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"Wir sind ein Volk". Die Wiedervereinigung als deutsch-deutscher Akkulturationsprozess?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 19 Seiten

Soziologie - Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Kulturbegriff
2.2 Akkulturation
2.2.1 Allgemeine Definition
2.2.2 Der Akkulturationsprozess nach Berry

3. Akkulturation am Beispiel Deutschlands
3.1 Akkulturationsprozess ja – nein?
3.2 Akkulturationsstrategien im vereinten Deutschland

4. Diskussion und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir sind ein Volk“ – diese vier Worte avancierten im Herbst 1989 zum Schlachtruf einer geteilten Nation und brachten mit ihrer Symbolkraft buchstäblich Mauern zum Einstürzen. Die 1949 in Folge der machtpolitischen Auseinandersetzungen zwischen den Westlichen Alliierten und der Sowjetunion gegründeten zwei deutschen Staaten BRD und DDR unterlagen in den darauf-folgenden 40 Jahren nicht allein einer geografischen sondern vielmehr einer ideologischen Trennung. Individualistisch geprägter Kapitalismus und kollekti-vistisch geprägter Sozialismus standen sich unvereinbar gegenüber. Auf dieser Basis wurde nach anhaltenden Protesten und dem Zusammenbruch des politischen Systems in der DDR am 3. Oktober 1989 die deutsche Wiedervereinigung feierlich vollzogen. Handelte es sich hierbei jedoch wirklich um die Zusammen-führung von Menschen einer Kultur, oder hatte die Teilung zu tiefe Spuren in den Köpfen hinterlassen? Die Antwort auf diese Frage und die daraus resultierenden Konsequenzen für die deutsche Bevölkerung sollen im Rahmen der vorliegenden Arbeit geklärt werden. Hierbei werden aus wissenschaftspragmatischen Gründen die 1990er als Untersuchungszeitraum festgelegt. Zur Klärung des kulturellen Aufeinandertreffens zweier Gruppen soll das Konzept der Akkulturation vorgestellt und auf den vorliegenden historischen Sachverhalt angewendet werden. Im nachfolgenden Kapitel werden zunächst die theoretischen Grundlagen geklärt. Dabei soll einleitend die dieser Untersuchung zugrunde liegende Arbeitsdefinition des Kulturbegriffes vorgestellt werden. Nach einer allgemeinen Definition des Akkulturationsprozesses, folgt die Vorstellung des Akkulturations-konzeptes nach Berry. Im Rahmen des dritten Kapitels soll, basierend auf diesem theoretischen Konzept, geklärt werden, inwiefern die deutsche Wiedervereinigung als Akkulturationsprozess klassifiziert werden kann und wie dieser gestaltet ist. Das vierte und letzte Kapitel fasst die gewonnenen Erkenntnisse dieser Arbeit überblickshaft zusammen.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Kulturbegriff

Die Bedeutsamkeit des Begriffes der Kultur wird sogleich in dem Moment evident, in welchem man versucht ihn zu definieren. Ähnlich einem roten Faden scheint sich Kultur durch unser gesellschaftliches Leben zu ziehen. Die Schwierigkeit, den Begriff der Kultur zu definieren, leitet sich aus der Vielfältig-keit ab, mit der wir diesen täglich verwenden. Neben Johann Wolfgang Goethes Faust, Guiseppe Verdis La Traviata oder Leonardo da Vincis Mona Lisa zählen wir ebenso „politische Kultur, Esskultur, Spielkultur, Weinkultur oder Dialogkultur“ (vgl. Müller-Funk 2010: 6) zu den kulturellen Gütern einer Gesellschaft. Mit Selbstverständlichkeit nutzen wir solche sprachlichen Verschmelzungen von Begriffen des Alltäglichen mit jenem der Kultur, um unser tägliches Leben zu beschreiben. Dieser selbstverständliche, sodann größtenteils unbewusste Umgang mit dem Kulturellen, basiert Müller-Funk zufolge auf „angelernten Fähigkeiten und Verhaltensweisen, kurz auf kultureller Sozialisation“ (vgl. Müller-Funk 2010: 6). Kultur prägt den Menschen folglich bereits in der Kindheit und formt seine Denk- und Verhaltensmuster basierend auf vorherrschenden gesellschaftlichen Besonderheiten. Hierbei wird ein weiterer bedeutender Aspekt augenscheinlich: „Kultur versteht sich als Beobachtungs-modus von Anders- und Fremdheit“ (Lewinski-Reuter/ Lüddemann 2011: 125) und führt zur „Wertung oder sogar Abwertung“ einer anderen Kultur. Die an dieser Stelle von Müller-Funk (vgl. 2010: 11) nur angedeutete Brisanz, die ein Aufeinandertreffen zweier Kulturen darstellt, soll im weiteren Verlauf erörtert werden. In Hinblick auf die Vielzahl existierender Definitionen des Begriffes Kultur, soll im Rahmen dieser Arbeit die nachstehende Definition der UNESCO als Grundlage dienen:

