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Kriemhilds Akkumulation männlicher Handlungsmacht im Nibelungenlied

Hausarbeit 2015 36 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen für Kriemhilds Racheausübung
2.1. Recht auf Fehde
2.2. (Un-)gezielter Racheaufschub

3. Voraussetzungen für Kriemhilds Racheausübung
3.1. Wiederherstellung und Festigung der Macht
3.1.1. Heirat mit Etzel
3.1.2. Freigebigkeit als „Werkzeug“
3.1.3. Einladung der Burgunder an Etzels Hof.
3.2. Mobilisierung Etzels
3.2.1. Etzel als vorbildlicher Gastgeber
3.2.2. Etzel als Handlanger Kriemhilds

4. Strategien zur Akkumulation von männlicher Handlungsmacht
4.1. Mobilisierung Rüdegers
4.1.1. Feudalgesellschaftliche Regelungen des Mittelalters
4.1.2. Rüdegers innerer Zwiespalt
4.2. Mobilisierung durch miete

5. Resümee

6. Siglenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis
7.1. Primärliteratur
7.2. Sekundärliteratur
7.2.1. Monographi en
7.2.2. Sammelwerke

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit widme ich mich dem zweiten Teil des Nibelungenliedes, anhand dessen ich dezidiert die Racheausübung Kriemhilds in Bezug auf ihre Akkumulation von männlicher Handlungsmacht analysieren möchte. Hierbei gilt es zunächst die essentiellen Voraussetzungen darzulegen, die eine konkrete Rachehandlung realisierbar machen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Figur Kriemhilds als Frau im Mittelalter lediglich durch Männer handeln kann, muss sie sich deren Unterstützung bemächtigen.[1] Unter dieser Bedingung möchte ich insbesondere die Figur des Hunnenkönigs Etzel akzentuieren, da dieser nicht nur die notwendigen Gegebenheiten für eine Rache schafft, sondern gleichwohl selbst zum Objekt des Missbrauchs wird und sich wie eine Marionette in den Fesseln seiner rachsüchtigen Gattin verfängt. Meine Arbeit soll also keine zeitliche Chronologie der „Werkzeuge“ abbilden, derer sich Kriemhild bedient, sondern zunächst gezielt zwei männliche Hilfsmittel vorstellen. Die zweite Figur, die ich neben Etzel in meinem Beitrag vordergrundieren möchte, bildet der Markgraf Rüdeger, da sich dieser enorm gegen eine Unterstützung seiner Herrin sträubt, durch die unmittelbare Erfahrung der erheblichen Verfügungsgewalt Kriemhilds, unter Beihilfe ihres Handlangers Etzel, sich allerdings gezwungen sieht, ihren Forderungen nachzugehen. Schließlich möchte ich eine weitere Strategie Kriemhilds zur Instrumentalisierung von Männern aufgreifen, die sich simultan an viele verschiedene Personen richtet: Die Mobilisierung durch miete. Dieses Mittel möchte ich vor allem hinsichtlich seiner Effizienz ergründen. Die Zielsetzung meiner Arbeit besteht demzufolge einerseits in der Demaskierung der notwendigen Voraussetzungen für die Akkumulation von Manpower, aber auch konkret für die Racheausübung, andererseits in der Darstellung der Suggestion Rüdegers und der Diskussion um die Strategie der „Bestechung“. Mein Interesse an der Fragestellung wurde v.a. durch die gegenwärtig fehlende Thematisierung dieses Aspekts als eigenständiges Sujet geweckt. Zwar gibt es vielerlei Werke zu übergeordneten Fragestellungen, wie beispielsweise der Rache Kriemhilds im Allgemeinen, aber keinerlei Publikationen, die sich explizit und ausschließlich auf diesen Gegenstand beziehen. Ein weiterer Grund für die Wahl meiner Fragestellung liegt in der gewissermaßen vertauschten Geschlechterrolle, da hier Männer von einer Frau als Mittel zum Zweck benutzt werden und nicht umgekehrt, wie es in den meisten Heldenepen üblich ist.[2]

2. Grundlagen für Kriemhilds Racheausübung

Die Rache Kriemhilds, auf welche sich die Fragestellung meiner Arbeit bezieht, ist im Allgemeinen durch die Ausübung der Blutrache, die ich im Folgenden auch als „Fehde“ bezeichnen werde[3], determiniert. Dabei ist anzumerken, dass nicht nur Kriemhild im Schlussteil des Epos Blutrache betreibt, sondern neben ihr auch einige männliche Figuren von dem feudalen Rechtsprinzip Gebrauch machen. Der Fehde muss, nicht nur, aber vor allem, hinsichtlich der Geschehnisse im zweiten Teil des Nibelungenlieds, also in jedem Fall ein gewisser Grad an Wichtigkeit und Bedeutung eingeräumt werden. Aus diesem Grund sollen die folgenden Darlegungen über das mittelalterliche Rechtswesen der Blutrache aufklären.

