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Die Kombination plan- und marktwirtschaftlicher Elemente als Bestandteil einer erfolgreichen Reform- und Öffnungspolitik? Eine Analyse von Chinas wundersamem Wachstum

Hausarbeit 2012 23 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Chinas Wachstum in den Statistiken der Weltbank

3.Der Beginn der Reformpolitik- Die „Vier Modernisierungen“
3.1 Die Reformen in der Landwirtschaft
3.2 Die Reformen in der Industrie
3.3 Ökonomischen Erfolge im Zuge der Modernisierungen

4.Das chinesische Finanzsystem
4.1 Das chinesische Bankensystem
4.1.1 Die Reformen sei 1979
4.1.2 Die Stärken des veränderten Bankensystems
4.2 Die chinesische Geld- und Zentralbankpolitik
4.2.1 Geldpolitik im Sinne eines Exportlandes
4.2.2 Globale Probleme durch Chinas Währungs- und Geldpolitik

5. Policy Making - Am Beispiel China
5.1 Fazit
5.2 Nachwort

1. Einleitung

Der Wandel Chinas in den vergangenen 30 Jahren stellt Ökonomen aller politischen Lager vor neue Herausforderungen. Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass Wachstum und Wohlstand dauerhaft nur innerhalb einer „marktwirtschaftlichen Demokratie“1 zu erreichen seien. Die jüngste Entwicklung beweist jedoch das Gegenteil und stellt den Regimen der westlichen Welt die „Systemfrage“2.

Anhand dieser Hausarbeit möchte ich der Frage nachgehen, mit welchen politischen Mitteln ein solch starres Institutionensystem wie das der chinesischen Volksrepublik in der Lage sein kann, für ein nachhaltiges und dynamisches Wachstum zu sorgen und warum „Marktkoordination und staatliche( ) Lenkung“3 nicht zwangsweise gegeneinander wirken müssen.

Ausgangspunkt meiner Ausführungen sind die sog. „Vier Modernisierungen“ unter Ministerpräsident Zhou Enlai aus dem Jahre 1978, die als Anstoß aller politischen und ökonomischen Entwicklung der vergangenen 30 Jahre betrachtet werden können. Im Anschluss möchte ich mich mit dem chinesischen Finanzsystem auseinander setzen. Der Fokus liegt hierbei sowohl auf den institutionellen Veränderungen im Bankensektor als auch au f der chinesischen Währungs- und Geldpolitik. Zum Abschluss meiner Arbeit greife ich den Begriff des „Policy Making“ auf. Wörtlich als Politikgestaltung oder Strategieplanung übersetzt beschreibt es die Art und Weise, wie politische Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden. Die chinesische Entwicklung bietet hierfür äußerst interessante Beispiele.

Diese Arbeit stellt dabei nicht den Anspruch, alle wachstumsrelevanten Aspekte des chinesischen Aufschwungs zu durchleuchten. Besonders das In-Betracht-ziehen relevanter externer Faktoren würde den Umfang dieser Ausführungen überschreiten4. Im Mittelpunkt steht daher das Handeln der politischen Akteure, um einen Zusammenhang zwischen Reformen und ökonomischen Entwicklungen herzustellen.

2. Chinas Wachstum in den Statistiken der Weltbank

Bevor man sich mit den möglichen Gründen eines wirtschaftlichen Aufschwungs auseinander setzt, macht es Sinn, sich diesen anhand einiger Zahlenbeispiele vor Augen zu führen. Daher möchte ich meine weiteren Ausführungen mit einer kurzen grafischen Darstellung zur Entwicklung der chinesischen Wirtschaftsleistung (BIP) einleiten. Der in der Statistik dargestellte Zeitraum umfasst dabei die Jahre 1975 bis 2010, sodass auch einige wenige Daten erfasst wurden, die vor den Reformen des Jahres 1978 lagen.

