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Der erlöste Don Juan der Romantik. Zorrillas "Don Juan Tenorio" verglichen mit Molinas "Burlador de Sevilla y Convidado de Piedra"

Hausarbeit 2015 15 Seiten

Literaturwissenschaft - Literatur der Romantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Inhaltliche Gegenüberstellung

3 Versuche der Erklärung unter Einbezug gesellschaftlicher und literarischer Hintergründe
3.1 Das 17. Jahrhundert
3.1.1 Theologischer Aspekt
3.1.2 Moralvorstellungen und Ehrbegriff
3.2 Das 19. Jahrhundert - Zorrillas Don Juan Tenorio
3.2.1 Theologischer Aspekt
3.2.2 Die Romantik

4 Zusammenfassung und Schlussbetrachtung

5 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das für die spanische Romantik den Höhepunkt bildende Werk „Don Juan Tenorio“ von José Zorrilla y Moral ist nur eine Fassung aus der unendlichen Weite des Don-Juan-Stoffes. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass die Basis all dieser Werke die Urfassung „El burlador de Sevilla y convidado de piedra“ von dem Mönch Gabriel Téllez bildet, der unter dem Pseudonym Tirso de Molina dieses Stück in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts verfasste.

In meiner Arbeit werde ich mich lediglich auf Zorrillas „Don Juan Tenorio“ und Molinas „Burlador de Sevilla“ beschränken, welcher zugleich seinen Vorläufer als auch sein Gegenstück darstellt. Auf gerade diese Antithese werden sich meine Ausarbeitungen hauptsächlich richten. Eine Bearbeitung aller Akte und Szenen dieser beiden Werke würde allerdings den Rahmen sprengen. Aus diesem Grund werde ich mich hauptsächlich auf den Schlussteil konzentrieren - denn gerade dieser ist ein charakteristisches Merkmal für die Gegensätzlichkeit der beiden Don-Juan-Fassungen.

Ich werde so vorgehen, dass ich zunächst einmal inhaltliche Merkmale gegenüberstelle. Wie bereits erwähnt, werde ich nicht das gesamte Drama bearbeiten können, weswegen ich mich dazu entschieden habe, meine Konzentration auf vor allem auf die Schlussteile beider Dramen zu richten, welche mir für das Verständnis der Antithetik aber auch Kongruenz beider Fassungen wichtig erscheinen:

Während Molinas Don Juan wegen versäumter Buße letztendlich zu ewigen Höllenqualen verdammt wird, wird Don Juan Tenorio in Zorrillas Version im letzten Moment durch das Ablegen von Buße und die Aufopferung der ihn liebenden Doña Inés gerettet.

Doch woher kommen diese doch so unterschiedlichen Tendenzen beider Autoren? Dazu ist ein Blick in die gesellschaftlichen Verhältnisse der jeweiligen Entstehungszeiten von Nöten. Ich werde mich daher an einer Annäherung an die dominanten Strömungen des 17. und des 19. Jahrhunderts - politischer, religiöser, gesellschaftlicher und literarischer Art - versuchen.

Natürlich bin ich mir auch dessen bewusst, dass nicht jede inhaltliche Transformation eines Stoffs mit soziokulturellen Begebenheiten erklärbar ist - persönliche, aber auch rezeptionsgeschichtliche Einflüsse auf die Autoren dürfen in einer allumfassenden Analyse keineswegs unbeachtet bleiben -, jedoch soll diese Arbeit sich hauptsächlich auf bereits beschriebene Themengebiete spezialisieren.

Zu guter Letzt möchte ich mich in meinem Fazit versuchen, welches darauf abzielen soll, die zuvor gesammelten Ergebnisse nun in einen angemessenen Kontext zu bringen und vergleichsanalytisch darzustellen.

2. Inhaltliche Gegenüberstellung

Das Anfang des 17. Jahrhunderts veröffentlichte Drama „El burlador de Sevilla y convidado de piedra“ vom Mercedarier Mönch Gabriel Téllez, der unter dem Pseudonym Tirso de Molina schrieb, stellt die gemeinhin die Urfassung des Don-Juan-Stoffs dar. Über das genaue Entstehungsdatum streiten sich jedoch die Geister. Für Ian Watts steht allerdings fest, dass das Stück nicht vor 1630 veröffentlicht wurde, jedoch definitiv eher geschrieben wurde. Das für ihn plausibelste Jahr der Produktion ist das Jahr 1616, als Tirso sich in Sevilla aufhielt. Andererseits gäbe es aber auch andere Annahmen, die sich in den Jahren 1607 bis 1629 ansiedeln (vgl. 1996: 90 f.).