2.1. Recht auf Fehde

Die rechtliche Position der Frau im Mittelalter ist prinzipiell durch eine eingeschränkte Handlungsfähigkeit gekennzeichnet, die beispielsweise im Fehlen des Waffen- und Fehderechts oder dem Ausschluss von öffentlichen Ämtern zum Ausdruck kommt.[4] „Dies ging auf den germanischen Brauch zurück, Frauen unter die Vormundschaft (Munt) des Vaters bzw. des nächsten männlichen Blutsverwandten zu stellen.“[5]

Dennoch sind einige wenige Quellen belegt, denen zur Folge der Frau das Fehderecht, also das Recht auf Blutrache, eingeräumt wird: Die beiden isländischen Sagen Eyrbyggja Saga und die Gisla Saga erzählen von der selbstvollzogenen Blutrache durch eine Frau.[6] Da sich die weibliche Rache in den übrigen Sagaquellen allerdings lediglich auf die Rolle der Anstifterin beschränkt, werde ich meine Ausführungen zum Nibelungenlied im Folgenden unter dem Aspekt der weiblichen Nicht-Berechtigung zur Fehde betrachten.[7] Die Befugnis zur Blutrache spielt im zweiten Teil des Epos bereits unmittelbar nach der Ermordung Siegfrieds, nämlich beim Racheaufschub durch Siegmunds Sippe, eine wichtige Rolle. Dieser soll durch die nachfolgenden Überlegungen detaillierter analysiert werden.

2.2. (Un-)gezielter Racheaufschub

Nachdem Kriemhild von der Ermordung ihres Gatten erfährt, beauftragt sie einen Boten, der ihrem Schwiegervater die traurige Botschaft überbringen und in ihrem Namen um dessen Beistand bitten soll. Als Siegmund dies vernimmt, macht er sich mitsamt seiner Gefolgschaft augenblicklich auf den Weg zur Witwe..[8] Er kann den Tod seines Sohnes nicht ungestraft lassen und möchte sein Recht auf Blutrache nutzen. Da seinem Verwandtschaftsverband durch die Ermordung Siegfrieds Schaden zugefügt wurde, ist er nach mittelalterlicher Konvention dazu befugt, bzw. sogar verpflichtet, sich an dem Täter zu rächen.[9] Siegmunds Wunsch, die Gewalttat, welche seinem Sohn zu Teil wurde, mit Hilfe seiner Sippe zu vergelten, wird durch Kriemhild allerdings nicht realisiert. Um ihn von der unmittelbaren Gegenviolenz abzubringen, verweist sie zunächst auf die Unterlegenheit der Xantener gegenüber der Burgundern[10]

Die Kriemhildfigur dieser Stelle wird im Vergleich zu jener des weiteren Geschehens im Epos kontrastiert, indem sie, anstelle des späteren Initiierens, gegenwärtig zur Passivität auffordert.[11]

Ein Grund hierfür könnte in dem, ihr oftmals vorgeworfenem Begehren zur selbstständigen, personalen Racheausübung liegen, das nicht mit einer Vergeltung durch Siegmunds Sippe befriedigt werden würde, sondern ein Warten auf entsprechend günstige Umstände inkludiere. Kriemhilds Reaktion auf Siegmunds Rachewunsch liefert sowohl Anhaltspunkte, die für als auch wider diese These sprechen: Si sprach: 'herre Sigemunt, ir suit iz lâzen/understân,/unz ez sich baz gefüege, sô wil ich mînen man/immer mit iu rechen. der mir in hât benomen,/wird ich des bewîset, ich sol im schedeliche komen[12]

