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Auguren des Verfalls. Rebellion bei Chargaff, Bernhard, Cioran, Gómez Dávila und Pessoa

Diskussionsbeitrag / Streitschrift 2015 182 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Erwin Chargaff

„Zukunft, wie tust du mir leid!“

Thomas Bernhard

„Die Welt ist eine Strafanstalt.“

E.M.Cioran

„Wie schleppt man sich fort durch eine stock­finstere Zeit?“

Nicolás Gómez Dávila

„Der Mensch wird als Rebell geboren.“

Fernando Pessoa

„Exil unter Spinnen“

Misanthropologie

„Literarische Aspekte der Anthropofugalität.“

Nachbemerkung

Vorwort

Für Arthur Schopenhauer ist das ganze Leben ein Trauerspiel und eine Leidensgeschichte, ein „Pensum zum Abarbeiten“ jener Schuld, die die Menschen selber verursacht haben und die das „viele und große Leiden der Welt“ herbeigeführt hat. Der von der Karmalehre überzeugte Phi­losoph empfahl daher seinen Zeitgenossen, „diese Welt zu betrachten als einen Ort der Buße, also gleichsam als eine Strafanstalt.“ Zur objektiven Rechtfertigung dieser Schuld zitiert Schopenhauer in seinen Parerga und Paralipomena nicht nur Geister wie Empedokles und Pythagoras, sondern auch Cicero, der in seinen Fragmenta de philosophia ausführt, „daß von alten Weisen und bei der Einweihung in die Mysterien gelehrt wurde, 'nos ob aliqua scelera suscepta in vita superiore poenarum luendarum causa natos esse' (daß wir wegen bestimmter in einem frühe­ren Leben be­gangener Fehler zur Abbüßung der Strafe geboren seien).“

Der Philosoph hielt den Umgang mit seinen Zeitgenossen infolge der „moralisch und intellektuell elenden Beschaffenheit der aller­meisten Menschen“ für gänzlich unerträglich. Immer auf Distanz zu den „Alltäglichen, Trivialen und Gemeinen“, wußte der Pessimist seit frühester Jugend an, daß es „in der Welt nur die Wahl gibt zwischen Einsamkeit und Gemeinheit.“ Infolge langer Erfahrung hat Schopenhauer aufgehört, von den Menschen viel zu erwarten, „da sie, im ganzen genommen, nicht zu den Leuten gehören, wel­che bei näherer Bekanntschaft gewinnen: vielmehr weiß man, daß, von seltenen Glücksfällen ab­gesehen, man nichts antreffen wird als sehr defekte Exemplare der menschlichen Natur, welche es besser ist unberührt zu lassen.“ Wie die antiken Stoiker wollte der Philosoph das Leiden an und in dieser Welt durch die „Meeresstille des Gemüts“ und die ästhetische Kontemplation aufgehoben wissen. Die ästhetische Anschauungsweise war ihm „die tiefste und wahrste Erkenntnis vom ei­gentlichen Wesen der Welt.“

Ähnlich wie Schopenhauer wollten sich die hier versammelten Geister der Rebellion, die Augu­ren des Verfalls, mit dem vorgefundenen Zustand der Welt nicht abfinden - einer Welt, die Ernst Bloch als „Beinhaus“ beschrieben und die Hermann Hesse als „Fehlgeburt“ wahrgenommen hat, aus der nur die „Todesfeuer der Selbstschau“ retten könnten. Es sind allesamt hoch motivierte Skeptiker, die, wie die skepteshai der Antike, den Zweifel infolge der Unerkennbarkeit der Wirklich­keit zum Prinzip des Denkens machten, wodurch sämtliche Evidenzen respondiert werden. Der ra­dikale Skeptizismus verweigert sich allen Hypothesen und Theorien, er verfährt nach der Devise: De omnibus est dubitandum.

Neben dem antiken Skeptizismus, der sich zuerst bei Pyrrhon von Elis findet, gibt es eine mo­derne Variante dieser Philosophie, mit der sich Chargaff, Bernhard, Cioran, Gómez Dávila und Pessoa auseinandergesetzt haben. Für Cioran, der wiederholt als Nobelpreisträger gehandelt wurde, war die Skepsis „eine Übung in Entfaszination“, er nannte sie den „Glauben der schwan­kenden Geister“. Im Gespräch mit Sylvie Jaudeau definierte er den Skeptizismus mit den Worten: „Er ist eine unentwegte Infragestellung, die instinktive Absage an jede Gewißheit. Der Skeptizis­mus ist eine höchst philosophische Haltung, aber paradoxerweise ist er nicht das Ergebnis einer Entwicklung, er ist angeboren. Man kommt als Skeptiker zur Welt.“

Jaudeau erklärte in diesem Gespräch, daß alle großen Skeptiker weise Menschen seien und fragte Cioran, ob der Skeptizismus nicht eine für unsere Zeit besonders geeignete Art der Spiritua­lität sei. Die Antwort: „Ich bin unfähig zu sagen, ob diese Geisteshaltung andauern wird, ob sie die der Zukunft ist oder ob sie nur einem vorübergehenden Erwachen gleichkommt. Wie auch immer, ich erlebe zum erstenmal eine solche Absage an die Illusion und einen solchen Zusammenbruch der Dogmen. Es trifft aber zu, daß alle verheerenden, geschichtlichen Niederlagen ein Aufblühen des Skeptizismus zur Folge hatten.“

Bereits Nietzsche hat den „Sieg der Skepsis“ vorausgesagt, nachdem sich die „Grundfragen der Metaphysik“ sowie der Kantische Kritizismus und das „Ding an sich“ als illusorisch erwiesen ha­ben. Nietzsche war bewußt, daß der „Irrtum über das Leben zum Leben notwendig sei.“ In Die fröhliche Wissenschaft spricht der Skeptiker zu sich selbst:

„Halb ist dein Leben um,
Der Zeiger rückt, die Seele schaudert dir!
Lang schweift sie schon herum
Und sucht und fand nicht - und sie zaudert
hier?
Halb ist dein Leben um:
Schmerz war's und Irrtum, Stund' um Stund'
dahier!
Was suchst du noch? Warum? - -
Dies eben such’ ich - Grund um Grund dafür!“

Was nun den Verfall betrifft, im Französischen auch als décadence, dégénération und corruption konnotiert, so hat Heidegger diesen in seinem Buch Sein und Zeit als eine existentielle Grundbefindlichkeit des Menschen gekennzeichnet. Schon in der Metaphorik des Fallens liege eine Tendenz des Daseins, von diesem immer erneut abzufallen. Das Verfallen ist ein existenzialer Modus des In-der-Welt-Seins, der seinen existenzialen Sinn in der Gegenwart hat. Wie die hier dargestellten Auguren des Verfalls aufweisen, bleibt dem Individuum angesichts seiner ontischen „Geworfenheit“ nur die Hinnahme dieses Fatums: Seinsgeschichte erweist sich als unentrinnbares Verhängnis.

