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Die Mogulkaiserin Nur Jahan. Macht und Ohnmacht einer indischen Herrscherin

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 29 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhalt

1 Nur Jahan und die Macht

2 Das Leben der Kaiserin

3 Macht über Jahangir
3.1 Eine Ehe aus Liebe?.
3.2 Die Zenana und die Macht der Padshah Begam
3.3 Der Einfluss der Junta

4 Ohnmacht unter Shah Jahan?
4.1 Shah Jahan wird zum Gegenspieler
4.2 Die Rebellion von Mahabat Khan

5 Das Ende der Macht

6 Wie mächtig war Nur Jahan?

7 Anhang
7.1 Personenregister
7.2 Begriffe
7.3 Schaubilder
7.4 Literatur

1 Nur Jahan und die Macht

“ ...her personal abilities extended well beyond politics and economics into areas of art and architecture, literature and religion, travel and gardening and were such that the range of contributions she made to Indian culture remains almost unparalleled by any other person today. ” 1

Dieses Zitat beschreibt die Mogulkaiserin Nur Jahan, eine der außergewöhnlichsten Frauen der indischen Geschichte. Sie war die Ehefrau Kaiser Jahangirs und herrschte von 1611 bis zu seinem Tod 1627 an seiner Seite über das Reich. Wie bei Ellison Banks Findly bereits angedeutet, war die Kaiserin auf dem Gebiet der Poesie, der Literatur und der Malerei begabt, übte sich erfolgreich in der Herstellung von Parfums, beschäftigte sich mit Religion, Gartenbau und Architektur und betrieb gewinnbringend Seehandel mit Asien und Europa.2 Durch ihre vielseitigen Begabungen und Interessen, aber auch durch die Macht, die Jahangir in ihre Hände legte, nahm sie die herausragendste Position am indischen Hof ein, die jemals eine Mogulkaiserin inne hatte.3

Nur Jahan war mächtig. Und sie beeinflusste das Mogulreich sowohl auf kultureller, als auch auf politischer Ebene. Doch ihre Macht gründete auf ihrer Ehe mit einem einflussreichen Mann, dem Kaiser von Indien. Nur durch ihn erhielt die dynamische und intelligente Frau die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten gewinnbringend einzusetzen. Ihre erste Ehe mit einem persischen Soldaten bot ihr keine solchen Freiheiten, und so ist auch aus dieser Zeit nur wenig über die spätere Kaiserin bekannt. Erst durch Jahangir konnte sie jene Persönlichkeit werden, die heute noch so viel gerühmt wird. Mit seinem Tod endete ihr Einfluss, als andere mächtige Männer mit eigenen Interessen die Herrschaft übernahmen und die Kaiserin ins Exil verbannt wurde.

So ist Nur Jahans Macht immer als ein Zusammenspiel ihrer eigenen, außergewöhnlichen Fähigkeiten und der ihr von ihrem Mann eingeräumten Freiheiten zu sehen. Keiner dieser beiden Faktoren hätte ohne den jeweils anderen die einflussreiche Kaiserin hervorgebracht, an die uns heute noch die von ihr angelegten Gärten oder in ihrem Auftrag erbauten Grabmale erinnern. Zwei Dinge an Nur Jahans Machtausübung waren ungewöhnlich: Zum Einen ihr zum Zeitpunkt der Hochzeit bereits relativ hohes Alter von 35 Jahren, zum Anderen die Tatsache, dass sie keine Söhne und mit dem Kaiser überhaupt keine Kinder hatte. Wo andere Frauen durch ihre Jugend oder über ihre Söhne zu Macht und Einfluss gelangten, müssen den Kaiser an seiner letzten Ehefrau andere Qualitäten angezogen haben. Sie hat über ihren Mann Macht ausgeübt, lange, bevor dieser ihr die Macht verlieh, über sein Reich zu herrschen.