Zum einen verweist Kriemhild bereits an dieser Stelle, also unmittelbar nach Siegfrieds Tod, auf ihren Wunsch, die Rache so lange aufzuschieben, bis sich hierfür eine bessere Gelegenheit ergebe. Dies könnte sogleich als erstes Indiz für ein eigenständiges, personales Vergeltungsverlangen gewertet werden, zumindest aber bedeutet es, dass Kriemhild den Tod ihres Gatten strafen möchte. Andererseits besteht die Möglichkeit, Kriemhild führe dies lediglich aus dem Grund an, dem sie Siegmund zuvor genannt hat, nämlich die Befürchtung, Siegmunds Sippe könne den Burgundern maßlos unterlegen sein, wodurch eine Rachetat nicht nur den gewünschten Effekt verfehlen, sondern die Krieger gleichsam in große Gefahr bringen würde.

In dem gewählten Ausschnitt des Epos finden sich allerdings auch zwei eher widersprüchliche Aspekte: Wohingegen in Vers 1033,3 noch von einer gemeinsamen Handlung die Rede ist, spricht Kriemhild in den folgenden Zeilen in der 1. Person Singular, was wiederum im Sinne eines gezielten Racheaufschubs mit dem Zweck zur personalen Vergeltung, gedeutet werden kann: Hier ist sie diejenige, die dem Täter Schaden zufügen wird, ein gemeinsames Vorhaben erwähnt sie an dieser Stelle nicht. Hege Kriemhild tatsächlich den Wunsch auf eine eigenständige Racheausübung, so widersetze sie sich allerdings der mittelalterlichen Norm, welche Frauen selbst die Teilnahme an Rache untersagt.[13]

Obgleich Siegmund sie zwei Mal bittet, mit ihm zu kommen und ihr überdies die absolute Herrschaft über sein Land einräumt, lehnt Kriemhild es ab und entscheidet sich, nach Aufforderung ihrer Brüder, für einen künftigen Aufenthalt in Worms.[14] Angesichts der Tatsache, dass dies den Verbleib bei Siegfrieds Mörder, ergo dem Verantwortlichen für ihr großes Leid, bedeutet, wirkt Kriemhilds Entschluss -auch wenn sie eine personale Rache plant- paradox.[15]

Unter Berücksichtigung der Wormser Verwandtschaftsverhältnisse erweist sich ihre Ablehnung ebenso als folgewidrig: Da ihre Brüder in den Mordakt verwickelt sind und sie von deren Seite dementsprechend nicht auf Unterstützung zählen kann, bietet ihr das Verweilen am Hof der Burgunder keinerlei Möglichkeit, zur Verwirklichung ihres Rachewunsches. Andererseits ist auch Siegmunds Sippe zu schwach, um ihr eben diese Machtbasis zu offerieren, welche die notwendigen Voraussetzungen schafft und ihr Begehren realisierbar macht.[16]

Während der Erzähler Kriemhilds Wahl mit ihrer Bindung an die Verwandten in Worms substantiiert, herrscht in der Forschung kein Konsens über ihre zugrundeliegende Motivation, da Anzweiflungen gegenüber der Glaubwürdigkeit dieser narrativen Rechtfertigung bestehen.

Laut Holzhauer könnte Kriemhilds Entscheidung mit Blick auf das damalige Racherecht bezüglich Frauen begründet werden, was sie resignativ dazu gebracht haben könnte, sich ihrem Schicksal zu fügen und Siegmunds Angebot nicht in Anspruch zu nehmen.[17] Angesichts der Brutalität während Kriemhilds späterer Racheausübung und insbesondere auch durch ihre eigene Aktivität im Schlussteil des Nibelungenlieds, ist dieser Argumentation meines Erachtens nach allerdings nur eine eingeschränkte Geltung einzuräumen. Es ist zwar möglich, meiner Meinung nach aber eher unwahrscheinlich, dass sie sich ihrer Nichtberechtigung zur Rache erst ergibt, sich dieser später aber in einer solch erheblichen Dimension widersetzt.