Abbildung 1 zeigt die prozentualen Wachstumsraten des BIP in US-Dollar von 1975 bis 2010 im Vergleich zum Vorjahr.

Abb. 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Eigene Darstellung anhand der Zahlen des Weltbank Jahresberichts, 2010).

Grundsätzlich ist zu beobachten, dass auch die chinesische Volkswirtschaft gewissen Schwankungen unterliegt, sie verläuft also ähnlich der weltweiten Entwicklung zyklisch. Auffallend ist jedoch das Niveau, auf dem sich die Volksrepublik seit ca. 30 Jahren bewegt. Die letzte negative Wachstumsrate stammt aus dem Jahre 1976 und liegt damit vor dem Beginn der politischen Reformen. Darüber hinaus liegen die Zuwächse in 50% der Fälle im zweistelligen Bereich ( .

Auf den ersten Blick passt China damit in das sog. „Asiatische Wachstumsmodell“, da auch Japan (6,2%), Hongkong (6,2%) oder Shanghai (7,5%) zwischen 1960 und 1980 durchschnittlich ähnlich hohe Wachstumsraten verzeichneten, an Chinas Durchschnittsraten jedoch nicht heranreichen. Ein derart hohes, kontinuierliches Wachstum war über einen solchen Zeitraum nie beobachtet worden5.

3. Der Beginn der Reformpolitik- Die „Vier Modernisierungen“

Die „Vier Modernisierungen“ sind nach den Worten von Ministerpräsident Zhou Enlai der Versuch, Landwirtschaft, Industrie, Landesverteidigung, sowie Wissenschaft und Technik zu modernisieren, um die chinesische Volkswirtschaft „in den vordersten Reihen der Welt“6 zu etablieren. Auch wenn eine Abkehr von den Lehren Maos offiziell zunächst nicht angestrebt wurde, bedeuten sie das Ende der klassischen Planwirtschaft und die Hinwendung zu einer stärker marktorientierten Wirtschaftspolitik7. Für die Fragestellung meiner Arbeit bietet sich besonders eine Untersuchung der ersten beiden erstgenannten Sektoren an.

3.1 Die Reformen in der Landwirtschaft

Der primäre Sektor war für China stets von herausragender Bedeutung und traditionell sehr stark ausgeprägt. Zu Beginn des Transformationsprozesses kam es jedoch zu weitreichenden Veränderungen innerhalb der landwirtschaftlichen Produktion. Diese beruhten auf einem politischen Konzept, das auf den 3. Nationalen Volkskongress (1964/ 1965) zurückzuführen ist. Bis ins Jahr 1978 wurden die Entwürfe der Regierung auf verschiedenen Tagungen immer wieder modifiziert8. Am Ende dieses Prozesses stand ein Reformpaket, welches die Volksrepublik gesellschaftlich und ökonomisch von Grund auf verändern sollte.

Zu Beginn der Reformen (1975) wurden zwei übergeordnete Zielvorgaben formuliert, die in ihren Grundsätzen den gesamten Entscheidungsprozess über kaum in Frage gestellt wurden, sich in der Art Ihrer Erreichbarkeit mit dem politischen Machtwechsel jedoch veränderten.

Oberstes Ziel war es hierbei, die Erträge innerhalb der Landwirtschaft deutlich zu steigern9. Die zweite Vorgabe sah eine Veränderung in der landwirtschaftlichen Arbeitsweise vor. Bis ins Jahr 1980 strebte man an, Forstwirtschaft, Viehzucht und Ackerbau (inklusive aller Nebengewerbe) zu 70% mit Hilfe moderner Maschinen zu erledigen10.