„Die Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertesysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen. “ (bpb 2011)

Wie sich das Aufeinandertreffen zweier Kulturen gestalten kann und welche möglichen gesellschaftlichen Folgen daraus resultieren, wird im folgenden Kapitel vorgestellt.

2.2 Akkulturation

2.2.1 Allgemeine Definition

Kultureller Kontakt vollzieht sich seit Menschengedenken. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Wurzeln der diesbezüglichen Forschung bereits bis in die Antike zurück reichen. In den darauffolgenden Jahrhunderten beschäftigten sich insbesondere Soziologen und Anthropologen mit den gesellschaftlichen Verän-derungen, die aus dem Aufeinandertreffen von Kulturen resultierten. Erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts rückte der Prozess auch in das Blickfeld der Psychologen. Eine vielzitierte und von Berry als „klassische Definition“ (2006: 11) deklarierte Formulierung aus dem Jahr 1936 stammt von dem Psychologen Redfield und Kollegen:

„Acculturation comprehends those phenomena which result when groups of individuals having different cultures come into continuous first-hand contact, with subsequent changes in the original cultural patterns of either or both groups. “ (1936: 149)

Hans (vgl. 2010: 44) spezifiziert dies indem er postuliert, dass „eine Reaktion auf diese neue Situation, also eine Anpassung notwendig“ ist. In der englisch-sprachigen Literatur ist häufig eine synonyme oder sich überschneidende Verwendung des Begriffes Akkulturation mit jenem der Assimilation zu finden. Dies ist Gordon zufolge auf die sich unterscheidenden Präferenzen der einzelnen Disziplinen zurück zu führen (vgl. Gordon 1964: 61). Berry hingegen vertritt die Ansicht, dass die Begrifflichkeiten voneinander zu trennen seien und somit die synonyme Verwendung inkorrekt sei (vgl. 2006: 11). Vielmehr betrachtet der Psychologe Assimilation als eine von vier möglichen Strategien, welcher sich Individuen im Prozess der Akkulturation bedienen können. Jenes viergliedrige Konzept Berrys soll auf Grund seiner Stringenz im weiteren Verlauf dieser Arbeit die theoretische Basis bilden.

