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Die Rolle der Schule im Prozess der Reproduktion Sozialer Ungleichheit

Hausarbeit 2015 16 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Habitus und Kapital als Ausgangspunkt für die Reproduktion sozialer Ungleichheit.
2.1 Kapitaltheorie
2.2 Habitus

3. Erklärungsansätze der Fortschreibung und Legitimation sozialer Ungleichheit im Bildungswesen
3.1 Meritokratische Ideologie und formale Gleichheit als Grundlage der Leistungsbewertung
3.2 Zu frühe Selektionsmechanismen als Wegweiser in eigene Milieu

4. Bourdieus Plädoyer für die rationale Pädagogik von der KiTa bis zur Hochschule. .

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die enorme Bedeutung von Bildung in unserer Gesellschaft ist unbestreitbar. Dabei ist nicht erst seit der Pisa Studie bekannt, dass die soziale Herkunft über die Bildungschancen entscheidet. Vielmehr ist die Forderung nach der Herstellung sozialer Gerechtigkeit im Bildungswesen, schon seit den 1960er Jahren eine nicht abgegoltene Forderung. In Folge der Pisa Studie geriet dieses Thema, dadurch dass die belegenden Daten empirisch erfasst und die Ergebnisse der verschiedenen OECD-Staaten miteinander verglichen wurden, erneut in den öffentlichen Diskurs. Dabei fiel nicht nur auf, dass Deutschland im Vergleich weit hinten liegt, sondern auch, dass in Familien über Generationen hinweg ein bestimmter sozioökonomischer Status bestehen bleibt, die Sozialstruktur somit reproduziert wird. Während von der Bildungsexpansion der 60er Jahre vor allem Mädchen, sowie Kinder aus ländlichen Regionen profitierten, blieb die Chancenungleichheit von Kindern aus sozial unteren Schichten bestehen. So kommt es, dass in Deutschland 77% der Akademikerkinder, bei denen mindestens ein Elternteil einen Hochschulabschluss hat, ebenfalls studieren, jedoch lediglich 23% der Nichtakademikerkindern die Hochschule besuchen (Vgl. Maurer 2015, S. 15). Unumstritten ist dabei die Funktion des Schulsystems als Ort der Selektion, das den Rahmen für die Reproduktion sozialer Ungleichheit bietet. Die Folgen der Ungleichheit sind dabei zu betrachten, denn der formale Schulabschluss entscheidet über die Berufschancen und somit über das Einkommen, den sozialen Status und die Lebensgestaltung. Zudem beeinflusst dies das Wohlbefinden sowie die physische und psychische Gesundheit einer Person. Denn in unserer Gesellschaft, hat es die obere Schicht leichter, wohingegen die Untere durch Notwendigkeit bestimmt ist, da diese stets vom Kampf um die Existenz geprägt ist (Vgl. Baumgart 2008, S. 199). Die Folgen von Bildungsungleichheiten machen es erforderlich das Bildungssystem zu betrachten, um die Mechanismen, die die Ungleichheit fördern, aufzudecken, um daran arbeiten zu können und um diese im besten Falle zu beseitigen.

In Anlehnung an die Theorien des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, den man der kritischen Gesellschaftstheorie zuordnen kann, beschäftigt sich diese Arbeit damit, inwieweit die soziale Herkunft die schulische Laufbahn bestimmt. Bereits 1972 zeigte dieser in Zusammenarbeit mit Jean-Claude Passeron, in dem Werk „Die Illusion der Chancengleichheit“, dass ein enger Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem Bildungserfolg eines Menschen liegt. Bourdieu, der selbst Kind eines Landwirtes war, kritisiert das meritokratische Prinzip der Schule, dass unter dem Schein der Gerechtigkeit und Gleichstellung aller Schüler, eine Auslese betreibt, die die herkunftsbedingte Ungleichheit sanktioniert, indem es das „Versagen“ als Mangel an Intelligenz und Talent abstempelt.

Im Folgenden werden, basierend auf der Kategorie des kulturellen Kapitals, sowie der Habitustheorie, die Selektionsmechanismen aufgedeckt, die zur Reproduktion der Sozialen Ungleichheit beitragen. Dabei werden unter anderem die frühen Selektionsmechanismen nach der Grundschule, sowie die Prinzipien der Leistungsbewertung in den Blick genommen. Den Schlussteil dieser Arbeit bildet der Lösungsvorschlag Bourdieus, Chancengleichheit herzustellen, indem von der Kita bis zur Hochschule eine rationale Pädagogik eingeführt wird.

2. Habitus und Kapital als Ausgangspunkt für die Reproduktion sozialer Ungleichheit

Um zu begreifen wie Soziale Ungleichheit entsteht und welche Positionen eine Person in der Gesellschaft einnehmen kann, hat Bourdieu die Kapitaltheorie, sowie die Theorie des Habitus ausgearbeitet. Er sieht den Kapitalbesitz einer Person, sowie deren Habitus als soziales Schicksal, das als Ausgangspunkt für die Reproduktion sozialer Ungleichheit gesehen werden kann. Sie bestimmen den Rahmen von Möglichkeiten und damit auch den Bildungsweg einer Person. Was unter diesen Begriffen zu verstehen ist, wird in den nächsten Abschnitt erklärt.

