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Die Konstruktion von Ethnizität in Konflikten. Die Theorien Rene Lermarchands und Ali Al'Amin Mazruis im Vergleich

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Konflikt als Konstruktion von Ethnizität
2.1 Gewalt und Mythos
2.2 Zum Ad-Hoc-Charakter der Katastrophe

3 Tribalismus und Tribalisierung

4 Politisierte und militarisierte Ethnizität
4.1 Ethnischer Pluralismus
4.2 Aktuelle Bezüge
4.3 Organisation und Diversität

5 Fazit und Ausblick

6 Bibliografie

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der politischen Bedeutung von Ethnizität. Sie beginnt beim ethnischen Konflikt, genauer: bei der Katastrophe des selektiven Genozids in Burundi: 100.000 bis 200.000 oder mehr Hutu wurden in Burundi zwischen Mai und August 1972 von regulären Truppen und regierungsnahen Gruppen ermordet. Es ist dies nur ein herausragender Höhepunkt eines ethnischen Konflikts, der zwischen 1993 und 2005 in einen Bürgerkrieg mündete und auch heute noch bei politischen Krisen auszubrechen droht (vgl. Reuters 2015 und AFP 2015). Die Arbeit folgt Rene Lemarchands (1996) Darstellung des Konflikts, nicht im Sinne einer detailreichen Schilderung der geschichtlichen und politischen Ereignisse, eine Qualität, die dieser Text zweifelsohne für den Zeitraum von der Unabhängigkeit Burundis bis in die 1990er Jahre hinein ebenso böte, sondern unter Herausarbeitung dessen zentraler Thesen und Leitideen. Hierzu zählen insbesondere die Konstruiertheit von Ethnizität und die Funktion, die der Gewalt bei deren Konstruktion zukommt (Kap. 2), und die Kritik am Erklärungsmodell des Tribalismus (Kap. 3).

In einem zweiten Schritt stellt die Arbeit den so erarbeiteten Begrifflichkeiten eine etwas andere Sichtweise gegenüber, und zwar die des kenianischen Politologen Ali AlʼAmin Mazrui (2004a; 2004b; 2004c), der von einer politisierten, im Unterschied zu einer militarisierten, Ethnizität spricht. Es ist dies offenbar eine vorsichtig affirmierende Wertung (Kap. 4). Die Arbeit fragt zum Einen, welche Auswirkungen Mazruis Gedankengänge für eine Bewertung der Geschichte und Situation Burundis hätten. Es werden hier auch Bezüge zur aktuellen Krise von 2015 geknüpft. Zum Anderen ist auch die Erörterung von Interesse, wie tragfähig Mazruis Unterscheidung letztlich sein kann, und zwar unter Hinzuziehung vor allem der theoretischen Analyse von Ethnizität als sozialer Organisation nach Fredrik Barth (1998).

2 Der Konflikt als Konstruktion von Ethnizität

2.1 Gewalt und Mythos

Lemarchand erzählt die Geschichte des Tutsi-Hutu Konfliktes in Burundi insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Konstruktion von Ethnizität. Das zentrale Thema seines Buches sei, so der Autor: “how violence generates mythmaking, which itself becomes a constitutive element of further violence” (1996:xi). Bemerkenswert ist an seiner Analyse dann auch, wie der Konflikt selbst darin anschaulich als Generator für ethnische Identität geschildert wird.

“For if Hutu and Tutsi increasingly tend to define each other in terms of mutually antagonistic categories, this is not because of ancestral enmities but because ethical identities have acquired a moral dimension - whether as a martyred community or as a threatened minority - they never had before” (1996:xii).

Die moralische Dimension, die der Genozid der Ethnizität verleiht, ist also ausschlaggebend für die zunehmende Identifikation als Ethnie: für Hutu als - zum Zeitpunkt der Publikation von Lemarchands Arbeit noch - unterdrückte Mehrheit, für Tutsi als von der Rache bedrohte Elite, die 1996 ihre Vormachtstellung im Staat und deren Verteidigung um jeden Preis so gewissermaßen mit purem Überleben gleichsetzt. Der antizipierte Genozid markiert den Horizont beider ethnischer Gruppen als deren drohende Auslöschung. Der erfundene Genozid, der offenbar diese Dynamik verstärken will, - gemeint ist die Berichterstattung zu Übergriffen auf Tutsi im Jahr 1993, - offenbart dessen mythologische Formbarkeit und Formation. Der real erfahrene selektive Genozid von 1972 an Hutu, bzw. umgekehrt der Genozid an Tutsi 1994 im Hutu dominierten Ruanda, bilden so Grunddaten für eine identitätsstiftende Bedrohung, die doch im Kern gerade von der Existenz des ethnischen Widerparts abhängt (1996:xiff.).

