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Financial Contagion. Die Ansteckungseffekte und die Euro-Krise

Bachelorarbeit 2013 50 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1.Einleitung

2. Der Contagion-Effekt
2.1 Die Begriffsentstehung
2.2 Definition und Formen von Ansteckungseffekten
2.3 Messung von Ansteckungseffekten

3. Formen von Ansteckungseffekten
3.1 Correlated-Information Channel
3.1.1 Handelsbeziehungen und Währungsabwertungen
3.1.2 Finanzielle Beziehungen
3.1.3 Relevanz für die Eurokrise
3.2 Liquidity Channel
3.2.1 Das Modell von Franklin Allen und Douglas Gale
3.2.2 Annahmen an das Modell
3.2.3 Grundgedanke des Modells
3.2.4 Zerbrechlichkeit
3.2.5 Kritik am Modell und Anwendung auf die Eurokrise
3.3 Risk-Premium Channel
3.3.1 Herdenverhalten
3.3.2 Rating Agenturen
3.3.3 Anwendung auf die Eurokrise

4. Vermeidung von Ansteckungseffekten
4.1 Maßnahmen der Politik
4.2 Die Eurokrise: Nur Nachteile?

5. Zusammenfassung

Anhang

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Liquiditätsschock

Tabelle 2: Liquiditätsschock mit Störung

Tabelle 3: Ausgewählte Staatskennzahlen Griechenlands

Tabelle 4: Entwicklung Staatsschulden Deutschland

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Entwicklung Zinsen 10-Jahres Staatsanleihen 2007-2011

Abbildung 2: Vollständige Marktstruktur

Abbildung 3: Entwicklung der Übernachtanlagen von 2008-2012

Abbildung 4: Entwicklung der Zinsen von Staatsanleihen von 1993-2011

Abbildung 5: Anteil der EZB Bankenfinanzierung in % der Bilanzsumme

Abbildung 6: Staatsdefizite der Euroländer von 1999-2011

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.Einleitung

Seit Beginn des Jahres 2010 sieht sich die Eurozone einer schweren Staatsschuldenkrise gegenüber, die heutzutage als die Eurokrise bekannt ist. Der Auslöser war das Gerücht über eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands im Frühjahr 2010. Von diesem Zeitpunkt an beherrschte die Staatsschuldenproblematik die Medien. Schnell breitete sich die Krise auf weitere Länder wie Spanien, Italien, Portugal und Irland aus. Das steigende Misstrauen gegenüber diesen Staaten belastete ebenfalls die Kreditwürdigkeit der dort ansässigen Banken und Unternehmen. Aber auch gebietsfremde Banken, bei denen ein Engagement in diesen Ländern vermutet wurde, gerieten in Bedrängnis.

Die Krise kann nicht an einem einzigen Ereignis alleine festgemacht werden. Vielmehr hat sich die Krise mehr und mehr zugespitzt, bis sie schließlich eskalierte. Schon vor Einführung des Euros gab es in Europa hohe Staatsschuldenquoten und Staatsdefizite. Hervorzuheben sind auch die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone und die unterschiedlichen Inflationsraten. Der endgültige Auslöser war die Subprime-Krise 2007 und die Insolvenz der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers 2008, auf die die Finanzkrise folgte. Die Wirtschaft auf der ganzen Welt brach ein, weitere Banken mussten durch den Staat gerettet werden. Die folgende Rezession ließ das BIP fallen, die Schulden ansteigen und mit ihnen die Staatsschuldenquote. Griechenland und Irland traf es besonders stark. Die Zinsen stiegen deutlich an und machten es diesen Ländern unmöglich sich weiter über den Kapitalmarkt zu finanzieren.

In Abbildung 1 kann man sehr gut erkennen, wie nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers die Zinsen divergieren. Das spiegelt sich im Zinsspread, d.h. Risikoaufschlag wider, der gegenüber Deutschland bei allen Ländern anstieg. Nachdem Gerüchte über eine mögliche Zahlungsunfähigkeit Griechenlands aufkamen, verdoppelten sich die Zinsen innerhalb von kürzester Zeit.