Erwin Chargaff, der schon als Kind seinen Austritt aus der Menschheit beschloß, war die heu­tige Welt eine Welt der Dekadenz und Sklaverei. Die Historie erschien dem Naturwissenschaftler wie eine Riesenskulptur aus faulem Fleisch und gärendem Blut. In seinem New Yorker Exil muß er sich wie der Protagonist Roquentin aus Sartres Roman Der Ekel gefühlt haben, der erklärt: „Es kam mir so vor, als gehörte ich einer anderen Spezies an.“ Die Zukunft der Sterblichen hat Char­gaff in seiner Dialektik des Untergangs als ein höllisches Disneyland imaginiert, in dem jeder das gleiche demokratische Recht besitzt, geschändet und ermordet zu werden. Chargaff war aber nicht nur ein begnadeter Wissenschafts- und Gesellschaftskritiker, er war auch, was heute sehr selten geworden ist, ein homme d'esprit und homo litteratus. Die Literatur sollte der Schopf sein, mit dem sich der Mensch „münchhausengleich aus dem Dreck zieht.“ Sie sei die am längsten wirksame geistige Anlage. Gleiches ließe sich über Chargaffs Beziehung zur Musik sagen, die ihm zeitlebens als eine Art Konsolation diente, um das irdische Tränental zu überstehen.

Analog zu Schopenhauer beschrieb Thomas Bernhard das moderne Leben als Strafhaft und absurdes Theater: die heutige Zeit sei die abstoßendste und erbarmungsloseste, die je existiert hat - chaotisch, häßlich, unerbittlich, tödlich. Seine Zeitgenossenschaft empfand er als borniert, stu­pide und morbid, sie sei gekennzeichnet durch den Verlust aller moralischen, ästhetischen und in­tellektuellen Werte. Für seine Protagonisten gibt es infolge ihrer existentiellen Ausweglosigkeit nur die Alternative zwischen Suizid und Narrentum. Zur Verbesserung der Welt wird deren Abschaf­fung vorgeschlagen. Aber auch dieser amüsante Rebell und Bezichtiger liebte die Musik, die nicht nur sein Lebensmittelpunkt war, sondern seine literarischen Subjekte mit der Welt zu versöhnen vermochte. Außerdem war Bernhard ein glänzender Humorist, der sich stets bewußt war, daß sich das Leben, das jeden Sinn verweigert, nur mit Humor aushalten läßt. „Wer nicht lachen kann ist nicht ernst zu nehmen“, heißt es in dem Roman Der Untergeher.

Der Skeptiker E.M. Cioran, Pyrrhonist und Philosoph des Absurden, empfand seine Zeitgenossen als Gespenster und den Umgang mit ihnen als ekelerregend. Der Mensch, das zuckende Gedärm, ein Häuflein Staub, die Kreatur eines bösen Demiurgen, sei bis in die Wurzeln verfault und zum Ver­schwinden prädestiniert. Der rumänisch-französische Unheilsprophet designierte den orbis terrarum zu einem Inferno, in dem der Menschenkot für alle Ewigkeit zur Zeit verurteilt ist. Es gab freilich auch den anderen Cioran, der in der musikalischen Ekstase die Wiederverbin­dung mit dem Ursprünglichen erleben konnte. Cioran wußte, daß wir alle in uns die ganze Musik tragen: „Sie ruht in den Tiefenschichten der Erinnerung. All das, was musikalisch ist, gehört zur Reminiszenz. In der Zeit, da wir noch keinen Namen besaßen, müssen wir wohl alles vorausge­hört haben.“

Der kolumbianische Reaktionär Gómez Dávila wiederum erlebte die moderne Welt als einen Schweinestall, in dem der Mensch unterm Diktat der Merdokratie ein Dasein als finsteres, ängst­liches, keuchendes und gieriges Tier führt. Wie Schopenhauer empfand er die Existenz der Staub­geborenen als Strafe und Kondemnation. Nicht anders der portugiesische Dichter Fernando Pessoa, für den das Scheitern des armseligen Tieres Mensch zu den Konstituenzien seiner Existenz zählt. Das Zusammenleben mit seinen Zeitgenossen, die er als Gespenster aus Lügen beschrieben hat, war ihm stets eine Qual und Folter. Wie Pessoa erkannte Gómez Dávila in Kunst und Literatur eine subversive Kraft, um der Ver­häßlichung der Welt entgegenzuwirken. Seine Schriften könnten sich, falls sie je entdeckt werden, für die Etablierung einer neuen Geistesaristokratie eignen. Wie Pessoa war der Kolumbianer davon überzeugt, daß uns die Kunst vom Schmutz des Seins befreien würde. Für beide Dichter gilt, was Gottfried Benn mit der Kunst als Kontrapunkt zur formfordernden Gewalt des Nichts ge­meint hat: „Es gibt nur den Gedanken, den großen objektiven Gedanken, er ist die Ewigkeit, er ist die Ordnung der Welt, er lebt von Abstraktion, er ist die Formel der Kunst.“