Um dieses Strukturprogramm zu bewältigen übertrug die chinesische Regierung die Organisation zunächst auf verschiedene institutionelle Ebenen, die in der Folge unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen hatten. Auf Provinzebene sollten größere Investitionsvorhaben wie die Bewässerung von bis dato unfruchtbaren Gebieten (z.B. durch Begradigung oder Umleitung von Flüssen) oder Bodenmelioration vorangetrieben werden. Darüber hinaus sollten Landmaschinenfabriken errichtet werden, um die Erträge im Ackerbau zu erhöhen11. Auf Kreis- und Bezirksebene sollten insgesamt fünf neue Kleinindustriezweige (Kunstdünger, Eisen& Stahl, Zement, Kohle und Maschinenbau) etabliert werden, in denen speziell ausgebildete Agrartechniker arbeiten sollten. Abgerundet wurde dies durch die Einrichtung von agrarischen Forschungs- und Experimentierstationen. Besonders die Ausbildung der oben genannten Agrartechniker war von enormer Bedeutung, da sie die kommunistische Gesellschaftsordnung erstmalig modifizierte.12

Trotz dieser tiefgehenden Veränderungen blieb die angestrebte Erhöhung der landwirtschaftlichen Erträge weitestgehend aus. Die Hauptgründe hierfür lagen vor allem in einem rückläufigen Wachstum in der Getreideproduktion und Produktionsengpässen bei Eisen, Stahl und Brennstoffen13.

Aus diesem Grund folgte im Jahre 1978 eine erneute Änderung der zuvor beschlossenen Reformen, die zu einer „weitgehende(n) Restauration (…) von Maos Konzeption ländlicher Entwicklung“14 führten und damit eine erste Abkehr vom rein planwirtschaftlichen System bedeuteten. Die neuen Beschlüsse beinhalteten15 ;

- Die Einführung des Leistungsprinzips
- Die Gültigkeit des Wertegesetzes im Warentausch
- Die Ausdehnung des Markthandels und des ländlichen Privatsektors (Die staatliche Pacht wurde abgelöst durch mehrheitlich private Genossenschaften)
- Die zentralistisch gesteuerte Lenkung staatlicher Kredite über die neu geschaffene Landwirtschaftsbank (s. 4.1.) in ländliche Investitionsprogramme
- Entbürokratisierung und Erhöhung des staatlichen Engagements in weiten Bereichen der Landwirtschaft (Eine Rückkehr zum im ersten Entwurf gelockerten Zentralstaatsprinzips)
- Stärkere Orientierung an materiellen statt moralischen Anreizen oder dem Bedarfsprinzip

Zum ersten Mal wird deutlich, welcher Entwurf eines neuen Chinas den sog. Modernisierungsvertretern vorschwebte- eine bis dato kaum vorstellbare Verbindung von straffer staatlicher Steuerung (Zentralstaatsprinzip, staatliche Kreditsteuerung) mit ersten Elementen freier Marktwirtschaft (Wettbewerb, Leistungsprinzip)16.

3.2 Die Reformen in der Industrie

Mit den Veränderungen im primären Sektor ging auch die Veränderung des Industriesektors einher. Bereits zwischen 1950 und 1979 hatte sich die chinesische Industrie enorm entwickelt17. Trotzdem zeichnete sich ab, dass die bestehenden Produktionsstätten in vielerlei Hinsicht nicht in der Lage waren, den angestrebten Modernisierungsprozess mitzutragen. Aus diesem Grund sollten die einzelnen Industriezweige des Landes, abhängig von ihrer Funktion und Bedeutung, für die Entwicklung der Volkswirtschaft einer staatlichen Restrukturierung unterzogen werden;18

Die Stahlindustrie, unter Mao noch „Hauptkettenglied“19 der chinesischen Wirtschaft, sollte deutlich verschlankt werden. Besonders der große Energiebedarf der stahlproduzierenden Unternehmen und die geringe Effizienz in der Herstellung (auf Grund fehlender technologischer Ausstattung) waren der Regierung ein Dorn im Auge. Darüber hinaus sollten Kapazitäten aus der Schwer- in die Leichtindustrie verlagert werden, da dieser eine höhere Bedeutung für das Wohl des chinesischen Volkes zugemessen wurde.