Im Stück findet sich Don Juan nach zahlreichen Intrigen und Akten der Verführung als auch des Betrugs - der Herzogin Isabel, der Fischerin Tisbea, Don Gonzalo de Ulloas Tochter und die Geliebte seines Freundes Doña Ana und des Bauernmädchens Aminata - auf einem Kirchplatz in Sevilla, auf welchem das Standbild des durch seine Hand ermordeten Don Gonzalo de Ulloa steht. Nachdem Don Juan die steinerne Statue zu seinem Gastmahl einlädt, bringt diese eine Gegeneinladung hervor, welche durch „Ritterwort und Handschlag“ (Gonzalvo 1988: 129) durch Don Juan angenommen wird. Bereits am nächsten Abend befindet sich Don Juan zum nächtlichen Gastmahl in der Kapelle, in die er von Don Gonzalo gebeten wurde. Doch Don Juan soll diese in jener Nacht nicht mehr verlassen. Nachdem die Speise, bestehend aus Skorpionen und Vipern, sowie Wein aus Galle und Essig aufgetischt wurden, bittet Don Gonzalo Don Juan seine Hand zu ergreifen. Don Juan schlägt diese Bitte natürlich wieder einmal nicht aus, um nicht als Feigling dazustehen. Doch sobald er sie ergreift, verbrennt diese ihn. Don Juan versucht sich noch durch Ausreden und Berufung auf Gott (Z. 2760-2761: Deja que llame/ quien me confiese y absuelva) seinem bevorstehenden Schicksal zu entziehen, doch Don Gonzalo erwidert nur, dass es zu spät sei und er die göttliche Gerechtigkeit walten lasse (Z. 2762: No hay lugar; ya acuerdas tarde.; Z. 2767-2768: Esta es justicia de Dios:/ ‚Quien tal hace, que tal pague.‘). Zusammen versinken Don Juan und Don Gonzalo in der Hölle. Doch damit endet Tirsos Stück keineswegs. Die letzte Szene spielt am Hofe des Königs, wo sich alle die von Don Juan betrogenen zusammengefunden haben. Als Don Juans Diener Octavio dazu stößt, der bei Don Juans Verendung in der Kapelle ebenfalls anwesend war, berichtet er allen von Don Juans Höllenfahrt. Der König befielt nun: Y agora es bien que se casen / todos, pues la causa es muerta, / vida de tantos desastres. (Z. 2852-2854). Nach Silvia Gonzalvo ist durch die Heirat der verführten Opfer die vom Verführer verletzte menschliche Ordnung wiederhergestellt (1988: 129).

In der spanischen Romantik wird das Thema des Burladors in José Zorrilla y Morals berühmten Version „Don Juan Tenorio“ wieder aufgegriffen. Dieser soll das Stück im Jahre 1844 in der Rekordzeit von gerade einmal drei Wochen geschrieben haben.

Zorrillas Drama weist einige inhaltliche Unterschiede zum Burlador auf, doch diese hier alle aufzuführen, würde den Rahmen meiner Hausarbeit überschreiten. Daher beschränke ich mich auf zwei wesentliche Unterschiede:

Ein entscheidender Wendepunkt in Zorrillas Drama markiert Don Juans Liebe zu Doña Inés. Zur eigentlich geplanten Verführung der Novizin ist der Frauenheld nicht mehr im Stande, denn ihn ergreift eine plötzliche Gefühls- und Gesinnungsänderung (Z. 2260-2261: Esa palabra / cambia de modo mi ser.). Don Juan verliebt sich wahrhaftig in Doña Inés und bekennt:

No es, doña Inés, Satanás

quien pone este amor en mí: es Dios, que quiere por ti

ganarme para él quizás (Z. 2264-2267)

Doch nachdem seine Bitte um eine Heirat mit Doña Inés am Misstrauen ihres Vaters Don Gonzalo de Ulloa scheitert, fällt Don Juan in alte Muster zurück und erschießt ihn.

