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Konfessionelle Aspekte im niederländischen "Elckerlijc" und dem "Hecastus" von Hans Sachs. Ein Vergleich

Hausarbeit 2015 21 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Elckerlijc
2.1. Grundlegendes und Kontext
2.2. Struktur und Figuren
2.3. Sakramentsfrömmigkeit im Elckerlijc

3. Hecastus des Hans Sachs
3.1. Grundlegendes und Kontext
3.2. Struktur und Figuren
3.3. sola fide – Position im Hecastus

4. Fazit
4.1. Vergleich hinsichtlich konfessioneller Aspekte
4.2. Schlusswort

5. Literatur

Primärliteratur:

Sekundärliteratur:

1. Einleitung

Das literarische Motiv, um das es im Folgenden geht, begeistert auf den Salzburger Festspielen jährlich noch immer die Zuschauer. Dabei beruht Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ auf einem Stück, viel älter als die Spiele selbst, dessen Ursprünge bis in die burgundische Epoche zurückreichen.[1] Seitdem hat es zwar zahlreiche Neubearbeitungen erfahren, dennoch konzentriert sich das Geschehen damals wie heute auf eine Situation von religiöser Relevanz: Im Angesicht des Todes wird der Mensch vor eine Entscheidung gestellt, die lediglich zwei Möglichkeiten bereithält:„Verweigerung und ewige Verdammnis oder Buße und ewige Seligkeit?“.[2] Fakt ist, dass sich die verschiedenen Bearbeitungen des Jedermann-Stoffes hinsichtlich bestimmter Aspekte unterscheiden; schließlich lassen sich darin die jeweiligen konfessionellen Positionen ihrer Verfasser erkennen.

Der niederländische Elckerlijc, der als ursprüngliche Fassung und erste Niederschrift (ca. 1475) des Jedermann gehandelt wird, steht noch voll und ganz im geistigen Bereich des vorreformatorischen Mittelalters und seiner Moralitätentradition.[3] Der Hecastus des Hans Sachs ist die ins Deutsche übersetzte und wiederum veränderte Version des Stückes von Georgius Macropedius’ Hecastus (Gr.: Jeder Einzelne), der im Rückgriff auf den ndl. Elckerlijc entstand.[4] Hans Sachs schrieb das Schauspiel wiederum während einer Zeit nieder, in welcher der neue protestantische Geist erschien.[5] Sein Stück steht demnach in der geistigen Tradition der reformkatholischen Bewegung nach Luther. Der niederländische Elckerlijc und der Hecastus des Hans Sachs sind dementsprechend in sehr verschiedenen zeitlichen Kontexten entstanden. Wenn auch die Verfolgung des Jedermann-Motivs durch die Epochen nicht viel zum Verständnis zeitbedingter Bewusstseins- und Glaubenslagen beiträgt, so erkennt man in den verschiedenen Bearbeitungen doch die Haltung des Verfassers bezüglich der Erlangung des ewigen Heils bzw. seiner Vorstellung eines guten Sterbens.[6] Konkret werden diese Positionen, untersucht man das jeweilige Stück auf Aspekte, die zur Heilsgewinnung nötig bzw. nicht nötig sind; Bußfrömmigkeit, die Rolle der Sakramente, der guten Werke, des Glaubens und des Priesteramtes sind Faktoren, die hierbei eine wichtige Rolle spielen. Schließlich eigneten sie sich schon früher als Streitpunkte, dem jeweiligen Autor die Verbreitung von Irrlehren zu unterstellen. Bereits damals galt die Moralität vor allem anderen als moraltheologische Aussage, „ als Darstellungsform eine dialogisierte Fortentwicklung der Kirchenpredigt, die statt von Tugenden und Lastern zu sprechen, Tugenden und Laster personifiziert und selbst sprechen lässt “.[7]

Diese Personifikationen - sind sie doch so bezeichnend für die Gattung der Moralität - sollen ebenso in Hinblick auf ihre Rolle in der Heilsgewinnung untersucht werden und zusammen mit den genannten konfessionellen Aspekten als Vergleichspunkte dienen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem niederländischen Elckerlijc und dem Hecastus des Hans Sachs sichtbar zu machen.

