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Walther von der Vogelweide - Seine Biographie als Ergebnis seiner Lyrik?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 24 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I.) Einleitung

II.1.1) Zur Biographisierung Walthers in der älteren Sangspruchforschung
II.1.2) Die Biographie in der aktuellen Sangspruchforschung
II.2.) Die Biographie aus den Minneliedern Walthers?

III.) Gedanken zu einem „neuen“ Ansatz in der Walther-Forschung : Die historische Diskursanalyse Michel Foucaults

IV.) Fazit

V.) Literaturverzeichnis

I.) Einleitung

„Politik und Moral – nur Sprüche“ lautet der Titel des Hauptseminars, aus dem als ein Ergebnis diese Arbeit resultiert. Doch stellt sich auch nach dem Seminar die Frage, was der Titel eigentlich genau bedeutet. Hiermit ist sicherlich gemeint, dass es vor allem in der älteren Forschung immer wieder Ansätze gab, die versuchten, biographische Rückschlüsse aus dem Werk Walthers zu ziehen. Diesen tritt der Seminartitel in seiner These offen gegenüber, um seine Lyrik auf das zu reduzieren, was wir mir Sicherheit über sie sagen können. Das bedeutet, dass wir uns von der Vorstellung verabschieden müssen, dass wir durch Walthers Werk selbst, aber auch durch die Erforschung der historischen, politischen und sozialen Welt des Mittelalters etwas in Erfahrung bringen können, was direkte Bezüge zum Oeuvre Walthers hat. Ferner sind Positionen konsequent abzulehnen, die auf die charakterlichen Merkmale oder auf die Persönlichkeit abzielen, wie Spekulationen, die sich mit der beruflichen Tätigkeit Walthers beschäftigen.

Nach reiflicher Überlegung habe ich mich dazu entschlossen, Arbeiten diesen Inhalts doch kurz zu thematisieren, gehören Sie doch ebenfalls, obwohl sie ins Reich der Forschungslegenden zu weisen sind, zu der Forschung, die sich mit der Biographie Walthers beschäftigt.

Aufgrund der Tatsache, dass Walthers schillerndes Werk immer wieder Menschen veranlasste, sich mit diesem und auch mit Walther selbst zu beschäftigen, haben wir heute einen in dieser Hausarbeit kaum zu überblickenden Berg an Literatur. Die Auswahl erfolgte jedoch nicht etwa zufällig, sondern es war mir daran gelegen, eine breite Übersicht verschiedener Forschungspositionen darzulegen und sie zu diskutieren. Nachdem dies erfolgte, war die Ordnung in Form eines ordnenden Fazits die logische Konsequenz und in diesem möchte ich, nach der bloßen Darstellung des Mittelteils, auch wertend zu den Positionen Stellung nehmen.

Ich habe diese Arbeit einer Revision unterzogen, die sich auf weite Teile erstreckt. Der ursprüngliche Exkurs der Minnelyrik Walthers wurde zu einem vollständigen Kapitel innerhalb der Arbeit ausgebaut. Dabei habe ich das Themenfeld der „Walther-Reinmar-Fehde“ nicht verlassen wollen, da sich an ihr exemplarisch zeigen lässt, was sicherlich auch für weite Teile der Spruchdichtung gilt. Mein Hauptanliegen bei der Ausweitung war, weitere Details einzubringen, die die (teilweise verheerende) Widersprüchlichkeit zwischen den mittelhochdeutschen Vorlagen und den Sekundärtexten aufzuzeigen. Dazu habe ich auch meine Arbeit stärker an der Textarbeit orientiert, was ich als Notwendigkeit ansah, da ich eben jene Differenz nicht auch in meine Arbeit einbringen wollte.

