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Der vorzeitige Samenerguss beim Mann: Eine soziologische Betrachtung der Ejaculatio praecox in Richard Wagners "Parzival"

Studienarbeit 2015 37 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Theoretischer Teil: Ejaculatio praecox
1. Einleitung
2. Begriffsklärung und Definition der Ejaculatio praecox
2.1 Definition
2.2 Epidemiologie
2.3 Pathophysiologie
3. Diagnostik und Therapie der Ejaculatio praecox
3.1 Klinisches Vorgehen nach dem Konzept der Klinischen Sexologie
3.1 Alternative Therapiemöglichkeiten
3.2.1 Nicht medikamentöse- mechanische Therapie
3.2.2 Medikamentöse topische Therapie
3.2.3 Medikamentöse Therapie
3.2.4 Homöopathische Behandlungsvorschläge

II. Literarischer Teil: Parzival nach Richard Wagner
4. Wagners Reflexion einer Mannwerdung: Parzival
5. Aufbau und Inhalt
5.1 Geschichtlicher Abriss des Werkes
5.2 Überblick und Vernetzung der Personen
5.3 Inhaltsangabe und Übersicht der Handlungen
6. Personencharakteristik von Parzival
6.1 Äußere Merkmale und Besonderheiten
6.2 Parzivals Kindheit
6.3 Sozialverhalten und Interaktionen
6.4 Persönliche Entwicklung: vom Jüngling zum Gralsritter

III. Zusammenführung Theoretischer und Literarischer Teil
7. Das Wesen eines Phänomens: Ejaculatio praecox
7.1 Erkenntnistheoretische Methoden in der Sexualtherapie
7.2 Die Analyse Parzivals‘: Handlung durch Motiv und Wissen
7.3 Implementierung: Parzival besucht die Klinische Sexologin

Zusammenfassung und Persönliche Reflexion

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

I. Theoretischer Teil: Ejaculatio praecox

1. Einleitung

Die Ejaculatio praecox- der vorzeitige Samenerguß beim Mann- ist ein weit verbreitetes Phänomen und beschert den betroffenen Männern samt Partnerinnen oftmals erheblichen Leidensdruck. Kuriose und wenig hilfreiche manuelle, medikamentöse und aktionale Therapieangebote und -empfehlungen für den Hausgebrauch überschwemmen den laienwissenschaftlich durchzogenen Markt der Neuen Medien, der aufgrund leichter und anonymisierter Zugänglichkeit von verzweifelten Männern immer häufiger konsumiert wird. Bedauerlicherweise erhöht die undurchsichtige Vielfalt an Informationen und Hilfsangeboten in den meisten Fällen die Enttäuschung und Verunsicherung bei den Hilfesuchenden und verstärkt somit einen zuvor angelegten Teufelskreis aus Verunsicherung- Versagen- Enttäuschung- Angst- Verunsicherung- Versagen. Der Wille zur Symptomreduzierung wird so unweigerlich zum zielgerichteten Auslöser für die Symptomverstärkung.

Vorliegende Arbeit verfolgt daher den Zweck, das Phänomen Ejaculatio praecox darzustellen. Grundlage hierfür ist die Erforschung des ureigenen Wesens dieser Symptomatik, welche unter anderem in eine Auseinandersetzung mit den zugrundeliegenden Angstsymptomen mündet. Die erkenntnistheoretische Methode spiegelt sich zudem in der Vernetzung mit einem männlichen Sozialisationsprozess nach dem Vorbild von Richard Wagner’s Parzival.

Zwecks Übersichtlichkeit gliedert sich die Arbeit in drei Teilbereiche:

Im Theoretischen Teil der Arbeit werden zunächst eingehend die Begriffe durch Definitionen geklärt. Anschließend werden die gegenwärtigen körperzentrierten Arbeits- und Therapiekonzepte erläutert. Weiter werden alternative Therapiemöglichkeiten, etwa die nicht- medikamentöse mechanische Therapie, die medikamentöse topische Therapieform und die Homöopathische Heilkunde vorgestellt und kritisch beleuchtet.

