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Zwischen Hochbegabung und ADHS. Wie kommt es zu Fehldiagnosen und wie können sie vermieden werden?

Seminararbeit 2012 23 Seiten

Medizin - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Abstract

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1. Was ist (Hoch)Begabung?
2.2. Was ist ADHS?

3. Parallelen im Verhalten von (Hoch)Begabten und Kindern mit ADHS
3.1. Merkmale von (Hoch)Begabung
3.2. Merkmale von ADHS
3.3. Gleiches Verhalten, jedoch andere Ursachen

4. Wodurch kommt es zu Fehldiagnosen?
4.1. Ähnlichkeiten im Verhalten
4.2. Besondere Sensitivität bei Hochbegabten
4.3. Inadäquate Lernumgebungen
4.4. Unwissenheit von LehrerInnen und DiagnostikerInnen
4.5. Falsche Diagnosewerkzeuge

5. (Hoch)Begabung und ADHS gleichzeitig?

6. Auswirkungen von Fehldiagnosen
6.1. Folgen für die Einzelperson
6.2. Gesamtgesellschaftliche Folgen

7. Vermeidung von Fehldiagnosen

8. Conclusio

Literatur

Vorwort

Als LehrerIn hat man tagaus tagein mit verschiedensten SchülerInnen zu tun. Deren Begabungen und Schwierigkeiten zu erkennen, und den Unterricht dementsprechend für alle zu adaptieren ist unsere Hauptaufgabe. Dabei kommt es aus diversen Gründen jedoch immer wieder zu Fehleinschätzungen, die für das betroffene Kind weitreichende Folgen haben können, wie ich bei meinem eigenen Sohn erleben musste: Kurz nach Schulbeginn in der ersten Klasse Volksschule teilte mir seine Lehrerin mit, dass er ständig den Unterricht störte indem er mit seinen Stiften auf den Tisch klopfte. Sie versuchte mich davon zu überzeugen, dass seine Verhaltensauffälligkeiten in Richtung einer ADHS gingen, während eine Zweitlehrerin, die ebenfalls in der Klasse unterrichtete, der Meinung war, dass mein Sohn eher hochbegabt sei als dass bei ihm eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung zu diagnostizieren wäre. Aufgrund der Ersteinschätzung der Klassenlehrerin wurde mein Sohn nicht adäquat gefördert und hatte bereits in den ersten Monaten die Freude an der Schule verloren. Er investierte nur das Nötigste und bald war festzustellen, dass seine MitschülerInnen enorme Fortschritte gemacht hatten, während er monatelang nichts Neues dazugelernt hatte. Dadurch wurde mir klar, wie wichtig eine richtige Diagnose ist und dass manches nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint – es bedarf also eingehender Auseinandersetzung, um SchülerInnen richtig einzuschätzen, und vor allem bedarf es auch zusätzlicher fachlicher Informationen. Da ich immer wieder in Gesprächen mit KollegInnen und befreundeten Eltern erlebe, wie konträr die Sichtweisen und Meinungen zu ein und demselben Kind sein können, möchte ich mich in dieser Seminararbeit damit befassen, wo genau die Gefahren einer falschen Einschätzung zwischen ADHS und Hochbegabung liegen und wie man eine Fehldiagnose seitens der PädagogInnen aber auch durch diagnostisches Fachpersonal wie ÄrztInnen und PsychologInnen vermeiden kann.

Abstract

In vielen Fällen wird (Hoch)Begabung fälschlicherweise als ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) diagnostiziert (Hartnett et al. 2004, S.73), weil die Symptome, die nach außen hin sichtbar sind, sehr ähnlich sind. Anliegen dieser Arbeit soll daher sein, aufzuzeigen, welche Ähnlichkeiten im Verhalten von begabten Kindern und Kindern mit ADHS erkennbar sind und worin demnach die Schwierigkeit einer richtigen Diagnose bzw. eines richtigen Erkennens von Begabten in erster Linie durch PädagogInnen besteht. Es sollen auch Hinweise gegeben werden, worauf bei einer verlässlichen Diagnose zu achten ist unter der Argumentation, dass eine Fehldiagnose für das betroffene Kind verheerende Folgen haben kann.