Die Reaktionen auf das Attentat am gewählten Präsidenten und Hutu Ndadaye im Oktober 1993, veranschaulichen das Gesagte. Lemarchand gibt dazu den Bericht eines Hutu Klerikers wieder:

“When we told them [...] not to spill blood, they said ‘Look, since 1972 it is our blood that's being spilled! Now we hear that president Ndadaye has been killed. If they did that, that means that we are next. [...]’” (1996:xiv).

Bis zum August 1988 verschaffte der Genozid dem Land einen „oberflächlichen“ Frieden. Zum Einen hatte der Genozid natürlich seine realpolitischen Wirkungen, insofern die gebildeten Hutu-Eliten entweder tot waren oder sich im Exil befanden. Als weitere Folge war die Armee zu einer ausschließlich aus Tutsi bestehenden Institution geworden (s. auch Kap. 2.2). Die Anatomie der Angst unter der Hutu Bevölkerung zeichnet sich jedoch nicht nur durch die Lähmung/Unterdrückung von Widerstand aus, sondern kennt auch den Ausbruch einer Art panischer Gewalt, die um Überleben kämpft. In diesem Sinne deutet Lemarchand die spontanen Übergriffe seitens Hutu- Bauern an mehreren hundert Tutsi Zivilisten in den nördlichen Provinzen Ntega und Marangara im August 1988. Die Unruhen wurden vom Militär niedergeschlagen und mit einem weiteren in die Zehntausende reichenden Massaker an Hutu beantwortet. Die Unruhen waren Provokationen seitens eines Tutsi Notablen gefolgt, die wiederum Gerüchte und Vermutungen über einen bevorstehenden abermaligen Genozid in Umlauf setzten (1996:118-130). Der von Hutu organisierte militante Widerstand systematisiert gewissermaßen das Gerücht, buchstabiert die unterschwellige Angst in der politischen Agitation aus. Wie oben dargelegt wirkt der antizipierte Genozid auf beiden Seiten konstituierend. Auch etwa in der Namensgebung der self-defense teams, der Milizen der Union pour le Progrès national (UPRONA), einer traditionell hauptsächlich von Tutsi unterstützten Partei, entfaltet sich der Diskurs der Gewalt als Selbstverteidigung (1996:xviii und 17-33).

2.2 Zum Ad-Hoc-Charakter der Katastrophe

Die intensive Verbindung von Mythos und Gewalt im Fall Burundis steht nach Lemarchand im Kern der Tatsache, dass der Umschwung von einer aufstrebenden jungen Demokratie, - 1968 war die Monarchie offiziell abgeschafft worden, - zu einem hoffnungslosen Schlachtfeld in so kurzer Zeit erfolgte (1996:xi); mit anderen Worten: die in die ethnischen Narrative eingeschriebene Gewalt verleiht jenen schnelle Wirksamkeit, genauso wie sie Tatsachen im Staat schafft. Der Genozid von 1972 sicherte die Stabilität des Staates mithilfe der Eliminierung, bzw. der darauffolgenden Flucht, der Hutu-Eliten, machte Armee, Polizei und Gendarmerie zu Monopolen der Tutsi, versperrte den Rückweg zu einer Wiedererrichtung der Monarchie mit Unterstützung der Hutu, - daher die Ermordung König Ntares am 1. Mai, - und setzte zugleich eine neue Legitimation für diesen burundischen Staat, der von Tutsi-Hima dominiert werden würde. Nicht zuletzt ereignete sich die Katastrophe am Höhepunkt eines inner-ethnischen Konfliktes zwischen Tutsi-Hima und Tutsi-Banyaruguru, der einer Regierungskrise gleich kam. Der Hutu-Tutsi-Konflikt begann zwar nicht über Nacht (s. unten), aber die organisierten Ausschreitungen im Süden des Landes, in denen Hutu-Extremisten mehrere hundert Tutsi Zivilisten ermordeten und die dem Genozid zum Anlass wurden, erklären an sich nicht die Reaktion und die Gewalt von vorher unvorstellbaren Ausmaßen. Letztere macht hingegen unmissverständlich klar, dass das neue Tutsi-Hima Regime das Land gegen alle äußeren und inneren Feinde verteidigen wird, was allerdings nicht bedeutet, dass die komplexen Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft nicht auch weiterhin der Gewalt durch den Staat bedürften, wenn sie den Ansprüchen des ethnischen Narrativs tatsächlich genügen sollen (1996:76-117).