2.2.2 Der Akkulturationsprozess nach Berry

Grundlegend unterteilt Berry die im Akkulturationsprozess beteiligten Parteien in die dominante und die nicht-dominante Gruppe, wobei er synonym zu diesen die Bezeichnungen Gruppenlevel bzw. Individuallevel verwendet. Ebenso wie bei Redfield et. al gilt auch bei Berry der Kontakt zwischen den Gruppen als Grundvoraussetzung für Akkulturation. Er beschreibt dies als ein „‘meeting’ between at least two cultural groups or individuals who come together in a ‘continuous’ and ‘firsthand’ manner“, wobei er die selbstgestellte Frage, welchen zeitlichen Umfang „meeting“ umfasst, unbeantwortet lässt (2006: 14). Darüber hinaus lässt sich Berry zufolge der Kontakt auf drei bipolaren Dimensionen klassifizieren: Freiwillig – unfreiwillig, sesshaft – unstet sowie permanent – vorübergehend. Diese Einteilung erläutert er am Beispiel von Flüchtlingen und Migranten, deren Gemeinsamkeit durch den relativ permanenten Kontakt zur dominanten Gruppe besteht, jedoch unterscheiden sie sich wiederum im Grad der Freiwilligkeit des Kontaktes zu dieser Gruppe maßgeblich. In Anlehnung an Redfields Definition geht Berry davon aus, dass aus dem zuvor beschriebenen Kontakt Veränderungen resultieren, die sowohl in der nicht-dominanten als auch in der dominanten Gruppe auftreten und wiederspricht somit der verbreiteten Auffassung einer einseitigen Einflussnahme durch die dominante Gruppe. Diesen wechselseitigen Einfluss (2006: 15) grenzt Berry jedoch wie folgt ein: „However, due to power differences, in terms of either economic power, military might or numerical strength, one group exerts more influence than the other“ (2006: 15). Die Folgen des kulturellen Kontaktes können sich auf dem Gruppenlevel sowohl in einer veränderten Sozialstruktur, als auch in einer Modifizierung der ökonomischen und politischen Organisation der dominanten Gruppe wider-spiegeln. Auf dem Individuallevel lassen sich vor allem Veränderungen der Identität, Werte, Einstellungen und des Verhaltens feststellen.

(Vgl. Berry 2006: Kap. 2.3)

Wie vollzieht sich nun jedoch der Prozess der Akkulturation? Ausgehend von einem kontinuierlich ablaufenden Prozess, formuliert Berry vier Strategien, die auf Individual - und Gruppenlevel zur Anwendung kommen. Diese sind dem Autor zufolge jedoch nicht Elemente eines fixierten Ablaufes, der unweigerlich zur Integration des Individuums in die Gruppengemeinschaft führt. Vielmehr handelt es sich bei den Strategien um „Phasen“, die in Abhängigkeit von Zeit und Umstand mehrmals und in unterschiedlicher Reihenfolge durchlaufen werden können (vgl. Berry 2006: 19). Für jede dieser vier Strategien verwendet Berry jeweils zwei Bezeichnungen, um die Bezugsgruppen dominant versus nicht- dominant in der Analyse klar voneinander trennen zu können. Welche Strategie zu welchem Zeitpunkt des Prozesses auf dem Individuallevel zum Tragen kommt, hängt vorrangig von individuellen Faktoren ab. Einstellung und Aufgeschlos-senheit sowie das daraus resultierende Engagement des Individuums in Hinblick auf die andere Kultur sind dabei maßgebend. Ist ein Individuum nicht daran interessiert, seine persönliche kulturelle Identität beizubehalten sondern sucht vielmehr aktiv den Kontakt mit der anderen Kultur, so handelt es sich um die Strategie der Assimilation. Sobald ein Individuum jedoch betont seine kulturelle Identität zu bewahren versucht und zudem den Kontakt mit Mitgliedern der anderen Kultur meidet, spricht Berry von Separation. In dem Augenblick, da ein Individuum sowohl versucht seine persönliche kulturelle Identität beizubehalten als auch in Kontakt mit Mitgliedern der anderen Kultur zu treten, verfolgt es die Strategie der Integration (vgl. 2006: 35). Bernsdorf beschreibt Integration mit Rückgriff auf das aristotelische Zitat als „Zusammenschluss von Teilen zu einer Ganzheit, so dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile“ (1972: 373f.). Im Rahmen von Marginalisierung, der vierten Strategie in Berrys Konzept, erfasst der Autor die Situation, in welcher ein Individuum auf Grund von zumeist erzwungenem Verlust der eigenen Kultur, ein nur geringes Interesse am Erhalt dieser einerseits, sowie am Kontakt mit der fremden Kultur andererseits zeigt (vgl. 2006: 35). Wie eingangs erwähnt, ist der Akkulturationsprozess aus der Perspektive der dominanten Gruppe ebenfalls durch die vier genannten Strategien gekennzeichnet, wobei Berry für diese Gruppe synonym die Bezeichnungen Melting Pot (Assimilation), Multikulturalismus (Integration) sowie Segregation (Separation) und Exklusion (Marginalisierung) wählt (vgl. 2006: 36).

