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Willy Brandts Kniefall im Warschauer Ghetto. Über die Bedeutung von Bildern für den Geschichtsunterricht

von Anne-Katrin Frenzel (Autor) Bastian Oppermann (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 20 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sachanalyse – Hintergründe des Kniefalls
2.1. Willy Brandt
2.2 Der Weg nach Warschau – Hintergründe
2.3 Der Ort des Kniefalls – das Ehrendenkmal im Warschauer Ghetto
2.4 Der Kniefall

3. Interpretationslinien zum Kniefall von Warschau
3.1 Die Geste des Kniefalls
3.2 Das Ereignis des Kniefalls von Warschau

4. Bildanalyse
4.1 Erste Fotografie (Engelbert Reineke)
4.2 Zweite Fotografie (Sven Simon)
4.3 Dritte Fotografie (Hans Hubmann)
4.4 Vierte Fotografie (Unbekannter Fotograf)

5. Der Kniefall von Warschau – Thematische Verortung in den Geschichtsunterricht

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

„Die Kameras haben diesen Mann, der da auf dem kalten Granit kniet, zu einem Denkmal eingefroren. Eine Schweigeminute, die nie mehr vergeht. Willy Brandt, das Gesicht zur Maske erstarrt, die Hände vor dem Körper verschränkt, umringt von einer staunenden, ungläubigen Menschenmenge.“[1]

Mit diesen Worten beginnt Andreas Metz, Bürgermeister der jüdischen Gemeinde Ilvesheims, im Jahr 2005 seinen Artikel „Ketten des Unrechts durchbrechen“ in der Jüdischen Zeitung. Selbst 40 Jahre nach dem Kniefall von Warschau bleibt seine Aktualität bestehen und bewegt Menschen immer noch. So dass auch der damalige Bundespräsident Christian Wulff zum Jahrestag des Kniefalls, am 7. Dezember 2010, nach Warschau reiste, um mit dem polnischen Staatspräsident Bronislaw Komorowski an dieses Ereignis zu erinnern.[2]

Welche große Bedeutung dem Agieren des ehemaligen Bundeskanzlers zugesprochen wird, zeigt nicht nur der sich 150 Meter nordwestlich des Ehrendenkmal gelegene Skwer Willy Brandta, der Willy-Brandt-Platz, sondern auch eine für ihn errichtete Denkmaltafel, welche die polnische Bildhauerin und Medailleurin Wiktoria Czechowska Antoniewska errichtet hat.[3] Die Initiative für eine solche Denkmaltafel wurde unter anderem von polnischen Diplomaten geleitet. Einer von ihnen, Marek Prawda, welcher gegenwärtig als polnischer Botschafter in Berlin tätig ist, setzte sich für ein Denkmal dieser Art ein. Beide Länder, Deutschland, wie auch Polen, hatten ein Interesse daran, den Akt des Kniefalles aufzuarbeiten und zu bearbeiten.[4] Durch die Entstehung einer Denkmaltafel zur Erinnerung an den „Warschauer Kniefall“ wurde diese besagte Erinnerung für die Ewigkeit fixiert und ist ein Teil unserer Geschichtskultur geworden.

Bei der Thematik um Willy Brandt und dessen Kniefall in Warschau muss klar zwischen der Ereignisebene und der Denkmalebene unterschieden werden. Im vorliegenden Aufsatz soll die Ereignisebene im Mittelpunkt stehen. Bedeutung und Entstehungsgeschichte der seit 2010 existierenden Bronzetafel sollen in dieser Arbeit nicht thematisiert werden.

Neben der Analyse des Ereignisses an sich, soll eine kritische Auseinandersetzung mit den vorhandenen Fotografien des Kniefall erfolgen.

Dieser Aspekt wurde unter anderem gewählt, da unser thematischer Schwerpunkt innerhalb des Seminares unter dem Titel „Visuelle Quellen“ stand. Weiterhin wurde im Seminar darüber diskutiert, in wieweit die Fotografien Verwendung im Geschichtsunterricht finden. Um mit Bildquellen im Unterricht arbeiten zu können, ist zunächst eine Auseinandersetzung mit diesen notwendig. Daher steht auch die Bildanalyse im Mittelpunkt der nachfolgenden Betrachtung. Es soll über die Ereignisebene die geschichtskulturelle Ebene erklärt werden. Folgende Fragestellung wird untersucht:

Welchen Beitrag kann die Analyse der Fotografien des Kniefalls von Warschau für den Geschichtsunterricht leisten, um die geschichtskulturelle Darstellung des Ereignisses zu verstehen?

