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Unterricht als Interaktionsrahmen nach Goffman? Eine Analyse

Seminararbeit 2015 20 Seiten

Didaktik - BWL, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Goffmansche „Theatermodell“
2.1 Interaktion
2.2 Eindrucksmanagement.
2.3 Ausdruckskontrolle
2.4 Fassaden und Masken

3 Die Bedeutung für die Lehrperson
3.1 Schüler-Lehrer Interaktion.
3.2 Die Schule als Theater
3.3 Die Rolle des Lehrers.
3.4 Identität.

4 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die soziale Welt ist eine Bühne, eine komplizierte Bühne sogar, mit Publikum, Dar- stellern und Außenseitern, mit Zuschauerraum und Kulissen“ (DAHRENDORF, aus dem Vorwort von GOFFMAN 2009, S. VII). Auf eine solche Terminologie der Thea- terwelt baut der mitunter populärste Soziologe ERVING GOFFMAN (1922-1982) seine Untersuchungen über die Funktion der Gesellschaft auf. In seinen Werken, die vor allem die Interaktionsanalyse zum Gegenstand haben, stellt er einen dramaturgischen Ansatz heraus. Bei einer Interaktion kommen demnach mindestens zwei Menschen körperlich zusammen und reagieren aufeinander. In solch einer Begegnung - die von GOFFMAN auch als „Darstellung“ metaphorisiert wird - werden bei den Interaktions- partnern Eindrücke erweckt, was wiederum zur Folge hat, dass das einzelne Indivi- duum diesen Eindruck zu kontrollieren versucht. Es möchte also im Interaktionspro- zess ein bestimmtes, gewünschtes Bild von sich erzeugen bzw. sich selbst inszenie- ren (vgl. ABELS 2012, S. 413f.). In solchen sozialen Zusammenkünften schlüpft jeder in eine bestimmte Rolle bzw. zieht eine Maske auf, um den gesellschaftlichen Rol- lenerwartungen gerecht zu werden (vgl. ABELS 2008, S. 516).

Eine derartige face-to-face Interaktion kann nun bspw. die zwischen Lehrer und Schülern sein. Hierbei stellt der Unterricht die Rahmung der Interaktion dar und kann als eine Bühne gesehen werden, auf der sich die Teilnehmer darstellen (vgl. WIL- LEMS/EICHHOLZ 2008, S. 882). Besonders interessant ist in dieser Hinsicht, was die Aussagen von GOFFMAN im Hinblick auf Unterricht bedeuten. Dabei soll in dieser Arbeit der Fokus auf die Lehrkraft gelegt werden und der zentralen Fragestellung nachgegangen werden, wie, bzw. ob das GOFFMANSCHE Bühnenmodell auf den Un- terricht übertragen werden kann und was dies schließlich über die Lehrerrolle und den Unterricht aussagt.

Dabei wird in einem ersten Theorieteil der Begriff der Interaktion sowie einzelne, für diese Arbeit relevante Komponenten der Interaktion dargestellt, um diese dann in einem nächsten Kapitel explizit auf den Unterricht bzw. insbesondere auf die Lehrperson zu übertragen. Abschließend erfolgt ein Résumé, in dem nochmals auf die eingangs gestellte Problemstellung eingegangen wird.

2 Das Goffmansche „Theatermodell“

2.1 Interaktion

Gemäß GOFFMAN kann Interaktion „grob als der wechselseitige Einfluß von Indivi- duen untereinander auf ihre Handlungen während ihrer unmittelbaren physischen Anwesenheit definiert werden“ (GOFFMAN 2009, S. 18). Dabei geschieht Interaktion im engen Sinn in sozialen Situationen, was bedeutet, dass mindestens zwei Personen präsent sind und diese dann aufeinander reagieren (vgl. GOFFMAN 1994, S. 55). Alle Menschen leben in „a world of social encounters” (GOFFMAN 1967, S. 5) und sind deshalb ständigen face-to-face Begegnungen ausgesetzt (vgl. ebenda). In jeder Inter- aktion möchte das Individuum ein bestimmtes Bild (face) von sich erzeugen, um bei den Interaktionspartnern einen gewünschten Eindruck hervorzurufen. Dies bedeutet, dass das Image einer Person immer auch von anderen abhängig ist und somit Interak- tion mit „face-work“ gleichgesetzt werden kann (vgl. GOFFMAN 1986, S. 149). „Jeder pflegt sein eigenes Image, aber er arbeitet auch am Image des Anderen“ (ABELS 2012, S. 413).

Diese Erkenntnisse hat GOFFMAN in seinem Werk „Wir alle spielen Theater“ (1967), dessen zentraler Gegenstand die Untersuchung ist, wie sich Menschen in einer Interaktion inszenieren und wie dadurch eine wechselseitige Beeinflussung stattfindet, in eine Theater-Terminologie übersetzt (vgl. ebenda, S.414).