Ob ein Auftreten von (Hoch)Begabung und ADHS in ein und derselben Person möglich ist, ist wissenschaftlich noch kaum untersucht (Kipman 2011, S.32), daher wird diese Thematik nur kurz angeschnitten.

1. Einleitung

Das Verhalten von (hoch) begabten Kindern, die sich im Unterricht oft unterfordert fühlen und sich langweilen, weist häufig Parallelen zu Verhaltensweisen von Kindern mit diagnostizierter Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) auf, was die Wahrscheinlichkeit von Fehldiagnosen bei begabten Kindern erhöht (Stapf 2003, S.6f). Laut Kaufmann & Castellanos (2000 in Stapf 2003, S.9) treten Fehldiagnosen mit einer Wahrscheinlichkeit von 20-25% auf, das heißt dass bis zu einem Viertel aller begabten SchülerInnen nicht richtig als solche identifiziert werden. Bedenkt man, dass Gordon (in Baum et al. 1998, S.99) bereits 1990 meinte, dass zu viele hochbegabte Kinder zur Untersuchung auf Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivitätsstörungen vorgestellt würden, so ist es besonders alarmierend, dass diese Anzahl in den letzten zwanzig Jahren sogar noch zugenommen hat (Webb & Latimer 1993 in Baum et al. 1998, S.96).

Um zu verstehen, warum die Zahl der Fehldiagnosen so hoch ist, werden in dieser Arbeit nach einer kurzen Begriffsklärung der zentralen Begriffe „(Hoch)Begabung“ und „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung“ die gemeinsamen Verhaltensweisen betroffener Kinder aufgezeigt und versucht zu erklären, welche Hintergründe dieses Verhalten bei ADHS-Kindern und bei (hoch) begabten Kindern haben kann. In einem weiteren Kapitel werden noch andere Faktoren, die zu einer falschen Diagnose einerseits durch pädagogisches, andererseits auch durch diagnostisches Personal beitragen können, angeführt und erläutert. Auch die Möglichkeit einer Koexistenz von ADHS und hoher Begabung in ein und derselben Person soll kurz diskutiert werden, wobei hier verschiedene Meinungen aus der Forschungsliteratur gegenübergestellt werden. Ein letztes Kapitel befasst sich außerdem mit den Auswirkungen von Fehldiagnosen vorrangig für das betroffene Kind, um im Anschluss daran Schlussfolgerungen zu ziehen, wie Fehldiagnosen in Zukunft vermieden werden können.

2. Begriffsklärung

Zu Beginn soll kurz erläutert werden, was in dieser Arbeit unter den Begriffen „(Hoch)Begabung“ und „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung“ verstanden wird.

2.1. Was ist (Hoch)Begabung?

Hochbegabung galt lange Zeit als gleichbedeutend mit hoher Intelligenz, wobei hierfür ein IQ-Wert von mindestens 130 festgesetzt wurde (Ziegler 2008, S.20). Daneben ging Götze (1916, S.13 in Ziegler 2008, S.21) davon aus, dass sich Begabung jedenfalls in herausragender Leistung äußern würde und so erkannt werden könne. Mittlerweile wandte sich die Hochbegabungsforschung jedoch eher multifaktoriellen Modellen zur Erklärung von Hochbegabung zu (Ziegler 2008, S.48ff), da diese zum Beispiel im Münchner Hochbegabungsmodell nach Heller und Perleth (2005 in Ziegler 2008, S.50) mehrere Begabungsdomänen identifizieren und nicht allein auf den IQ beschränkt sind. Weiters tragen in diesem Modell nicht nur inhärente Persönlichkeitsfaktoren (Motivation, Stressmanagement, Arbeitsstrategien,…) und Begabungsfaktoren (Intelligenz, Kreativität, Musikalität,…) zu einer Hochbegabung bei, sondern Hochbegabung ist ein dynamisches Konstrukt, das sich in Wechselwirkung mit Umwelteinflüssen (Familienklima, Klassenklima, Unterrichtsqualität,…) entfalten und weiterentwickeln kann, aber dadurch auch negativ beeinflusst werden kann.