Es soll, wie bereits erwähnt, jedoch zunächst auf die Hintergründe des Ereignisses und die Biografie von Willy Brandt, sowie auf die Vorbereitung und den Ablauf des 7. Dezember 1970 näher eingegangen werden, um dann die Bedeutung des Kniefalls erschließen zu können. Nachfolgend sollen im Laufe der Arbeit die obige Fragestellung beantwortet werden, um am Ende auf die Einsatzmöglichkeiten der Bilder im Geschichtsunterricht eingehen zu können.

In der wissenschaftlichen Literatur ist der Kniefall und die oft mit ihm in Verbindung gebrachte Ostpolitik ausführlich bearbeitet wurden. In der vorliegenden Arbeit wurden hauptsächlich 3 Monographien verwendet, welche sich ausschließlich mit dem Ereignis des Kniefalls unter verschiedenen Aspekten auseinandersetzen und ihn unter unterschiedlichen Problemstellung beleuchten. Literatur zur politischen Figur und zur Person des Willy Brandts ist weiterhin zahlreich vorhanden, so dass es möglich ist, die Beweggründe für den Kniefall des Bundeskanzlers nachzeichnen zu können. Es lässt sich daher allgemein sagen, dass die Quellenlage zum Thema des „Kniefalls von Warschau“ sehr ausführlich und aktuell ist und durch das Medium Internet in unterschiedlicher Weise, wie zum Beispiel durch Bilder, Videos vom Ereignis an sich, wie auch Zeitzeugenberichte oder Kommentare anderer politischen Persönlichkeiten dokumentiert wurde. Durch diese Vielzahl von Quellen und Literatur muss sich die Hausarbeit auf einige Aspekte der Problematik beschränken.

2. Sachanalyse – Hintergründe des Kniefalls

Die Betrachtung des Kniefalls vom 7. Dezember.1970 setzt eine genaue Analyse der umgebenden und vorangestellten Bedingungen voraus.

Hier zu soll nun im Folgenden eine Untersuchung der politischen Hintergründe und dem Lebens des Willy Brandts selbst erfolgen. Weiterhin soll auf den Ort des Geschehens, das Ehrendenkmal für die Helden des Warschauer Ghettos, näher eingegangen werden und natürlich das Ereignis des Kniefalls an sich genau erläutert werden.

2.1. Willy Brandt

Um später auf die Bedeutung des Ereignisse näher eingehen zu können, ist es zunächst notwendig, nicht die Hintergründe des Kniefalles von Warschauer darzulegen, sondern auch die Person Willy Brandt genauer zu beleuchten.

Willy Brandt wurde am 18. 12. 1913 als Herbert Ernst Karl Frahm in Lübeck geboren. Da sich seine Mutter kaum um ihn kümmerte, und er seinen Vater nicht kennenlernte, wuchs er werktags meist bei Pflegeeltern auf. Eine prägende Rolle nahm sein Großvater Ludwig Frahm ein, welcher ein bekennender Sozialist war und den jungen Herbert seine eigene politische Gesinnung heranführte. Durch den Einfluss seines Großvaters, engagierte sich Herbert Frahm früh, seit 1929, als Mitglied der sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ).[5] Bereits ein Jahr später trat er in die SPD ein.

Als entschlossener Gegner der Nationalsozialisten floh der junge Herbert 1933 nach Norwegen, um dort im Exil zu leben. In der Exil – zeit leistete er erstmalig unter dem Namen Willy Brandt Widerstand gegen das NS – Regime und kehrte erst nach dem Ende des Krieges, weiterhin unter dem Namen Willy Brandt, in die Bundesrepublik zurück. Obwohl seine Person immer wieder für Konflikte sorgten, und ihn viele Deutsche als Gegner ansahen, ihm sogar „Vaterlandsverrat“ vorwarfen, setzte sich Brandt politisch durch. Er wurde Vertreter im deutschen Bundestag, Mitglied und Präsident im Berliner Abgeordneten Haus, seit 1957 Bürgermeister von Berlin, Parteivorstand und Vorsitzender der SPD, Außenminister und Vizekanzler und letztendlich Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.[6]