Vor Beginn der Ausführungen soll aber der Frage nachgegangen werden, warum die Walther-Philologie solch große Anstrengungen unternimmt, seine Sprüche noch immer zu biographisieren. Dies mag an der Sichtweise liegen, dass bei Walther das „Innovatorische betont“ wird und „sein Umgang mit der Gattung (hier sind die Sprüche gemeint T.A.) als exemplarisch[1] gilt, jedenfalls innerhalb großer Teile der Walther-Philologie. Dass es an dem auch ist, bezweifelt Tervooren: „Wer aber die gesamte historische Reihe der Sangsprüche überblickt, muss ihn zum einen als einen Fortsetzer, zum anderen als Ausnahmefigur begreifen, d.h. er hat für die Gattungsgeschichte selbst nicht das Gewicht, das die Literatur ihm oft beimisst.“[2] Ohne dadurch sein künstlerisches Wirken zu unterschätzen und ohne detailliert auf die Geschichte der Gattung Sangspruch eingehen zu können, bleibt dennoch zu bemerken, dass der Umgang mit der historischen Figur Walthers von der Vogelweide normalisiert wird, d.h., dass nicht mehr die Biographie, sondern vielmehr das herausragende künstlerische Schaffen Walthers in den Mittelpunkt treten sollte.

Dass dies bei der Minnelyrik immer schon stärker der Fall gewesen ist, wird bereits von Menzel in der Mitte des 19. Jahrhunderts bezeugt. „Walther ist der Herold der höfischen Minne überhaupt, seine Minnelieder sind poetische Objectivierungen der manigfaltigsten Empfindungen und Situationen des Minnelebens; sie gelten für alle, nicht bloß für des Dichters Person, darum haben sie Tausende nachgesungen. Als bloße poetische Referate eigener Erlebnisse Walthers hätten sie nimmermehr die gewaltige Wirkung gethan, die sie factisch ausgeübt haben“.[3] Auch deshalb, weil es sich innerhalb der Walther-Philologie derart entwickelt zu haben scheint, dass bei der biographischen Interpretation mit zweierlei Maß gemessen wurde, ergibt sich die Teilung dieser Arbeit in die Analyse von Minnelyrik und Spruchdichtung. In einem dritten Schritt werden mögliche Auswege aus der jetzigen Situation aufgezeigt.

II.1.1) Zur Biographisierung Walthers in der älteren Sangspruchforschung

Als exemplarische Forschungsarbeit wählte ich Wilhelm Wilmanns „Walther von der Vogelweide“. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass Walthers Leben dort einen Großteil des Forschungsinteresses bestimmt. Neben einer einleitenden Aufarbeitung der „Geschichte des Minnesangs vor Walther“, welche auch ein Kapitel über Spervogel einschließt, tragen die nachfolgenden Kapitel Überschriften wie „Das äußere Leben Walthers. Spruchpoesie“ und „Liederdichtung. Innere Entwicklung“. Dies verweist bereits bei der bloßen Betrachtung des Inhaltsverzeichnisses auf den hohen Grad an Spekulation, der dieser Arbeit zugrunde liegt.

Anhand der Interpretation der zweiten Strophe des „Reichstons“ (L. 8,28) möchte ich die Vorgehensweise Wilmanns kurz darlegen. Nachdem er mit einem historischen Abriss die Erklärung der Spruchdichtung eröffnet und schließlich sogar das Datum des erstmaligen Vortrags bestimmt, richtet er seinen Blick auf den sozio-kulturellen Kontext, in dem Walther lebte. „Aber was nützt das kalte Datum? Auf die Gesellschaft, auf die Umstände, unter denen Walther sang, kommt es an.[4] Nachfolgend beteiligt sich Wilmanns an der Diskussion um die Fiktionalität der Sprüche Walthers, die noch bis in die neue Forschung geführt wird und nicht eindeutig entschieden werden kann. “Denn diese Sprüche sind recht eigentlich Gelegenheitsgedichte, die nach Anlass und Gesellschaft, nach Stimmung und Zweck auf gegebenen Voraussetzungen beruhen.[5] Bereits an diesem frühen Zeitpunkt der Waltherforschung wird dem Autoren der Entwurf eines souveränen Kunstbildes abgesprochen und die Abhängigkeit zu den äußeren Umständen als ungleich gewichtiger dargestellt. Wenn Iser sagt, „nun ist gleichzeitig durch das Fiktionssignal auch die präsentierte Textwelt in Klammern gesetzt und damit bedeutet, sie nicht nur so zu sehen, als ob sie eine sei, sondern sie auch als Welt zu verstehen, die es empirisch gar nicht gibt[6] wird demzufolge von Wilmanns der „Reichston“ nicht als fiktionaler künstlerischer Sangspruch anerkannt, sondern dient als eine Art historische Quelle.