2. Elckerlijc

2.1. Grundlegendes und Kontext

Der erste Jedermann stammt aus dem spätmittelalterlichen Brabant.[8] Elckerlijc ist ein „ mit nüchternem Ernst und pointiertem Witz gestaltetes Spiel“ vom Sterben eines Menschen.[9] Die Hauptfigur begegnet plötzlich dem Tod, welcher sie als Bote des Allmächtigen, auffordert, ihr diesseitsverfallenes Leben vor Gott zu verantworten. Sie erkennt, dass ihr Leben über das Schicksal ihrer Seele im Jenseits entscheiden wird. Dennoch wird sie am Ende in den Himmel aufgenommen.

Das kürzeste Bühnenstück der spätmittelalterlichen Niederlande entsprang der Feder eines Rederijkers. Das Wort „Rederijker“ stammt vom griechischen rhetorikos und bedeutet so viel, wie „Jemand, der die Rhetorik betreibt“.[10] Es handelt sich hierbei um einen Zusammenschluss von Dichtern bzw. Freunden der Beredsamkeit, die nach dem Vorbild nordfranzösischer Puys (lat. Podium) ihre Kunst aus Werken der Frömmigkeit mit Dichtung und Theater vernetzten.[11] Regelmäßig fanden unter den Zünften Wettkämpfe statt, bei denen es um Preisfragen ging, die den Glauben bzw. das Wissen um christliches Leben und Sterben betrafen (z.B. „Was ist der größte Trost in der Stunde des Todes?“).[12] Jene Inhalte unterstreichen die Frömmigkeit der Rederijker und verdeutlichen, dass sie „ihre Kunst nicht nur als öffentliche Spielerei, sondern als repräsentative Plattform weltanschaulicher Fragestellungen“ verstanden.[13]

Ihr Eckerlijc gilt als Musterbeispiel einer dramatisierten Moralität und ältester Text seiner Gattung.[14] Die Moralität ist der Prototyp des allegorischen Schauspiels, das ein im 14. Jahrhundert neu entstandener Typ des religiösen Dramas ist.[15] Hier wurden am Beispiel frei erfundener Geschichten abstrakte Lehrinhalte vermittelt, die in eine von Personifikationen getragene Handlung übertragen wurden: spel van sinne, pflegte es das niederländische Theater des 15. und 16. Jahrhunderts zu nennen, was man mit „Spiel der Bedeutung“ übersetzen könnte.[16] Dieser Begriff bezeichnet bereits das Allegorische, wonach gemäß mittelalterlichen Verständnisses alles Wahrnehmbare im Diesseits immer auf eine andere, nicht sichtbare Bedeutung, d.h. auf eine verborgene geistige Ebene, auf den allegorischen Sinn, letztlich auf die geheime Sprache Gottes verweist.[17] Das Wesentliche der Allegorie besteht in der Verdinglichung des Abstrakten.[18] Damit eine Übertragung auf die Bühne gelingt, bedarf es der theatralischen Umsetzungstechnik der Personifikation.[19]

2.2. Struktur und Figuren

Personifikationen bewirken eine Materialisation nicht materieller Gegebenheiten, welche ganz verschiedener Natur (theologischer, psychologischer etc.) sein können. Diese Materialisation vollzieht sich auf zwei Ebenen: Die Figur agiert auf der (wörtlichen) Ebene des Geschehens und verweist zugleich auf die Ebene der Bedeutungen des abstrakten Inhalts, die sie selbst verkörpert.[20] Sind Personifikationen nicht von sich aus auszumachen, werden sie auf der Bühne durch entsprechende Anreden von Mitspielern oder durch Tituli gekennzeichnet, so dass der permanente Wechsel zwischen wörtlichem und übertragenem Sinn im Verständnis des Publikums funktioniert.[21]