Im zweiten Literarischen Teil der Arbeit wird die psycho-sozio- kulturelle Entwicklung des Mannes anhand der Darstellung des Parzivals nach einer Inszenierung von Richard Wagner aufgegriffen und ausführlich skizziert. Dabei steht vor allem der Prozess der Wandlung von einem Jüngling in einen Gralskönig, eingeleitet durch eine psychosoziale Intervention, im Mittelpunkt des Geschehens. Dieser Entwicklungsprozess wird mithilfe einer Deutung von wissens- und motivgeleiteten Handlungen erkenntnistheoretisch beleuchtet und nach selbigen Aspekten strukturiert.

Zuletzt wird im dritten Teil der Arbeit die Zusammenführung des Theoretischen und Literarischen Teils fokussiert. Hierbei wird die zuvor strukturierte Entwicklungsgeschichte des Parzivals vor dem Hintergrund der Therapieerfahrungen der Autorin kontrastiert. Betrachtet man nun den aufgeworfenen Schatten dieser neu entstandenen Figur, so umfasst dieser folgende Erkenntnisdimensionen:

1. die psychische Einflussgröße auf sexuelles Erleben:
- Leistungsstress und Angst vor Versagen, Ablehnung und/oder Verschmelzung
- PTBS aufgrund traumatischer und belastender Ereignisse in der Lebensgeschichte
- Sexuelle Selbstsicherheit und das Selbstbewusstsein (sexuelle Lust, sexuelle Fantasien, Zugehörigkeitsgefühl zum eigenen Geschlecht, sexueller Anziehungscode)

2. die physiologische sexuelle Entwicklungsgeschichte:
- Betrachtung der Bewegungs- und Spielangebote sowie der sexuellen Privatsphäre in der Kindheit und Jugend
- Körperwahrnehmung: Wahrnehmung des eigenen Geschlechts
- Beleuchtung des Erregungsmodus
- Exposition von sexualisierten Gewalt- und Missbrauchserfahrungen

3. die Bedeutung der frühkindlichen sozialen Beziehungen für den Aufbau tragfähiger Beziehungen:
- Betrachtung der individuellen frühkindlichen Bindungsmuster
- Bearbeitung von Kontaktschwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen

4. die Reflexion der kulturellen Einflüsse auf Sexualisierungsprozesse:
- Auseinandersetzung mit männlichen Vorbildern, evtl. Vaterentbehrung
- Sexuelle Aufklärung- Wissen und Kenntnisse veri- bzw. falsifizieren
- Thematisierung der „Pornografisierung männlicher sexueller Skripte“1

Verwoben ineinander münden diese vier Dimensionen in die Erfassung und Erläuterung des Phänomens Ejaculatio praecox, das nun ausdifferenziert betrachtet werden kann.

Diese Bio- psycho- sozio- kulturelle Betrachtung des Phänomens Ejaculatio praecox lässt eine individuelle therapeutische Herangehensweise zu, und wird im dritten Teil der Arbeit durch die Inszenierung einer therapeutischen Intervention veranschaulicht.

Eine Zusammenfassung und eine persönliche Reflexion runden die Arbeit ab.

Weiter soll die Nutzung einer umfangreichen Literatursammlung einen Überblick bieten über jüngere Forschungsliteratur zur Thematik der Behandlung von Ejaculatio praecox.

2. Begriffsklärung und Definition der Ejaculatio praecox

2.1 Definition

Gegenwärtig existieren im deutschsprachigen Raum unterschiedliche Definitionen für den Begriff Ejaculatio praecox (EP).

So reiht das ICD- 10 die Ejaculatio praecox zu den sexuellen Funktionsstörungen mit dem Code F52.4 und erläutert, dass es sich „um eine Unfähigkeit handelt, die Ejakulation so suffizient zu kontrollieren, um beiden Partnern einen genussvollen Geschlechtsverkehr zu ermöglichen.“ (ICD-10, abrufbar unter www.icd-code.de/icd/code/F52.-.htm). Hier schließen sich auch Masters und Johnson (1973) an und definieren den Zustand der EP folgendermaßen: „Ein Mann leidet an Ejaculatio praecox, wenn er bei intravaginaler Stimulation den Samenerguß nicht so lange zurückhalten kann, dass der Partner bei mindestens der Hälfte der Kohabitationen befriedigt wird.“ (Herthoft 1989, S.126.). Bedenklich an dieser Definition ist jedoch die definierte Abhängigkeit vom Erleben der Partnerin, zumal dieses Erleben an eine Befriedigung ausschließlich durch einen ausgelösten Orgasmus gebunden wird und weiter eine Partnerin voraussetzt, die fähig ist, Orgasmen zu erleben.