Auch in der Interpretation der „Magdeburger Weihnacht“ (L.19,5) lassen sich solche und ähnliche Missstände aufzeigen. Dort bezieht Wilmanns Stellung in einer bis heute

ungelösten Frage. Welchen Einfluss, bzw. welche Kontakte Walther zur hohen Politik hatte

fragt Wilmanns ebenso wie Marzo-Wilhelm[7] oder auch Scholz.[8] Dass sich vor allem die beiden erstgenannten bei der Beurteilung erstaunlich einig sind, führt zu dem Ergebnis, dass aus den Tönen Walthers auch nach 130 Jahren Forschung neue Ergebnisse mit dem gleichen Forschungsansatz und der gleichen Fragestellung nicht zu erwarten sind, sondern die Ergebnisse noch immer ihren spekulativen und methodisch fragwürdigen Charakter behalten. Wesentlich für den Charakter der Methode ist die folgende Aussage Isers: „die Textwelt erfährt ihre Kontur dadurch, dass Selektion und Kombination zunächst die Umweltsysteme des Textes deformieren und sodann die in den Text eingekapselten Elemente durch Relationierung zu einer Aspektmannigfaltigkeit ausgefächert haben. Die jeweilige Differenz signalisiert folglich die Anwesenheit zweier Welten, die insoweit gegenwärtig sind, als die Textwelt das von ihr Bezeichnete nicht meint und die in ihr gegenwärtige empirische Welt metaphorisiert. Diese Simultanpräsenz dualer Welten kommt durch wechselseitige Irrealisierung zustande, die in dem einen Fall die Bezeichnungsfunktion, in dem anderen den Gegenstandscharakter aufhebt.“[9] Die Bedeutung der Iserschen Aussage für die Ansätze der Waltherforschung sind gravierend. Durch die Deformierung und Metaphorisierung der Realität durch die Sprüche Walthers wird der Text für obengenannte Untersuchungen unlesbar, denn durch den Irrealisierungsprozess verliert jeder angenommene Realitätsbezug seine Grundlage, handelt es sich hierbei doch um eine verfälschte oder in Isers Worten artifizierte Beschreibung einer (historischen) Situation. Als Beispiel hierfür sind die historischen Quellen der „Magdeburger Weihnacht“ dem Spruch Walthers gegen- überzustellen. Aus diesem Vergleich ergäbe sich auch das von Iser als Grundbedingung geforderte „Fiktionssignal“.

