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Nachwuchsathleten im Spannungsfeld von Schule und Leistungssport

Zur Bewältigung der Doppelbelastung

Masterarbeit 2014 57 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsstand: Die Doppelbelastung zwischen Schule und Leistungssport
2.1 Zur Begrifflichkeit Doppelbelastung
2.2 Umfang der schulischen Anforderungen
2.3 Umfang der leistungssportlichen Anforderungen
2.4 Die Doppelbelastung aus Sicht der Betroffenen
2.4.1 Schulische Belastungen
2.4.2 Leistungssportspezifische Belastungen aus Sicht der Betroffenen
2.4.3 Zwischenbilanz: Die Doppelbelastung aus Sicht der Betroffenen

3 Das Verbundsystem von Schule und Leistungssport
3.1 Die Sportbetonte Schule und die Partnerschule des Sports
3.2 Die Eliteschule des Sports
3.3 Das Sportinternat
3.4 Unvereinbarkeiten im Verbundsystem?! - Schule versus Leistungssport

4. Forschungsstand: Die Bewältigung der Doppelbelastung durch soziale Ressourcen
4.1 Zur Begrifflichkeit Bewältigung
4.2 Das Soziale Netz als Bewältigungsressource
4.3 Soziale Unterstützung durch die Eltern
4.4 Soziale Unterstützung durch Freunde
4.5 Soziale Unterstützung durch die (Sport-) Schule
4.5.1 Soziale Unterstützung durch die Lehrer
4.5.2 Soziale Unterstützung durch das Internat

5. Forschungsergebnisse: Die Auswirkungen der Doppelbelastung aus subjektiver und objektiver Perspektive
5.1 Auswirkungen auf die Schul- und Sportkarriere
5.2 Auswirkungen auf die soziale Entwicklung

6. Kapitelzusammenfassung

7. Schlussbetrachtung und Ausblick

8. Literaturverzeichnis
8.1 Internetquelle

1. Einleitung

Seit jeher ist das Sporttreiben auf leistungssportlichem Niveau durch eine Steigerung der Trainingsanforderung und -umfänge geprägt - ,,höher, schneller, weiter!” lautet schließlich die olympische Devise, um im internationalen Vergleich bestehen zu können. Demzufolge gilt als unumstritten, dass das intensive und innige Betreiben von Leistungssport einen deutlichen Teil im Alltagsgeschehen der Jugendlichen einnimmt. Doch sich allein auf den Leistungssport zu konzentrieren und den schulischen Werdegang außer Acht zu lassen, scheint angesichts des möglichen Umstandes, aufgrund einer gravierenden Verletzung die Sportkarriere abrupt beenden zu müssen, nicht ratsam. Denn schließlich beginnt mit Beendigung der Sportkarriere der berufliche Werdegang, dessen Grundlage letztlich auf der schulischen Ausbildung fußt. Da es für die jungen Athleten nicht immer leicht ist, Schule und Leistungssport in Einklang zu bringen, war das Credo für Eltern und Kinder langjährig: „Entweder eine gute schulische Ausbildung oder Leistungssport!“. Um dennoch die tagtäglichen schulischen und sportspezifischen Herausforderungen annehmen und Schule wie auch Sport erfolgreich meistern zu können, wurde das Verbundsystem von Schule und Leistungssport ins Leben gerufen - eine Einrichtung, die aufgrund spezifischer institutioneller Rahmenbedingungen und Fördermaßnahmen als besonders geeignet für sportambitionierte Jugendliche gilt. Bevor in der vorliegenden Arbeit näher auf die Spezifik des Verbundsystems respektive die Frage, wie das System, mitsamt seiner charakteristischen Institutionen gezielt auf die Doppelbelastung reagiert, eingegangen wird, soll zunächst der Forschungsstand bezüglich der schul- und trainingsinduzierten Doppelbelastung - mit welcher sich die Nachwuchsathleten schließlich tagtäglich konfrontieren - beleuchtet werden. Im Rahmen vorliegender Arbeit wird ebenso relevant sein, ob und in welchem Maße die jugendlichen Leistungssportler die Doppelbelastung aufgrund von Unterstützungsleistungen aus ihrem sozialen Umfeld bewältigen können. Ferner sollen die ausschlaggebenden, den jugendlichen Leistungssportlern stets zur Seite stehenden sozialen Instanzen, in den Blick genommen werden. An dieser Stelle gilt es darauf hinzuweisen, dass sich hier allein auf die institutionellen und sozialen Unterstützungsleistungen fokussiert wird und das schulische sowie sportbezogene Selbstkonzept sowie die personalen, internen Bewältigungsprozesse und -Ressourcen, nicht explizt erläutert werden. Allein im Zusammenhang der kurzen Erläuterung des Belastungs-Bewältigungs-Modells nach Lazarus (1981), wird die subjektive Ressource bzw. Kompetenz erwähnt. Neben der Betrachtung der Kompensationsleistungen der sozialen Ressourcen, soll desweiteren anhand empirischer Befunde geklärt werden, ob die Schullaufbahn durch die hohen zeitlichen Anforderungen eingeschränkt oder gefährdet scheint.