Doch wie konnte ein eher unbedeutendes kleines Land wie Griechenland die Eurozone an den Rand eines Kollapses bringen?

Abbildung 1 : Entwicklung Zinsen 10-Jahres Staatsanleihen 2007-2011

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bloomberg, Scotia Capital Economics

Diese Frage kann unter anderem durch Financial Contagion erklärt werden. Der Ansteckung einer Volkswirtschaft durch eine mit ihr verknüpfte „kranke“ Volkswirtschaft. Dieses Phänomen ist erst seit Mitte der 90er Jahre mit Ausbruch der Mexiko-Krise 1994, der Asien-Krise 1997 und der Russland-Krise 1998 in den Fokus von empirischen Forschungen gerückt.

Ziel dieser Arbeit ist es den Contagion -Effekt zu definieren und die verschiedenen Ansteckungskanäle herauszustellen. Anhand der Eurokrise soll darüber hinaus kritisch überprüft werden, ob Griechenland der Ursprung der Krise war und sich diese von dort weiter ausgebreitet hat. Dabei steht das Modell von Franklin Allen und Douglas Gale im Mittelpunkt, das die Ursache in Liquiditätskrisen im Interbankenmarkt sieht.

Der Aufbau dieser Arbeit ist wie folgt: In Kapitel 2 wird der Begriff Contagion näher erklärt, die verschiedenen Ansteckungsmöglichkeiten vorgestellt und Messmethoden aufgezeigt. Kapitel 3 geht näher auf die verschiedenen Arten von Ansteckungseffekten, insbesondere auf verschiedene Modelle, ein und nimmt Bezug auf die Relevanz für die Eurokrise. Unter Kapitel 4 werden verschiedene Mechanismen aufgezeigt, durch die Ansteckungseffekte vermieden wurden bzw. wie sie vermieden werden können. Kapitel 5 fasst die Ergebnisse zusammen und gibt einen Ausblick auf kommende Probleme.

2. Der Contagion-Effekt

2.1 Die Begriffsentstehung

Contagion ist die länderübergreifende Übertragung exogener Schocks, vergleichbar mit einem Spillover -Effekt1. Contagion entsteht sowohl in Krisen als auch in Nicht-Krisenzeiten, wobei Contagion nicht zwingend mit einer Krise verbunden sein muss.“2

Das Wort Contagion stammt aus dem englischen Sprachraum und bedeutet so viel wie Ansteckung oder Seuche. Der Contagion -Effekt ist ein noch junges Forschungsgebiet im Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Eine Suche nach dem Wort Contagion in der Literatur von 1969-2000 ergab 147 Treffer. Nur 17 davon beziehen sich auf den Zeitraum vor 1990.3 Empirische Forschungen nehmen meistens Bezug auf die Asien-Krise 1997 und die darauf folgende Russland-Krise 1998.

Zu diesem Zeitpunkt konnte keine wirkliche Erklärung für diese Krisen gefunden werden und warum sie so stark ausgefallen sind. Seitdem ist verstärkt auf diesem Gebiet geforscht worden. Im Folgenden wird der deutsche Begriff Ansteckungseffekt für Contagion verwendet.

Die Definition bzw. die klare Abgrenzung von Ansteckungseffekt, normalen Abhängigkeiten und Ursachen der Globalisierung ist sehr schwierig. Darauf wird im folgenden Abschnitt eingegangen.

2.2 Definition und Formen von Ansteckungseffekten

Seit der Einführung des Begriffs Contagion hat sich im Zeitablauf die Unterteilung der verschiedenen Kanäle von Ansteckungseffekten verändert bzw. sind unterschiedliche Auffassungen vorhanden. Diese verschiedenen Unterteilungen resultieren auch auf Uneinigkeiten der Definition des Begriffs. Die verschiedenen Definitionen sind auf der Homepage der Weltbank nachzulesen.

