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Über den Quellenwert der Oral History und die Möglichkeiten für den Geschichtsunterricht

Essay 2015 10 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Begriffsdefinition und Entstehungsgeschichte
1.2 Oral History in der Geschichtswissenschaft

2 Möglichkeiten der Oral History und ihre Anwendung

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Oral History beschreibt ein Forschungsfeld, welches sich in den letzten Jahrzehnten immer größerer Beliebtheit erfreut und auch in der geschichtswissenschaftlichen Forschung Beachtung erfährt. Neben zahlreichen Kontroversen über den Nutzen und den Quellenwert der Zeitzeugeninterviews und erinnerten Geschichten, existieren jedoch auch Möglichkeiten für die Verwendung der Oral History. Diese Arbeit geht vor diesem Hintergrund der Frage nach, was Oral History im Forschungsfeld der Geschichtswissenschaft leisten kann und untersucht den Quellenwert der Zeitzeugenerzählungen. Darüber hinaus beschreibt die vorliegende Arbeit die Anwendung der Oral History in Bildungszusammenhängen und diskutiert die Möglichkeiten und den Nutzen für Schülerinnen und Schüler. Einleitend soll somit zunächst der Begriff Oral History und dessen Entstehung erläutert werden, bevor sich diese Arbeit den Problemen und Kontroversen innerhalb der Geschichtswissenschaft widmet. Weiterhin sollen die Vor- und Nachteile beschrieben werden, um sodann auf die Anwendung und die Möglichkeiten der Methode in Bildungszusammenhängen einzugehen.

1.1 Begriffsdefinition und Entstehungsgeschichte

Oral History bezeichnet ein interdisziplinäres Forschungsfeld sowie einen Zweig der Geschichtswissenschaft, der anfangs nur wenig beachtet wurde, mittlerweile aber insbesondere in der Fachdidaktik Anwendung findet. Ihren Ursprung hatte die Oral History als Methode der Geschichtswissenschaft in den Vereinigten Staaten der 1930er Jahre[1], wo erste Interviews im Rahmen von geschichtswissenschaftlichen Fragestellungen geführt und ausgewertet wurden. Die deutsche Geschichtswissenschaft sträubte sich anfangs gegen diese Methode, da das Befragen “subjektiver Quellen“, nämlich der Zeitzeugen, dem Objektivitätsanspruch des deutschen Historismus widerspräche[2]. Aus diesem Grund etablierte sich die Oral History nur langsam in der Bundesrepublik Deutschland und kam hier erst in den 70er Jahren auf. Die Anfänge stehen hier im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und dessen Auswirkungen. Weiterhin verfolgte die Oral History den Anspruch, die Geschichtsschreibung zu demokratisieren und sich auf die herrschaftsfernen Gesellschaftsgruppen und Minderheiten zu konzentrieren[3]. In der Geschichtswissenschaft gilt Oral History als eine hermeneutische Methode, mit welcher mündliche Quellen hergestellt, bearbeitet und interpretiert werden. Das zentrale Interesse liegt hierbei bei subjektiven Erfahrungen und der Verarbeitung derselbigen. Allerdings tun sich Historiker mit dieser Methode auch heute noch schwer und so existieren zahlreiche Debatten und Kontroversen über den Nutzen, die Möglichkeiten und den Einsatz von Oral History.