Das DSM- IV reduziert den Zustand der vorzeitigen Ejakulation daher auf das Individuum und erläutert: „Ein anhaltendes oder wiederkehrendes Einsetzen des Orgasmus vor, bei oder kurz nach der Penetration und bevor die Person es wünscht.“ (Beier et al. 2001, S.232). Diese Definition lässt einen Paradigmenwechsel von einem Störungsbegriff zu einem kulturell und individuell geprägten Thema zu, indem die subjektiv erlebte Betroffenheit einer Person im Rahmen einer Interaktion interpretiert wird. Die Sexualmediziner Beier et al. (2001) betonen an dieser Stelle, dass das „entscheidende Kennzeichen des vorzeitigen Orgasmus die Unfähigkeit zur Erregungssteuerung ist und daher das Lenken sexueller Erregung für den Mann unmöglich gemacht wird.[…] Dies spiegelt sich in einer mangelnden Wahrnehmung des subjektiven und physiologischen Erregungsaufbaus.“ (Beier et al. 1989, S.232).

Nach den Urologen und Sexualmedizinern Jungwirth et al. (2008) findet sich die praktikabelste Definition für Ejaculatio praecox in der Definition des AUA Practice Guidelines Committee on ED, denn diese definiert die EP als „früher als gewünscht stattfindende Ejakulation, entweder vor oder kurz nach der vaginalen Penetration, welche bei zumindest einem der Partner Unzufriedenheit auslöst.“ (zitiert nach Jungwirth et al. 2008, S15).

Die Vertreter der Sexualpsychotherapie Clement & Bräutigam (1979) warnen in diesem Zusammenhang vor einer vorschnellen Zuschreibung eines Störungscharakters. Sie bezeichnen nähere Klassifizierungen der Symptomatik, beispielsweise zeitliche (etwa: innerhalb einer Minute) oder mechanische Eingrenzungen (etwa: innerhalb von zehn Beckenbewegungen), als wenig hilfreich, da das subjektive Empfinden- der individuell erlebte Leidensdruck- im Mittelpunkt der Diagnostik stehen muss um ein prozessorientiertes Behandeln möglich zu machen (vgl. Clement & Bräutigam 1979, S.82f).

Außerdem finden sich in der gegenwärtigen Forschungsliteratur zwei Formen des frühzeitigen Samenergusses (Harth et al. 2011, S.260):
- Primäre Ejaculatio praecox: Auftritt ab dem Beginn der Aufnahme bewusster Ejakulationssteuerung im Jugendalter
- Sekundäre Ejaculatio praecox: Innerhalb einer Lebensspanne plötzlich auftretende Probleme mit der Ejakulationssteuerung.

Im englischsprachigen Raum findet sich für den Zustand des vorzeitigen Samenergusses der Begriff ‚premature ejaculation‘. Diese Definition schließt jedenfalls auch das subjektive Erleben der Männer mit ein, denn die Ejakulation erfolgt zu einem Zeitpunkt, an welchem der Spannungsaufbau noch sehr nieder ist (‚prämatur‘). Das Ejakulat fließt lediglich ab, wird nicht herausgespritzt und löst nach Angaben der Männer auch nicht die gleiche Befriedigung aus wie ein Orgasmus (vgl. Herthoft 1989, S.126). Daraus schlossen Masters und Johnson (1973), dass nicht der Zeitfaktor das Entscheidende ist, sondern die reduzierte orgastische Potenz. Zurecht betrachteten sie die Ejaculatio praecox daher als ein Phänomen, d. h. eine mit den Sinnen wahrnehmbare und/oder schwer fassbare Erscheinung (vgl. Herthoft 1989, S.127).

2.2 Epidemiologie

Die Prävalenz der EP in epidemiologischen Studien variiert stark je nach gewählter Studienpopulation und der verwendeten Definitionen von EP. Gegenwärtig geht man von einer weltweiten Prävalenz von etwa 25 -30% aus, wobei sich –vermutlich aufgrund soziokultureller Einflüsse- starke regionale Unterschiede ergeben (Jungwirth et al. 2008, S.15). Auch Zilbergeld (2000) schätzt, dass etwa ein Drittel der amerikanischen Männer vom Phänomen der EP betroffen sind, und obwohl häufig jüngere Männer betroffen sind, finden sich auch Männer in der mittleren und älteren Lebensspanne, die deswegen therapeutische Hilfe aufsuchen (Zilbergeld 2000, S.447).