Im Eckerlijc zeigt sich dies gleich zu Beginn: Wenn Gott über die lästerliche Lebensweise der Menschen zürnt, verwendet er in einer Reihe mit den Synonymen „ smenschen persone “ (Menschengeschlecht), „ tvolc “ (Volk) und das individualisierende „ elckerlijc “, jeden Einzelnen von Allen.[22] Von ihm fordert er Rechenschaft und bittet den Tod, zu ihm zu gehen. Ob der Auftrag schon die personalisierte Einzelfigur adressiert oder ob es sich noch um das Abstraktum „jedermann“ handelt, ist hier nicht auszumachen, da das Wort (außer am Versanfang) durchgehend klein geschrieben wurde. Grundsätzlich gibt es zwei Gebrauchsmöglichkeiten des Wortes „ elckerlijc“: Eine individualisierende und eine generalisierende.[23] Da sich das Mittelalter durch einen starken Gemeinschaftsgedanken auszeichnet, ist elckerlijc jedoch eher die generalisierende Bedeutung zuzuschreiben.[24] Schließlich wird in jenem Augenblick, da der Tod die Hauptfigur sieht und mit dem Namen elckerlijc anspricht, die zuvor von Gott beklagte Sündhaftigkeit aller Menschen auf den Körper der Rollenfigur übertragen.[25]

Prinzipiell wird der Elckerlijc von zwei sich überlagernden „Handlungsmodellen“ strukturiert: die religiöse Reise („ pelgrimagie“) und der Rechtsgang, ein im Titel durch „ ghedaecht“ angekündigtes Verfahren. Die Pilgerreise ist ein Bußgang mit dem Ziel reuiger Umkehr und Sündenvergebung. Der Rechenschaft fordernde Gott knüpft an seine Vorladung die Bedingung dieser „ pelgrimagie “. Weil er Rechenschaft fordere, müsse Jedermann eben einen solchen Bußgang antreten – so erläutert auch der Tod als Gerichtsbote die Bedeutung von „ rekeninghe “ (v. 85-89).[26]

Oec moetti aen nehmen sonder verdrach

een pelgrimagie, die niemant en mach

weder keeren in gheender manieren.

Brengt u ghescriften ende pampieren

met u ende oversietse bedachtlich.

Der Rechtsgang besteht aus Anklage, Festsetzung des Gerichtstermins, Vorladung durch den Gerichtsboten, Wahl eines Fürsprechers als Vertreter des Beklagten und dem Gericht, das die Aussage des Beklagten und den Urteilsspruch umfasst.[27]

Die bedrohliche Vorladung impliziert das Sühneangebot, die Möglichkeit der Umkehr, die auch der unvorbereitete Tod noch bereithält. Das aktive Handeln des Beklagten wird über Erlösung oder Verdammung seiner Seele entscheiden.

So bittet elckerlijc mehrere Figuren, ihm auf seiner Reise ohne Rückkehr Beistand zu leisten: Gheselscap (Freundeskreis) sowie Vrient, Maghe, Neve (Verwandtschaft), Tgoet (Besitz), Duecht (Tugend), Kennisse (Erkenntnis), Vroetscap (Weisheit bzw. Klugheit), Cracht (Kraft), Schoonheyt (Schönheit) und Vijf sinnen (fünf Sinne).

Auf Letztere verweist Die doot (Der Tod) bereits, als er von god (Gott) gesandt zu elckerlijc geht und ihn im Namen des Herrn auffordert, Rechenschaft abzulegen und eine Reise anzutreten (v. 145f):

Hoe sidi aldis onvroet,

elckerlijc, daer ghi hebt vijf sinnen,

dat ghi soe onsuver sijt van binnen

Ende ic so haestelijc come conversien

Im späteren Verlauf des Stückes treten Vijf sinnen selbst als Personifikationen auf die Bühne (v. 641-804). Sie umfassen die Gesamtheit der sinnlichen Fähigkeiten, die „Wahrnehmen, Unterscheiden und Erkennen durch die intellektuellen Seelenkräfte unterstützen“.[28] Die entsprechenden Funktionen der Sinneswerkzeuge setzen das Individuum in Verbindung mit der Außenwelt, d.h. die Sinne sind zugleich Schutz- und Einfallstore weltlicher Verführung. Ihre nützliche oder schädliche Wirkung hängt vom richtigen oder falschen Gebrauch durch den Menschen ab.[29] Die fünf Sinne erfüllen im Elckerlijc gewissermaßen eine Ratgeberfunktion, indem sie der Hautpfigur bzw. dem Publikum ihr Wissen über die Sakramente und das Priesteramt bereitstellen.[30] (v. 668-706:)

[...]Ten is keyser, coninc, hertoghe of grave,

die van gode hebben alsulcken gave

als die minste priester dort alleene.