Dornbusch et al. (2000) definieren den Contagion -Effekt als eine signifikante Zunahme von länderübergreifenden Abhängigkeiten nach einer Krise in einem Land.4 Sie stellen in „Contagion: Understanding how it spreads“ zwei verschiedene Ansteckungskanäle heraus:

1. Fundamentals-Based Contagion: Der erste Kanal stellt Nachwirkungen normaler Abhängigkeiten von Volkswirtschaften heraus. Diese Abhängigkeit kann dazu führen, dass Krisen durch Handels- und Finanzbeziehungen übertragen werden können. Diese Art von Übertragung nennen Calvo/Reinhart (1996) Fundamentals-based Contagion. Normalerweise stellt diese Art von Krisenübertragung keinen Ansteckungseffekt dar. Treten diese Abhängigkeiten jedoch mit einem nachteiligen Effekt während einer Krise auf, können diese als Contagion bezeichnet werden. Fundamentale Ansteckung kann von gewöhnlichen Schocks, Handelsbeziehungen und Währungsabwertungen, sowie Finanzbeziehungen zwischen Ländern ausgelöst werden.5

2. Behavior: Im zweiten Ansteckungskanal spielen Veränderungen in fundamentalen Daten keine Rolle, sondern einzig allein das Verhalten von Investoren und anderen Marktteilnehmern. Unter diesen Umständen treten Ansteckungseffekte auch ohne globale Schocks und fundamentale Abhängigkeiten auf. Diesem Ansteckungskanal wird oft nachgesagt aufgrund irrationaler Phänomene, wie Herdenverhalten, Panik, Vertrauensverlust und gestiegener Risikoaversion, ausgelöst zu werden. Jedoch kann sich alles, individuell gesehen, rational abspielen.6

Forbes/Rigobon (2002) haben eine ähnliche Sicht wie Dornbusch et al. (2000), grenzen den Begriff Contagion allerdings explizit von fundamental übertragenen Schocks ab (Normal Independence). Ansteckungseffekte sind für sie nur die unerklärbaren kurzfristigen Interdependenzen von Märkten, die fundamental nicht zu erklären sind.7 Diese engere Definition von Forbes/Rigobon (2002) hat zwei Vorteile.8 Erstens stellt sie eine gute Rahmenbedingung dar um Ansteckungseffekte nachzuweisen.9 Es müssen einfach die Verflechtungen zweier Märkte während stabilen Zeiten, mit denen in Krisenzeiten miteinander verglichen werden.10 Zweitens ist es eine gute Methode um die verschiedenen Erklärungen, wie Schocks zwischen Ländern übertragen werden, voneinander abzugrenzen.11 Die Definition von Forbes/Rigobon (2002) teilen auch Missio/Watzka (2011)12, Briere et al. (2012) und andere. Letztere differenzieren Ansteckungseffekte von Globalisierung.13

Pericoli/Sbracia (2003) greifen fünf verschiedene Definitionen von Ansteckungseffekten auf:

1. Hängt der Anstieg der Wahrscheinlichkeit einer Krise in einem Land von einer auftretenden Krise in einem anderen Land ab, liegt Contagion vor.14
2. Contagion tritt auf, wenn eine erhöhte Schwankung von Asset-Preisen vom Krisen-Land auf ein anderes überspringt.15
3. Contagion tritt auf, wenn die Korrelationen von Asset-Preisen zwischen Ländern nicht durch fundamentale Variablen erklärt werden können.16
4. Ist ein deutlicher Anstieg von gleichgerichteter Entwicklung von Preisen und Mengen zwischen Märkten zu beobachten, die durch eine auftretende Krise in einem Land oder einer Gruppe von Ländern bedingt ist, liegt Contagion vor.17
5. Nach einem Schock in einem Land liegen veränderte Ansteckungseffekte (Shift Contagion) vor, wenn sich der Übertragungskanal verstärkt oder verändert.18

Diese fünf Definitionen stellen alle zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden dar. Jede einzelne bringt verschiedene Vor- und Nachteile mit sich. Es lassen sich dadurch die unterschiedliche Differenzierung der Ansteckungskanäle und die Messmethoden erklären.