1.2 Oral History in der Geschichtswissenschaft

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts galten nur schriftliche Quellen als glaubwürdig und waren Gegenstand der geschichtswissenschaftlichen Forschung. Das menschliche Gedächtnis fand in der modernen Geschichtswissenschaft als Quelle nur wenig Beachtung und die Tatsache, dass Oral History auf Eindrücken, Erfahrungen, Erlebnissen und Emotionen beruht, die Menschen in ihrem Gedächtnis abspeichern und abrufen[4], lässt erahnen, weshalb zahlreiche Kontroversen in Bezug auf diese Methode existieren. Innerhalb der Geschichtswissenschaft werfen Gegner der Methode insbesondere Subjektivität, Unwissenschaftlichkeit sowie einen Mangel an Glaubwürdigkeit und Repräsentativität[5] vor. Die Subjektivität dieser Methode ergibt sich daraus, dass Zeitzeugen ihre persönlichen Erlebnisse und Eindrücke zu einem bestimmten Zeitpunkt schildern und diese sehr mit Emotionen verbunden sind. Somit berührt Oral History solche Bereiche des Menschen, die sich am wenigsten durch andere Quellen überprüfen lassen. Doch gerade eine Überprüfung durch andere Quellen ist eine wichtige Vorgehensweise der Quellenkritik. Auch die Tatsache, dass Historiker durch das Führen von Interviews und das anschließende Aufbereiten, Auswerten und Interpretieren des Materials, an der Entstehung dieser Quelle beteiligt sind, ist ein weiterer Kritikpunkt der Oral History Gegner. Es wird somit durch die Präsentation der Interviewmaterialien ein Deutungsangebot unterbreitet, welches ebenfalls von subjektivem Charakter zeugt.

Die geschichtswissenschaftliche Quellenkritik befasst sich zunächst mit der Echtheit und der genauen Verortung der Quelle[6]. Dies ist für die Oral History unbedeutend, da die Quelle erst gemeinsam mit den Zeitzeugen produziert wird und Ereignisse aus der Vergangenheit hierdurch in die Gegenwart geholt werden. Der Begriff trägt somit eine Doppelbedeutung, denn zum einen impliziert er die Methode, Erinnerungsinterviews zu führen und nach bestimmten Fragestellungen auszuwerten, zum anderen meint Oral History den Quellentypus des Interviews an sich. Weiterhin werfen Kritiker der Methode vor, nicht glaubwürdig zu sein. Dies beruht darauf, dass teilweise erhebliche Diskrepanzen zwischen Zeitzeugenerzählungen und den als gesichert geltenden Quellen, insbesondere in Bezug auf Zahlen- oder Datenangaben, existieren. Aus diesem Grund müssen Zeitzeugen und ihre Berichte als kritisch zu betrachtende Quellen angesehen werden und immer mit klassischem Quellenmaterial überprüft und kontrastiert werden. Allerdings argumentieren Befürworter der Oral History, dass die Diskrepanz zwischen Fakt und Erinnerung den Wert der Quelle nicht vermindere, sondern eher steigere, da sie aufschlussreich für die Gedächtnisforschung sei, die gerade in den neueren Forschungsansätzen eng mit der Oral History in Verbindung steht[7]. Der Wert eines mündlichen Zeugnisses liegt demnach also nicht in der Übereinstimmung mit Fakten, sondern vielmehr in den Unterschieden. In diesem Zusammenhang betont Lutz Niethammer, der viel zur geschichtswissenschaftlichen Arbeit mit Oral History beigetragen hat, dass zur Arbeit mit Zeitzeugen viel mehr dazu gehöre, als Interviews zu führen. Historiker müssen sich nämlich im Vorfeld an das Interview nicht nur mit dem Interviewpartner und dem historischen Hintergrund beschäftigen, sondern vielmehr mit den Prozessen menschlicher Wahrnehmung, der Funktion des Gedächtnisses und Erinnerungsmechanismen[8]. Der Mensch verfügt über eine selektive Wahrnehmung und kann unmöglich alle Eindrücke, Reize und Geschehnisse gleichzeitig wahrnehmen. Somit kann auch nicht alles detailgenau erinnert werden. Im Speicherprozess versucht das Gehirn das Erlebte und Wahrgenommene als Ganzes