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Semantisch entleerte Präfixe und Suffixe

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 18 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Semantisch entleerte Präfixe und Suffixe
2.1. Definition Prä-/ Suffix
2.1.1. Wie lassen sich Präfixe und Suffixe definieren?
2.1.2. Wie kann man Präfixe und Suffixe einteilen?
2.2. Sind Präfixe und Suffixe Teil der Grammatik?
2.3. Semantisch entleerte Prä- und Suffixe
2.3.1. Semantik und semantische Leere
2.3.2. Beispiele für semantisch entleerte Prä- und Suffixe
2.3.3. Illustration am Beispiel des deutschen Präfixes „ab-“
2.4. Semantische Irreversibilität und explizite Funktion
2.5. Warum benötigen isolierende Sprachen keine Affixe?

3. Schlussfolgerungen

4. Bibliographie

1. Einleitung

Im Rahmen des Hauptseminars „Wir bauen uns eine Grammatik. Ein linguistisches Spiel mit theoretischem Hintergrund“ beschäftige ich mich in meiner Hausarbeit mit dem Thema „Semantisch entleerte Präfixe und Suffixe“.

Hierbei werde ich zunächst definieren, was Prä- und Suffixe sind und wie sie eingeteilt werden können. Danach werde ich darauf eingehen, ob sie Teil der Grammatik oder der Lexik sind. Ich werde anschließend zunächst klären, wie Semantik und semantische Leere zu definieren sind, und mich im folgenden Abschnitt mit einigen konkreten Beispielen semantisch leerer Präfixe und Suffixe beschäftigen. Es bleibt dann zu untersuchen, ob semantisch leere Affixe eine explizite Funktion haben und ob sie sich semantisch wieder füllen können. Zum Schluss werde ich darauf eingehen, warum in isolierenden Sprachen nur wenige Affixe existieren.

Leider ist das Gebiet semantisch entleerter Prä- und Suffixe noch weitgehend unerforscht und es gibt zu diesem Thema nur sehr wenig Literatur, weshalb viele meiner Thesen auf eigenen Überlegungen basieren. Meine Ergebnisse stützen sich hauptsächlich auf die Untersuchung der deutschen und spanischen Sprache bzw. im Zusammenhang mit isolierenden Sprachen auf ein imitiertes Chinesisch.

2. Semantisch entleerte Präfixe und Suffixe

2.1. Definition Prä-/ Suffix

2.1.1. Wie lassen sich Präfixe und Suffixe definieren?

Präfixe und Suffixe finden wir in den indogermanischen Sprachen bei einem Wortbildungsverfahren, der Derivation.

Die Derivation ist dadurch bestimmt, daß sich ein (freies) Basislexem mit einem oder mehreren Affixen zu einer neuen Einheit des Wortschatzes verbindet. […] Affixe sind gebundene Wortbildungselemente, die sich je nach ihrer Position in bezug auf das Basislexem untergliedern in[1]

Präfixe, Infixe oder Interfixe und Suffixe. Präfixe werden dem Basislexem vorgestellt, z.B. „des| cansar“, Infixe oder Interfixe werden in das Basislexem eingeschoben, wie in „Carl| it |os“, Suffixe werden dem Basislexem nachgestellt, z.B. „oficin| ista“. In dieser Arbeit werde ich mich ausschließlich mit Präfixen und Suffixen beschäftigen.

Die spanischen Affixe können nicht sowohl der Distributionsklasse der Präfixe als auch der der Suffixe angehören. Eine Ausnahme ist das Affix „-filo-“, das Mitglied in beiden Klassen ist, d.h. es kann als Präfix fungieren („filo |soviético“), aber auch als Suffix („francó| filo“).