Francis Longstaff (2010) folgt der Definition von Dornbusch et al. (2000), stellt demgegenüber hingegen mindestens drei Hauptkanäle für Ansteckungseffekte dar:

1. Correlated-Information Channel: Ein Schock im Finanzsystem eines Landes hält wirtschaftliche Daten bereit, die direkt oder indirekt einen negativen Einfluss auf Asset-Preise in einem anderen Land haben.19
2. Liquidity Channel: Dieser Schock geht mit einem Rückgang der gesamten vorhandenen Liquidität in allen Märkten einher. Das kann das Investorenverhalten und Asset-Preise beeinflussen.20 Es existieren unterschiedliche Gleichgewichtszustände, die durch veränderte Erwartungen der Markteilnehmer zustande kommen (Multiple Equilibria). Dornbusch et al. (2000) fassen diesen Punkt unter Behavior auf.
3. Risk-Premium Channel: Ein Schock in einem Land kann die Risikoaversion von Investoren ansteigen lassen und ihre Bereitschaft in jegliches Risiko zu investieren beeinflussen.21 Auch dieser Punkt ist bei Dornbusch et al. (2000) unter Behavior aufgefasst.

Es ist anzumerken, dass die verschiedenen Kanäle auch Gemeinsamkeiten aufweisen und miteinander verflochten sind.22 Ein Beispiel ist der Zusammenhang von Kreditrisiko und Liquidität23 und die Tatsache, dass der Liquidity Channel und Risk-Premium Channel bei Dornbusch et al. (2000) unter einem Punkt zusammengefasst ist.

Das Hauptaugenmerk in dieser Arbeit basiert auf der Definition von Longstaff (2010). Er adaptiert die Definition von Ansteckungseffekten von Dornbusch et al. (2000), die von den meisten Wissenschaftlern auf diesem Gebiet anerkannt wird. Die Überpunkte fassen die Ansteckungskanäle am besten zusammen. Vor allem die Differenzierung der beiden letzten Ansteckungskanäle bildet eine gute Grundlage, um Ansteckungseffekte anhand der Eurokrise zu analysieren.

2.3 Messung von Ansteckungseffekten

Der Ansteckungseffekt ist empirisch nachzuweisen. Je nach Ansatz jedoch von unterschiedlicher Schwierigkeit. Dabei ist die Messung von fundamentalen makro- oder mikroökonomischen Daten, von der Messung durch Korrelationen von Kapitalmärkten abzugrenzen. Dornbusch et al. (2000) grenzen fünf verschiedene Methoden voneinander ab.24

Die erste Methode basiert auf der Grundlegenden, die zumeist benutzt wird. Es werden einfach die Korrelationen von Asset-Preisen gemessen. Zum Beispiel von Zinsen, Aktienpreisen und Risikoaufschlägen von Staatsanleihen.25 Es wird davon ausgegangen, dass ein Anstieg von Korrelationen ein Beweis für Ansteckungseffekte ist.26 Allerdings muss es sich nicht unbedingt um Ansteckung handeln. Falls verschiedene Märkte historisch schon immer eine erhöhte Korrelation aufgewiesen haben, kann eine Krise in einem Land die Korrelation mit einem anderen Land deutlich ansteigen lassen. Forbes/Rigobon (2002) zeigen einen Zusammenhang von Asset-Preis Korrelationen auf, die ohne zusätzliche Ansteckungseffekte, sondern durch miteinander korrelierende Veränderungen von wirtschaftlichen Daten, Risikoauffassung und Präferenzen einhergehen.27 Um den „puren“ Ansteckungseffekt nachweisen zu können, sind somit die Variablen, die die Korrelation außerhalb von Krisen verursachen, herauszufiltern.28