Bundesweit existiert eine Anzahl an quantitativen und qualitativen Studien, die sich aus pädagogischem und psychologischem Blickwinkel heraus mit der Schwierigkeit der doppelten Belastung junger Athleten auseinandersetzen. Im Zentrum der Untersuchungen steht meist die subjektive Perspektive der jungen Sportlerinnen und Sportler hinsichtlich der schul- und trainingsinduzierten Anforderungen. Anhand der Befunde besagter Studien erhofft man sich, Einsicht in das Spannungsverhältnis der jugendlichen Sportlerinnen und Sportler zu erhalten und etwaige Modifikationen in die Wege zu leiten.1 Zu nennen sind hier die Arbeiten von Richartz & Brettschneider (1996), Brettschneider & Klimek (1998), Rost (2002), Beckmann (2002), Teubert, Borggrefe, Cachay & Thiel (2006), Teubert (2009), Prohl & Emrich (2009), Hummel & Brand (2010) sowie Borggrefe & Cachay (2010). Die Untersuchungen beschäftigen sich beispielsweise mit folgenden Fragen:

1. Welchen Umfang hat die Doppelbelastung? Welche schul- und trainingsinduzierten Belastungen sind hier von Belang?
2. Wie bewerten die betreffenden Heranwachsenden die Doppelbelastung aus subjektiver Perspektive?
3. Wie wird die Doppelbelastung von den Jugendlichen bewältigt? Auf welche sozialen Ressourcen greifen sie dabei zurück? Ist das soziale Umfeld in der Lage, das Belastungsempfinden zu drosseln?
4. Beurteilen die Nachwuchsathleten die Koordination zwischen Schul- und Sportsystem als zufriedenstellend oder lückenhaft? Funktioniert ihrem Ermessen nach die erwünschte Balance zwischen Schule und Training?

Angesichts dieser Forschungsfragen ist der Antrieb gegeben, in vorliegender Arbeit zum einen den Forschungsstand bezüglich des Spannungsfelds von Schule und Leistungssport junger Athletinnen und Athleten zu beleuchten, zum anderen hinsichtlich der institutionellen Lösungsmöglichkeiten und weiteren sozialen Ressourcen, die bei der Bewältigung der Doppelbelastung Abhilfe leisten. Es wird somit versucht, entsprechende repräsentative Forschungsergebnisse anzuführen, um der Frage nachzugehen, in welchem Ausmaß die Nachwuchsathleten die doppelte Belastung wahrnehmen und diese durch die ihnen zur Seite stehende soziale Unterstützung zu kompensieren vermögen. In diesem Kontext muss angemerkt werden, dass sich die zu Grunde liegenden empirischen Untersuchungen in erster Linie auf Schülerathletinnen und -athleten von Schulen mit Sportprofil beziehen.