Er bezeichnet das Zusammentreffen von Personen, also die Interaktion, als Darstel- lung. Diese beschreibt die „Gesamttätigkeit eines bestimmten Teilnehmers1 an einer bestimmten Situation […], die dazu dient, die anderen Teilnehmer in irgendeiner Weise zu beeinflussen“ (GOFFMAN 2009, S. 18). Zu einem Darstellungsakt zählen zudem Darsteller, die eine bestimmte Rolle spielen, ihre Zuschauer, die darauf rea- gieren, sowie die Bühne, auf der die Interaktion stattfindet. Geht man von einem be- stimmten Interaktionspartner und dessen Darstellung aus, kann man die übrigen In- teraktionspartner als Zuschauer oder Publikum bezeichnen, die ihrerseits weitere Darstellungen bieten (vgl. ebenda). Beide Seiten sind zugleich Beobachter und Mit- spieler und bei jeder Inszenierung bildet sich ein Teil des ‚Selbst‘ ab, d.h. in diesem Prozess wird Identität2 entwickelt (vgl. ABELS 2012, S. 414).

Die Bühne wird von GOFFMAN in die Vorder- und Hinterbühne unterteilt. Während es sich bei der Vorderbühne um die Region handelt, in der die Darstellung erfolgt, handelt es sich bei der Hinterbühne um einen Ort, an dem keine Zuschauer anwesend sind und an dem bspw. die Aufführung geprobt werden kann (vgl. GOFFMAN 2009, S. 100ff.). Die Hinterbühne bietet dem Darsteller somit die Möglichkeit, sich so vorzubereiten, dass sein Selbst erfolgreich auf der Vorderbühne inszeniert werden kann (vgl. KNOBLAUCH 1994, S. 18).

2.2 Eindrucksmanagement

Wie bereits erwähnt, versuchen Individuen in face-to-face Interaktionen bestimmte Eindrücke zu erwecken. Indem man face-work betreibt und somit an dem Bild arbei- tet, das andere von einem wahrnehmen, übt man gemäß GOFFMAN Eindrucksma- nagement aus. Face-work gestaltet sich als zweistufiger Prozess: Da man nicht weiß, wie man von anderen interpretiert wird, muss man zum einen (durch Unterstellung) Annahmen darüber treffen und zum anderen den Versuch anstreben, solch einen Eindruck zu erwecken, dass eine Neuinterpretation der Person seitens der anderen stattfinden kann (vgl. DELLWING 2014, S. 73). „So ist Eindrucksmanagement ein Spiel mit Unterstellungen, um diese Unterstellungen zu verschieben, um so eine „Person“ zu konstruieren, die sich für alle sozialen Zwecke im Zwischenraum zwi- schen den Menschen befindet, nicht in ihnen“ (ebenda).

Das wahre Innere eines Menschen ist nicht sichtbar, sondern lediglich das, was nach außen beobachtbar ist. Deshalb unterstellen Menschen anderen Personen bestimmte Eigenschaften, Gefühle, Ziele etc. und richten ihr Handeln danach aus. Dies wiede- rum bedeutet, dass die Interaktionspartner eine Definition der Situation vornehmen (vgl. ebenda S.74). „Sie geben Zeichen, welche Art von Situationen sie unterstellen, welche Identität sie sich unterstellen, welche Identität sie anderen unterstellen“ (ebenda). Für diese Definition der Situation werden Informationen über den oder die jeweils anderen eingeholt. Die Situationsdefinition wird von den Interaktionspartnern durch gewisse Techniken der Informationsübermittlung beeinflusst und kontrolliert (vgl. MUMMENDEY 1995, S. 117). Eindrucksmanagement wird deshalb von MUM- MENDY3 wie folgt definiert:

„Das Impression-Management, die Eindruckssteuerung besteht dann darin, daß Personen in Interaktionssituationen versuchen, Informationen über die eigene Person zu manipulieren, also Einfluß zu nehmen auf die Bedeutungszuschreibung anderer Interaktionsteilnehmer bezüglich ihrer eigenen Person“ (ebenda).

Je nach Situationsdefinition ergibt sich also ein anderes erwartetes (und tatsächli- ches) Verhalten. Informationen können durch die äußerliche Erscheinung sowie ver- bale und nonverbale Äußerungen transferiert werden. So versucht der Darsteller die Situationsdefinition durch sein Ausdrucksverhalten in eine von ihm gewünschte Richtung zu lenken, während die Zuschauer eine wahre Vorstellung erleben möchten und deshalb die Darbietung des Schauspielers auf Echtheit untersuchen. Die Erzeu- gung, Entwicklung und Überprüfung des zu hinterlassenden Eindrucks findet auf der Hinterbühne statt, zu der das Publikum keinen Zutritt hat. Ziel ist es, die Vorstellung des Schauspielers von sich selbst und den Eindruck, den er auf das Publikum machen möchte, in Übereinstimmung zu bringen (vgl. MUMMENDEY 1995, S. 118f.). Instru- mente des Eindrucksmanagements können z.B. Ausweichstrategien und korrektive Handlungen sein, um einen Gesichtsverlust oder schlechtes Image zu vermeiden (vgl. KNOBLAUCH 1994, S. 19). Das Beherrschen des Eindrucksmanagements ist für eine erfolgreiche Koordination von Handlungen, gegenseitiges Verstehen, Zielerrei- chung sowie für die Bildung einer Identität essentiell (vgl. MÜNCH 2002, S. 305).