Der Nachweis von Ansteckungseffekten über bedingte Wahrscheinlichkeiten und Korrelationen von Kapitalmärkten ist leichter möglich, zumal die engere Definition von Ansteckungseffekten, wie oben dargestellt, benutzt wird. Empirische Studien sind zum Beispiel von Bae et al. (2000), Forbes/Rigobon (2002) und Missio/Watzka (2011) vorhanden. Zur Messung von Korrelationen werden hier verschiedene statistische Modelle herangezogen. Wie zum Beispiel GARCH-Modelle, Multivariate Modelle, DCC- Modelle (Dynamic Conditional Correlation) und Monte-Carlo-Simulationen. Liegen kurzfristige Korrelationen von zum Beispiel Risikoaufschlägen vor, die sich nach kurzer Zeit wieder aufheben, liegt ein Ansteckungseffekt vor. Ansonsten handelt es sich um normale Abhängigkeiten von Volkswirtschaften wie unter Punkt 2.2 beschrieben.29

Die anderen Tests spielen in der Forschung eher eine Nebenrolle. Sie basieren auf der Übertragung von Volatilität (Volatility Spillover), auf Kapitalflüssen und makroökonomischen Daten. Kapitalflüsse werden unter anderem von institutionellen Investoren gemessen. Steigende Kapitalzuflüsse stehen im Zusammenhang mit steigenden Preisen und fallende Kapitalzuflüsse bzw. Abflüsse gehen mit fallenden Preisen einher.30

Pericoli/Sbracia (2003) stellen für ihre fünf unterschiedlichen Definitionen von Ansteckungseffekten, unterschiedliche Methoden für ihre Messung und Ergebnisse dar. Diese stimmen weitest gehend mit den von Dornbusch et al. (2000) überein. Wichtig ist zu beachten, dass jede Krise andere Ansteckungseffekte mit sich bringt.31

Im folgenden Kapitel 3 wird näher auf die verschiedenen Übertragungsmöglichkeiten von Ansteckungseffekten eingegangen. Zuerst werden theoretische Erklärungen dargestellt, die am Ende jedes Abschnittes anhand der Eurokrise überprüft werden.

3. Formen von Ansteckungseffekten

In diesem Kapitel werden die verschiedenen Formen von Ansteckungseffekten nach Longstaff (2010)32 genauer betrachtet und Bezug auf die aktuelle Eurokrise genommen. Es ist sehr schwer die einzelnen Formen voneinander abzugrenzen. Gegebenenfalls kann es zu Überschneidungen kommen. In der empirischen Forschung hat es im Zeitablauf, bis 2001, Veränderungen in der Frage des am meist relevanten Ansteckungskanals gegeben. Nachdem zuerst makroökonomische Daten am wichtigsten erschienen, waren es danach Handelsbeziehungen und um das Jahr 2000 ordnete man Finanzbeziehungen die wichtigste Rolle zu.33

3.1 Correlated-Information Channel

Diese Art von Ansteckungseffekt basiert vor allem auf der Tatsache, dass es einen rationalen Grund für eine Krise gibt, die sich auf dieser Grundlage weiter ausbreitet. Dabei muss, wie unter Punkt 2.2 beschrieben, Herdenverhalten und Panik von den normalen Abhängigkeiten der Volkswirtschaften unterschieden werden, die durch wirtschaftliche Beziehungen entstehen.34 In dieser Arbeit wird nur kurz auf diesen Punkt eingegangen. Obwohl empirische Studien von Eichengreen et al. (1996) und Glick/Rose (1999) zeigen, dass Handelsbeziehungen meistens der Auslöser35 sind und Kaminsky/Reinhart (1998) Finanzbeziehungen die Hauptursache geben36, spielen beide bei der Eurokrise keine tragende Rolle, wie unter 3.1.3 gezeigt wird.