Auch Kriemhild selbst betrachtet den Aspekt, bei dem Mörder ihres Gatten zu bleiben, anfänglich als problematisch und äußert diesbezüglich Bedenken:

Dô der kunic Sigemunt wolde sîn geriten,/dô beginden Kriemhilt di ir mâge biten,/ daz si bî ir muoter solde dâ bestân./ dô sprach diu vrouwe hêre: 'daz kunde niemer ergân. Wi möhte ich den immer mit ougen angesehen,/ von dem mir armem wîbe sô leide ist geschehen?/ dô sprach der junge Gîselher: 'vil liebiu swester mîn,/du solt durch dîne triuwe hi bî dîner muoter sîn.[18]

Kriemhilds Verwandte bitten sie jedoch nachdrücklich, in Worms zu bleiben und versuchen sie durch den Hinweis auf die Mutter-Tochter-Beziehung davon zu überzeugen. Auch Giselher nutzt das Argument dieser dyadischen Bindung, um sie zur (geistigen) Umkehr zu bewegen. Dabei geht er in gewisser Weise noch einen Schritt weiter als die übrigen Verwandten, indem er konkret auf die verpflichtende triuwe-Bindung eingeht.[19] Den Auslöser für Kriemhilds Entscheidung entgegen der anfänglichen Bedenken, bilden letztendlich drei Punkte: Erstens sichert Giselher ihr zu, sie vor jeglichem Kontakt mit Hagen zu bewahren, zweitens „macht er Kriemhild ein rechtskräftiges Angebot“[20], indem er sie für den Tod ihres Mannes ergetzen möchte, und drittens legen ihr die Verwandten, darunter Ute und Gernot, die Gefahren nahe, die sich daraus ergeben könnten, dass Kriemhild in Xanten keine Angehörigen hat. So verdeutlicht Gernot der Witwe, dass ihr Schutz in Siegmunds Sippe als Verwandte des Mörders bedroht sein könnte. Daneben räumen sie immer wieder ihrer Sippenbindung Priorität ein.[21]

Giselhers Angebot, sie vor der Begegnung mit Hagen zu bewahren und sie zu ergetzen, erscheint mir -auch wenn sie Siegmunds Angebot aufgrund eines personalen Rachewunsches ablehnt- dennoch keine hinreichende Begründung, um Kriemhilds Verbleib am Hofe ihres Mörders verstehen zu können.

Irmgard Gephard begründet in ihrem Werk „Der Zorn der Nibelungen“ Kriemhilds Positionierung auf Seite der Ursprungsfamilie dahingehend, dass sie der Figur als Rahmen ihrer Entscheidungsbasis eine dichotome Spaltung ihrer Sippschaft in „gut“ und „böse“ antizipiert, die es ihr ermöglicht, an den positiv beurteilten Personen festzuhalten, wodurch ein künftiger Aufenthalt in Worms trotz der Bedenken ermöglicht werden kann.[22] Dies würde die entsprechende Überordnung der Bindung an ihre Ursprungsfamilie trotz der Präsenz des Gattenmörders gegenüber jener zum Xantener Hof erklären.[23]

Der Racheaufschub -ob gezielt oder nicht- stellt als „Deakkumulation“ von männlicher Handlungsmacht insofern ein bedeutsames Moment des Epos dar, als die Verhinderung einer unmittelbaren Blutrache durch Siegmunds Sippe einen notwendigen Schritt auf dem Weg in die totale Katastrophe darstellt.

3. Voraussetzungen für Kriemhilds Racheausübung

3.1. Wiederherstellung und Festigung der Macht

Obgleich Kriemhild die kommenden 13 Jahre als trauernde Witwe am Wormser Hof verbringt, zeigt sie im folgenden Verlauf keine konkreten Rachepläne. Erst als sich durch die Brautwerbung Rüdegers die Gelegenheit bietet, flammen ihre ursprünglichen Gedanken wieder auf. Dies soll im Folgenden näher erläutert werden.

3.1.1. Heirat mit Etzel

Während der langen Zeit, die Kriemhild trauernd und in sozialer Isolation verbringt, hört sie niemals auf, an Siegfried zu denken. Sie kann den Tod ihres Gatten nicht vergessen. Währenddessen verstirbt Helche, die Frau des Hunnenkönigs Etzel. Dieser möchte nun erneut heiraten und wählt auf Rat seiner Gefolgsleute Kriemhild als minne-Objekt aus.[24] Da Etzels Vasall Rüdeger die Burgunden von Kindheit an kennt, soll dieser als Brautwerbungshelfer fungieren und Kriemhild von der Vortrefflichkeit seines Herrschers überzeugen.[25]