Schon in der Poetik Mallarmés wird eine poésie pur angestrebt, die auf eine völlige Negation alles Materiellen zielt. Für Gauguin liegt die Wahrheit einzig in der reinen Geisteskunst. Mondrian und Malewitsch waren wie Pessoa theosophisch orientiert, desgleichen Kandinsky, der in seinem kunsttheoretischen Traktat Über das Geistige in der Kunst schreibt: „Unsere Seele, die nach der langen materialistischen Periode erst im Anfang des Erwachens ist, birgt in sich die Keime der Verzweiflung des Nichtglaubens, des Ziel- und Zwecklosen. Der ganze Alpdruck der materialisti­schen Anschauungen, welche aus dem Leben des Weltalls ein böses zweckloses Spiel gemacht haben, ist noch nicht vorbei.“

Hier wird ein gnostisches Element sichtbar, wie es für die Ästhetik und Philosophie der Moderne kennzeichnend ist und bei Klages, Bloch, Heidegger, Adorno u.a. ihren geschichtsphilosophischen Höhepunkt erreicht: die Überzeugung von der Hegemonie eines zerstörerischen Prinzips, das den Kosmos zu einem Schauplatz der Gigantomachie von Gut und Böse macht. Wie Cioran betrach­tete Bloch das Weltgeschehen als eine Kontroverse zwischen den Mächten des Lichts und der Finsternis. Bei Adorno dominierte die Vorstellung, daß über der Wirklichkeit ein Bann liege, unter dem sich die Menschheit dahinschleppt, „ein endloser Zug gebeugt aneinander Geketteter, die den Kopf nicht mehr heben können unter der Last dessen, was ist.“ Notwendig sei es, so Adorno in seiner Minima Moralia, „die Menschen zum Bewußtsein des Unglücks, des allgemeinen und des davon unablösbaren eigenen, zu bringen und ihnen die Scheinbefriedigungen zu nehmen, kraft derer in ihnen die abscheuliche Ordnung nochmals am Leben sich erhält.“

Den Positionen der hier exponierten Untergangspropheten korrespondiert unübersehbar die gnostische Lehre von der „Erlösung durch Erkenntnis“, die von der Überzeugung ausgeht, der Kosmos sei das Produkt eines bösen Schöpfers - Cioran nennt ihn „le mauvais Démiurge“ - und das gegenwärtige Elend die Folge der allgemeinen Unwissenheit. In Adornos Epistemologie sind es Kunst und Philosophie, die den Bann aufheben sollen durch den Wechsel vom szientifischen zum ästhetischen Erkenntnisparadigma. Dies trifft auch auf die hier präsentierten Auguren des Verfalls zu, die man mit Michael Pauen „Dithyrambiger des Untergangs“ nennen könnte. Sie alle rebellierten gegen den Degenerationsprozeß der Moderne und setzten diesem eine nietzscheani­sche Evidenz entgegen, wonach das Dasein der Menschen nur als ästhetisches Phänomen ge­rechtfertigt sei. Für Nietzsches Bewunderer Benn liegt in der Kunst die eigentliche Aufgabe des Lebens, nur durch diese sei die verlorene Einheit von Ich und Wirklichkeit wiederzuerlangen: Kunst sei permanentes Bereitstellen und Eröffnen neuer Möglichkeiten von Ich und Welt, in ihr liege der Perspektivismus neuer Horizonte und die letzte metaphysische Tätigkeit innerhalb des abendlän­dischen Wertezerfalls.

Sowohl die antike als auch die moderne Variante der Gnosis lassen sich als Theorie einer „Heimat, die noch niemals war“ (Marcion) begreifen, wobei die Revolte gegen die Diktatur des Be­stehenden, gegen die „unrettbar schlechte Wirklichkeit“ samt ihrer transzendentalen Ödnis immer der Gefahr des Scheiterns und der Resignation ausgesetzt ist. Es geht bei der Gnosis aber nicht nur um die manichäistische Utopie der Erlösung aus der potentia saeculi, sondern um eine univer­selle eschatologische Polarisation, die, alle ontologischen Antinomien versöhnend, Anfang und Ende jeglichen Seins soteriologisch konziliert. Nichts anderes besagt das Theologumenon der Apokatastasis-Lehre, womit im Sinne der neutestamentlichen Apostelgeschichte die Wiederbrin­gung aller geschaffenen Wesen in die göttliche Gemeinschaft gemeint ist (3,21).

Es könnte für die Erben Adams freilich auch anders kommen, wie die literarischen Dystopien des 20. Jahrhunderts illustrieren, etwa der apokalyptische Kriegsroman Die Erben des Untergangs von O.M. Graf, in dem neben Sodom und Gomorrha die zehn Plagen Ägyptens in atomarer Version imaginiert werden. In diesem Epos sind die Beziehungen der herumirrenden Nomaden durch Ge­walt und Ekel gekennzeichnet, Mord und Kannibalismus sind allgegenwärtig, was in der Szene mit einer Furie kulminiert, die ihr eigenes Kind braten will. „Ein giftiger Dunst stand über der Stille. Eine nackte Wüste lag leblos da.“ Grafs Inferno ist radikal und irreversibel, aber der Autor entwickelt in seiner Dystopie die Utopie eines neuen Menschen, der in der künftigen agropolis seine Verant­wortung gegenüber der gesamten Menschheit erkennt. Jahrzehnte nach dem dritten Weltkrieg er­reicht der homo novus durch Sozialismus und Kosmopolitismus das Gelobte Land, wo die Erben des Untergangs, jenseits der Misanthropologie und Anthropofugalität, im basisdemokratisch-dezentralisierten Utopia eines grünen Paradieses leben.