Als Bundeskanzler leitete Willy Brandt ab 1969 einen grundlegenden Kurswechsel der bundesdeutschen Politik ein, wobei er nicht nur die deutsch-deutschen Beziehungen verbessern wollte, sondern es sich auch zum Ziel gesetzt hatte, sich den übrigen Ostblockstaaten anzunähern und diplomatische Beziehungen zu ihnen aufzubauen.[7]

Ein wichtiger Bestandteil dessen war die Unterzeichnung des Warschauer-Vertrags, welcher auch der Grund für Willy Brandts Besuch in Warschau am 7.12.1970 war. Dem zuvor kam die Unterzeichnung des Moskauer Vertrages am 12.8.1970 zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik, welcher die Normalisierung der Beziehungen gewährleisten sollte.[8] Besonderen Wert legte Brandt auf den Friedenserhalt und die Entspannungspolitik. Diese Voraussetzungen ebneten den Weg zu einem Vertrag, wie ihn der Warschauer Vertrag im Dezember 1970 darstellt.

Für seine erfolgreiche Friedensbemühungen und seine „Politik der Annäherung“ wurde Brandt 1971 der Friedensnobelpreis verliehen.[9]

Brandts persönlicher Wunsch, und somit auch Ziel seiner Politik, nach Aussöhnung und Aussprache, bedingt durch seinen persönlichen Werdegang des Lebens gezeichnet, gipfelte am 7. 12.1970 mit seiner Reise nach Polen, welchen im Nachfolgenden erläutert werden soll.

2.2 Der Weg nach Warschau – Hintergründe

Es war der erste Staatsbesuch eines Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland in Polen.[10]

Willy Brandt kam mit seinen Begleitern, darunter der damalige Außenminister Walter Scheel und Staatssekretär Egon Bahr, nach Warschau, um den Warschauer Vertrag zu unterzeichnen.[11]

Laut diesem Vertrag erkannte die Bundesrepublik nicht nur die Oder-Neiße-Grenze als polnische Westgrenze an, sondern sagte der Regierung in Warschau gleichzeitig zu, eine „größere Zahl von Deutschen und Deutschstämmigen aus Polen ausreisen zu lassen.“[12]

Die Chance zu einer derartigen vertraglichen Regelung wurde im Herbst 1969 durch die Bildung der sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt erst möglich. Bereits 1963 entwickelte Egon Bahr das Konzept des „Wandels durch Annäherung“, welches sich nicht als Ziel setzte, die unter kommunistischer Führung stehenden Nationen, die DDR eingeschlossen, zu beseitigen, sondern sie suchten nach Möglichkeiten, „sie auf der Basis des Status quo zu verändern.“[13] Den beteiligten deutschen Politikern war außerdem bewusst, dass eine Verständigung mit Polen nur durch eine Kooperation mit der damaligen Sowjetunion erreicht werden konnte. Daher wurde zunächst am 12. August 1970 der Moskauer Vertrag unterzeichnet. In diesem Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion wurde „die Unverletzlichkeit der europäischen Grenzen und ein Gewaltverzicht besiegelt […].“[14]

Erst unter dieser Voraussetzung war ein Vertrag, wie jener erst 4 Monate später unterschriebene Warschauer Vertrag, möglich.

Auch wenn die Grenzregelung des Warschauer-Vertrags für die polnische Seite enorm wichtig war, so erschien sie für die Deutschen als schmerzhafter Verlust. Doch wie Recker feststellt, war das „Symbol des neuen Anfangs und der Aussöhnung zwischen beiden Staaten […] weniger die Vertragsunterzeichnung am 7. Dezember 1970 selbst, sondern der Kniefall von Bundeskanzler Brandt an diesem Tag bei der Kranzniederlegung vor dem Denkmal für die Gefallenen des Warschauer Ghettos.“[15] Diese Aussage unterstreicht den oft fehlgedeuteten Zusammenhang zwischen Warschauer-Vertrag und dem Kniefall von Willy Brandt: Die Unterzeichnung des Vertrages war zwar der Hintergrund für den Besuch des Bundeskanzlers, ist jedoch eher ein Teil der deutsch-polnischen Geschichte und hat mit dem Akt des Kniefalles an sich nichts zu tun. Denn dieser ist eher ein Abschnitt der deutsch-jüdischen Geschichte, worauf im Kapitel der „Interpretation des Kniefalls“ näher eingegangen werden soll.

Da im Vorangegangenen nun die politischen Hintergründe für den Kanzlerbesuch aufgezeigt wurden, soll es in den folgenden Abschnitten um den Ort des Geschehens und das Ereignis des Kniefalls an sich gehen.