Van alden sacramenten reene

Dracht hie den slotel, aldoer bereyt

Tot des menschen salicheyt,

die ons god teender medecijne

gaf uuter herten sijne

hier in desen aertschen leven.

Die heylighe sacramenten seven:

doopsel, vormsel priesterscap goet

ende tsacrament, god vleesch ende bloet

huwelijc ende theylich olyzel met.

Dat zijn die seven onbesmet,

sacramenten van groter waerden.

Die Figur des Gheselscap macht sich, nachdem sie elckerlijc zunächst Treue bis in den Tod geschworen hatte, unumwunden aus dem Staub, als sie gewahr wird, dass er sie hier tatsächlich um den Beistand auf einer Reise bis in den Tod, bittet (v. 259f).

[...]


[1] Vgl. Clara Strijbosch, Ulrike Zellmann: Elckerlijc –Jedermann. Münster 2013, S. 79.

[2] Ebd., S. 83.

[3] Vgl. ebd., S. 99.

[4] Vgl. ebd., S. 94/59.

[5]Ein comedi von dem reichen sterbenden Menschen, Hecastus genant“ von Hans Sachs, wurde 1549 gedruckt. Ebd. S. 59.

[6] Vgl. auch Helmut Wiemken (Hrsg.): Vom Sterben des reichen Mannes: die Dramen von Everyman, Homulus, Hecastus und dem Kauffmann/ nach Drucken des 16. Jahrhunderts. Bremen 1965, S. XI.

[7] Ebd., S. XII.

[8] Strijbosch/Zellmann, Vorwort.

[9] Ebd.

[10] Brockhaus Enzyklopädie in 15 Bänden. F.A. Brockhaus, 11. Band, Mannheim 1998, S. 434.

[11] Strijbosch/Zellmann, S. 79.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Bart Ramakers: Allegorisch toneel. Overvelvering en benadering, in: Spel en Spektakel. Middeleeuws toneel in de Lage Landen. Hrsg. v. Hans van Dijk und Bart Ramakers, Amsterdam 2001 (Neederlandse literatuur en cultuur in de Middeleeuwen 23), S. 233.

[15] Vgl. Strijbosch/Zellmann, S. 88.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Barbara Könnecker: Die Moralität „The somonynge of Everyman“ und das Münchener Spiel vom Sterbenden Menschen. In: Virtus et Fortuna. Zur deutschen Literatur zwischen 1400 und 1720, FS. Hans-Gert Rologg, hg. v. Joseph P. Sterlka und Jörg Jungmayr, Bern 1983, S. 92.

[20] Strijbosch/Zellmann, S. 88.

[21] Ebd.

[22] Vgl. Elckerlijc – Jedermann. Edition und Übersetzung mit Stellenkommentar. Hrsg. u. übersetzt von Clara Strijbosch, Ulrike Zellmann. Müster 2013, v. 2f. Im Folgenden werden Zitate und Belege, welche sich auf den Elckerlijc -Text als solchen beziehen, als Versnummern im Text angegeben.

[23] Spiegel der Letteren. Jaargang 9. De Sikkel, Antwerpen/Martinus Nijhoff, Den Haag 1965-1966. http://www.dbnl.org/tekst/_spi007196501_01/_spi007196501_01_0001.php (Abrufdatum 10. Juli 2015).

[24] Ebd.

[25] Strijbosch/Zellmann S. 89.

[26] Dem mnl. Wort „ rekeninghe “ liegt – wie dem mhd. „ rechenunge “ die Bedeutung des Rechnens zugrunde, d.h. „gerichtet machen“, Ordnen, Aufzählen, Auflisten des Einzelnen.

[27] Ebd., S. 90.

[28] Strijbosch/Zellmann, S. 80.

[29] Vgl. R. Vos: Over de Elckerlijc. De Elckerlijc als allegorisch speel. De structur van Elckerlijc. De datering van Elckerlijc. In: Spiegel der Letteren 9/2 (1965-1966), S. 81-109.

[30] Strijbosch/Zellmann, S. 53.

Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668082939
ISBN (Buch)
9783668082946
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309903
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,5
Schlagworte
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Autor

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