Bibliographie

Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena. Kleine philosophische Schriften, hg. von. W.v.Löhneysen, Frankfurt 1994

Patrice Bollon: Cioran, der Ketzer. Aus dem Französischen von F.Leopold, Frankfurt 2006

Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, in: KSA 3, hg. v. G.Colli u.a., München 1999, S.343-651

Gottfried Benn: Gesammelte Werke, hg. von D.Wellershoff, Frankfurt 2003

Wassily Kandinsky: Über das Geistige in der Kunst. Einführung von M.Bill, Bern 2004

Michael Pauen: Dithyrambiger des Untergangs. Gnostizismus in Ästhetik und Philosophie der Moderne, Berlin 1994

Oskar Maria Graf: Die Erben des Untergangs. Roman einer Zukunft, München 1995

Martin Heidegger: Sein und Zeit, Tübingen 1986

Thomas Bernhard: Der Untergeher, Frankfurt 1983

E.M. Cioran: Von Tränen und von Heiligen, Frankfurt 1990

Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Gs 4, Frankfurt 1980

„ZUKUNFT, WIE TUST DU MIR LEID!“

Erwin Chargaff

„Wer die Zukunft retten will,
muß die Gegenwart zerbrechen.“

Erwin Chargaff

Der österreichisch-amerikanische Biochemiker und Schriftsteller Erwin Chargaff verbrachte seine Jugend in Cernowitz und Wien, wo er zunächst Philologie und später an der dortigen TH Chemie studierte. In den 1920er Jahren arbeitete er an der Yale University und studierte die Lipide des Tuberkulosebakteriums. 1930 ging er nach Europa zurück und habilitierte sich an der Friedrich- Wilhelm-Universität in Berlin. Nach Hitlers Machtübernahme mußte er Deutschland verlassen und setzte seine Arbeiten zunächst am Institut Pasteur in Paris fort. 1935 emigrierte er in die USA, wo er an der New Yorker Columbia University fünfzig Jahre als Professor für Biochemie lehrte und forschte. Obwohl Chargaff der erste Wissenschaftler war, der die molekulare Struktur der DNA er­forschte und damit die Voraussetzungen zur Aufstellung des Doppelhelix-Modells durch Watson und Crick schuf, wurde er bei der Verleihung des Nobelpreises 1962 nicht berücksichtigt.

Ernst Ulrich von Weizsäcker schrieb über den Wissenschaftler im Jahrbuch Ökologie 2005, daß Chargaff in jungen Jahren ein glanzvoller Biologe und im Alter ein zorniger Kämpfer gegen die Hybris der eigenen Zunft gewesen sei. „Er hatte die Methodologie der Naturwissenschaft von der Pieke auf gelernt und zum Erfolg der Molekularbiologie beigetragen. Dann hat er aber auch die Abgründe gesehen, in die man mit der modernen Biologie schauen kann. Diese zerstörerischen Effekte hat er den Naturwissenschaften selber angelastet. 'Ich betrachte mich als einen mäßigen Schüler von Karl Kraus, er war mein einziger wirklicher Lehrer', sagt Chargaff im autobiographi­schen Gespräch mit Doris Weber. Kraus hatte mit seinem Buch 'Die letzten Tage der Menschheit’ (1930) prophetisch die Abscheulichkeiten der Moderne und die Gefahren des Mißbrauchs von Naturwissenschaft und Technik beschrieben. Tatsächlich hat sich Chargaff in seinem 'zweiten Le­ben’ als Schriftsteller, nicht mehr als Naturwissenschaftler verstanden. Seine Bücher und Aufsätze lesen sich wie Perlenschnüre von schalkhaften, sarkastischen und boshaften Aphorismen. Gut 70 Jahre hat er in Amerika verbracht, aber die Sprachkraft der deutschen Pointe hat er nicht nur nie verloren, sondern zur literarischen Kunst gesteigert.“

Moden und Methoden

Schon in seinen 1979 erschienenen „Skizzen aus einem Leben vor der Natur“ mit dem Titel Das Feuer des Heraklit belustigte sich Chargaff über die Moden und Methoden in der wissenschaftli­chen Forschung. „Alle paar Jahre verändern sich die Methoden; und dann wird ein jeder die neuen Methoden anwenden und eine Reihe von Tatsachen bestätigen. Das nennt sich der Fortschritt der Wissenschaft. Wenn etwas originell ist, muß es sich in den Ritzen eines allumfassenden konventi­onellen Notbehelfs verbergen: eines riesigen prähistorischen Misthaufens, worin die aufeinander­folgenden Schichten wissenschaftlicher Wohntätigkeit leicht datiert werden können, und zwar mit Hilfe der verschiedenen Apparaturen, Vorrichtungen und Tricks, und sogar noch mehr mit Hilfe der verschiedenen Konzepte, Fachausdrücke und Schlagwörter, die in einem bestimmten Augenblick modern waren.“

Eine der tückischsten und unheilvollsten Eigenschaften wissenschaftlicher Modelle ist nach Chargaff deren Fähigkeit, die Wirklichkeit zu schlagen und sich an ihre Stelle zu setzen. „Oft die­nen sie als Scheuklappen, indem sie die Aufmerksamkeit auf einen übertrieben engen Bereich be­schränken. Keine Anwendung der Logik kann ein Modell als wahr beweisen, obwohl seine Un­wahrscheinlichkeit oft leicht gezeigt werden kann. Das übertriebene Vertrauen zu Modellen hat viel zu dem gekünstelten und unechten Charakter großer Teile der gegenwärtigen Naturforschung bei­getragen.“

Die Hilflosigkeit der Naturwissenschaften vor dem Leben ist nach Ansicht Chargaffs der Tatsa­che geschuldet, daß man bis heute über keine wissenschaftliche Definition des Lebens verfügt. „In der Tat werden die genauesten Untersuchungen an toten Zellen und Geweben vorgenommen. Ich sage es nur zögernd und furchtsam, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß wir hier einer Art von Ausschließungsprinzip gegenüberstehen: unsere Unfähigkeit, das Leben in seiner Wirklichkeit zu erfassen, mag der Tatsache zuzuschreiben sein, daß wir selbst am Leben sind. Wäre dies so, dann könnten nur die Toten das Leben verstehen; aber sie publizieren in anderen Zeitschriften.“

Schon Nietzsche, der den Objektivitätsanspruch der Wissenschaftler ebenso zurückgewiesen hat, wie deren hybride technokratische Selbstüberschätzung gegenüber der Natur, war überzeugt davon, daß die Probleme der Wissenschaft nicht auf dem Boden der Wissenschaft gelöst werden können. “Science is not a science, it is an art“, schrieb Chargaff in einer der Ausgaben von Nature.