3.1.1 Handelsbeziehungen und Währungsabwertungen

Ansteckungseffekte über Handelsbeziehungen spielen eine wichtige Rolle und sind oft die Ursache für eine weitere Ausbreitung von Krisen. Kiyotaki/Moore (2002) belegen durch ihr Modell, dass eine Ansteckung über die Bilanz eines Unternehmens entstehen kann. Kommt es in einem Land zu einer Krise, geht z.B. der private Konsum zurück. Dadurch fällt der Gewinn oder ein Verlust bis hin zum Konkurs kann auftreten. Hat dieses Unternehmen Verbindlichkeiten bei ausländischen Firmen, kann dieses die Schulden nicht mehr bedienen. Folglich versucht jeder Lieferant noch an einen Teil der Forderungen zurück zu bekommen. Dadurch werden die Asset-Preise dieses Unternehmens fallen und zu Verlusten bei den Lieferanten führen.

Damit hat sich die Krise auf andere Länder ausgebreitet.37 Diese Art von Ansteckungseffekt kann auch auf finanzielle Beziehungen angewendet werden.

Dornbusch et al. (2000) führen des Weiteren auf, dass durch Wechselkursänderungen eines Landes die Wirtschaft des Handelspartners beeinflusst wird.38 Während einer Krise verschlechtert sich normalerweise der Wechselkurs des betroffenen Landes. Das passiert meistens durch Leitzinssenkungen der Zentralbank. Ein Kapitalabzug und ein fallender Wechselkurs ist die Folge. Dadurch werden Exporte für inländische Unternehmen vorteilhafter und für ausländische Unternehmen unvorteilhafter. Durch fallende Importe im Inland, fallen die Exporte des Partnerlandes.39 Bei einer hohen Abhängigkeit der beiden Länder, greift die Krise schnell auf das abhängige Land über.

Glick/Rose (1999) zeigen, dass Ansteckungseffekte über Währungskrisen dazu neigen, sich nur regional und nicht international auszubreiten.40 Handelsbeziehungen fokussieren sich meistens auf die umliegenden Nachbarstaaten.41 Durch eine Währungsabwertung eines Staates, entweder durch fundamentale Daten oder spekulative Attacken ausgelöst, verlieren die umliegenden Staaten an Wettbewerbsfähigkeit.42 Dadurch wird es wahrscheinlicher, dass auch diese Länder attackiert werden und ihre Währung abwertet.43

3.1.2 Finanzielle Beziehungen

Durch enge Handelsbeziehungen zwischen Ländern, sind nicht nur Ex- und Import von der Krise betroffen. Eine starke Verbindung besteht ebenso in finanzieller Hinsicht.

Durch Lieferantenkredite, Direktinvestitionen und andere Cashflows44 wirkt sich die Krise in einem Land besonders stark auf das andere Land aus, je stärker, desto enger die Handelsbeziehung ist. Die Folge ist, dass Geld abgezogen wird und dieses für Investitionen fehlt. Dadurch fallen auch Asset-Preise in diesem Land. Herdenverhalten kann die Folge sein, wodurch noch mehr Investoren ihr Vermögen abziehen um ihre Verluste zu begrenzen. Der Neighborhood -Effekt, wie in Abschnitt 3.3.1 beschrieben, kann die Krise verstärken und weiter ausbreiten.45 Dieser entsteht dadurch, dass Geld aus einem Krisenland und gleichzeitig aus den ähnlichen umliegenden Ländern abgezogen wird.

3.1.3 Relevanz für die Eurokrise

Zu Beginn ist es sinnvoll Griechenland wirtschaftlich zu betrachten und wie sich dieses Land während der Finanz- und Eurokrise entwickelt hat. Griechenland trägt mit einem BIP in 2013 von 236 Mrd. $ (ca. 181 Mrd. €) gerade einmal 1,4% zur Wirtschaftsleistung der Eurozone (BIP 2013: 13.077 Mrd. €) bei.46 Nach 2008 und Beginn der Finanzkrise brach der Im- und Export jeweils um ca. 25% ein.47 Der Import blieb weiter Rückläufig, während sich der Export in den Folgejahren um 50% erholen konnte.48 Trotz dieser positiven Entwicklung bleibt ein deutliches Handelsbilanzdefizit von ca. 30 Mrd. $ in 2010 bestehen.49