Arbeiten aus dem Hamburger Institut für Sexualforschung hingegen sprechen über einen Anteil von 14,3% Männer mit EP- Symptomen im verhaltenstherapeutischen Programm (Schorsch & Schmid 1975, S.130).

2.3 Pathophysiologie

Derzeit wird die EP vor allem aus urologischer Perspektive als neurobiologisches Phänomen betrachtet, so wird vermutet, dass eine verminderte serotonerge Neurotransmission besteht. Diese Rezeptordysfunktionstheorie wäre jedenfalls eine Erklärung dafür, dass es eine familiäre Häufung von EP gibt.

In der Psychoanalyse herrscht die Sichtweise, dass EP eine psychisch erworbene Störung ist vor, und in physiologischen Konzepten geht man von einem pathologisch erlernten Verhalten bzw. einer reduzierten Körperwahrnehmung aus. Die Diagnostik beruht daher auf einer genauen Sexual-, Sozial- und Medikamentenanamnese (Jungwirth et al. 2008, S.15).

Zilbergeld (2000), ein amerikanischer Verhaltenstherapeut, expliziert an dieser Stelle, dass vor allem ein Mangel an Wissen, Können und Aufmerksamkeit zur Entstehung dieses Phänomens beiträgt. Weiter führt er an, dass vor allem Männer, die sehr selten Geschlechtsverkehr haben dazu tendieren schneller zu ejakulieren. Dies könne auf eine erhöhte Nervosität und Anspannung zurückzuführen sein. Weiter beschreibt Zilbergeld: „Im allgemeinen nehmen Männer mit Kontrollschwierigkeiten in ihrem Verhalten einfach nicht die richtigen Regulierungen vor, um ohne Orgasmus auf einem hohen Erregungsniveau bleiben zu können. Ein möglicher Grund dafür könnte darin liegen, dass diese Männer nicht auf Empfindungen achten und deshalb nicht die richtigen Maßnahmen ergreifen können.“ (Zilbergeld 2000, S.451).

Interessant auch die Frage „Wann ist zu früh, zu früh?“. Hier antworteten Männer, die an der Hite- Studie (1974) teilnahmen: „Wenn es nicht zum gewünschten Zeitpunkt passiert, gehen die meisten normalen körperlichen Empfindungen verloren.“ (Hite 1975, S. 360).

Dies unterstreicht die Wichtigkeit, den individuellen Leidensdruck im Geschehen zu erfassen. Fromme (1967) betonte in der Zusammenfassung der amerikanischen Studie „Understanding the sexual Response in Humans“ daher: „Die meisten Männer sind, wenn auch im wechselnden Grade, darauf bedacht, dem Partner volle Befriedigung zu beschaffen, und sie meinen, die zeitliche Beherrschung der Ejakulation gehöre zur notwendigen Sexualtechnik, auch wenn sie selbst keine Schwierigkeiten in dieser Hinsicht haben.“ (Fromme, 1967, S.110).

Clement (2004) fasst treffend zusammen und schließt daher mit folgenden Worten ab: „Über ein Drittel der Befragten, die über sexuelle Probleme berichten, sind mit ihrem Sexualleben dennoch zufrieden.“ (Clement 2004, S.31).

3. Diagnostik und Therapie der Ejaculatio praecox

Im Folgenden geht die Autorin auf gegenwärtig mehr oder weniger erfolgsversprechende Behandlungskonzepte ein. Es sei an dieser Stelle betont, dass auf eine Darstellung der psycho- und körperanalytischen Konzepte nicht detailiert eingegangen wird, da diese den Rahmen vorliegender Arbeit sprengen würden. Die inhaltlichen Komponenten spiegeln sich jedoch im dritten Teil der Arbeit, durch die Darstellung der Vernetzung dieser therapeutischen Konzepte, in Form des Dialogs, wieder.