Wenn man die Umstände betrachtet, unter denen Nur Jahans Herrschaft erfolgreich war bzw. unter welchen sie keine Macht ausüben konnte oder ihre Pläne fehlschlugen, so bestätigt sich die oben erwähnte These: So lange Jahangir lebte und hinter ihr stand, stellten sich der Kaiserin nur wenige Widerstände in den Weg. Mit seiner fortschreitenden Krankheit und Schwäche erhoben sich andere Männer im Reich, die ihm auf dem Thron nachfolgen wollten, und Nur Jahan erlebte ihre ersten Niederlagen. Nach seinem Tod gab es unter dem neuen Kaiser keinen Platz mehr für sie und sie verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens in Stille und Zurückgezogenheit in Lahore, weit vom kaiserlichen Hof entfernt. Dass man sie allerdings ins Exil schickte, anstatt ihr weiterhin ein angenehmes Leben in der Zenana zu erlauben, ist ein Indiz dafür, dass ihre Macht doch zu sehr gefürchtet wurde, als dass man sie in der Hauptstadt hätte haben wollen. Doch ließ sich nach Jahangirs Tod kein Mann mehr finden, der als Basis ihrer Macht zur Verfügung gestanden hätte. Wo und unter welchen Bedingungen die Kaiserin Macht erfolgreich ausübte bzw. an welchem Punkt sich ihre Macht in Ohnmacht wandelte, das soll in der vorliegenden Arbeit nachvollzogen werden. Einige Werke haben mir bei der Verfolgung von Nur Jahan´s „Spuren der Macht“ gute Hilfestellung gegeben, und ich möchte sie an dieser Stelle kurz kritisch vorstellen:

Chandra Pant´s Werk „Nurjahan & her family“ hat, wie der Name schon sagt, die gesamte Familiengeschichte zum Inhalt. In Bezug auf Nur Jahan gewinnt man den Eindruck, dass sich die Autorin von ihrer Begeisterung für die Kaiserin hat hinweg reißen lassen. Nach einer negativen Äußerung über Nur Jahan sucht man vergeblich, was Zweifel am Realitätsgehalt der Beschreibungen aufkommen lässt. Dennoch wird beim Lesen klar, was für eine ungewöhnliche Frau die Kaiserin gewesen sein muss. Auch der Einfluss ihrer Familie im Mogulreich wird deutlich. Damit vermittelt das Werk einen guten Überblick über den Hintergrund von Nur Jahan. Im Gegensatz dazu hat sich Ellison Banks Findly nach eigener Aussage darum bemüht, ein möglichst realistisches, von den später entstandenen Legenden und Geschichten befreites Bild der Kaiserin zu zeichnen. Dies ist ihr, wie mir scheint, sehr gut gelungen, weshalb ihr Werk die Basis für die vorliegende Arbeit darstellt. Wo möglich, bezieht sie sich auf zeitgenössische Quellen, vor allem auf das Tuzuk-i Jahangiri, die Memoiren des Kaisers selbst. Dort, wo sie später entstandene Schriften verwendet, sind alle Quellen nachvollziehbar zitiert, im Kontext erklärt und kritisch beurteilt. Man erhält den Eindruck, der wahren Nur Jahan dadurch recht nahe zu kommen.

Das Tuzuk-i Jahangi schließlich stellt eine wichtige zeitgenössische Quelle dar, auf deren Authentizität man sich verlassen kann. Allerdings erwähnt Jahangir seine Frau in seinen Memoiren relativ selten und dann meist nur kurz. Das Tuzuk-i Jahangiri ist daher leider kein Fenster zum Leben von Nur Jahan, dennoch bezieht es seinen Wert für diese Arbeit aus seiner zeitgenössischen Perspektive und persönlichen Nähe zur Kaiserin.

2 Das Leben der Kaiserin

„ Nur Jahan was a most dynamic, powerful, and striking personality [...]. Nature had endowed her with gifts of extraordinary charm. She possessed a penetrative intellect [...], was a highly educated lady and possessed power of expression and exposition. ” 4

Auf der Flucht vor Armut und Elend aus Persien an den indischen Hof in Fatehpur Sikri wird Mirza Ghiyas Beg und seiner Frau Asmat Begam ihr viertes Kind geboren. Das Mädchen kommt 1577 in Kandahar zur Welt und erhält den Namen Mehrunnisa, „Sonne unter den Frauen“.5 In Fatehpur Sikri wird Mirza Ghiyas Beg durch Malik Masud am Hofe vorgestellt.6 Er beginnt seine Karriere unter Kaiser Akbar mit einer bescheidenen mansab von 300, wird jedoch kurz darauf diwan von Kabul, einer fruchtbaren und strategisch bedeutsamen Gegend im Norden Indiens.7 Im Jahre 1596 wird Ghiyas Beg diwan-i buyutat am kaiserlichen Hof.