Wichtigster Handelspartner von Griechenland, neben Deutschland, ist Italien mit einem Anteil am Import von 9,90% im Jahr 2010.50 Die gesamten Importe nach Griechenland brachen von 2008 bis 2010 um ca. 30% von 93 Mrd. € auf 64 Mrd.51 € ein. Der Wegfall des italienischen Anteils entspricht somit ca. 3 Mrd. €. Diese 3 Mrd. € machen nur etwa 0,7% der italienischen Exporte (2010: 447 Mrd. €) aus. Durch solch eine geringe Summe kann kein Ansteckungseffekt entstehen, der groß genug wäre um Italien in eine Krise zu stürzen. Spanien und Portugal zählen laut Statistik nicht zu den wichtigsten Importländern Griechenlands. Aufgrund der geringen wirtschaftlichen Verflechtung kann kein Bezug in dieser Hinsicht hergestellt werden.

Direktinvestitionen von griechischen Unternehmen sind ebenfalls zu gering um eine Krise in den anderen europäischen Staaten auszulösen. Die Direktinvestitionen sind in den GIPS relativ konstant geblieben – nur in Griechenland war 2011 ein Abfluss zu verzeichnen52 - und waren dadurch nicht ausschlaggebend für eine Ausbreitung der Krise.53 Festzustellen ist demgegenüber eine Kapitalflucht privater Investoren aus den GIPS.54 Indirekte Auswirkungen hat das auf die Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen in diesem Land, die Geld über den Kapitalmarkt aufnehmen wollen. In dieser Arbeit werden den finanziellen Verflechtungen nur die Direktinvestitionen von Unternehmen zugeordnet. Private Kapitalabflüsse ebenso wie Verluste, die durch Tochterfirmen ausländischer Unternehmen in Griechenland auftreten, sind hingegen in Kapitel 3.2, dem Liquitity Channel, erfasst. Dieser Umstand zeigt die enge Verflechtung zwischen den verschiedenen Ansteckungskanälen.

Fundamental-basierte Ansteckung auf Basis von Handels- und Finanzbeziehungen, die von Griechenland ausgehen, kann somit für die Eurokrise ausgeschlossen werden.

Der folgende zweite Ansteckungskanal setzt nicht an einem Rückgang von Handels- oder Finanzbeziehungen an, sondern aus der daraus resultierenden Liquiditätsknappheit. Verminderter Handel geht meistens auch mit einem Abzug von Liquidität einher. Erst dadurch kann sich der Ansteckungseffekt stärker und schneller ausbreiten.

3.2 Liquidity Channel

Zu dieser Ansteckungsursache existieren sehr viele mathematische Modelle. Neben dem bekanntesten von Franklin Allen und Douglas Gale, auf das nachfolgend eingegangen wird, haben sich noch unter anderem Kodres/Pritsker (2002) und Brunnermeier/Pedersen (2005) diesem Ansteckungskanal gewidmet.55

3.2.1 Das Modell von Franklin Allen und Douglas Gale

Das Modell von Franklin Allen und Douglas Gale wurde 1998 entwickelt und basiert auf dem 1983 entstandenen modernen Standardmodell von Douglas Diamond und Philip Dybvig. Im Jahr 2000 wurde das Modell von Allen/Gale weiterentwickelt. In diesem wird der Fokus auf sich überschneidende Forderungen zwischen Bankensystemen in verschiedenen Regionen gelegt. Danach wird betrachtet, ob nur kleine Liquiditätsschocks in Teilen einer Volkswirtschaft sich mittels Ansteckungseffekten ausbreiten und auf weitere Teile der Wirtschaft übergreifen können. Ist dieser Spillover -Effekt stark genug, ist es möglich, dass sich die Krise auf verbundene Regionen ausbreitet und sich so ein länderübergreifender Ansteckungseffekt entwickelt.56

[...]


1 Der Spillover -Effekt ist ein Übertragungseffekt. Er tritt auf wenn Entscheidungen oder Ereignisse eine ungewollte Auswirkung auf andere Bereiche hat, die mit der ursprünglichen Sachen nichts zu tun haben.