Eine Welt der Sklaverei

In seinem 1983 erschienenen Pamphlet Kritik der Zukunft hat Chargaff zwei miteinander kämpfende Teufel imaginiert, die nach „Freiheit“ (Besitz) und „Fortschritt“ (Diktatur) schreien und verzweifelt auf die Uhr schauen, wann das atomare Finale beginnt. Diesem wohnten auch die sei­renes bei mit ihrem hellen Gesang. Doch die chthonischen Meerdämonen scheinen unsichtbar geworden zu sein, sie sind in den immer unverständlicher werdenden Produktionsablauf unserer Welt eingespannt. „Ihre Arien begleiten die blutigen Kriege, die Verwüstung der Erde, den Raub­bau an ihren Schätzen, die Zertrümmerung des menschlichen Bewußtseins. Ihre Lieder geben den Figuren Gestalt, deren kurzes Strampeln den Vordergrund einer nicht mehr vorhandenen Weltge­schichte erfüllt. Alles was wir hören, lesen, sehen ist ein Produkt ihrer bösartig leeren Phantasie. Auch die Zukunft wird ihre Macht nicht brechen, sondern vermehren. Mit der Information wächst das Bedürfnis nach ihr, sie ist ein gewohnheitsbildendes Gift.“

Heute haben die Sirenen ein großes Repertoire und Odysseus wäre wahrscheinlich wahnsinnig geworden, wenn er ein paar Stunden ohne Unterbrechung dem amerikanischen Fernsehen mit seinen Reklamen von unbeschreiblicher Abscheulichkeit zugesehen hätte. „Wieviel Talentlosigkeit, Gemeinheit, Schamlosigkeit, Vulgarität dem Zuschauer zugemutet werden, das zu beschreiben fehlt mir die Kraft. Wenn ein Hollywood-Regisseur den Garten der Lüste von Hieronymus Bosch für ein Publikum von geistig zurückgebliebenen Zwölfjährigen inszeniert und dazu Schauspieler vom Talent des Präsidenten Reagan engagiert hätte, könnte nichts Bizarreres herauskommen als das, was das amerikanische Publikum täglich mit Befriedigung zu sich nimmt.“

Für Chargaff sind die Affentänze der modernen Propaganda die schlimmste Form der Sklaven­treiberei: ein verbrecherischer Versuch, die Freiheit des einzelnen einzuschränken oder zu zerstö­ren. Die heutige Welt ist für den Autor ohne Unterschied eine Welt der Sklaverei. Um sich von die­ser „herrenlosen Sklavengemeinde“ zu emanzipieren, werde es nötiger sein denn je, „daß der ein­zelne Mensch einen Raum um sich schafft, der ihn von der äußern Welt isoliert: einen Raum der Stille, der Ruhe, des Friedens, der Liebe, der Erinnerung.“

Tatsächlich finden sich in der heutigen Welt überall verwirrte Kinder, die in einer verwirrten Welt aufwachsen, „Sklaven des Wohlstands oder des Elends, Sklaven der Habgier oder der Hoff­nungslosigkeit. Ob sie werden, wie sie glauben, daß ihre Eltern waren, oder das Gegenteil anstre­ben, aus dem Netz kommen sie nicht heraus. Die wahren Alternativen sind verschwunden, es gibt nur Attrappen von Alternativen: Hülsen, gefüllt mit den Erzeugnissen der Meinungsindustrie. Wer zu einer Türe kommt und Einlaß begehrt, findet, daß er an des Teufels Türe geklingelt hat. Er wird mit Freuden empfangen.“

Neben dem „Gesang der Sirenen“ und einer „Doppelten Buchführung des Untergangs“ findet sich in Chargaffs Bilanz auch ein Kapitel „Dein Bruder, dein Feind“, in dem der Autor deutlich macht, daß die Signatur unserer Zeit die völlige Undurchschaubarkeit des öffentlichen Lebens so­wie die gänzliche Vernichtung des privaten ist. „Der einzelne hat sein Gesicht verloren, er ist zur statistischen Einheit geschrumpft. Doch ist es eine Einheit, in die sich Hunderte, ja Tausende von Fachleuten zu teilen wissen: Beamte und Ärzte, Lehrer und Generäle, Fanatiker, Wahnsinnige und Politiker, Journalisten und Bischöfe. Ein jeder ist seines Bruders, seines Feindes Hüter geworden. Unendlich fein, unendlich leicht ist der Staub, zu dem der Mensch gemahlen wird. Wenn Klio mit ihrem Staubtuch kommt, gibt es fast nichts mehr abzuwischen.“

Genetisches Roulette

Es ist eine Scheinwelt, eine stellvertretende Welt geworden, in der wir, die endgültige Katastro­phe erwartend, gelandet sind. Wie die Wissenschaft insgesamt, hat das genetische Roulette - ein Vabanquespiel mit dem Tod als Croupier - unser aller Leben zu einem schäbigen Las Vegas er­niedrigt. Und hier greift immer wieder die knöcherne Hand der Vorsehung ins Spiel und verwirrt die Jetons, schreibt Chargaff. „Plötzlich beginnt es aus den Spielmarken zu bluten, und die von den Naturwissenschaften zusammengepfuschte Metapher macht einer Wirklichkeit Platz, die an Schrecklichkeit alles übertrifft, was ein Bosch oder Goya ersinnen konnte. Dann zeigt es sich - und immer wieder zeigt es sich - daß unser menschliches Verständnis, stumpf gemacht durch das ein­schläfernde Gelalle der Erklä­rungs­wissenschaften, der Wirklichkeit nicht mehr gewachsen ist.“

Chargaff fragte sich, warum die Menschen nicht aufstehen und gegen den heutigen Zustand der Welt opponieren. „Soviel Edelmut hat die Welt gesehn, soviel Aufopferung, soviel über­menschliche Güte, soviel Barmherzigkeit. Herrliche Werke wurden geschaffen, tiefe Gedanken ge­dacht. Soll es damit auf ewig aus sein?“ Chargaff fürchtete, daß dies der Fall sei, denn selbst ein riesenhafter Aufschrei werde unsere Welt nicht mehr retten. „Wenn das Leid, die Tränen, das Un­glück, das Weh der Gegenwart sich zu einer Kugel zusammenballen könnten, sie würde die Pla­neten aus ihren Bahnen schleudern.“