Über Mehrunnisas Kindheit ist wenig bekannt.8 Wahrscheinlich genießt sie die Annehmlichkeiten aller Kinder wohlhabender Familien, erhält eine Erziehung in persischer Kunst und Literatur und reist mit ihrer Familie im Land umher, um die neue Heimat kennen zu lernen. Mit 17 Jahren wird sie, als Anerkennung für dessen herausragende Leistungen im Tatta- Feldzug, mit dem persischen Soldaten Ali Quli Khan Istajlu verheiratet.9 Dieser erhält auf einem weiteren Feldzug unter Salim den Titel Sher Afghan und steht zunächst hoch in der Gunst des Prinzen. Mehrunnisa wird in dieser Ehe ihr erstes und einziges Kind geboren, Ladli, die 1605 das Licht der Welt erblickt.10

Im selben Jahr stirbt Kaiser Akbar und Prinz Salim besteigt den Thron unter dem Namen Nuruddin Muhammad Jahangir Padshah Gazi, „Licht des Glaubens, Herrscher der Welt, Hoher Herr“.11 Für seine Unterstützung in den vorangegangenen Erbfolgekonflikten wird Ghiyas Beg mit einer mansab von 1.500 belohnt. Er erhält außerdem den Titel Itimad-ud-daula, „Pfeiler der Regierung“. Auch Sher Afghan, der Jahangirs Sohn Khurram als Thronfolger unterstützte, erfährt Vergebung und wird mit einem jagir in Bengalen „geehrt“ - eine Ehre, die halb Belohnung, halb Bestrafung darstellt, da Bengalen für sein ungastliches Klima, häufige Hungersnöte, sowie große Trockenheit, Überschwemmungen und Typhus berüchtigt ist und außerdem als Keimzelle regierungsfeindlicher Aktivitäten gilt.12

Aus unbekanntem Grund wird Kaiser Jahangir um 1607 seinem Verwalter gegenüber misstrauisch. Er bittet seinen langjährigen Freund und Gouverneur von Bengalen, Qutbuddin Khan Koka, Sher Afghans Loyalität im Namen Jahangirs zu überprüfen und diesen im Zweifel an den kaiserlichen Hof zu schicken, wo er sich vor dem Kaiser zu rechtfertigen hätte. Jahangir schreibt: „[…} an order went out to Qutbu-d-din Khan to send him [Sher Afghan} to court, and if he showed any futile, seditious ideas, to punish him.”13 Doch vor Sher Afghans Haus kommt es zu einem Zwischenfall. Der Perser ersticht Qutbuddin Khan und wird daraufhin selbst von dessen Soldaten getötet. Nach dem Tod ihres Mannes wird Mehrunnisa durch Jahangir zurück an den Hof beordert und in den Dienst seiner Ziehmutter, der Witwe Akbars, Ruqayya Sultan Begam, gestellt.14

Vier Jahre später begegnen sich Mehrunnisa und Jahangir zum ersten Mal. Auf dem Nauroz - Fest blickt er in ihr unverschleiertes Gesicht und verliebt sich der Legende nach auf der Stelle in die Frau, die für ihre außergewöhnliche Schönheit, ihren Charme und ihre Anmut bekannt ist.15 Noch vor Ort entscheidet er, sie trotz ihres Alters von 35 Jahren zu seiner Frau zu machen. Sie ist die letzte der insgesamt 18 Ehefrauen des Kaisers. Am 25. Mai 1611, nur zwei Monate später, heiratet Jahangir Mehrunnisa16 und verleiht ihr den Titel Nur Mahal, „Licht des Palastes“.17 Vier Jahre später wird sie zu Nur Jahan, dem „Licht der Welt“. Für ihre Familie bedeutet die Hochzeit mit dem Kaiser weitere Privilegien. So wird ihr Bruder Asaf Khan mit einem Gouverneursposten im Punjab geehrt und die mansab ihres Vaters wird vergrößert.18