2.3 Der Ort des Kniefalls – das Ehrendenkmal im Warschauer Ghetto

Der erste Programmentwurf für den 7. Dezember enthielt keinen geplanten Besuch einer Gedenkstätte, sondern lediglich die Unterzeichnung des Warschauer Vertrages. Erst nach einigen Gesprächen, die zunächst noch über Handelsvertreter liefen, da es noch keine diplomatischen Beziehungen gab, ließ Warschau bekannt geben, dass eventuell eine Kranzniederlegung am Grabmal des Unbekannten Soldaten stattfinden sollte, welches zur Erinnerung an den Aufstand der Warschauer Bürger 1944 errichtet wurde. Brandt allerdings wies darauf hin, dass er auch einen Besuch des Denkmals für die Helden des Warschauer Ghettos erwog.[16]

Dieses Denkmal, welches vom polnischstämmigen Künstler Nathan Rapoport geschaffenen wurde, soll an den Aufstand der letzten polnischen Juden im Warschauer Ghetto 1943 erinnern.

Bei diesem Aufstand versuchten die jüdischen Bewohner, ihrer letztendlichen Vernichtung in den Gaskammern von Treblinka zu entgehen, indem sie sich gegen die herannahende SS stellten und revoltierten.[17]

„ […] am 19. April 1943, dem Passachfest, hatten die verbliebenen Juden – 300 000 – begonnen, bewaffneten Widerstand zu leisten.“[18] Dieses verzweifelte letzte Aufbegehren ist in diesem Ghetto-Denkmal eingefangen.

2.4 Der Kniefall

Am 7. Dezember 1970 fand an zwei verschiedenen Orten eine Kranzniederlegung statt, an welchen der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland teilnahm. Zuerst wurde ein Kranz am Mahnmal des Unbekannten Soldaten niedergelegt, welches wie bereits erwähnt, an des Aufstand der Warschauer Bürger 1944 erinnern soll. Da diese Kranzniederlegung auf Wunsch der polnischen Regierung stattfand und sie demzufolge auch öffentlich abgehalten werden sollte, marschierte an diesem Denkmal eine Ehrenkompanie der polnischen Armee auf und begleitete die Niederlegung des Kranzes. Das Interesse der Öffentlichkeit war relativ hoch, so dass sich circa 2000 Warschauer Bürger, Reporter und Fotografen um das Geschehnis versammelten.[19]

Nachdem diese offizielle Kranzniederlegung beendet war, fuhr die Delegation zum Ort des ehemaligen Warschauer Ghettos, um dort, auf speziellen Wunsch des Kanzlers hin, dem Aufstand der Juden im Ghetto zu gedenken. Der Morgen des 7. Dezember 1970 ist ein kalter und regnerischer in Warschau. Um etwa 10.30 Uhr trifft der damalige Bundeskanzler Willy Brandt auf dem Platz vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos ein.[20]

Wie bereits angedeutet, geschah die zweite Kranzniederlegung auf den expliziten Wunsch des Kanzlers hin, obwohl dies von polnischer Seite her wenig Befürwortung fand. Deutlich wurde dies unter anderem dadurch, dass die Zeremonie der Kranzniederlegung, im Vergleich zu der vorhergehenden, wesentlich schlichter gestaltet wurde: Lediglich ein militärischer Doppelposten war vor Ort, und das Ereignis wurde von nur ca. 300 – 400 Menschen beobachtet.[21]

Dies könnte natürlich auch daran gelegen haben, dass diese Zeremonie nicht von Anfang an offiziell gewesen war und viele Warschauer Bürger von dieser zweiten Kranzniederlegung keine Kenntnis genommen hatten. Das Geschehen sollte wahrscheinlich möglichst ungesehen und lautlos von statten gehen, und nachfolgend nicht zusätzlich öffentlich proklamiert werden.[22]

Doch die Situation gestaltete sich anders als erwartet:

Nachdem der Kranz niedergelegt wurde, zog Brandt die Enden der sich am Kranz befindlichen Schleifen zu Recht, ging eine Stufe tiefer und stand mit gesenktem Kopf vor dem Denkmal.