Obgleich die mittelalterliche Sitte der Witwe generell einen verhältnismäßig großen Handlungsspielraum einräumt und diese einer Wiedervermählung selbst zustimmen muss, wird Kriemhilds munt, in diesem Fall ihren Brüdern, dennoch eine erhebliche Bedeutung zugesprochen, weswegen sich Rüdegers Anliegen zunächst auf sie richtet.[26] Sowohl ihre Mutter als auch ihre Brüder und deren Gefolgsleute befürworten die Heirat mit dem Hunnen. Hagen äußert als Einziger Bedenken angesichts der neuen Verbindung: 'Daz ich daz wol bekenne, daz tuon ich iu kunt.f sol si nemen Etzel, gelebt si an di stunt,/ si getuot uns noch vil leide, swi siz getragt an./ jâ wirt ir dienende vil manic wætlicher man.'[27] In Anbetracht der überaus großen Macht, über die Etzel verfügt, erkennt er das Potential, welches Kriemhild sich durch die Vermählung zu Eigen machen könnte, um sich an ihm zu rächen. Seine Prophezeiung, sie werde ihnen durch die Heirat mit Etzel noch viel Leid zufügen, kann bereits als Antizipation des Burgundenuntergangs gedeutet werden. Im letzten Vers erkennt Hagen sogleich die Basis, die Kriemhilds Vergeltung ermöglichen kann, nämlich die Untergebenheit vieler Männer. Selbiges könnte auch als ein Indiz darauf verstanden werden, dass Hagen hier bereits Kriemhilds Akkumulation von männlicher Handlungsmacht als Mittel erkennt, mit dem sie die Rache ausüben wird.

Die Brüder schenken Hagens Einwänden jedoch kein Gehör und stimmen der Wiedervermählung ihrer Schwester zu.[28]

Nachdem Rüdeger die Einwilligung ihrer Familie erhalten hat, gilt es nun Kriemhild davon zu überzeugen. Diese lehnt die Heirat, wider der Empfehlungen ihrer Sippe, jedoch zunächst ab. Ihr Verhalten begründet die Witwe einerseits mit ihrer fortdauernden minne zu Siegfried, was sie durch den Verweis auf ihre Pflicht zum Klagen festigt[29], andererseits stünde Etzels Konfessionslosigkeit einer Einwilligung im Wege.[30] Ein weiterer, wenn auch im Epos nicht verbalisierter, Grund für Kriemhilds Entscheidung kontextualisiert Boklund-Schlagbauer in ihren „Vergleichenden Studien“ in dem durch die Heirat mit Etzel einhergehenden Zuwachs der êre Kriemhilds. Dieser könnte sich laut der Autorin ebenso auf den ihrer Brüder auswirken, so dass diese -ähnlich wie bei Kriemhilds Hort- an ihm partizipieren oder gar davon profitieren könnten.[31]

Das Argument der minne zu Siegfried wird von Rüdeger entkräftigt, indem er ihr in Etzels Namen Liebe ohne Leid und beständige Liebe versichert. So wie die Tatsache, dass Kriemhild daraufhin das Gespräch abbricht, ihr Desinteresse an Etzels minne demonstriert, weisen Kriemhilds anfänglich negativen Äußerungen bezüglich der Heirat darauf hin, dass sie an dieser Stelle die damit verbundenen basalen Möglichkeiten für die Erlangung ihres Ziels noch nicht erkennt. Aus diesem Grund bin ich der Meinung, dass Schlagbauers Interpretationsversuch etwas zu weitreichend ist.

Erst nachdem Rüdeger unter Ausschluss anderer Personen ihr seinen künftigen Beistand zusichert, indem er sie für alles entschädigen möchte, was ihr jemals angetan wurde, nimmt sie die einstigen Rachegedanken wieder auf und zieht eine Meinungsänderung in Betracht. Unter der Bedingung, dass Rüdeger einen Treueeid ablegt, indem er schwört, der erste zu sein, der ihr Leid räche, spricht für Kriemhild nichts mehr gegen eine Heirat mit dem Hunnenkönig.[32]