2. Forschungsstand: Die Doppelbelastung zwischen Schule und Leistungssport

2.1 Zur Begrifflichkeit Doppelbelastung

Bevor die in Kapitel 1 angesprochene Problematik sportlich begabter Schülerinnen und Schüler genauer betrachtet wird, soll zuerst eine theoretische Fundierung des Begriffs Doppelbelastung vorgenommen werden.

Gemäß des Sportwissenschaftlichen Lexikons stellt Belastung „[...] die Gesamtheit der erfassbaren Einflüsse [...], die von außen auf einen Menschen zukommen und auf ihn einwirken.“2 dar. Beanspruchung hingegen ist „[...] die unmittelbare Auswirkung von einer auf einen Menschen zukommenden Belastung [...].“3 Obschon die beiden Begriffe sinnverwandt anmuten, sind sie vor dem Hintergrund, dass sich der erste auf alle äußeren Gegebenheiten und umweltspezifischen Belastungen und der zweite wiederum auf die Reaktionen des Individuums bezieht, unterschiedlich. Hier sei anzumerken, dass gleichermaßen die objektiv konstatierbaren Befunde der Doppelbelastung sowie die subjektiven Beanspruchungsempfindungen der jungen Athleten von Interesse sind. Der Bedeutung nach bezieht sich die Begrifflichkeit auf die von den jungen Athleten wahrgenommene Komprimierung von schul- und trainingsspezifischen Belastungen. Denn, wie bereits angeführt, ist der tagtägliche Rhythmus leistungssportambitionierter Jugendlicher durch ein Spannungsfeld von Schule und Leistungssport gekennzeichnet. Da es gilt, in beiden Bereichen möglichst erfolgreich zu sein, bedarf es hier entsprechend viel Aufmerksamkeit und Aufwand.

Folglich unterscheidet sich die Lebenswelt von Nachwuchsathleten im Vergleich zu ihren Altersgenossen durch einen bedeutsamen Aspekt, nämlich der Doppelbelastung. Der Alltag der heranwachsender Sportler ist durch hohe schulspezifische (vgl. Kapitel 2.2) und trainingsspezifische Belastungen (vgl. Kapitel 2.3) geprägt. Teubert et al. (2006) erläutern die angeführte Problematik wie folgt:

Die Probleme der Abstimmung von Schulkarriere und Sportkarriere laufen letztlich immer unmittelbar im Leben des jugendlichen Athleten zusammen, der vor dem Horizont knapper Zeit und einer doppelten Erfolgserwartung seinen individuellen Lernrhythmus mit dem erforderlichen Aufwand seines leistungssportlichen Engagements in Einklang bringen muss4

Die Aussage deutet bereits einen entscheidenden Faktor der Doppelbelastung an: Der zeitgebundene Umfang. Denn insbesondere die räumliche Entfernung zwischen Wohnort, Schule und Trainingsstätte impliziert einen erheblichen zeitlichen Aufwand.5 Es scheint folglich außer Frage, dass junge Nachwuchsathletinnen und - athleten im Spitzenbereich kaum Zeit für sich selbst haben:

Die Athleten gehen in der Regel dann zum Training, wenn sich ihre Altersgenossen mit Freunden treffen, um Freizeitaktivitäten nachzugehen. Nicht nur der bloße Umfang der Belastung ist das Problem, sondern auch die aus der Doppelbelastung von Training und Schule resultierende Zerstückelung des Alltags. [...]6

Neben der schul- und trainingsinduzierten Belastung, müssen die jungen Sportler demzufolge ihre wenig verfügbare Freizeit koordinieren und sich dennoch wie ihre Altersgenossen mit alltäglichen (Entwicklungs-) Problemen und kritischen Lebensereignisse, z.B. die Scheidung der Eltern oder der Tod eines Familienangehörigen, auseinandersetzen.