2.1 Kapitaltheorie

In seiner Theorie löst sich Bourdieu von dem rein ökonomischen Kapitalbegriff von Karl Marx und führt zusätzlich neue Kapitalformen ein, um die Komplexität der gesellschaftlichen Unterschiede untersuchen und bestimmen zu können. Bourdieu definiert Kapital als „akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Material oder in verinnerlichter, inkorporierter, Form“ (Bourdieu 2008, S. 217). Dabei kann man grundlegend drei Arten des Kapitals unterscheiden: Das Ökonomische, das Kulturelle und das soziale Kapital. Weiter gibt es noch das Symbolische Kapital, das als eine Art „Prestige“ zu verstehen ist.

Deren Verfügung, die im Ganzen als Kapitalvolumen beschrieben wird, bestimmt über die Position von Individuen und Gruppen im Sozialen Raum, und damit über die soziale Position in der Gesellschaft.

In Bezug auf die Reproduktion Sozialer Ungleichheit im Schulsystem, ist vor allem das Kulturelle Kapital, und hier speziell das inkorporierte Kulturelle Kapital, von großer Bedeutung, vollständigkeitshalber werden zunächst aber alle Kapitalformen kurz dargestellt.

Das ökonomische Kapital ist der Besitz eines Menschen, der direkt in Geld konvertierbar ist. Es ist von Person zu Person, und damit auch von der einen Generation auf die Nächste, übertrag- und vererbbar. Somit sind beispielsweise finanzielles Vermögen in Form von Geld, Autos oder Häusern, Erscheinungsformen des ökonomischen Kapitals (Vgl. Bourdieu 2008, S. 218).

Das soziale Kapital dagegen, ist nicht von materieller Form, sondern das Kapital an sozialen Verpflichtungen oder Beziehungen (Vgl. Bourdieu 2008, S. 218). Diese können oftmals von Vorteil sein, da soziale Kontakte einen Zugang zu Bereichen des sozialen und gesellschaftlichen Lebens bieten können, wie etwa das Vermitteln eines Jobs, oder die Unterstützung bei der Lösung von Problemen.

Das kulturelle Kapital lässt sich nochmals in drei Formen unterscheiden: in inkorporiertes, institutionalisiertes sowie objektiviertes kulturelles Kapital.

Inkorporiertes Kulturkapital setzt einen selbstständigen und aktiven Verinnerlichungsprozess voraus, wobei man vor allem Zeit investieren muss, da es nicht durch reine materielle Vererbung oder Kauf erworben werden kann. Das Delegationsprinip ist deshalb ausgeschlossen (Vgl. Bourdieu 2001, S. 114). Diese Akkumulation von Kultur und Sprache ist das Resultat von Bildung, weshalb Bourdieu es auch als Bildungskapital bezeichnet. Der Besitz davon wird zum festen Bestandteil einer Person, zum Habitus, der im folgenden Abschnitt erläutert wird (Vgl. Bourdieu 2001, S. 114). Die Primärerziehung spielt dabei eine wichtige Rolle, da diese ein bestimmtes kulturelles Kapital und einen Ethos vermittelt (Vgl. Bourdieu 2001, S. 114), wobei sie sich entweder, fördernd, in Form von einem Bildungsvorsprung, oder hemmend, in Form eines Bildungsrückstands, äußern kann. Grund dafür ist, dass in der Schule eine gewisse Kultur, wie zum Beispiel ein bestimmtes Sprachniveau, verlangt wird und somit in die Benotung mit einfließt.

Institutionalisiertes Kulturkapital ist die „Objektivierung von inkorporiertem Kulturkapital in Form von Titeln“ (Bourdieu 2001, S. 118), beispielsweise als Universitätsabschluss. Durch Titel wird das inkorporierte Kapital sichtbar und dessen Besitzer erlangt Anerkennung.

Das objektivierte Kulturkapital existiert in Form von kulturellen Gütern, wie beispielsweise Bilder, Instrumente oder Bücher. Als materielles Gut ist es von Mensch zu Mensch übertragbar. Um dessen Wert jedoch zu nutzen bedarf es inkorporiertem kulturellem Kapital. Des weiteren bedarf es für die Aneignung gegebenenfalls dem Vorhandensein von ökonomischem Kapital, wenn man es nicht vererbt bekommt.

Die Bildungschancen eines Kindes stehen sehr in Abhängigkeit mit dem Kapitalbesitz, dass es von seiner Familie übermittelt bekommt, wobei für den Bildungsweg vor allem das Kulturkapital von großer Bedeutung ist. Dieses ist von Familie zu Familie unterschiedlich und vom Milieu geprägt. So nehmen zum Beispiel Kinder, die aus der sozialen Unterschicht stammen, in ihren ersten drei Lebensjahren, pro Monat circa 500 neue Wörter auf, wohingegen Kinder aus der Oberschicht ihren Wortschatz monatlich um 1100 Wörter erweitern (Vgl. Maurer 2015, S. 19-20).