Nach 16 Jahren Ehe stirbt Jahangir im Oktober 1627 im Alter von 58 Jahren an den Folgen einer Krankheit.19 Nur Jahan, gegen welche durch ihren Bruder und den dritten Sohn und Nachfolger Jahangir´s bei Hof intrigiert wurde20, verbringt den Rest ihres Lebens mit ihrer Tochter in Lahore.21 Dort stirbt sie am 18. Dezember 1645 im Alter von 68 Jahren.22

3 Macht über Jahangir

„ Her abilities were uncommon, for she rendered herself absolute, in a government in which women are thought incapable of bearing any part. [...] Noor-Jehan stood forth in public; she broke through all restraint and custom, and acquired power by her own address, more than by the weakness of Jehangire. ”23

Die Zeit, in der Nur Jahan Macht ausübt, ist die Zeit, in der sie mit Jahangir verheiratet ist. Doch ist sie nicht die einzige Frau für ihn, und auch nur eine von 18 Ehefrauen. Woher kommt es, dass der Kaiser ausgerechnet ihr, und keiner anderen, so sehr vertraut, ihr so viel Verantwortung überträgt?

3.1 Eine Ehe aus Liebe?

Jahangir nimmt Nur Jahan am 25. Mai 1611 zu seiner Frau, nachdem er sich, der Sage nach, bereits bei ihrem ersten Treffen in sie verliebt hatte. Dies ist vor allem deshalb ungewöhnlich, weil sie zu dieser Zeit bereits 35 Jahre alt ist. Damit ist sie zum Einen nach damaligem Maßstab eigentlich zu alt, um noch attraktiv zu sein, zum Anderen kann Jahangir nicht damit rechnen, dass sie ihm noch Söhne gebären würde. Doch können beide Hinderungsgründe durch ihre außergewöhnliche Schönheit und die Tatsache, dass seine Nachfolge mit vier Söhnen bereits gesichert ist, entkräftet werden. Nach der Hochzeit verschwindet sie nicht einfach als eine weitere von vielen Frauen des Kaisers in der zenana, sondern sie tritt mehr und mehr in die Öffentlichkeit, trifft politische Entscheidungen und herrscht an der Seite ihres Mannes, der nach ihr keine weitere Frau mehr ehelichten sollte. Die Vorteile, die Mehrunnisa die Ehe mit dem Kaiser brachte, liegen auf der Hand. Welche Gründe aber hat Jahangir, ihr so viel Macht zu Füßen zu legen? Empfindet er Liebe für die Kaiserin? Oder kann er aufgrund seiner fortschreitenden, dem Alkoholkonsum zu verdankenden Krankheit ihrer Autorität nichts entgegensetzen?

Oft wird von einer frühen Liebe zwischen Mehrunnisa und Prinz Salim berichtet, angefangen mit Pieter van den Broecke, einem holländischen Kaufmann, der 1627 seine Hindustan Chronicle beendet.24 Ihm folgt der Historiker Khafi Khan, der von Nachstellungen des jungen Prinzen schreibt, welchen Akbar durch die Verheiratung Mehrunnisas mit Ali Quli ein jähes Ende bereitet.25 Auch Alexander Dow, der erste englische Botschafter am indischen Hof, verfasst eine romantische Geschichte über eine Begegnung auf dem Mina Bazaar, lange vor dem Treffen, bei welchem Jahangir beschließt, die Tochter Itimad-ud-daulas zu seiner Frau zu machen.26 Vielerlei Legenden füllen die Zeit von Mehrunnisas unbekannter Kindheit und Jugend und bilden die Basis für einen Mythos von Schönheit und Anziehungskraft der späteren Kaiserin und deren großer Liebe zu Jahangir. Der Kaiser selbst verliert darüber in seinen Memoiren kein Wort. Auffällig ist auch, dass keinerlei zeitgenössischen Quellen eine frühe Romanze erwähnen. Es kann also davon ausgegangen werden, dass Mehrunnisa den Kaiser tatsächlich erst im Alter von 35 Jahren auf dem Mina Bazaar in Agra kennen lernte.27