Der Begriff Doppelbelastung ist schließlich ein verflochtenes Konstrukt unterschiedlicher Begebenheiten und Faktoren. Nach Richartz & Brettschneider (1996) basiert die Doppelbelastung nicht auf einmalige Geschehnisse, sondern vielmehr auf permanente, längerfristige und durch minimale Veränderungen gekennzeichneten Ereignisse. Die spezifischen Belastungen, die in der vorliegenden Arbeit thematisiert werden, beziehen sich entsprechend auf die Einrichtungen Schule und Leistungssport bzw. Training.7

Zunächst bedarf es eines Abbilds des zeitlichen Rahmens äußerer schulischer und leistungssportspezifischer Anforderungen, um sich letztlich der komplexeren Angelegenheit, der Darstellung der Doppelbelastung und ihre Auswirkungen aus Akteurperspektive, widmen zu können.8 Demzufolge soll nachfolgend der Umfang der schulischen und trainingsinduzierten Anforderungen genauer unter die Lupe genommen werden.

2.2 Umfang der schulischen Anforderungen

In vielen Sportarten wird vor allem in der Adoleszenz Höchstleistung verlangt - eine Altersspanne, die sich schließlich auch durch hohe schulische Belastungen charakterisieren lässt.9 Obschon hier der zeitliche Umfang schulischer Anforderungen angeführt wird, gilt es vorab zu erwähnen, dass das Stundenvolumen der drei vorgestellten Berliner Schulen mit Sportprofil nicht pauschal auf weitere Schulen der Republik bezogen werden kann.

Bei der Einrichtung Schule handelt es sich um eine durch den Staat geregelte Bildungsanstalt mit gesellschaftspolitischem Auftrag. Neben der Weitergabe von entsprechenden Kompetenzen und Fähigkeiten, ist die Erziehung, Wertevermittlung und Persönlichkeitsentwicklung aller Schülerinnen und Schüler von hoher Relevanz. Nach Fend (1980) lauten die klassischen Schulfunktionen wie folgt:

1. Qualifikation: Vorbereitung auf spätere Lebensanforderungen in Beruf, Privatleben und gesellschaftlichen Funktionen.
2. Sozialisation: Vermittlung gesellschaftlich erwünschten Verhaltens.
3. Selektion: Auslese und Zuweisung einer sozialen Position oder Berechtigung.
4. Legitimation: Vermittlung gesellschaftlicher Grundwerte zur Sicherung der

Loyalität und Integration.10

In Deutschland beträgt die Schulpflicht neun bis zehn Jahre, d.h. junge Nachwuchsathleten sind mindestens bis zum 16. Lebensjahr der Doppelbelastung von Schule und Leistungssport ausgesetzt. Eine Studie von Richartz & Brettschneider (1996) an drei Berliner Schulen mit sportlichem Schwerpunkt offenbarte einst ein Wochenpensum von 30-35 Stunden Unterricht - davon sechs bis sieben Schulstunden täglich - welches durch die erforderlichen Zeit für Hausaufgaben sowie Klassenarbeits- und Klausurvorbereitungen noch erhöht wird.11 Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Rost (2002), der anhand seiner Befragung von Sportschülern am Sportgymnasium Leipzig einen schulischen Umfang von mehr als 30 Stunden pro Woche erfasste.12

Hier gelten gleiche Anforderungen für alle, d.h. sowohl Schülerathleten wie auch Regelschüler müssen den gleichen Aufwand bezüglich Hausaufgaben, Klassenarbeiten und Klausuren leisten:

[...] Die Schulen mit sportlichem Schwerpunkt genießen keine relevanten Ausnahmeregelungen hinsichtlich Stundenvolumen, Lehrinhalten, Leistungsüberprüfungen, Schulzeitlänge oder Schüler-Lehrer-Relation. Athletinnen und Athleten, die diese Schule besuchen, haben in Quantität und Qualität also die gleichen Anforderungen zu bewältigen wie ihre Altersgenossen auf entsprechenden Regelschulen.[...]13