Die impliziten Bildungsprozesse in Kindheit und Jugend gehen [...] aus den allgemeinen Sozialisationserfahrungen hervor; die wichtigste Lernform ist hierbei das mimetische Lernen - Lernen durch Praxis, durch Nachmachen und Mittun, durch Aneignung von Routinen und Gewohnheiten und durch die entsprechende Entwicklung von Denk- und Wahrnehmungsmustern, Urteils- und Handlungsmustern (Liebau 2009, S. 47).

Die soziale Vererbung kann entweder zum Bildungsprivileg, oder zum Bildungsdefizit, führen, da bei Schuleintritt eine gewisse, „gehobenere“ Kultur vorausgesetzt wird. Aus der Sichtweise Bourdieus erleuchtet das Handeln einer Person im sozialen Raum als sein soziales Schicksal, beziehungsweise als das Ergebnis einer schichtspezifischen Sozialisation, auf die die Person nur sehr begrenzt Einfluss nehmen kann (Vgl. Baumgart 2008, S. 199).

Zwischen der sozialen Position und dem Lebensstil einer Person besteht ein enger Zusammenhang, der durch den Habitus zu erklären ist. Was eben dieser Habitus ist, der ein wichtiger Kernpunkt in der Theorie Bourdieus ist, wird im folgenden Kapitel deutlich.

2.2 Habitus

Mit der Habitustheorie Bourdieus lässt sich erklären wie es zu bestimmten Motivationen, Einstellungen und Erwartungen bei einer Person kommt. Der Habitus ist das Produkt der inkorporierten Geschichte und baut auf früheren Erfahrungen auf, wobei er sich in Form von Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsschemata äußert (Vgl. Bourdieu 1999, S. 101). Er ist also eine allgemeine Grundhaltung gegenüber der Welt und bestimmt zum Beispiel den Geschmack, die Sprechweise und das Auftreten einer Person (Vgl. Bourdieu 2001, S. 165). Er fungiert als Vermittlungsglied zwischen der Position im sozialen Raum und spezifischen Praktiken, Vorlieben usw. (Vgl. Bourdieu 2008, S. 206). Es gibt also typische Verhaltensweisen, die ein bestimmter Habitus erlaubt. Die Ausbildung des Habitus steht dabei in einem engen Bezug zur Sozialisation, d.h. mit der Übernahme von gesellschaftlich bedingten Verhaltensweisen. Dabei liegt die Gewichtung auch wieder bei der Primärsozialisation, da dort die äußeren gesellschaftlichen und milieuspezifischen Bedingungen von den Eltern übernommen werden.

Dadurch ist die Ausbildung des Habitus von der Position des Akteurs im sozialen Raum abhängig. Dabei schlagen sich soziale Strukturen im Habitus nieder und beeinflussen nachhaltig die Persönlichkeitsentwicklung (Vgl. Kramer/Helsper 2010, S. 106). Bourdieu unterscheidet drei klassenspezifische Habitusformen: die herrschende Klasse, die viel ökonomisches oder kulturelles Kapital besitzt, die mittlere Klasse, die sich durch Bildungsbeflissenheit auszeichnet, d.h., dass sie der Kultur der herrschenden Klasse nacheifert, und zuletzt die untere Klasse, die durch Notwendigkeit bestimmt ist (Vgl. Van Essen 2013, S. 37). Der Habitus bildet ein System von Grenzen und Möglichkeiten und kann beispielsweise mit Nähe oder Ferne zur schulischen Bildungsnorm und Anforderungsstruktur einhergehen (Vgl. Kramer / Helsper 2010, S. 107). Kapitalbesitz, Positionierung und Habitus bilden eine Struktur der Bedingungen, aus denen letztlich Chancen und Grenzen der Lebensgestaltungen entstehen und aus denen sich folglich das Möglichkeitsfeld einer Person bildet (Vgl. Van Essen 2013, S. 18). Zu diesem Möglichkeitsfeld gehört auch der Bildungsweg, der gewissermaßen schon vorbestimmt ist, da Habitus und Kapitalbestiz im Schulsystem festgeschrieben und soziale Ungleichheit legitimiert wird. Wie dies geschieht wird im nächsten Kapitel erläutert.

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668082649
ISBN (Buch)
9783668082656
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309918
Institution / Hochschule
Katholische Fachhochschule Mainz
Note
1,0
Schlagworte
Soziale Arbeit Bourdieu Soziale Ungleichheit Soziologie Pädagogik Schule Reproduktion Sozialer Ungleichheit Kapitaltheorie Habitus Selektion rationale Pädagogik Bildung Bildungschancen

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Titel: Die Rolle der Schule im Prozess der Reproduktion Sozialer Ungleichheit