2 Vgl. Weltbank; http://go.worldbank.org/JIBDRK3YC0.

3 Vgl. Edwards (2000); S. 1.

4 Vgl. Dornbusch et al. (2000); S. 178.

5 Vgl. Dornbusch et al. (2000); S. 179.

6 Vgl. Dornbusch et al. (2000); S. 179-180.

7 Vgl. Forbes/Rigobon (2002); S.2223-2224.

8 Vgl. Forbes/Rigobon (2002); S. 2224.

9 Vgl. Forbes/Rigobon (2002); S. 2224.

10 Vgl. Forbes/Rigobon (2002); S. 2224.

11 Vgl. Forbes/Rigobon (2002); S. 2224.

12 Vgl. Missio/Watzka (2011); S. 4.

13 Vgl. Briere et al. (2012); S. 3.

14 Vgl. Pericoli/Sbracia (2003); S. 574.

15 Vgl. Pericoli/Sbracia (2003); S. 574.

16 Vgl. Pericoli/Sbracia (2003); S. 574-575.

17 Vgl. Pericoli/Sbracia (2003); S. 575.

18 Vgl. Pericoli/Sbracia (2003); S. 575.

19 Vgl. Longstaff (2010); S. 438.

20 Vgl. Longstaff (2010); S. 438.

21 Vgl. Longstaff (2010); S. 438.

22 Vgl. Longstaff (2010); S. 438.

23 Vgl. Longstaff (2010); S. 438.

24 Vgl. Dornbusch (2000); S. 185-190.

25 Vgl. Dornbusch (2000); S. 185.

26 Vgl. Dornbusch (2000); S. 185.

27 Vgl. Dornbusch et al. (2000); S. 186.

28 Vgl. Dornbusch et al. (2000); S. 186.

29 Vgl. Missio/Watzka (2011); S.4.

30 Vgl. Dornbusch (2000); S. 189.

31 Vgl. Pericoli/Sbracia (2003); S. 594-597.

32 Vgl. Longstaff (2010); S. 438.

33 Vgl. Hernandez/Valdes (2001); S. 208.

34 Vgl. Dornbusch et al. (2010); S. 179.

35 Vgl. Eichengreen et al. (1996); S. 482 und Glick/Rose (1999); S. 615.

36 Vgl. Kaminsky/Reinhart (1998); S. 167.

37 Vgl. Kiyotaki/Moore (2001); S.1-6.

38 Vgl. Dornbusch et al. (2000); S. 180.

39 Vgl. Edwards (2000); S. 6.

40 Vgl. Glick/Rose (1999); S. 604.

41 Vgl. Glick/Rose (1999); S. 604.

42 Vgl. Glick/Rose (1999); S. 604.

43 Vgl. Glick/Rose (1999); S. 604.

44 Vgl. Dornbusch et al. (2000); S. 181.

45 Vgl. Dornbusch et al. (2000); S. 181.

46 Vgl. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/14398/umfrage/bruttoinlandsprodukt-in-griechenland/.

47 Vgl. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/15699/umfrage/export-von-guetern-aus-griechenland/.

48 Vgl. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/15657/umfrage/import-von-guetern-nach-griechenland/.

49 Vgl. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/15615/umfrage/handelsbilanz-von-griechenland/.

50 Vgl. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/204314/umfrage/wichtigste-importlaender-fuer grie chenland/.

51 Vgl. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/15657/umfrage/import-von-guetern-nach-griechenland/.

52 Vgl. Schrader/Laaser (2012); S. 41.

53 Vgl. Matthes/Rother (2012); S. 8.

54 Vgl. Matthes/Rother (2012); S. 7.

55 Vgl. Longstaff (2010); S. 438.

56 Vgl. Allen/Gale (2000); S. 2.

Details

Seiten
50
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668082366
ISBN (Buch)
9783668082373
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309886
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
financial contagion ansteckungseffekte euro-krise

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Titel: Financial Contagion. Die Ansteckungseffekte und die Euro-Krise