Das Feindbild Hutu wiederum erklärt sich für Burundi kaum aus der eigenen Geschichte allein, sondern nur im Zusammenhang mit der Geschichte Ruandas. Beide Länder teilen eine sehr ähnliche demographische Landschaft. 1962 erlangten beide die Unabhängigkeit. In Ruanda stürzten Hutu-Revolutionäre die Tutsi-Monarchie schon 1961 und gründeten eine von Hutu dominierte Republik, für die Hutu-Aktivisten Burundis fortan das große Vorbild, für die Tutsi-Elite der Alptraum der drohenden Diktatur der Mehrheit. Die Tutsi-Monarchien Ruandas und Burundis funktionierten allerdings sehr unterschiedlich: in Ruanda hatte die Macht in den Händen einer kleinen überschaubaren Tutsi-Elite rund um den König gelegen. In Burundi hingegen existierte ein komplexes System, an dem sowohl Hutu als auch Tutsi beteiligt waren. Der offensichtlichste Machtkonflikt lag nach Lemarchand zwischen den Ganwas, einer aristokratischen Schicht, der auch der König angehörte, und lokalen Anführern. Des Weiteren schwelte auch der schon genannte Konflikt zwischen den königsnahen, vorwiegend im Süden angesiedelten Tutsi-Banyaruguru und den Tutsi-Hima im Norden. Im Unterschied zu Ruanda kam in Burundi daher der Hutu-Tutsi-Konflikt erst nach Erlangung der Unabhängigkeit an die Oberfläche und auch nur unter eben jener starken Bezugnahme auf Ruanda. Wenn man in dessen Fall also vielleicht noch die These vertreten könnte, dass der zeitgenössische ethnische Konflikt in Kontinuität zu einem traditionellen Tribalismus stünde, der die herrschenden Viehzüchter, die Tutsis, von der Mehrheit der Hutu-Bauern trenne, so ist im Fall Burundis diese Erklärung offensichtlich nicht ausreichend (1996:1-16 und 34-57). Für den präkolonialen burundischen Feudalismus gilt nach Lemarchand:

“The picture that emerges [...] is that of a highly complex society, in which ethnic affiliations were by no means the most reliable indicator of social ranking” (1996:13).

Der ethnische Konflikt in Burundi kam erst 1965 zu einem ersten Höhepunkt, als nach den Wahlen zur Nationalversammlung, bei denen Hutu-Kandidaten 23 von 33 Sitzen gewonnen hatten, der König trotzdem einen Tutsi und Ganwa zum Ministerpräsidenten ernannte. Eine Gruppe von Hutu Offizieren der Gendarmerie und des Militärs verübten daraufhin einen erfolglosen Putsch. In ländlichen Gebieten kam es zu Ausschreitungen gegen Tutsi-Zivilisten. Der misslungene Coup wurde ebenso hart bestraft wie ein mutmaßlicher weiterer frühzeitig vereitelter Putschversuch im Jahr 1969. Über Hundert Offiziere, Beamte und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wurden allein in direkter Folge dieser beiden Ereignisse verurteilt und exekutiert. Insbesondere die Repression seit 1965 hatte zum Vorabend des Genozids so die Partizipation der Hutu- Eliten an der Regierung erst beendet (1996:58-75).

3 Tribalismus und Tribalisierung

Die These, dass Tribalismus als Erklärungsmodell nicht ausreiche, repräsentiert ein Anliegen, das sich durch Lemarchands Darlegung hindurchzieht (1996:xii). Der Autor beschreibt etwa eindrücklich, wie der wachsende ethnische Hass zur Zeit der Repression zwischen 1965 und 1969 gewissermaßen nicht vom Volk gefühlt wurde, sondern eine Angelegenheit gebildeter urbaner Bevölkerungsschichten im Rahmen einer politischen Auseinandersetzung darstellte. Der Autor zitiert hierzu einen Hutu der in den 1960er Jahren in einer ländlichen Region aufgewachsen war:

“‘I remember that at home and at school Hutu and Tutsi, while aware of belonging to different ethnies, generally lived on good terms with each other. … The game of politics often went unnoticed in the countryside. Thus, the repression of 1965 and 1969 - programmed and orchestrated by Tutsi incumbents - had virtually no impact on the populations concerned, which today would be inconceivable’” (zit. n. 1996:72 [Auslassung i. Orig.]).

Der Machtkampf zu dieser Zeit wurde zwischen drei Polen ausgetragen, das Tutsi- Regime kämpfte also an zwei Fronten: zum Einen gegen die Krone und zum Anderen gegen die Hutu-Bedrohung (1996:68).

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668070196
ISBN (Buch)
9783668070202
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308767
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
Schlagworte
konstruktion ethnizität konflikten theorien rene lermarchands amin mazruis vergleich

Autor

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