Doch das Fehlen einer Jugendromanze bedeutet noch nicht, dass Liebe in der Zeit ihrer Ehe keine Rolle spielt. Es fällt auf, dass Jahangir Mehrunnisa zur Frau wählt, obwohl ihre Familie zu dieser Zeit alles andere als hoch in seiner Gunst steht. Ihr erster Ehemann hatte den Gouverneur von Bengalen und Freund des Kaisers ermordet und Jahangir verraten, ihr Vater war der Veruntreuung von Geld überführt worden, und ihr älterer Bruder Muhammad Sharif hatte an einem Putschversuch gegen den Kaiser teilgenommen und war hingerichtet worden.28 Doch auf Jahangirs Wunsch, eine Tochter aus dieser Familie zu heiraten, haben die Fehltritte ihrer männlichen Verwandten offenbar keinen Einfluss.29 Ist er von ihrer Schönheit so gefangen, dass all dies keine Rolle spielt? Dass Zuneigung in der Ehe besteht, bestätigt Jahangir selbst in seinen Memoiren, wo er sie 1614 erstmals erwähnt. Dort ist die einzige, der er von seiner Krankheit erzählt, Nur Jahan, „that whom I did not think anyone was fonder of me“.30 Mit diesem Satz bestätigt er gleichzeitig die Verehrung, die seine Gattin ihm gegenüber empfindet. Auch einige Jahre später, als die Ärzte ihm nicht mehr helfen können, legt er seine Gesundheit in die Hände seiner Frau, der er vollkommen vertraut und „whose skill and experience are greater than those oft he physicians“.31

Seine große Bewunderung erringt sie durch ihr Geschick bei der Jagd.32 Als viel gerühmte Jägerin ist sie für ihre Treffsicherheit bekannt. Jahangir beschreibt in seinen Memoiren, wie seine Frau vier Tiger mit nur sechs Kugeln erlegt, von denen keine ihr Ziel verfehlt. Dabei sitzt sie in ihrer Sänfte auf dem schwankenden Rücken eines Elefanten. Der Kaiser, selbst ein leidenschaftlicher Jäger, verehrt sie für dieses Talent, und diese Verehrung drückt er in Geschenken aus: „As a reward for this good shooting I gave her a pair of bracelets of diamonds worth 100.000 rupees and scattered 1.000 ashrafis [over her}“33 Nur Jahan ist die letzte von achtzehn Frauen, die er heiratet.34 Woran könnte das gelegen haben? War es die große Liebe zu ihr, die ihn in der Zukunft von weiteren Eheschließungen abhält? Oder hatte er einfach oft genug geheiratet? Abschließend lässt sich diese Frage nicht beantworten. Da es keine Aufzeichnungen von Nur Jahan selbst gibt35, lässt sich nichts über ihre Gefühle für ihren Mann sagen. Es wäre naiv zu behaupten, alles, was sie tut, geschähe einzig und allein aus Liebe zu ihm. Denn die Ehe mit dem Kaiser stellt für sie die Basis ihrer Macht dar und ob sie ihn beispielsweise in der Krankheit pflegt oder später aus der Gefangenschaft befreit, weil sie ihn liebt, oder einfach, weil sie ohne ihn alles verlieren würde, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich ist jedoch, dass sie, unabhängig von einer eventuellen Liebe zu ihrem Mann, dessen Krankheit und die damit einhergehende Schwäche für sich zu nutzen weiß. Jahangir jedoch scheint ihr größere Zuneigung und mehr Vertrauen entgegen zu bringen als jeder anderen Frau seines Harems, denn er überlässt ihr zeitweise die Regierungsgeschäfte, vertraut sich ihr an und ignoriert alle Stimmen, die ihn ermahnen, seine Frau auf den rechten Platz zu verweisen.36 Es scheint, dass zumindest er Zuneigung empfindet, welche sie durch ihre Schönheit, ihre Hingabe an ihn und ihre Loyalität zu ihm und seinem Reich nährt, weil sie weiß, dass ihr großer Einfluss auf die Politik mit ihrem großen Einfluss auf den Kaiser beginnt.