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Anforderungen der Schule (Richartz & Brettschneider, 1996, S.54)

Auch die Studie von Fessler et al. (2002) setzte sich u.a. mit dem schulischen Umfang von D-Kaderathleten der Sekundarstufen an Regelschulen in Baden-Württemberg auseinander. So konstatierte man 29-35 Unterrichtsstunden respektive 25-30 Zeitstunden zuzüglich der Pausenzeit, der Hohlstunden und der Hausaufgabenzeit. Vor dem Hintergrund, dass bei den Schülerathleten auch die Belastung des Leistungssports hinzukommt, kann von einer Gesamtbelastung von bis zu 54 Wochenstunden ausgegangen werden.14

2.3 Umfang der leistungssportlichen Anforderungen

Neben der vorausgehenden Darstellung der Institution Schule mitsamt ihrer äußeren Anforderungen, stellt weiterhin der Leistungssport einen relevanten Teilbereich der hier thematisierten Problematik dar.

Der Umfang leistungssportlicher Anforderungen ist neben dem Training und den Wettkämpfen auch durch Fahrtzeiten, sportärztliche Untersuchungen, Physiotherapie etc. geprägt. Angesichts der stets neu definierten Leistungsgrenzen und den daraus resultierenden gesteigerten und intensivierten Trainingsumfängen, verändern sich zwangsläufig auch die Zustände und Dimensionen im Leistungssport von Kindern und Jugendlichen.15 Auch das Einstiegsalter in das leistungssportliche Geschehen verlagerte sich in mancher Sportart nach vorne. Gemäß Fessler et al. (2002) trainieren die jüngeren Kaderathleten in den meisten Sportarten eher zu viel als zu wenig.16

Neben der Periodisierung der Trainingsbelastungen und -umfänge aufgrund von Höhepunkten in der Wettkampfsaison, steigt analog das Trainingspensum bzw. die trainingsspezifische Zeitanforderung.17 Jedoch ist es problematisch, eine generalisierende Erklärung bezüglich der trainingsinduzierten Belastungen der jugendlichen Leistungssportler abzugeben, da dies zweifelsohne auch von der jeweiligen Sportart abhängt. So könne man laut Richartz & Brettschneider (1996) die Trainingsanforderungen einer 12jährigen Turnerin, deren wöchentliches Trainingspensum 22-26 Stunden beträgt, nicht mit denen eines 18jährigen Volleyballers mit 10-13 Stunden in der Woche, vergleichen.18

Um dennoch einen Einblick in den erforderlichen Einsatz zwecks erfolgreicher Leistungssportkarriere zu geben und gleichermaßen abzubilden, mit welch sportlicher Belastung sich Nachwuchsathleten auseinandersetzen, soll hier die Studie von Richartz & Brettschneider (1996) zum alltäglichen Trainingsbetrieb junger Athletinnen und Athleten an einem Sportinternat aufgeführt werden. So bilanzierten sie zwar einen unterschiedlichen, dennoch hohen zeitlichen Aufwand der Nachwuchsathleten für ihr Training - ergo im Durchschnitt absolvierten sie Trainingspensen von fünf bis zu 36 Stunden wöchentlich.19 Weiterhin konstatierten sie, dass diese im Verlauf der Schulzeit weiterhin anstiegen.20 Dass die erforderliche Trainingszeit mit ansteigendem Alter kontinuierlich wächst, stellte zudem Rost (2002) anhand seiner Befragung fest. Weiterhin lieferte er einen Überblick über die Trainingshäufigkeit und die Trainingszeiten der Probandengruppe: Demzufolge bewältigen jene Sportschüler - unabhängig ihres Alters und ihrer Sportart - durchschnittlich 6,8 Trainingseinheiten respektive 12,5 Stunden Training pro Woche.21

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Traininhshäufigkeit und Trainingszeiten am Sportgymnasium Leipzig (Rost, 2002, S.121).