Fünf Jahre später kehrt Don Juan, der in Italien sein sündhaftes Leben fortgesetzt hat, zurück nach Sevilla. In einer nächtlichen schaurigen Friedhofslandschaft findet er neben den Gräbern seiner Opfer auch jenes von Doña Inés. Als ihm, Don Juan, ihr Geist erscheint, verkündet sie ihm: Yo a Dios mi alma ofrecí / en precio de tu alma impura (V. 2998-2999) und dass ihr Schicksal nun von seinem abhängen würde. Bei einem anschließenden Trinkgelage mit seinen Freunden, erhält Don Juan wieder die Einladung des steinernen Gastes, welche sich an Molinas Motiv anlehnt. Am nächsten Abend löst er sein Versprechen ein und das Publikum findet sich zusammen mit Don Juan- sichtlich durcheinander und zerstreut - auf dem Friedhof wieder. Man erfährt erst jetzt, dass Don Juan wohl am vorherigen Abend tödlich verletzt wurde. Don Juan gesteht dem Komtur, dass er nicht mehr daran glaube, dass seine Seele noch gerettet werden könne (V. 3737: No hay perdón para mi), doch als dieser versucht ihn hinab in die Hölle zu ziehen, blickt er zu Doña Inés auf und gesteht:

yo, Santo Dios, creo en Ti:

si es mi maldad inaudita, tu piedad es infinita…

¡Señor, ten piedad de mí! (Z. 3766- 3769)

So kann Don Juan doch noch - das ist der zweite wesentliche Unterschied zu Molinas Stück - in letzter Sekunde gerettet werden (Z.3794: el amor salvó a don Juan) und ruft in seinem letzten Versen aus: Es el Dios de la clemencia / es el Dios de Don Juan Tenorio (Z. 3814- 3815).

Beim inhaltlichen Vergleich beider Dramen fallen also zwei Schwerpunkte ins Gewicht. Zum einen verliebt sich der Don Juan der Romantik zum ersten Mal wahrhaftig in eine Frau. Während Don Juan in Molinas Drama bis zum Schluss die Rolle des Verführers spielt, ergreift ihn in Zorrillas Drama zum ersten Mal ein Gefühl von nicht nur rein körperlicher Liebe. Er findet durch Doña Inés sogar eine höhere als die weltliche Liebe (vgl. Rivero Iglesias 2014: 175), denn er bekennt: el amor que hoy se atesora/[…]/no es un amor terrenal (Z. 2268-2270). Zusätzlich erfährt er eine komplette Wesensänderung (Z.2261: cambia de modo mi ser). In der von Hans-Jörg Neuschäfer herausgegebenen Literaturgeschichte wird dieser neue Aspekt Zorrillas als eine Veränderung des Verhältnisses der Geschlechter interpretiert. Seiner Auffassung nach werde in dem Drama Zorrillas die Ansicht vertreten, der Mann müsse sich erst „die Hörner abstoßen“, um von der Richtigen „gezähmt“ zu werden. So wandle sich Zorrillas Don Juan vom selbstbezogenen zum liebefähigen Menschen, während Tirsos Burlador immer derselbe bleibe (Neuschäfer 2001: 250).

Die Liebe zu Doña Inés bildet, so kann man sagen, eine wichtige Grundlage für den wohl auffälligsten Teil der Variante Zorrillas - Don Juans Rettung in letzter Sekunde. Erst in dem Moment, in dem er vom Gefühl der Liebe ergriffen wird, beginnt Don Juan zaghaft an die Fügung Gottes zu glauben, indem er sagt: es Dios, que quiere por ti / ganarme para él quizás (Z. 2264-2267) (vgl. Briesemeister 1988: 256). Doña Inés ist es, die letztendlich an das Gute in Don Juan glaubt und ihre Seele für die seine bei Gott anbietet. Durch die Liebe zu Doña Inés als auch durch ihr Opfer läutert Don Juan im letzten Moment, dem „perfecto acto de contrición“ (Neuschäfer 2001: 250), seine Seele mittels ehrlicher Buße und Reue und erhält damit göttliche Verzeihung. (vgl. Iglesias 2014: 178). Don Juan und Doña Inés sind im Jenseits vereinigt und das Stück endet mit einem „religösen Happy-End“ (Neuschäfer 2001: 250).

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668069992
ISBN (Buch)
9783668070004
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308743
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
Schlagworte
juan romantik zorrillas tenorio molinas burlador sevilla convidado piedra

Autor

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Titel: Der erlöste Don Juan der Romantik. Zorrillas "Don Juan Tenorio" verglichen mit Molinas "Burlador de Sevilla y Convidado de Piedra"