3.2 Die Zenana und die Macht der Padshah Begam

Eine der Ehrungen, die Jahangir seiner Frau zukommen lässt und mittels derer sie ihren großen Einfluss ausüben kann, ist die Position der Padshah Begam, der hochrangigsten Frau der zenana.37 Drei Dinge, so sagt man, erhalten die Macht eines Mogul-Kaisers: die Armee, der Staatsschatz und die Frauen. In seinem Harem erfährt der Herrscher mehr Nähe und Zuneigung, mehr Vergnügen, ehrlichen Rat und uneingeschränkte Unterstützung als an irgendeinem anderen Ort und keine Staatsangelegenheit kann entschieden werden, ehe nicht zuvor die Bedürfnisse der Haremsdamen gestillt sind.38

Die Frauen in Jahangirs zenana sind zahlreich, Schätzungen gehen von 300 bis 1.000 Frauen aus- die genaue Zahl ist nicht bekannt.39 Ihre Nationalitäten sind so vielseitig wie ihr sozialer Status oder ihre Religionszugehörigkeit, und sie kommen durch Heirat, Geburt, Kauf, Verabredung oder als Geschenk in die zenana. Ihre Paläste sind wie selbständige Städte, mit einer eigenen Verwaltung, eigenen Sicherheitsmaßnahmen und vielerlei Beschäftigungsmöglichkeiten. Zusätzlich zu den 18 Ehefrauen Jahangirs leben seine weiblichen Verwandten - Töchter, Schwestern, Mütter und Tanten - und deren weibliche Bedienstete, sowie die Konkubinen des Kaisers, Dienerinnen, Sklavinnen, Wächterinnen, Wahrsagerinnen und Künstlerinnen in der zenana. Hinzu kommen Eunuchen und die Töchter und jüngeren Söhne der Frauen.

[...]


1 Ellison Banks Findly: Nur Jahan. Empress of Mughal India. New York, Oxford 1993. S. 4.

2 Vgl. Chandra Pant: Nur Jahan and her family. Allahabad 1978. S. 109ff.

3 Siehe Anhang, Schaubild 1.

4 Pant, S. 109ff.

5 Banks Findly: S. 8.

6 Pant, S. 4.

7 Banks Findly, S. 12.

8 Ebd., S. 13.

9 Ebd., S. 14.

10 Ebd., S. 18.

11 Ebd., S. 24.

12 Ebd., S. 25.

13 Henry Beveridge (Hg.): The Tuzuk-i Jahangiri or Memoirs of Jahangir. Übersetzung von Alexander Rogers. Delhi 1968. I, S. 114.

14 Banks Findly, S. 31.

15 Pant, S. 5.

16 Banks Findly, S. 37.

17 Ebd., S. 40.

18 Pant, S. 73.

19 Banks Findly, S: 278f.

20 Ebd., S: 282.

21 Ebd., S. 285.

22 Ebd., S: 287.

23 Ebd., S. 46.

24 Banks Findly, S. 13.

25 Ebd., S. 15.

26 Ebd., S. 14.

27 Ebd., S. 16.

28 Pant, S. 5.

29 Banks Findly, S. 34.

30 Tuzuk I, S. 266.

31 Tuzuk II, S. 213.

32 Banks Findly, S 116.

33 Tuzuk I, S. 375.

34 Banks Findly, S. 126.

35 Ebd., S. 4.

36 Banks Findly, S. 47.

37 Siehe Anhang. Schaubild 2.

38 Banks Findly, S. 88.

39 Ebd., S. 93.

Details

Seiten
29
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783668071018
ISBN (Buch)
9783668071025
Dateigröße
992 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308765
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Völkerkunde und Afrikanistik
Note
1,6
Schlagworte
mogulkaiserin jahan macht ohnmacht herrscherin

Autor

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Titel: Die Mogulkaiserin Nur Jahan. Macht und Ohnmacht einer indischen Herrscherin