2.4 Die Doppelbelastung aus Sicht der Betroffenen

2.4.1 Schulische Belastungen

Angesichts des empirisch ermittelten zeitlichen Umfangs der schulischen und leistungssportspezifischen Anforderungen (vgl. Kapitel 2.1 und 2.2), beabsichtigten einige empirische Untersuchungen weiterhin, das Ausmaß besagter Pensen respektive das schulspezifische Belastungsempfinden aus Sicht der heranwachsenden Leistungssportler zu ermitteln.

Demgemäß forderten Brettschneider & Klimek (2009) in ihrer Studie Kaderathleten der Klassen 7 bis 10 sowie 10 bis 13 zu einer individuellen Stellungnahme auf hinsichtlich der These, dass ,,die Schule oft zu hohe Anforderungen ” an sie stelle. Im Vergleich zu den Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I, ist ein deutlich höherer Anteil derjenigen Kadersportlerinnen und -sportler der Sekundarstufe II auszumachen, welche die schulischen Anforderungen als zu hoch empfinden: Mit einem exakt zwischen `Ablehnung´ und `Zustimmung´ liegenden Durchschnittswert von 2,5 - d.h. mehr als die Hälfte - fühlen sich die befragten, älteren Athleten der Oberstufe ob der schulischen Aufgaben überfordert.22

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: „In der Schule werden oft zu große Anforderungen an mich gestellt“ (Brettschneider & Klimek, 2009, S.103)

Generell sind Veränderungen im alters- und klassenspezifischen Progress konstatierbar. Werden die beiden Altersgruppen zum Vergleich herangezogen, so offenbart sich, dass die Kadersportler aus der Mittelstufe gegenüber denen aus der Oberstufe ein geringeres Stressempfinden im schulischen Kontext bekunden. Dies scheint angesichts erhöhter schulischer Forderungen und individuellem Belastungsdruck in der Oberstufe plausibel.23

Brettschneider & Klimek (2009) fokussierten sich in ihrer Studie weiterhin auf mögliche Effekte hinsichtlich des Umwandlungsprozess’ der Kinder- und Jugendsportschulen der ehemaligen DDR in die Sportbetonten Schulen der Bundesrepublik, auf die explizit in Kapitel 3.1 eingegangen wird. Das heißt, die im Zeitraum von 1992 bis 1995 liegenden Messwerte sollten möglichst aufschlussreich sein bezüglich eventueller Verunsicherungen der Betroffenen in Punkto Leistungsbewertung, wie sie einst in der ehemaligen DDR gehandhabt wurde, gegenüber der nun vorgegebenen westdeutschen Praktik. Die Daten offenbarten jedoch, dass die schulischen Anforderungen bei den Kaderathleten nicht vermehrt Stress und Überforderung forcieren, d.h. ihrem subjektiven Empfinden nach, währen diese als eine eher gleichbleibende, alltägliche Aufgabe und Herausforderung fort.24 Ein von Cachay et al. (2006) in Nordrhein-Westfalen durchgeführtes Projekt stand mitunter im Zeichen der Befragung junger Athleten zu ihrer Bewältigung der schulischen Anforderungen, d.h. sie wurden auch dahingehend befragt, wie stark sie sich von der Schule belastet fühlen. Insgesamt konnte anhand der Messwerte ergründet werden, dass das subjektive schulische Belastungserleben (Item: ,,Ich f ü hle mich oft den schulischen Anspr ü chen nicht gewachsen ” oder ,,Ich f ü hle mich in der Schule st ä ndig unter Leistungsdruck ”) eher gering beurteilt wurde. Auch angesichts steigender Trainingsaufwendungen, zeugen die Aussagen der Jugendlichen durchschnittlich von einer Wahrnehmung geringerer schulischer Belastungen (Item: ,, [ F ] ü hle mich gering belastet ”).25