In Ergänzung zur gewählten Strategie ist für die Wissenschaft der individuelle Umgang mit dem Akkulturationsprozess durch die beteiligten Individuen und Gruppen von besonderem Interesse. Berry verweist dabei auf zwei wissenschaftliche Zugänge, die sich diesem Aspekt des Prozesses widmen. Der „cultural learning approach“ betrachtet hierbei solche aus dem Akkulturations-prozess resultierenden kulturellen und psychologischen Veränderungen, die von Individuen und Gruppen ohne große Schwierigkeiten über das Erlernen „kulturspezifischer Fähigkeiten“ (Berry 2006: 58) bewältigt werden können. Sobald die Auseinandersetzung mit jenen Veränderungen jedoch eine Erhöhung der psychischen Belastung verursacht und von den Mitgliedern der dominanten bzw. nicht-dominanten Gruppe als stressend empfunden wird, dient der „stress, coping and adaption approach“ als Zugang zu dieser Thematik. Die resultierenden Konsequenzen beschreibt Berry folgendermaßen:

„When acculturative problems (stressors) do arise, but have been successfully coped with, stress will be similarly low and the immediate effects positive; but when stressors are not completely surmounted, stress will be higher and the effects more negative. And when acculturative problems have been overwhelming, and have not been successfully dealt with, immediate effects will be substantially negative and stress levels debilitating, including personal crisis, and commonly anxiety and depression. “ (2006: 47)

Im Anschluss an diese theoretische Einführung, soll nun untersucht werden, ob die Zeit nach der Wiedervereinigung Deutschlands als Akkulturationsprozess klassifiziert werden kann und welche Strategien gegebenenfalls zum Tragen kamen.

3. Akkulturation am Beispiel Deutschlands

3.1 Akkulturationsprozess ja – nein?

Im Voraus dieser Untersuchung muss zunächst geklärt werden, ob es sich im Kontext der deutschen Wiedervereinigung überhaupt um ein Aufeinandertreffen zwei sich voneinander unterscheidenden Kulturen handelt und somit die Grundvoraussetzung für den Akkulturationsprozess gegeben ist. In Artikel 35 des Einigungsvertrages vom 3. Oktober 1990 heißt es, dass es in den Jahren der Teilung Kunst und Kultur waren, die „eine Grundlage der fortbestehenden Einheit der deutschen Nation“ schufen (juris.de). Ungeachtet dieser Tatsache findet sich in der wissenschaftlichen Literatur jedoch vielfach der Verweis auf die Existenz zweier deutscher Kulturen, welche beispielsweise durch die Herausbildung „völlig differenzierter Wirtschaftsstrukturen“ sowie „Verhaltens- und Denkweisen“ gekennzeichnet waren (Pfeiffer 1993: 19). Eine noch gesteigerte Formulierung dessen findet sich bei Glaab und Kollegen, die von einem „Aufeinanderprallen zweier Welten“ sprechen, „deren kulturelle Auffassungen kaum unterschiedlicher hätten sein können“ (Glaab et. al 2010: 33). Daher kann trotz der gemeinsamen kulturellen Wurzeln von dem Bestehen zweier deutscher Kulturen ausgegangen werden. Überdies vollzogen sich im Zeitraum der deutschen Wiedervereinigung politische, ökonomische und soziale Verände-rungen, die Berry als charakteristisch für den Akkulturationsprozess definiert (vgl. 2006: 16). Als politisches Beispiel lässt sich an dieser Stelle der bis in die heutige Zeit umstrittene Solidaritätszuschlag anführen, welcher zur „Finanzierung der Kosten der deutschen Wiedervereinigung“ (Gabler Wirtschaftslexikon online) seit 1991 in Ost- und Westdeutschland erhoben wird. Belege für Veränderungen mit wirtschaftlichem Bezug finden sich zum einen bei Reitzle und Silbereisen, die auf einen Rückgang der wirtschaftlichen Leistung Westdeutschlands verweisen (vgl. 2000: 145), zum anderen bei Gensicke, demzufolge jedoch eine „Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und einer Anhebung des Lebensstandards für die Mehrzahl der ostdeutschen Haushalte“ (1998: 181) stattgefunden hat. Zuletzt soll ergänzend hierzu eine soziale Veränderung aufgezeigt werden, die sich Berry zufolge beispielsweise durch ethnische und Rassendiskriminierung auszeichnen kann (vgl. 2006: 16). Die Angst der Westdeutschen vor einer Verringerung des Wohlstandsniveaus durch die Wiedervereinigung ließ sie „eine Strategie der Aufrechterhaltung ihrer statushöheren Position durch Beibehaltung oder Verschärfung ihrer Binnen-gruppenfavorisierung “ verfolgen, welche zugleich eine „sozialpsychologische Abwertung der Ostdeutschen“ mit sich brachte (Gensicke 1998: 195/ 198, Kursivsetzung durch Autor). Im Sinne der Definition kann jenes gezeigte Verhalten als ethnische Diskriminierung interpretiert werden. Mithilfe der zusammengetragenen Aspekte lässt sich die These eines deutsch-deutschen Akkulturationsprozesses entsprechend der Definition von Berry bekräftigen.