und als logische Sinneinheit zu speichern. Demnach werden Lücken “sinnvoll“ aufgefüllt und durch Wertmaßstäbe beurteilt. An dieser Stelle deutet sich ein weiteres Problem an, welches die Geschichtswissenschaft mit der Methode der Oral History hat: die zeitliche Distanz zum erinnerten Erlebnis. Durch diesen zeitlichen Abstand nämlich, ergebe sich laut der Kritiker eine weitere Fehlerquelle, da nicht alle Erlebnisse detailgenau abrufbar und verfügbar sind oder gar miteinander verschmelzen[9]. Weiterhin werden Erlebnisse, Erfahrungen und Erinnerungen im Nachhinein unter Beeinflussung nachträglichen Wissens, gesellschaftlichen Normen und Werten oder eigenen Interpretationen neu figuriert und nachträglich beeinflusst. So stellen Zeitzeugen ihre Erlebnisse oft auf eine politisch korrekte Art und Weise dar, die den heutigen gesellschaftlichen Normen entspricht, allerdings wenig mit den damaligen Emotionen, Wahrnehmungen und Gefühlen zu tun hat[10]. Ein weiteres gravierendes Problem der Oral History für die Geschichtswissenschaft ist die Tatsache, dass es keinen zentralen Sammelort für Interviewaufnahmen, -transkriptionen oder -auswertungen gibt[11]. Gerade für wissenschaftliches Arbeiten ist ein solcher Ort jedoch essentiell. Da Wissenschaftlichkeit immer auch in Verbindung mit der Repräsentativität und der Aussagekraft des jeweiligen Forschungsgegenstandes steht, gilt es, die Vorgehensweise, die Auswahl der Zeitzeugen und das Ergebnis vor dem Hintergrund dieser Kriterien zu überprüfen. So werfen Kritiker der Methode nämlich einen Mangel an Repräsentativität vor, da ein Großteil der Befragten nicht typisch für die jeweils untersuchten gesellschaftlichen Gruppen sei[12]. Anhänger der Methode werfen an dieser Stelle jedoch ein, dass es zweitrangig um das Erfahren von Daten und Fakten oder um die genaue Rekonstruktion historischer Ereignisse gehe. Viel mehr gehe es im Forschungsfeld der Oral History um das Individuum mit seinen persönlichen Wahrnehmungen und den Verarbeitungsformen der geschilderten Ereignisse und Erlebnisse[13]. Unterschiedliche persönliche Erzählungen können demnach zum Ausdruck bringen, dass es nicht “die“ Geschichte gibt, die einzig und wahr ist, sondern dass Menschen bestimmte Ereignisse unterschiedlich erleben und bewerten[14]. Gerade diese Emotionen und Bewertungen sind es, die das Wissen über die Vergangenheit ergänzen können. Aus diesem Grund kann die Methode der Oral History für die Erforschung des individuellen und des Kollektivgedächtnisses sowie der Verarbeitungsformen bestimmter Erlebnisse sehr aufschlussreich sein.

[...]


[1] Obertreis, Julia: Oral History, S. 8.

[2] Królik, Tomasz: Einführung in die Oral History. (http://homepage.univie.ac.at/philipp.ther/breslau/html/einfuehrung.html) (Stand: 27.08.2015)

[3] Obertreis, Julia, S. 10f.

[4] http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/4194/2009-10-10-Zeitzeugengespraeche-Historie-oder (Stand: 27.08.2015)

[5] Królik, Tomasz.

[6] Wierling, Dorothee: Oral History. S.95.

[7] Obertreis, Julia, S.25f.

[8] Niethammer, Trapp: Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. S.21.

[9] Strotzka, Heinz: Zur Praxis des Geschichtsunterrichts, S. 25.

[10] Królik, Tomasz.

[11] Obertreis, Julia, S. 25f.

[12] Królik, Tomasz.

[13] Kaminsky, Uwe: Oral History, S. 455.

[14] Koerber, Rolf: Wie man Zeitzeugen auswählt und mit ihnen umgeht, S. 26.

Details

Seiten
10
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668081598
ISBN (Buch)
9783668081604
Dateigröße
375 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309879
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
über quellenwert oral history möglichkeiten geschichtsunterricht

Autor

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