2.4.2 Leistungssportspezifische Belastungen aus Sicht der Betroffenen

Dass sich jugendliche Nachwuchsathleten einem deutlichen Teil ihrer Zeit der Schule und dem Leistungssport widmen und sich durch die schulischen Anforderungen zudem teilweise belastet fühlen, wurde in den beiden vorausgehenden Kapiteln verdeutlicht. Mit Blick auf die Erforschung der Doppelbelastung der jungen Athleten ist es naturgemäß erforderlich, den zweiten Aspekt besagter Problematik respektive die durch den Leistungssport induzierten Belastungen der Nachwuchsathleten zu ermitteln. Nachstehend werden nun Forschungsergebnisse bezüglich sportspezifischer Belastungen junger Spitzenathleten abgebildet.

So äußerten sich die befragten Probanden in der Studie von Brettschneider & Klimek (2009) zur Evaluation Sportbetonter Schulen neben ihrem schulischen Belastungserleben auch hinsichtlich der durch Training wahrgenommen Belastungen, indem man sie mit folgender Aussage konfrontierte: „ Durch den Leistungssport f ü hle ich mich oft sehr beansprucht “.26 Die Analyse der Daten offenbarte keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass sich die Kadersportler im Rahmen der Neustrukturierung der Sportbetonten Schulen auch einem erhöhtem Belastungsdruck im Trainingsalltag ausgesetzt sahen - die zwischen 1992 und 1995 vernehmbare Konstanz der trainingsspezifischen Beanspruchungen ist mit der Erkenntnis gleichbleibender Trainingspensen deckungsgleich. Das subjektive Gefühl, dem Trainingsalltag mitsamt seinen Herausforderungen gewachsen zu sein, blieb im besagten Trainingsalltag stabil.27 Dennoch ist es gemäß der Initiatoren der Studie unabdingbar, angesichts der bereits erwähnten Stabilität der Trainingspensen und der trainingsspezifischen Beanspruchungen, nicht ohne Weiteres auf eine Balance und Konstanz der individuell verfügbaren Bewältigungsmöglichkeiten der jungen Berliner Nachwuchsathleten zu schließen. Obschon die Beurteilung der Bewältigungsmöglichkeiten im Trainingsalltag durch die 7. bis 10. Klässler einen zwischen `Zustimmung´ und `Ablehnung´ liegenden Durchschnittswert offenbarte, muss aufgrund des nahezu fünfzigprozentigen Anteils an Zustimmung der These fraglos konstatiert werden, dass auch die jüngere Kohortengruppe einen deutlich vernehmbaren Anforderungsdruck verspürt, welcher gar durch die Ausführung der älteren Athletengruppe verstärkt wurde.28 Demgemäß lassen sich die Autoren zu der These hinreißen, dass bei einigen Heranwachsenden aufgrund des herausfordernden Trainingsalltags in den Sportstätten, sowohl in frühen wie in späteren Entwicklungsjahren, Anzeichen von Irritationen, Zweifeln und Ängsten auftreten können. In diesem Kontext stellen Brettschneider & Klimek (2009) die Vermutung auf, dass der ähnlich steigende trainingsinduzierte Belastungsdruck kurz vor dem Abitur nur durch ein Abrücken von der leistungssportlichen Geschäftigkeit, gar einer Beendigung der leistungssportlichen Karriere, gesenkt würde.29

[...]


1 Wolf-Dietrich Brettschneider & Guido Klimek: Sportbetonte Schulen. Aachen 2009, S.101.

2 Klaus Carl: Sportwissenschaftliches Lexikon (7. völlig neu bearb. Aufl.). Schorndorf 2003, S.72. Hrsg. von Peter Röthig & Robert Prohl.