Unsere Welt könne nur durch ein Wunder gerettet werden, glaubte Chargaff. Worin könnte die­ses Wunder bestehen? „Zum Beispiel im Abbau des unglaublichen Hasses, der die ganze Welt zu beseelen - ich wollte fast sagen, zu verunseelen - scheint ... Im Vergleich mit dem Haß und seinem weniger furchterregenden Halbbruder, dem Neid, sind die anderen Leidenschaften jetzt matt und schlaff geworden. Aber der Haß gedeiht, wo ich lebe, mit einer ungeahnten Kraft, und er richtet sich zuerst gegen jeden anderen.“

Wahrscheinlicher dürfte indessen sein, daß alles weitergehen wird wie bisher, „nur ärger“: „der Boden wird immer unbewohnbarer und unergiebiger werden, Luft und Wasser immer giftiger. Die Elektronik wird blühen, die Informatik, die Robotik, die Gentechnologie, die Krebsforschung. Der Produktions- und Konsumtionstaumel wird immer mehr Menschen erfassen, aber sie werden ein immer kleinerer Bruchteil der steigenden Bevölkerung sein. Die meisten Menschen werden in Elend und Armut leben, zu schwach, um aufzustehen. Revolutionen werden von Wohlgenährten gemacht, aber es werden sich deren genug finden, um irgendwo auf der Welt eine Erhebung Ver­zweifelter anzuführen (zuerst in einer, dann in einer andern Bedeutung des Wortes). Einer der bei­den Oberteufel wird sich einmengen, dann der andere; und so wird endlich die über jede Kritik er­habene Zukunft zu strahlen beginnen.“

Wissenschaftlicher Reduktionismus

Wie in allen seinen Büchern geht Erwin Chargaff auch in seinem 1985 erschienenen Essay­band Zeugenschaft mit der herrschenden Wissenschaftspraxis und ihrer reduktionistischen Ideolo­gie des Fortschritts ins Gericht. „Für den Reduktionisten ist die lebende Zelle ein vorläufiges Mo­dell eines Computers und der Vererbungsapparat eine primitive Art von Software.“ Das Leben in seinen zufälligen Erscheinungsformen sei eigentlich nur ein Kampf zwischen verschiedenen pro­grammierten Molekülen der Desoxyribonukleinsäure, die um Ausdruck ringen, und wenn man erst richtig gelernt habe, mit den Genen umzuspringen, so werde der Traum der Alchimisten des Le­bens, eine Gattung in eine andere umzuwandeln, wahr werden.

Bei dem ganzen Gewimmel von Forschern und Entwicklern handelt es sich für Chargaff um Zauberlehrlinge, die sich vorgenommen haben, die Besen zu klonieren. „Wie mechanisch und phantasielos es bei all dem zugeht - Kochbuchrezepte, in denen nur ein paar Ingredienzien ver­tauscht werden -, kann nur der ermessen, der die einschlägigen Arbeiten zu lesen vermag.“ Auf Chargaffs Frage, was in einem Forscher vorgehe, der sich in Räume wagt, von denen ihm sein Gefühl vielleicht sagt, daß er sie nicht betreten sollte, erfolgt die Replik: „Nichts geht in ihm vor, ist meine Antwort; kein Gefühl sagt ihm etwas, er arbeitet für sein tägliches Brot. Er kommt frühmorgens ins Labor, wie ich selbst es fünfzig Jahre getan habe, und abends geht er nach Haus. Solange er unselbstständig ist, hat er kaum einen Einfluß darauf, was ihm aufgetragen ist. Meis­tens kann er sich nicht einmal das Arbeitsgebiet und den Arbeitsplatz aussuchen, sondern muß nehmen, was er kriegt. Später ist es zu spät: er ist in eine Schlinge geglitten, die ihn, sollte er um sich werfen, erwürgt. So macht er gute Miene zu einem Spiel, das für gut zu halten er vorgeben muß.“

Im gleichen Band Zeugenschaft ist auch ein Essay Chargaffs über die Schwierigkeit enthalten, eine Sa­tire zu schreiben, wobei sich der Autor auf Juvenals bekannte Notion bezieht: Difficile est saturam non scribere. Daß unsere Zeit keinen Sinn mehr für Satire hat, liegt für Chargaff an dem Mangel an Wut, die durch den Haß ersetzt wurde. Nach einer tour de force Chargaffs durch Werke von Swift, Orwell, Arno Schmidt, Pascal, Montaigne, Cervantes u.a. resümiert der Autor das trübe und hu­morlose Szenario der Postmoderne mit den Worten: „Unserer Zeit ist jedoch durch Satire, sei sie keifend, sei sie grotesk, nicht mehr zu helfen. Die Rezeptoren sind uns verloren gegangen. Einst konnte der Prophet noch sein Gewand zerreißen und Asche auf das Haupt streuen; diese wäre aber jetzt radioaktiv und das Licht in der Ferne kein Hoffnungsstrahl, sondern die Spiegelung des Weltbrandes. Wenn Karl Kraus selbst zu Hitler 'nichts eingefallen ist’, was würde ihm angesichts der wilden Gegenwart nicht alles nicht einfallen! Der große Satiriker muß immer vor seiner eigenen Tür kehren; übermannt ihn, was er dort findet, so verstummt er, weicht aber nicht in ersonnene Fernen aus. Behemoth haust ganz nahe, schräg gegenüber.“

Dabei hätte die postmoderne Hekuba-Society den antispastischen furor satiricus als medicina mentis durchaus nötig, zumal als moralisches curativum. Wo bleibt heute die Ästhetik des Ge­lächters, wo der literarische Pasquillant, die Ironie der Verachtung und der appetitus irascibilis ? Wo die Satire als Pharmakon und Kathartikum, wie sie noch im 18. Jahrhundert der Selbst- und Frem­dreflexion gedient hat? Die vis comica des 18. Jahrhunderts reichte bis zur satirischen Therapeutik und Chirurgie, indem der sanative Zweck die Mittel einer „Sitten-Artzney-Kunst“ (Placcius) heiligt. Joachim Rachel, den man den „deutschen Lukian“ nannte, hat die sanative Funktion der ars iocandi mit den Worten poetisiert:

„Ist dieser Essig scharf, so ist er doch ge-
sund,
Und beißt das faule Fleisch heraus bis auf
den Grund.
Gleichwie Machaon brennt und heilt mit
klugen Händen:
So mag auch ein Poet zwar strafen, doch
nicht schänden.“

Neben dieser medicina mentis ist heute mehr denn je eine kosmische Einbildungskraft vonnö­ten, da die Besatzung des Raumschiffs Erde sich in einem Zustand offener Meuterei gegen die universelle Ordnung befindet, wie Edgar Mitchell protokollierte. Das gegenwärtige Weltbild der Wissenschaftler und darin die Kosmologie der modernen Intellektualkultur sei Teil und Symptom dieser Meuterei, die zuletzt auf den substanziellen Ruin von Mensch und Natur hinauslaufe.