Darauf aufbauend kann nun im folgenden Kapitel die Frage geklärt werden, welche der vier Strategien des Prozesses im Deutschland der 90er Jahre zum Tragen kamen.

3.2 Akkulturationsstrategien im vereinten Deutschland

Wertvolle Hinweise für die Klärung dieser Frage liefert sodann die im Jahr 1990 entfachte politische Debatte, in welcher Art und Weise der Vereinigungsprozess zu gestalten sei. Eine der beiden Möglichkeiten hierfür stellte Artikel 146 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland dar. Diesem zufolge wäre ein „ausführlicher Diskussions- und Vertragsverhandlungsprozess“ notwendig gewesen, in Rahmen dessen Erfahrungen aus Ost- und Westdeutschland möglicherweise zur Findung einer gemeinsamen Lösung beigetragen hätten (vgl. Kocka 1995: 137). Stattdessen wurde die Vereinigung auf Grundlage von Artikel 23 vollzogen, infolgedessen „die innere Struktur Westdeutschlands mit nur geringfügigen Änderungen auf Ostdeutschland übertragen“ (Kocka 1995: 138) worden war. Die hierbei deutlich werdende Machtdemonstration durch die politische Führung der BRD kann im Sinne von Berrys Definition als einer Bevorzugung von Uniformität gegenüber Vielfalt und Partizipation durch die dominante Gruppe interpretiert werden. Dieses Verhalten definiert der Autor wiederum als Merkmal der Assimilations - bzw. Melting Pot Strategie (vgl. Berry 2006: 39). Die dargestellte Einstellung wurde jedoch nicht nur von wenigen politischen Meinungsführern getragen. Vielmehr weist Schroeder (vgl. 2000: 125) auf eine mehrheitlich bestehende Zustimmung in der westdeutschen Bevölkerung hin, die in den unmissverständlichen Worten Wolfgang Schäubles am Vorabend des 03. Oktober 1990 Ausdruck fand:

„Hier findet nicht die Vereinigung zweier gleicher Staaten statt. Es gibt das Grundgesetz und es gibt die Bundesrepublik Deutschland. Laßt uns von der Voraussetzung ausgehen, dass ihr vierzig Jahre lang von beidem ausgeschlossen ward. Jetzt habt ihr einen Anspruch auf Teilnahme, und wir nehmen darauf Rücksicht“ (Schroeder 2000: 125).

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668072237
ISBN (Buch)
9783668072244
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308938
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Kommunikationswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
volk wiedervereinigung akkulturationsprozess

Autor

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Titel: "Wir sind ein Volk". Die Wiedervereinigung als deutsch-deutscher Akkulturationsprozess?