3 ebd.

4 Hilke Teubert, Carmen Borggrefe, Klaus Cachay & Ansgar Thiel: Spitzensport und Schule. Hrsg. von Klaus Cachay & Helmut Digel. Schorndorf 2006, S.11.

5 Richartz & Brettschneider: Weltmeister werden und die Schule schaffen. Schorndorf 1996, S.71.

6 Wolf-Dietrich Brettschneider: Ein schwieriger Spagat: Jugendliche zwischen Hochleistungstraining und Schulkarriere. In: Spitzensport - Chancen und Probleme. Hrsg. von Helmut Digel. Schorndorf 2001, S.234.

7 Richartz & Brettschneider, Weltmeister werden und die Schule schaffen, S.31.

8 ebd., S.51.

9 Wolf-Dietrich Brettschneider: „Weltmeister werden und die Schule schaffen“ - Zur Doppelbelastung jugendlicher Leistungssportler und -sportlerinnen. In: Kinder und Jugendliche im Leistungssport. Hrsg. von Reinhard Daugs, Eike Emrich, Christoph Igel. Schorndorf 1998, S.101.

10 Helmut Fend: Neue Theorie der Schule. München 1980, o.A.

11 Richartz & Brettschneider, Weltmeister werden und die Schule schaffen, S.53-54.

12 Klaus Rost: Verbundsysteme Leistungssport - Schule. In: Talent im Sport. Hrsg. von Andreas

Hohmann, Ditmar Wick & Claus Karl. Schorndorf 2002, S.121. Vgl. auch: Tab.2, S.121 und Tab.3, S118.

13 Richartz & Brettschneider, Weltmeister werden und die Schule schaffen, S.53.

14 Norbert Fessler, Rainer Frommknecht, Ralph Kaiser, Maximilian Renna, Jörg Schorer & Martin Binder: Förderung des leistungssportlichen Nachwuchses. Schorndorf 2002, S.70.

15 Richartz & Brettschneider, Weltmeister werden und die Schule schaffen, S.13.

16 Fessler et al., Förderung des leistungssportlichen Nachwuchses, S.61.

17 Richartz & Brettschneider, Weltmeister werden und die Schule schaffen, S.58.

18 Brettschneider, „Weltmeister werden und die Schule schaffen“. In: Kinder und Jugendliche im Leistungssport, S.104.

19 Richartz & Brettschneider, Weltmeister werden und die Schule schaffen, S.81.

20 ebd. S.58-S.71.

21 Rost, Verbundsysteme Leistungssport - Schule. In: Talent im Sport, S.121. Vgl. auch: Tab.2, S.121.

22 Brettschneider & Klimek, Sportbetonte Schulen, Abb. 4.1, S.103.

23 Brettschneider & Klimek, Sportbetonte Schulen, S.103-104.

24 Brettschneider & Klimek, Sportbetonte Schulen, S. 102-103.

25 Klaus Cachay, Hilke Teubert, Carmen Borggrefe & Ansgar Thiel: Verbundsysteme in NRW - eine Analyse der strukturellen Kopplung von Spitzensport und Schule. In: Sport ist Spitze; 20. Int. Workshop Sportgespräch. Gelsenkirchen 2006, S.37.

26 Brettschneider & Klimek, Sportbetonte Schulen, S.105.

27 Brettschneider & Klimek, Sportbetonte Schulen, S.106

28 ebd., S.105-106.

29 ebd., S.106-107.

Details

Seiten
57
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668075764
ISBN (Buch)
9783668075771
Dateigröße
666 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309279
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Sport- und Sportwissenschaft - Institut für Sport- und Sportwissenschaft HU Berlin
Note
2,0
Schlagworte
nachwuchsathleten spannungsfeld schule leistungssport bewältigung doppelbelastung

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Titel: Nachwuchsathleten im Spannungsfeld von Schule und Leistungssport