Bei der Präfigierung wird die Wortklasse des Basislexems bewahrt: das Präfix „pre-“ und das Verb „sentir“ ergeben wiederum ein Verb „presentir“ (ein Sonderfall wäre hier die Doppelderivation, z.B. Präfix „unter-“ + Verb „suchen“ à Verb „untersuchen“, aber Präfix „unter-“ + Verb „suchen“ + Suffix „-ung“ à Substantiv „Untersuchung“). Bei der Suffigierung kann sich die Wortklasse des Basislexems jedoch verändern: das Substantiv „alcohol“ verbunden mit dem Suffix „-ico“ ergibt das Adjektiv „alcohólico“; die Wort-klasse kann aber auch erhalten bleiben: das Substantiv „alcohol“ und das Suffix „-ismo“ bilden wiederum ein Substantiv „alcoholismo“.

Basislexeme der Affigierung können Substantive, Verben und Adjektive sein (in Ausnahmefällen auch Adverbien oder Präpositionen), als Ableitungsworte entstehen Substantive, Verben, Adjektive und Adverbien. Seco (1980) unterscheidet in seinem „Manual de Gramática Española“ zwischen „palabras primitivas“, den Grundworten der Sprache, und den „palabras derivadas“, den Ableitungswörtern. Bei einem „palabra derivada“ trennt er die angefügten Elemente (Präfixe, Suffixe) und die Wurzel („raíz“) des Wortes, z.B. „mayor“ als Wurzel von „mayorista, mayormente, mayoría“, „-ista, -mente, -ía“ als Suffixe. Diese Einteilung findet man auch bei Alemany y Bolufer (1920). Er unterteilt die Ableitungsworte noch weiter in „derivados primarios“, die direkt aus der Wurzel und einem Affix gebildet werden (wie bei „mayor“ à „mayor|ía“), und „derivados secundarios“, die aus einem „derivado primario“ und einem Affix gebildet werden (z.B. leitet sich „caballería“ ab von „caballero“, dessen Basislexem wiederum „caballo“ ist).

Die Aussagen über die Zahl der spanischen Affixe differieren in der unterschiedlichen (nicht sehr zahlreichen) Literatur: Álvarez García (1979) spricht von 90 Präfixen und 170 Suffixen, Alemany y Bolufer (1920) zählt 178 Suffixe, laut der Real Academia Española (1931) hat das Spanische 127 Suffixe, Pilleux (1979) zeigt 134 spanische Suffixe auf. Leider ist das Gebiet der Präfixe der spanischen Sprache noch weit weniger erforscht als das der Suffixe (Seco (1980) zeigt nur 27 Präfixe auf) und die Zahlen sind hier noch weniger vergleichbar.

2.1.2. Wie kann man Präfixe und Suffixe einteilen?

Berschin (1987) gliedert Präfixe zum einen formal und zum anderen semantisch.

Unter formaler Klassifikation versteht er die Einteilung der Präfixe „nach der Wortklasse des Ableitungswortes“[2] in verbo-nominale Präfixe und nominale Präfixe. Als verbo-nominale Präfixe definiert er solche, die mit den Wortklassen Substantiv, Adjektiv und Verb kombinieren (z.B. „des-“ kombiniert mit Substantiven „des |tensión“, Adjektiven „des |honesto“ und Verben „des |atar“), nominale Präfixe sind solche, die lediglich mit Substantiven und Adjektiven kombinieren (wie „hiper-“ mit Substantiven „hiper |función“ und Adjektiven „hiper |sensible“). Er räumt hierbei aber selbst ein, dass es sich lediglich um „Verteilungstendenzen“[3] handelt, „der Übergang zur Verbalpräfigierung ist im Prinzip möglich“[4]. Als weiteres Beispiel für ein nominales Präfix nennt er auch „infra-“ („infra |estructura“, „infra |humano“), das jedoch auch mit Verben kombiniert, z.B. „infra |utilizar“, „infra |valorar“. Ich halte diese Einteilung daher für weniger sinnvoll.

Bei der semantischen Klassifikation unterteilt er Präfixe nach deren Bedeutung in lexematisch oder kategorial. „Lexematische Präfixe (Präfixoide) sind zu Derivations-morphemen adaptierte graeco-lateinische Lexeme mit der Bedeutung eines Vollwortes“[5] (z.B. „auto-“= „selbst-“, „gastro-“= „Magen-“, „tele-“= „fern-“).