Auch Chargaffs 1986 erschienener Essayband Ernste Fragen stellt ein geistreiches Kompen­dium der westlichen Kultur und Gesellschaft dar, ein ABC of Skeptical Reflections, das von „Ama­teure“ über „Forschung“, „Holocaust“, „Massenmedien“ bis „Schönheit“, „Tristitia“ und „Zau-ber­flöte“ reicht. Gleich einleitend wird dort konstatiert, daß die Welt nur von den Amateuren gerettet werden könne, denn die Spezialisten und Experten „sind mehr als alle anderen verantwortlich für die desolate Lage, in der wir uns befinden.“ In einer Zeit der übermächtigen Meinungsindustrie sei der private Widerstand gegen die öffentliche Meinung „eine Voraussetzung wirklich menschlicher Existenz.“

Höhepunkt der Dekadenz

Chargaff glaubte, daß wir in einer Zeit leben, da ein Dekadenzprozeß seinen Höhepunkt er­reicht habe, „eine Dekadenz, die vor zweihundert Jahren begann und 1914 in ihr letztes Stadium eintrat.“ Ausdruck dieser Dekadenz sei primär der Verfall der Sprachen, sei es die Sprache der Werbung, „die auch die Sprache der Politik ist, die Sprache des Alltags, die Sprache, in der jetzt Briefe geschrieben werden. Man hat die Wahl zwischen dem verstopften Grollen der Prawda und der diarrhöischen Flüssigkeit unserer eigenen Politiker, Journalisten und anderen Werbeprofis: überall eine vollkommene Entfremdung von dem, was menschliche Sprache einmal war.“

Über die Demokratie des Westens, namentlich der USA weiß der Autor nichts Positives zu berichten: „Die Gesichter der grinsenden Gewinner und grinsenden Verlierer wuchern auf allen Fernsehkanälen ... Es gibt nicht genug Narrenmützen, um die Karnevalsköpfe all derer zu bede­cken, die für die unzähligen Ämter kandidieren, vom Präsidenten bis zum Hundefänger.“ Schon die bloße Vorstellung der „öffentlichen Meinung“ macht Chargaff erinnerlich, daß Orwells Wahrheits­ministerium effektiv arbeitet. Über den Zusammenhang von Wahrheit und Lüge in der Politik hat Hannah Arendt in den 1950er Jahren geschrieben: „Niemand hat je bezweifelt, daß es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist, niemand hat je die Wahrhaftigkeit zu den politischen Tugenden gerechnet. Lü­gen scheint zum Handwerk nicht nur des Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar Staatsmannes zu gehören.“

Zur Forschung und Wissensindustrie hat Chargaff in seinem Buch deutlich gemacht, daß jedes neue Wissen wertlos ist, wenn den Menschen das alte Wissen verlorengeht. „Wer nach Gewißheit sucht, muß die wissenschaftliche Methode verwerfen.“ Oft hatte Chargaff das Gefühl: „Je lauter die Wissenschaftler schreien, welch wunderbare Ausblicke ihre Forschungen ermöglichen, desto we­niger ist für den Rest der Menschheit tatsächlich zu sehen.“ Wissenschaftliche Forschung heute ist für den Autor eine „inflationäre Banalisierung“, eine Art „Tourismus durch die Wunder der Natur.“

Unter dem Rubrum „Krieg“ erinnert sich Chargaff, daß er als Kind schon gegen Ende des Ers­ten Weltkriegs seinen „Austritt aus der Menschheit beschloß.“ Jahrzehnte später bilanzierte der Skeptiker den Zustand des Planeten wie folgt: „Unsere Welt knarrt schon so lange weiter dahin, daß es töricht wäre, ihr das Ende für übermorgen vorherzusagen. Was man, wie ich glaube, vo­raussagen kann, ist folgendes: Sie wird eine noch unwirtlichere Welt werden, in der sich das Indi­viduum immer weniger zu Hause fühlen wird. Und sie wird eine spartanische Welt sein, in der sich die Annehmlichkeiten der Vergangenheit - ebenso wie das, was einmal Zivilisation genannt wurde - wie ferne Märchen anhören.“

Eine Welt von Zombies

Chargaffs Vorhersagen beruhen auf der Beobachtung, „daß sich die Bewußtseinskraft des Indi­viduums im letzten Halbjahrhundert rapid verringert hat. Die Publicity- und Manipulationsapparatur des Staates, der Werbung, der Massenmedien haben sich verbündet, um - so könnte man sagen - den einzelnen des Mittelpunkts seiner Persönlichkeit zu berauben. Die Sehnsucht nach einem Pa­radies auf Erden oder im Himmel, in alten Tagen ein mächtiges Gefühl, ist verschwunden; der le­bendigen Religion sind die Sehnen durchtrennt worden; das Verlangen nach einer messianischen Erlösung ist erstickt. Die Welt scheint von bewußtlosen Zombies auf Schnäppchensuche bevöl­kert.“

In ihrem Roman Briefing for a Descent into Hell hat Doris Lessing durch den Protagonisten Watkins ein Szenario aus Sciencefiction, Robinsonade und Schöpfungsmythos imaginiert, in dem nach der Zerstörung der Natur nur mehr Troglodyten und „Rattenhunde“ auftreten, die sich im Blut­rausch gegenseitig liquidieren. Aus der geistigen Welt erhält Watkins den Befehl, sich für das Überleben der Sterblichen einzusetzen und den Omnizid zu verhindern. Der höchst aktuelle Ro­man ist zugleich eine massive Kritik an der reduktionistischen Wissenschaftspraxis der Postmo­derne, die sich bei näherer Betrachtung als eigentliche Ursache für den Ruin der Schöpfung her­ausstellt. Schon Peacock ahnte im 19. Jahrhundert: „I almost think it is the ultimate destiny of sci­ence to exterminate the human race.“

