl. Neuber, W.: Zur Gattungspoetik des Reiseberichts, S. 56.

22 Ebd., S. 56.

23 Vgl. Wolf, G.: Die deutschprachigen Reiseberichte des Spätmittelalters, S. 87.

24 Vgl. ebd., S. 87.

25 Vgl. Hippler, C.: Die Reise nach Jerusalem, S. 109.

26 Ebd., S. 130.

27 Vgl. ebd., S. 130.

28 Vgl. Brenner, P.: Der Reisebericht in der deutschen Literatur, S. 58.

29 Vgl. Hippler, C.: Die Reise nach Jerusalem, S. 97. 6

30 Vgl. Wolf, G.: Die deutschprachigen Reiseberichte des Spätmittelalters, S. 86.

31 Ebd., S. 88f.

32 Ebd., S. 106f.

33 Ebd., S. 88.

34 Vgl. ebd., S. 88f.

35 Ebd., S. 106.

36 Vgl. ebd., S. 108.

37 Wolf, G.: Die deutschprachigen Reiseberichte des Spätmittelalters, S. 89.

38 Vgl. Moritz, Reiner: Untersuchungen zu den deutschsprachigen Reisebeschreibungen des 14.-16. Jahrhunderts (Diss., Univ. München 1970). Grünwald: Dissertationsdruck Novotny jr., 1970, S. 14.

39 Ebd., S. 107.

40 Vgl. Brenner, P.: Der Reisebericht in der deutschen Literatur, S. 73f.

41 Ebd., S. 75.

42 Vgl. Wolf, G.: Die deutschprachigen Reiseberichte des Spätmittelalters, S. 107.

43 Ebd., S. 107.

44 Ebd., S. 89.

45 Vgl. Wolf, G.: Die deutschprachigen Reiseberichte des Spätmittelalters, S. 89.

46 Ebd., S. 89.

47 Ebd., S. 89.

48 Vgl. Penth, Sabrina: Die Reise nach Jerusalem. Pilgerfahrten ins Heilige Land. Darmstadt: Primus, 2010, S. 8.

49 Wolf, G.: Die deutschprachigen Reiseberichte des Spätmittelalters, S. 82f. 9

50 Vgl. Hippler, C.: Die Reise nach Jerusalem, S. 50.

51 Vgl. ebd., S. 40.

52 Vgl. Penth, S.: Die Reise nach Jerusalem, S. 11.

53 Hippler, C.: Die Reise nach Jerusalem, S. 44.

54 Vgl. ebd., S. 109.

55 Vgl. Brenner, P.: Der Reisebericht in der deutschen Literatur, S. 41.

56 Vgl. Wolf, G.: Die deutschprachigen Reiseberichte des Spätmittelalters, S. 82.

57 Vgl. Brenner, P.: Der Reisebericht in der deutschen Literatur, S. 52.

58 Vgl. Hippler, C.: Die Reise nach Jerusalem, S. 78. 10

59 Hippler, C.: Die Reise nach Jerusalem, S. 85.

60 Ebd., S. 85.

61 Vgl. Brenner, P.: Der Reisebericht in der deutschen Literatur, S. 49.

62 Vgl. Penth, S.: Die Reise nach Jerusalem, S. 8.

63 Vgl. Hippler, C.: Die Reise nach Jerusalem, S. 64.

64 Brenner, P.: Der Reisebericht in der deutschen Literatur, S. 43.

65 Vgl. Penth, S.: Die Reise nach Jerusalem, S. 15f.

66 Vgl. ebd., S. 11f.

67 Brenner, P.: Der Reisebericht in der deutschen Literatur, S. 43. 11

Details

Seiten
42
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668083479
ISBN (Buch)
9783668083486
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309963
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
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