II.1.2) Die Biographie in der aktuellen Sangspruchforschung

Inwiefern dies in der aktuellen Forschung noch Berücksichtigung findet, bzw. welche Aspekte negiert wurden, soll das folgende Kapitel umreißen, beginnend mit einem Bruch in der Forschung, den Horst Wenzel Mitte der 1980er Jahre brachte. Wenzels Ansatz fußt auf der Betrachtung, dass „die Möglichkeiten für personale Identitätsstiftung und für die Selbstdeutung des Einzelnen einerseits unproblematisch, andererseits noch sehr begrenzt (sind) : Die Organisation gesellschaftlicher Reproduktion zeigt verhältnismäßig einfach Strukturen, charakteristische Lebensformen und deren Merkmale bewahren über lange Zeit Stabilität, und diese Bedingungen garantieren die problemlose Identifikation des Einzelnen über die soziale Rolle, die schon mit der Geburt erworben wird.“[10] Er legt also eine homogene Gesellschaftsordnung zugrunde, in der „ein Selbstbewusstsein, das sich im Vollzug der Sozialisation durch das Ausbalancieren von divergierenden Ansprüchen unterschiedlicher sozialer Subsysteme und Sinnsphären (erst erstellt ), noch keine Chance hat.[11] Dem ist zuzustimmen, war es doch erst die Aufklärung, die die Wichtigkeit des Einzelnen hinlänglich betonte und förderte. Interessant an Wenzels Aufsatz ist aber besonders, dass er nicht primär versucht über die Lyrik, sondern über das historische Wissen um die Zeit des Mittelalters Walthers Lyrik zu verorten. Er sieht das Mittelalter als eine Zeit des Umbruchs und folgert daraus: „Wir haben mit veränderten Wahrnehmungsmöglichkeiten und einer veränderten Mentalität bei Adel und Stadtbürgern zu rechnen, die sich auf die Einstellung zur biographischen und literarischen Selbstdeutung auswirken dürfte. (...) Damit werden die Umstände von (biographischer) Zeit und (biographischem) Raum zur konstruierenden Voraussetzung für die soziale Existenz des Einzelnen, und der Mensch ist nicht mehr ausschließlich beschreibbar nach den überzeitlichen Typen, wie sie die Kirche und der Lebensrhythmus der Agrargesellschaft nah legen.[12]

Nachfolgend weist er die Tradition nach, in der sich die Miniatur Walthers in der Manesse-Handschrift C befindet. Dabei spannt er den Bogen bis zurück zur Antike, um nachzuweisen, dass „sie noch keine konkrete Wirklichkeit der Welt und des Menschen in Raum und Zeit (erreicht). Sie bleibt typisierend, sie gibt „Universalien“ statt wirklicher Gegenstände und gibt sie in willkürlich subjektive Schematik.“[13] Persönliche Charakteristika bleiben vom Autor hinsichtlich der historischen Person Walthers ungenutzt, vielmehr ergibt sich für Wenzel hieraus die Frage, nach der „dichterischen Identität[14] Walthers. Auch durch die Revision des Dichter-Bildes vom „vaterländischen Dichter, vom Verfechter der Reichsidee“ hin zu einem „armen Hund“ oder „plebejischen Walther[15], lassen sich nicht alle Sprüche des Dichters so einordnen, dass ein uneingeschränkter und seine gesamte Lyrik gleichmäßig würdigender Zugang zum Werk in Frage kommt. Es bleiben nach Wenzel nur zwei Möglichkeiten: „Entweder müssen wir, um diesen Widerspruch zu meiden, das neue Waltherbild auch wieder revidieren oder die naheliegende Konsequenz ziehen und die Unvereinbarkeit von literarischem Ich und biographischem Ich konstatieren.[16]

[...]


[1] Tervooren, Helmut „Sangspruchdichtung“, S.113.

[2] ebenda, S.113.

[3] Menzel „Das Leben Walthers“, S.72, zitiert nach Wenzel, Horst „Typus und Individualität. Zur literarischen Selbstdeutung Walthers von der Vogelweide“, S.10.

[4] Wilmanns,, Wilhelm „Walther von der Vogelweide“, S. 84.

[5] ebenda, S.84.

[6] Iser, Wolfgang „Das Fiktive und das Imaginäre“, S.391.

[7] Marzo-Wilhelm, Eric „Walther von der Vogelweide – Zwischen Poesie und Propaganda“, S.62ff.

[8] Scholz ,Manfred „Walther von der Vogelweide“, S.54.

[9] Iser, Wolfgang „Das Fiktive und das Imaginäre“, S.391.

[10] Wenzel, Horst „Typus und Individualität. Zur literarischen Selbstdeutung Walthers von der Vogelweide“, S.1.

[11] ebenda, S.2.

[12] ebenda, S.3.

[13] ebenda, S.6.

[14] ebenda, S.12.

[15] Wenzel, Horst „Typus und Individualität. Zur literarischen Selbstdeutung Walthers von der Vogelweide“, S.13f.

[16] ebenda, S.14.

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638320696
ISBN (Buch)
9783638651004
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30908
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Walther Vogelweide Seine Biographie Ergebnis Lyrik Walthers Sprüche

Autor

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