Die Formulierung des Treueeids ist allerdings sehr allgemein gehalten, wodurch beide Parteien den Schwur auf unterschiedliche Weise interpretieren: Rüdeger bezieht den Eid auf die Zukunft und geht ein vasalltitisches Verhältnis zu Kriemhild ein, in dem er ihr stets seine triuwe erweisen, „ihre êre an Etzels Hof [...] fördern“[33] und dafür Sorge tragen werde, dass Etzels Gefolgsleute ihr nicht den dienst verweigern. Kriemhilds Exemplifikation dagegen bezieht sich auf die Vergangenheit, also das leit, das sie durch Siegfrieds Tod erfahren hat, und meint diesbezüglich eine konkrete Hilfe zur Rache an dem Täter.[34] Kriemhild wählt bewusst diese vage Formulierung, die mehrere Interpretationsmöglichkeiten zulässt, um den Schwur bei ihren späteren Rachehandlungen zu ihrem Vorteil auslegen zu können.[35] Jochen Splett geht in seiner Publikation „Rüdiger von Bechelaren“ darüber noch hinaus, indem er behauptet, Kriemhild sei sich hier bereits bewusst, dass Rüdeger sich nicht für ihre Zwecke instrumentalisieren lasse und sie aus diesem Grund in cleverer, vorausschauender Weise eben jene Eidesformulierung gewählt hat.[36] Auch in Kriemhilds eigenen Worten findet sich ein Argument wieder, das Spletts These untermauert: 'Daz eine wil ich niht versprechen', sprach daz vil/ edel wîp,/ 'ich ensehe gerne den Rüdegêres lîp/ durch sîne manige tugende. wær er her niht gesant,/swerz ander boten wære, dem wær ich immer/ unbekant.'[37] Aus dem Ausschnitt des Epos geht klar hervor, dass Kriemhild um Rüdegers vortreffliche Person weiß. Auch aus einer früheren Stelle im Text erfahren wir, dass Rüdeger die Burgunder von klein auf kennt und um die Vortrefflichkeit Gunthers und Gernots weiß.[38]

Wegen dieser Aspekte erscheint es mir persönlich nicht abwegig, dass Kriemhild zumindest schlussfolgernd erkennt, wie schwer es wird, Rüdeger später zum Kampf auf hunnischer Seite zu bewegen. Diese Annahme impliziert aber, dass Kriemhild bereits unmittelbar nach ihrer

Einsicht über die Vorteile des ehelichen Zusammenschlusses einen konkreten Plan für die

[...]


[1] Vgl. Müller 2009, S. 132.

[2] Vgl. Jönsson 2001, S. 221.

[3] Fehde und Blutrache meinen im juristischen Sinne nicht dasselbe (Vgl. Holzhauer 1997, S. 274f.).

[4] Vgl. Ehrismann 2002, S. 137.; Vgl. Holzhauer 1997, S. 54.

[5] Holzhauer 1997, S. 54.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. ebd., S. 55.

[8] Vgl. NL, S. 297ff.

[9] Vgl. Holzhauer 1997, S. 274.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. ebd.

[12] NL, S. 300 (1033).

[13] Vgl. Holzhauer 1997, S. 68.

[14] Vgl. NL, S. 317.

[15] Vgl. Holzhauer 1997, S. 71.

[16] Vgl. ebd., S. 70.

[17] Vgl. Holzhauer 1997, S. 71

[18] NL, S. 314 (1077; 1078).

[19] Vgl. Jönsson 2001, S. 94.

[20] Ebd.

[21] Vgl. Jönsson 2001, S. 94f.

[22] Vgl. Gephart 2005, S. 98.

[23] Vgl. Holzhauer 1997, S. 70.

[24] Vgl. NL, S. 333f.

[25] Vgl. Boklund-Schlagbauer 1996, S. 68f.

[26] Vgl. Müller 2009, S. 132.

[27] NL, S. 352 (1210).

[28] Vgl. NL, S. 353.

[29] Vgl. ebd., S. 363, 359; Vgl. Jönsson 2001, S. 110.

[30] Holzhauer 1997, S. 73.

[31] Vgl. Boklund-Schlagbauer 1996, S. 70.

[32] Vgl. NL, S. 367.

[33] Boklund-Schlagbauer 1996, S. 72.

[34] Vgl. Boklund-Schlagbauer 1996, S. 72f.

[35] Vgl. Müller 2009, S. 93.

[36] Vgl. Splett, S. 51f.

[37] NL, S. 356 (1221).

[38] Vgl. NL, S. 335.

Details

Seiten
36
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668074682
ISBN (Buch)
9783668074699
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309163
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Deutsche Philologie des Mittelalters
Note
1,0
Schlagworte
kriemhilds akkumulation handlungsmacht nibelungenlied

Autor

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Titel: Kriemhilds Akkumulation männlicher Handlungsmacht im Nibelungenlied