Die Kohleindustrie erhielt eine neue Rolle innerhalb des angestrebten Wandels. War man bisher noch davon ausgegangen, dass diese eine wichtige Komponente im Exporthandel darstellte, sollte sie in Zukunft den steigenden Energiebedarf im eigenen Land bedienen. Ähnlich verhielt es sich mit der Erdölindustrie. Bisher ebenfalls für den Export vorgesehen, sollte auch diese in Zukunft hauptsächlich für den heimischen Markt produzieren. Besonders erwähnenswert an dieser Stelle sind die von der Regierung ins Leben gerufenen „Joint Ventures“, u.a. mit amerikanischen und europäischen Unternehmen, zur Suche und Erschließung neuer Ölquellen im Inland. Hatte man sich lange Zeit aus der weltweiten Arbeitsteilung herausgehalten, stellt dieser Schritt einen ersten Versuch dar, internationale Kooperationen zu fördern.

[...]


1 http://www.bpb.de/themen/FIYI57,0,Chinas_Wirtschaftspolitik.html

2 „Chinas Aufstieg- eine Herausforderung für den Westen?“ Kreft, H. (2010)

3 http://www.bpb.de/themen/FIYI57,0,Chinas_Wirtschaftspolitik.html

4 Ein Beispiel sog. externer Faktoren sind die häufig angeführten ausländischen Direktinvestitionen oder die Gründung von Forschungs- und Entwicklungszentren ausländischer Firmen, mit der Gefahr der Produktpiraterie etc.

5 „Chinas rätselhaftes Wachstum“, Priewe J. (2005), S.22

6 „Chinas neue Wirtschaftspolitik“, Menzel U., (1980), S. 4

7 „Chinas neue Wirtschaftspolitik“, Menzel U., (1980), S. 13-14

8 Die häufigen Änderungen des Programmes sind auf einen Machtkampf innerhalb der Kommunistischen Partei zurückzuführen. Der erste Entwurf der „vier Modernisierungen“ stammt aus dem Jahre 1975 und geht zurück auf die erste „Landeskonferenz über das Lernen von Dazhai in der Landwirtschaft“. Letztendlich setzten sich die Vertreter eines modernisierten Chinas gegenüber den Anhängern maoistischer Traditionen durch.

9 Als Richtwert sollte bis 1980 eine Pro-Kopf-Getreideproduktion von 750 KG erwirtschaftet werden

10 „Chinas neue Wirtschaftspolitik“, Menzel U., (1980), S. 5

11 Angestrebt war eine Pro-Kopf-Getreideproduktion von 750 KG jährlich innerhalb von 10 Jahren

12 Zum ersten Mal gab es in China Personen, die zugleich Arbeiter und Bauern waren.

13 „Chinas neue Wirtschaftspolitik“, Menzel U., (1980), S. 14-15

14 „Chinas neue Wirtschaftspolitik“, Menzel U., (1980), S. 13

15 „Chinas neue Wirtschaftspolitik“, Menzel U., (1980), S. 14

16 „China“, Brink T., (2008), S. 10

17 Die durchschnittliche Wachstumsrate der industriellen Produktion lag bei 13,5%, während sich die Zahl der Beschäftigten im gleichen Zeitraum von 3 auf 50 Millionen erhöhte.

18 „Chinas neue Wirtschaftspolitik“, Yu C-L, (1980), S. 44-49

19 Chinas neue Wirtschaftspolitik“, Yu C-L, (1980), S. 44

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668071629
ISBN (Buch)
9783668071636
Dateigröße
893 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308877
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Fachbereich Sozialökonomie
Note
2,3
Schlagworte
China chinesisches Wachstum Planwirtschaft Marktwirtschaft Die vier Modernisierungen Staatsmodernisierung Exportförderung

Autor

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