Die kategorialen Präfixe modifizieren das Grundwort in einer abstrakten Bedeutungsdimension, vergleichbar der semantischen Funktion grammatischer Wörter und Kategorien.[6]

Er unterteilt die Präfixe in die Kategorien: Quantität („poli-“, „multi-“, …), Dimensi-on („mini-“, „maxi-“, …), Parteinahme („pro-“, „contra-“, …), Graduierung („hipo-“, „super-“, …), Logische Relationen (Negation/ Privation „des-“, Ähnlichkeit „para-“, …), Raum-Zeit („ante-“, „pos-“, …) und Richtung („a-“, „re-“, …).

Eine Unterteilung der spanischen Präfixe in Kategorien findet man auch bei Dietrich/ Geckeler (2000): Quantität/ intensivierende Bedeutung („poli-“, „multi-“, …), Raum-Zeit („ante-“, „pos-“, …), antonymische Bedeutung („in-/im-/ir-/i-“, „des-/de-“, …), qualitative Bedeutung („macro-“, „tele-“, …).

Es gibt also Präfixe, die die Bedeutung eines Vollwortes haben, und solche, die die Bedeutung des Basislexems verändern und selbst lediglich eine abstrakte Bedeutung aufweisen (wie z.B. die antonymische Bedeutung von „des-“). Ob es auch semantisch entleerte Präfixe gibt, werde ich später noch untersuchen.

Auch die spanischen Suffixe gliedert Berschin (1987) formal und semantisch.

Formal klassifiziert er die Suffixe nach der Wortart des entstehenden Ableitungswortes in Verbalsuffixe, durch die bei der Suffigierung das Basislexem in ein Verb transferiert wird („-ear“, „-ecer“, „-ificar“ bzw. „-iguar“, „-itar“ und „-izar“, wie bei „flor“ à „flor |ecer“), und Nominalsuffixe, mit denen Derivate der Wortarten Substantiv und/oder Adjektiv gebildet werden (z.B. „-able“, „-al“, „-ico“, wie bei „música“ à „music| al“).

Bei Dietrich/ Geckeler (2000) erfolgt die formale Klassifikation aufgrund der Wortart des Basislexems: bei der desubstantivischen Ableitung kann ein Substantiv in eine andere Wortart (Verb, Adjektiv, Substantiv) transferiert werden (z.B. „semana“ à „seman| al“); bei der deverbalen Ableitung kann ein Verb in eine andere Wortklasse (Substantiv, Adjektiv, Verb) überführt werden (z.B. „durar“ à „dura| ción“); bei der deadjektivischen Ableitung werden aus einem Adjektiv neue Derivate der Wortarten Substantiv, Verb, Adverb und Adjektiv gebildet (z.B. „hermoso“ à „hermos| ura“).

Bei der semantischen Klassifikation der spanischen Suffixe betont Berschin, dass nur die semantische Funktion des Adverbialsuffixes „-mente“ eindeutig zu bestimmen ist.

Ansonsten sind Form und Funktion nicht eindeutig zugeordnet: Einerseits wird die gleiche semantische Funktion durch mehrere Suffixe ausgedrückt (Polymorphie), andererseits kann eine Suffixform mehrere semantische Funktionen haben (Homonymie).[7]

Die semantische Funktion der Suffigierung läßt sich durch einen Paraphrasen-kontext darstellen, in dem das Grundwort (X) steht.[8]

[...]


[1] Dietrich/ Geckeler 2000: 90.

[2] Berschin 1987: 303.

[3] Berschin 1987: 303.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Berschin 1987: 304.

[7] Berschin 1987: 305.

[8] Berschin 1987: 309.

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638321051
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30959
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Romanistik
Note
2,7
Schlagworte
Semantisch Präfixe Suffixe Hauptseminar

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Titel: Semantisch entleerte Präfixe und Suffixe