Er tat genau das, was das Protokoll für diese Zeremonie vorsah. Doch dann, plötzlich, unerwarteter Weise, fiel er auf die Knie, legte die Hände vor sich und verharrte in dieser Position für eine gute halbe Minuten. Fotografen drängten sich, um diesen unerwarteten Moment einfangen zu können, Köpfe reckten sich nach oben, Menschen gingen näher an das Geschehen ran, um etwas sehen zu können. Keiner sagte ein Wort. Dann stand er ruckartig wieder auf und wendet sich zum Gehen.

Reporter Hermann Schreiber, der den damaligen Bundeskanzler begleitete, schrieb eine Woche nach dem Ereignis im Spiegel:

„So wird das alles nicht in den Geschichtsbücher stehen, in die es aber doch gehört: dieses wilde, füßescharrende Geschubse der Photographen plötzlich; die Sekunde der Atemlosigkeit; das Erschrecken. Wo ist er? Was ist denn passiert? Ist er gestürzt? Ohnmächtig geworden? Willy Brandt kniet.“[23]

Diese knappe Minute Zeitgeschichte prägte nicht nur die Menschen der damaligen Zeit, sondern sie ist ein Teil der deutschen Geschichtskultur und der deutsch-jüdischen Geschichte geworden. Welche Bedeutung ihr im Genaueren zugemessen wird, soll im anschließenden Kapitel genauer betrachtet werden.

3. Interpretationslinien zum Kniefall von Warschau

3.1 Die Geste des Kniefalls

Wenn ein Ereignis wie der Kniefall Willi Brandts am Warschauer Ghetto-Ehrenmal interpretiert werden soll, liegt es nahe zunächst die Geste eines Kniefalls an sich zu analysieren, um mit einem allgemeinen Verständnis eine Interpretationsgrundlage für das Ereignis in Warschau zu bilden.

Willy Brandt schreibt in seinen »Erinnerungen« im Bezug auf sein Handeln im ehemaligen Warschauer Ghetto beim polnischen Staatsbesuch am 7. Dezember 1970 folgendes: „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“[24]

Zu einem Teil scheint die Aussage des ehemaligen Bundeskanzlers befremdlich, da es im Allgemeinen nicht als gängig gilt auf die Knie zu fallen, wenn die Sprache aus einem bestimmten Grund versagt. Zu einem anderen Teil kann die Ausführung nachvollzogen werden . Dies ist jedoch nicht ohne die Bedeutung des Kniefalls zu gewährleisten. Aus der Geschichte und aus alltäglichen Vorstellungen heraus lassen sich modellhaft drei große Interpretationslinien nachzeichnen.

Zunächst kann ein Kniefall eine gewisse »Demut« bedeuten. Die Quelle dieses Verständnisses sind die Verfahrensweisen im Christlichen Glauben[25] sowie den anderen Weltreligionen. Die Demut geht meist einher mit einer gewissen Verehrung des Göttlichen. Ob im Judentum, im Buddhismus/Hinduismus, dem Islam oder dem Christentum, das Knien ist meist eine Gebets- oder Meditationshaltung. Im Hinblick auf diese Interpretationslinie wird die Bedeutung von Brandts Aussage erkennbar. Dieser Zusammenhang kommt im nächsten Teilkapitel nochmals zum Tragen.

Eine weitere Interpretationsmöglichkeit der zu analysierenden Geste ist die »Unterwürfigkeit«. Geht eine Person auf die Knie, wird dies, historisch begründet, oft als eine Unterordnung unter eine bestimmte Macht verstanden. Ein historisches Beispiel für diese Deutung ist der »Kniefall von Canossa«. König Heinrich IV. zog im Jahr 1077 vor die oberitalische Burg Canossa, um seine Unterwürfigkeit vor Papst Gregor VII. zu demonstrieren, damit jener ihn vom Kirchenbann befreite.[26]

Oft kann der Kniefall auch mit einem Fußkuss verbunden sein, um die Verehrung des Subjekts zu verstärken. Der Frieden von Venedig im Jahr 1177 ist dafür nur eines der vielen Beispiele.[27] Da solche Verhaltensmuster zwischen Königen und Päpsten oder auch Königen und Untertanen lange Zeit vorherrschten, darf angenommen werden, dass daher die Verbreitung dieser Deutung kommt.

Zuletzt ist die allgemeine Interpretationslinie »Ehrerbietung« zu nennen, die eng mit den beiden genannten verknüpft ist. Der Ursprung dieser Sinngebung, stammt aus den Reichen des Alten Orients und der Praktik der »Proskynese«. Mit dem Kniefall vor dem Herrscher wurden seine höhere Ebene und seine besondere Fügung verdeutlicht. Anbetung und Unterwerfung vor dem Herrscher waren das Ziel dieser Geste, welche durch Alexander den Großen auch im Europäischen Raum praktiziert wurde.[28]

[...]