Ein wichtiger Aspekt des Eindrucksmanagements stellen die Techniken der Eindrucksmanipulation dar, die die Vermeidung von Störungen während einer Vorstellung zum Ziel haben. Um unangenehme Zwischenfälle zu vermeiden, müssen die Teilnehmer bestimmte Eigenschaften besitzen (vgl. GOFFMAN 2009, S. 192f.). GOFFMAN nennt hierzu drei Aspekte:

Eigenschaften und Maßnahmen der Verteidigung (vgl. im Folgenden ebenda, S. 192ff.): Darsteller wenden Maßnahmen der Verteidigung an, um ihre eigene Darstel- lung zu retten. Als ersten Punkt nennt GOFFMAN hier die „dramaturgische Loyalität“, was bedeutet, dass die Ensemblemitglieder über Geheimnisse außerhalb der Vorstellung Diskretion wahren müssen. Außerdem dürfen sie die Vorderbühne nicht dazu nutzen, ihre eigene Vorstellung zu spielen und müssen Bereitschaft zeigen, Neben- rollen zu spielen, falls dies das Team bestimmt. Auch die Überzeugung der eigenen Inszenierung ist wichtig, um beim Publikum den Eindruck der Echtheit hervorzuru- fen. Eine hervorgehobene Rolle spielt zudem der Aufbau einer starken Gruppenge- meinschaft im Hinblick auf die Loyalität, da diese den Teilnehmern des Ensembles Sicherheit vermittelt.

Ein zweiter Punkt ist die „dramaturgische Disziplinierung“. Demnach sollte ein Dar- steller in einer Art und Weise diszipliniert sein, dass er seinen Text sowie seine Stimme und Gesichtsausdruck beherrscht und keine unbeabsichtigten Gesten zeigt. Auch darf er nicht zu sehr in seine Rolle vertieft sein, um unvorhergesehenes, prob- lematisches Verhalten seiner Kollegen zu vertuschen bzw. um ihnen zur Hilfe zu kommen, ohne dass beim Zuschauer der Eindruck erweckt wird, dass etwas falsch läuft. Ein disziplinierter Darsteller muss also die Fähigkeit der Selbstbeherrschung aufweisen können.

Als letzten Aspekt führt GOFFMAN die „dramaturgische Sorgfalt“ an. Demzufolge sollte eine Vorstellung mit Planung und Voraussicht vorbereitet werden, die da Dar- steller dann in geeigneter Weise auf Störungen reagieren können. „Der sorgfältige Darsteller wird auch Zuschauer auszuwählen suchen, die vom Standpunkt des Schauspiels aus, das er darbieten will, wie auch des Schauspiels, das er vermeiden will, möglichst wenig Schwierigkeiten machen werden“ (GOFFMAN 2009, S. 198f.) und darauf achten, welche Möglichkeiten der Informationsbeschaffung die Zuschau- er außerhalb der Interaktion haben. Bspw. sollte ein Möbelverkäufer hinsichtlich der Sofabezüge keine falschen Aussagen bzgl. der Qualität machen, da dies der Käufer selbst überprüfen kann (vgl. ebenda S.199ff.).

Schutzmaßnahmen (vgl. im Folgenden ebenda, S. 208ff.): Hierbei handelt es sich um Maßnahmen, die nicht von den Darstellern, sondern vom Publikum zum Schutz der Darstellung durchgeführt werden. Demnach halten sich Zuschauer i.d.R. von selbst an das Gebot, die Vorder- und Hinterbühne zu trennen und deshalb letztere nicht zu betreten. Wenn sie dies doch tun, geben sie im Normalfall ein Signal, dass sich z.B.

[...]


1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden Personenbezeichnungen in der männlichen Form verwendet, die die weibliche Form jedoch in vollem Umfang einschließen.

2 Der Prozess der Identitätsentstehung wird in Kapitel 3.4 ausführlicher beleuchtet.

3 MUMMENDY leitet diese Definition von den Annahmen GOFFMANS ab

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668069374
ISBN (Buch)
9783668069381
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308744
Institution / Hochschule
Universität Hohenheim – Wirtschaftspädagogik
Note
1,3
Schlagworte
unterricht interaktionsrahmen goffman eine analyse

Autor

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