3.1 Klinisches Vorgehen nach dem Konzept der Klinischen Sexologie

Die Klinische Sexologie arbeitet nach den Mustern einer lösungs- und körperorientierten Form der Sexualtherapie, die eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Sexualität anstrebt. Ganzheitlich meint in diesem Zusammenhang die bewusste Verflechtung differenzierter Bereiche, die Sexualität in einem komplexen Wechselspiel determinieren. Sexualität wird demnach als Phänomen betrachtet, welches vor allem über die körperliche Ebene ins Bewusstsein rückt und somit veränderbar wird. Ausgangspunkt auf körperlicher Ebene ist hierbei die Erregungsfunktionalität, die erforscht und in den Mittelpunkt gestellt wird.

Diese körperzentrierte Sichtweise der Sexualität wurde von Sexologen bereits im 19. Jahrhundert ausformuliert. Damals stellte Krafft- Ebing die Theorie des ‚Psychopathia sexualis‘ in den Mittelpunkt der Sexualforschung und verwies damit auf den pathologischen Charakter der sexuellen Vorlieben und Orientierungen. Eine Menge an neuen Kategorien, beispielsweise Nymphomanie, Fetischismus, Urolagnie etc., wurden geschaffen, um „seltsame Sexualpraktiken aller Rassen in allen Zeitaltern“ darstellen zu können (Highwater 1992, S.194). Higwater (1992) beschreibt in seinem Werk ‚Sexualität und Mythos‘: „Diese Konzentration auf das ‚Perverse‘ und ‚Abnormale‘ warf ein neues Licht auf das Normale, das diskret von einer respektablen Ideologie umhüllt, aber wissenschaftlich mit klinischen Fallstudien untermauert war…“ (Highwater 1992, S.195). Er kritisiert weiter, dass vor allem der „unerschütterliche Glaube an die scharfen Unterschiede zwischen den Geschlechtern als die Voraussetzung definiert war, dass die Geschlechtsidentität (Mannsein oder Frausein) und die sexuelle Identität notwendigerweise durch die Naturgegebenheiten der heterosexuellen Objektwahl verknüpft war.“ (Highwater 1992, S.195).

Später wurden dieses Annahmen und Einstellungen von dem Theologen und Sexualforscher Prof. Jean- Yves Desjardins in Montréal (Québec, Kanada) aufgegriffen und im Jahre 1968 in ein Konzept überführt. In den letzten Jahren trugen vor allem das Züricher Institut für Klinische Sexologie und Sexualtherapie dazu bei, dieses Konzept im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen (vgl. Rescio 2014, S.37f).

Nach dem Konzept der Klinischen Sexologie richtet sich das Hauptaugenmerk auf die körperzentrierte Arbeit mit den Klienten. Dabei wird der Erregungsmodus in den Mittelpunkt der Therapie gestellt. Herthoft (1989), Verfasser des Werkes ‚Klinische Sexologie‘ räumt jedoch ein, dass „auch Aspekte des Verhaltens und die phänomenologischen Gesichtspunkte berücksichtigt werden, wenn es angemessen erscheint.“ (Herthoft 1989, S.48). Die Ursachen der sexuellen Dysfunktionen werden nach dem Konzept der Klinischen Sexologie wie folgt benannt (Herthoft 1989, S.95):

- Physische Faktoren
- Unwissenheit und Missverständnisse
- Inadäquate Stimulation und schlechte Technik
- Psychologische Faktoren
- Konflikte zwischen den Partnern
- Kommunikationsprobleme
- Anliegen des Klienten kennenlernen

Analog zu den Sichtweisen aus dem 19. Jahrhundert beschreibt Herthoft (1989) diese Faktoren als „das Modell des Maschinenschadens: Das eine oder andere funktioniert aufgrund von Störungen somatischer Natur nicht, wie es soll.“ (Herthoft 1989, S.96). Hier wird deutlich, dass eine defizitorientierte Sichtweise zur Ausformung dieses Konzeptes beigetragen hat. Gegenwärtig publizierte sexologische Konzepte beanspruchen mittlerweile das Merkmal der ganzheitlichen Betrachtung.

[...]


1 Diese Bezeichnung hat Martin Textor (2015) kreiert und in diesem Zusammenhang immer wieder benutzt.

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Titel: Der vorzeitige Samenerguss beim Mann: Eine soziologische Betrachtung der Ejaculatio praecox in Richard Wagners "Parzival"