[1] Metz, Andreas: „Ketten des Unrechts durchbrechen“. In: Jüdische Zeitung, Dezember 2005 (http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.520.html / Stand: 18.3.2013)

[2] Vetter, Reinhold: Willy Brandt und Polen. Gemeinsames Gedenken der Präsidenten Komorowski und Wulff am 7. Dezember 2010 in Warschau. Polen – Analysen Nr.81 (21.12.2010), Deutsches Polen – Institut Darmstadt 2010, S.2.

[3] Vgl.: Http://www.inyourpocket.com/poland/warsaw/sightseeing/jewishwarsaw/Willy-Brandt-Statue_47834v (Stand: 18.3.2013)

[4] Vgl. Vetter, Reinhold.

[5] Vgl. Rudolph, Karsten: Die Partei der Freiheit. Willy Brandt und die SPD, Berliner reihe Band 5, Bonn 2002, S. 7f.

[6] Vgl. Merseburger, Peter: Willy Brandt. München 2002, S. 343 ff.

[7] Autorenkollektiv, Duden: Geschichte II, Von der Weimarer Republik bis zur Europäischen Union. Mannheim 2002, S.64.

[8] Zugriff unter: http://www.auswaertiges- amt.de/DE/AAmt/PolitischesArchiv/HistorischeDokumente/ Ostpolitik_node.html (Stand: 17.11.2012)

[9] Tessmer, Carsten (Hrsg.): Das Willy – Brandt – Bild in Deutschland und Polen. Berlin 2000.S. 7.

[10] Krzeminski, Adam: Der Kniefall. Warschau als Erinnerungsort deutsch-polnischer Geschichte, in:
Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken (54), Heft 11, Stuttgart 2000, S.1085.

[11] Wolffsohn, Michael / Brechenmacher, Thomas: Denkmalsturz? Brandts Kniefall. München 2005, S. 14.

[12] Recker, Marie-Luise: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.München ³2009.S.68.

[13] Tessmer, Carsten: Die deutsch -polnischen Beziehungen in der Nachkriegszeit. In: Das Willy-Brandt-Bild in Deutschland und Polen. [Hrsg: Tessmer, Carsten] Berlin 2000, S. 16.

[14] Ebd. S. 17.

[15] Recker, Marie-Luise: S.68.f.

[16] Wolffsohn / Brechenmacher: Denkmalsturz? S. 19-21.

[17] Krzemiński,: S. 1080/1081.

[18] Wolffsohn / Brechenmacher: Denkmalsturz? S. 13.

[19] Ebd.: S. 16 – 17.

[20] Ebd.: S. 13.

[21] Hein-Mooren, Klaus Dieter: Spontan oder geplant? Bemerkungen zu Willy Brandts Kniefall in Warschau, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (50), Heft 12, 2004 S. 745-748.

[22] Vgl. Wolffsohn / Brechenmacher: Denkmalsturz? S. 13.

[23] Schreiber, Hermann: Ein Stück Heimkehr. In: Der Spiegel, Nr. 51, 14.12.1970, S. 29.

[24] Brandt, Willy: Erinnerungen, Frankfurt am Main 1989, S. 214.

[25] Wolffsohn, Michael und Brechenbacher, Thomas: Der Kanzler hat gekniet. Brandts Kniefall- ein Leitstern der Politik, Rapporte der Konrad-Adenauer-Stiftung, 16/2010, S. 7.

[26] www.Kulturwest.de/kulturgeschichte/detailseite/artikel/des-königs-kniefall-oder-die-dielektik-der-erniedrigung/, 21.02.2013, 16:34 Uhr.

[27] Vgl. Röhricht, Reinhold (Hrsg.): Ein Brief über die Geschichte des Friedens von Venedig (1177), in: Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde, Bnd. 17, 1892, S. 622.

[28] Gehrke, Hans-Joachim: Alexander der Große, München 2009, S. 64.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668073029
ISBN (Buch)
9783668073036
Dateigröße
992 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308929
Note
1,7
Schlagworte
willy brandts kniefall warschauer ghetto über bedeutung bildern geschichtsunterricht

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Titel: Willy Brandts Kniefall im Warschauer Ghetto. Über die Bedeutung von Bildern für den Geschichtsunterricht