Ähnliche Positionen finden sich in Dürrenmatts Werken, etwa in seiner Irrenhaus-Komödie Die Physiker, wo der Protagonist Möbius erklärt: „Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, un­sere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich.“ Wer je das Genfer CERN-Projekt mit sei­nem gigantischen Teilchenbeschleuniger besichtigt hat, wird dem für die Physiker-Zunft sprechen­den Bühnenakteur zustimmen: „Wir müssen unser Wissen zurücknehmen ... Entweder blei­ben wir im Irrenhaus, oder die Welt wird eines.“ Im Turmbau hat der Dichter auf die Gefahr hingewiesen, die Weltformel mit der Wahrheit zu verwechseln; diese Formel wurde aber längst zum Fundament eines neuen Glaubens: zur Kabbala der Wissenschaftler. „Die Menschen wollen glauben, nicht wissen, weil sie nur als Gläubige zu wissen glauben. Sie werden nach CERN wandern wie die Muslims nach Mekka.“

Nicht anders dachte Chargaff, zu dessen „ernsten Fragen“ auch Überlegungen zu Geburt und Tod des Menschen zählen, die aber durch eine Wissenschaft erübrigt werden, in der „ein Lebewe­sen nichts ist als ein Stück DNA in einer Schale aus Haut und Schleim.“ Wir hätten es zugelassen, daß das Territorium von Geburt und Tod „zu einer kommerziellen Zuchtfarm wird, wo Mütter für eine Uterusgebühr gemietet werden. Die Kinder eines Spenders und einer Inkubatorin werden in eine entmenschlichte Welt ohne Liebe und Sinn hineinwachsen, in eine Thermostatenwelt der Ge­webskulturen und Nährlösungen. Es braucht so wenig, damit ein Mensch entsteht, und so viel. Wir verdienen, was wir erwarten: Versandhauskinder werden Versandhauseltern haben.“

Und wenn die entsprechenden Prozeduren sich durchgesetzt haben werden, „dann werden mehr und mehr Reagenzglasbabys auf die Welt kommen, und später könnten viele von ihnen dann auch aus dem Tiefkühlkaufhaus stammen. Bei der Zukunft der menschlichen Fortpflanzung wird das Laboratorium eine entscheidende Rolle spielen.“ Wissenschaftsoptimisten sehen gar eine Zu­kunft vor uns liegen, „in welcher die Kinder durch Befruchtung in vitro entstehen (später vielleicht aus synthetischem Sperma und synthetischen Eiern) und in einem künstlichen Uterus heranreifen. Zu jener Zeit werden dann, das versteht sich, alle alten Leute per Hinrichtung abtreten.“

Auch wenn es das synthetische Sperma mitsamt den synthetischen Eiern noch nicht gibt - der big science ist ja allerlei zuzutrauen -, könnte sich in dem von Chargaff skizzierten Neu-Utopia aus Androiden, Mutanten, Robotniks, Cyborgs und Homunkuli der homme supérieur Ahrimans in Ge­sellschaft von bizarren Mixturen aus Elektronik, Chemie und Biologie als Sinnstifter in eigener Sa­che schönstens bewähren: der wissenschaftlich optimierte Zukunftsmensch der Gen-Fakire als ein hypnopädisch konditionierter und fordistisch bokanowskysierter Epsilon-Yahoo aus Pandoras postpawlowscher Brave-New-World-Box: ein Blastozyten-Fuzzi fürs Panoptikum Absurdistans. Und auch der Tod des Menschen wird bald besiegt sein, nachdem die technischen Möglichkei­ten der virtuellen Unsterblichkeit von dem Robotiker Moravec bereits formuliert wurden: das ewige Leben aus dem Computer, und zwar durch Mind-Uploading, d.h. durch Auslagerung der bewußt­seinsrelevanten Teile des Gehirns in ein digitales Medium.

Homo syntheticus

„Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll“, schrieb Friedrich Nietzsche im Za­rathustra, und der fragt: „Was habt ihr getan ihn zu überwinden?“ Und die Antwort der postmoder­nen Wissenschaftler ist eindeutig: sie haben einen Übermenschen in Gestalt eines neuroanthro­pologisch-neuroethisch definierten homo neurobiologicus geschaffen, für den seelisch-geistige Dispositionen gänzlich entbehrliche Epiphänomene sind. Erwin Chargaff schrieb über diesen luzi­ferischen homo artificialis und seine hybriden Inventoren: „Wenn die Brutfabriken des 21. Jahrhun­derts einmal richtig angelaufen sind, wird das nicht ein Mensch sein, was da erzeugt wird, sondern eine vielfache Kopie - homo multiplex - der Mißgeburten, die sich das ausgedacht haben.“

Eine Antizipation dieser genialen Kreatur findet sich bereits bei Erich Kästner, und zwar in sei­nem Gedicht „Der synthetische Mensch“, wo es heißt:

„Professor Bumke hat neulich Menschen er-
funden,
die kosten zwar, laut Katalog, ziemlich viel
Geld,
doch ihre Herstellung dauert nur sieben
Stunden,
und außerdem kommen sie fix und fertig zur
Welt!

Man darf dergleichen Vorteile nicht unter-
schätzen.
Professor Bumke hat mir das alles erklärt.
Und ich merkte schon nach den ersten Wor-
ten und Sätzen:
Die Bumkeschen Menschen sind das, was sie
kosten, auch wert.“

[...]

Details

Seiten
182
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668072909
ISBN (Buch)
9783668072978
Dateigröße
965 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309174
Note
Schlagworte
Polemik Erwin Chargaff Thomas Bernhard Emil Cioran Nicolas Gomez Davila Fernando Pessoa Misanthropologie

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Titel: Auguren des Verfalls. Rebellion bei Chargaff, Bernhard, Cioran, Gómez Dávila und Pessoa