(Hoch)Begabung schließt nach dem Konzept von Heller und Perleth (2005 in Ziegler 2008, S.50f) in dieser Arbeit grundsätzlich sämtliche Begabungsdomänen ein und ist nicht auf den IQ beschränkt. Bezieht sich eine Aussage der folgenden Arbeit rein auf die intellektuelle Ebene, so wird explizit von hoher Intelligenz gesprochen.

2.2. Was ist ADHS?

Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) ist die häufigste neuropsychiatrische Störung bei Kindern (American Psychiatric Association 1994 in Kaufmann & Castellanos 2003, S.13; Webb & Dietrich 2005, S.2) und kann als eine Ansammlung von Symptomen wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität charakterisiert werden. Oft treten zugleich Lernstörungen, Tics, Angstzustände und Schlafstörungen auf (Kaufmann et al. 2000 in Kaufmann & Castellanos 2003, S.14), was eine genaue Diagnose erschweren kann. Auch die kognitive und soziale Entwicklung liegen bei ADHS-Kindern ca. zwei bis drei Jahre hinter dem Altersdurchschnitt zurück.

Zum Zustandekommen tragen einerseits genetische Faktoren und andererseits auch die Umwelt bei (Kaufmann & Castellanos 2003, S.14). Genetisch bedingt ist ADHS eine Fehlfunktion im Gehirn, bei der die Störung des Dopamin-Stoffwechsels eine große Rolle spielt. Folgen sind Verhaltenshemmung, Verzögerung der Impulskontrolle auf körperlicher sowie emotionaler Ebene und der Reizwahrnehmung sowie -verarbeitung. (Rossi 2001, S.5)

3. Parallelen im Verhalten von (Hoch)Begabten und Kindern mit ADHS

Im Folgenden sollen Verhaltensweisen, die mögliche Anzeichen für das Vorliegen einer ADHS und/oder (Hoch)Begabung sind, vorgestellt und einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Nicht immer kann man vom äußeren Verhalten eines Kindes eindeutig entweder die eine oder die andere Diagnose stellen, wenn man nicht die Hintergründe, die zur jeweiligen (Re)Aktion führen, kennt. So sind Diagnosen oft unzuverlässig und manchmal nur Vermutungen (Baum et al. 1998, S.103).

3.1. Merkmale von (Hoch)Begabung

Da hohe Begabungen bzw. herausragende Leistungen von verschiedenen individuellen Faktoren abhängig sind, ist es schwierig eine verallgemeinerbare Liste von Merkmalen aufzustellen, jedoch können bei verschiedenen begabten Kindern immer wieder dieselben Charakteristiken beobachtet werden, die im Folgenden genannt werden sollen (Harder 2009, S.69f): (Hoch)Begabte besitzen allgemein ein überdurchschnittliches Gedächtnis und umfassendes Allgemeinwissen sowie die ausgeprägte Fähigkeit zum analytischen Denken und Abstrahieren. Sie sind wissbegierig und willig, Herausforderungen zu meistern. Außerdem zeichnen sie sich durch einen elaborierten Sprachgebrauch, eine schnelle Auffassungsgabe und hohe Motivation beim Ausführen intellektueller Aufgaben aus.

Edwards (2009, S.32f) teilt die Charakteristiken von (Hoch)Begabten nach McAlpine und Reid (1996, in Edwards 2009, S.32) in folgende Kategorien ein: Lernen, kreatives Denken, Motivation, soziales Verhalten und Selbstbestimmung ein:

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Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668070356
ISBN (Buch)
9783668070363
Dateigröße
911 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308718
Institution / Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung – Department für interaktive Medien und Bildungstechnologien
Note
1,00
Schlagworte
Fehldiagnose Begabung Hochbegabung ADHS Diagnose Ursachen von Fehldiagnosen Auswirkungen von Fehldiagnosen

Autor

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