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Der Kommunikationsbegriff bei Niklas Luhmann und Jürgen Habermas. Ein Theorienvergleich

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Soziologie - Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Person Jürgen Habermas und der Theorie des kommunikativen Handelns
2.1 Grundstrukturen der Kommunikation
2.2 Kommunikatives Handeln
2.3 Lebenswelt und System: Zweistufiges Modell der Gesellschaft

3. Zur Person Niklas Luhmann
3.1 Luhmanns Theorie der sozialen Systeme
3.2 Kommunikation nach Luhmann

4. Vergleich der beiden Konzeptionen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Niklas Luhmann gilt als der bedeutendste Vertreter der funktionalistischen Systemtheorie und Jürgen Habermas ist einer der bekanntesten Befürworter der kritischen Theorie. Sie sind zwei der wichtigsten Soziologen der modernen Zeit. In Deutschland werden ihre Ansätze heftig debattiert und die umfangreiche Fachliteratur, die sich mit den Theorien der beiden beschäftigt, beweist ihre starke Einflussnahme und Präsenz. Besonders die Auseinandersetzung zwischen ihnen im Werk „Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?“ (1971) etablierte sie zu den einflussreichsten Sozialtheoretikern Deutschlands (vgl. Stichweh 2007: 241). In diesem Werk vertreten sie ihre Ansätze und Positionen und stellen sie einander kritisch gegenüber. Diese Luhmann-Habermas-Kontroverse erregte großes Aufsehen und wurde massenhaft diskutiert. Die Relevanz des Themas resultiert aus der Tatsache, dass Luhmann und Habermas in einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind und mit ihren theoretischen Auffassungen und Werken großen Einfluss in verschiedensten Bereichen und Disziplinen - zum Beispiel in der Soziologie und der Kommunikationswissenschaft - hatten und immer noch haben. Habermas` Hauptwerk ist seine „Theorie des kommunikativen Handelns (1981)“, in der er die Bedeutung des kommunikativen Handelns für die Gesellschaft untersucht. Die Hauptwerke Luhmanns sind „Soziale Systeme“ und „Die Gesellschaft der Gesellschaft“. Letzteres enthält über 70 Schriften und mehr als 450 Aufsätze (vgl. Berghaus 2004: 17). Luhmanns Intention war es, nicht nur Teilbereiche der Gesellschaft abzudecken, sondern die Gesellschaft als Ganzes in den Fokus der Betrachtung zu stellen. Die gesamte Theorie der beiden vorzustellen ist nicht realisierbar, da dies den vorgegebenen Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde. Da Kommunikation für die Möglichkeit sozialer Ordnung bei Luhmann wie auch bei Habermas eine zentrale Rolle in ihren Theorien einnimmt, liegt der Fokus in vorliegender Hausarbeit auf dem Kommunikationsbegriff. Aber sind die Definitionen, die Funktionen und die Auffassungen der beiden komplett unterschiedlich oder lassen sich doch einige Gemeinsamkeiten erkennen? Um diesen Unterschieden beziehungsweise Ähnlichkeiten in den theoretischen Konstrukten von Luhmann und Habermas auf den Grund zu gehen, werden beide einem Vergleich unterzogen. Zu Beginn werden die Gesellschaftstheoretiker kurz vorgestellt. Anschließend werden die Grundzüge ihrer Theorie grob veranschaulicht, um dann explizit auf den Kommunikationsbegriff einzugehen. Nachdem alle theoretischen Gesichtspunkte berücksichtigt wurden, werden die zwei Auffassungen einander gegenüber gestellt, um die Überschneidungen und Differenzen klar darstellen zu können. Abschließend werden die wichtigsten Aspekte in der Reflexion auf den Punkt gebracht, um der Frage auf den Grund zu gehen, inwiefern und in welchen Gesichtspunkten sich die Auffassungen von Luhmann und Habermas unterscheiden beziehungsweise in welcher Hinsicht diese in eine ähnliche Richtung gehen .

2. Zur Person Jürgen Habermas und der Theorie des kommunikativen Handelns

Anette Treibel stellt die Persönlichkeit Jürgen Habermas` in einer Kurzbiografie prägnant dar (vgl. Treibel 2006: 158f): Habermas wurde 1929 in Düsseldorf geboren und studierte in Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie, Deutsche Literatur und Ökonomie. Mit seiner Schrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ habilitierte er 1961 in Marburg. Zwischen 1961 und 1964 war er als Professor für Philosophie in Heidelberg tätig, bevor er bis 1971 als Professor für Philosophie und Soziologie in Frankfurt arbeitete. Am Max-Planck-Institut in Starnberg erforschte er von 1971 bis 1983 als Direktor die Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt. Im Laufe seines Lebens erhielt er unter anderem den Hegel-Preis der Stadt Stuttgart, den Adorno Preis der Stadt Frankfurt und wurde nach seiner Emeritierung 1993 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Jürgen Habermas gilt heute als „[…] einer der international bedeutendsten Philosophen und Soziologen der Gegenwart“ (Honneth 2007: 296).

Das doppelbändige Werk „Theorie des kommunikativen Handelns“ ist ein umfassendes, komplexes und vielschichtiges Werk. Dies macht eine Darstellung dieser Theorie in ihrem vollen Ausmaß im Rahmen dieser Arbeit unmöglich. Es wird jedoch versucht, die Theorie in ihren Grundzügen vorzustellen und gesonderte, für die Thematik wichtige Aspekte, besonders hervorzuheben. Das Augenmerk liegt hier vor allem auf der Kommunikation und der Interaktion zwischen Individuen, damit im Folgenden ein Vergleich mit Luhmanns Kommunikationsauffassungen realisiert werden kann. Bevor jedoch ein Vergleich mit Luhmanns Auffassungen stattfinden kann werden in den folgenden Absätzen zunächst die Grundstrukturen der Kommunikation nach Habermas sowie der wichtige Begriff des kommunikativen Handelns uns sein zweistufiges Modell der Gesellschaft, das aus Systemen und der Lebenswelt besteht, in den Fokus der Betrachtung gestellt.

2.1 Grundstrukturen der Kommunikation

Zu Beginn sollte erwähnt werden, dass bei Habermas das gesellschaftliche Normen- und Wertesystem eng mit der Kommunikation verbunden ist, weswegen er auch davon ausgeht, dass Kommunikationen ehrlich und wahrhaftig sein können, da implizite Regeln gelten. Diese impliziten Regeln nennt Habermas Geltungsansprüche (vgl. Rapic 2008: 345): Wahrheit, Verständlichkeit, Wahrhaftigkeit und Richtigkeit. Diese vier Geltungsansprüche bilden zusammen die Voraussetzung für Verständigungsprozesse und werden bei kommunikativem Handeln vorausgesetzt. Wenn der Hörer Grund zur Annahme hat, dass einer dieser Ansprüche nicht erfüllt wurde, hat er die Möglichkeit den Sprecher daraufhin zu kritisieren. Wahrheit in der Aussage muss nach Habermas die Möglichkeit nach sich ziehen, dem Gesagten zustimmen zu können. Wahrhaftigkeit hingegen beschreibt er als die Aufrichtigkeit der am Sprechakt beteiligten Personen. Verständlichkeit ist streng genommen kein Geltungsanspruch, da sie der Kommunikation vorausgesetzt ist (vgl. Treibel 2008: 168). Richtigkeit impliziert, dass die Aussagen kongruent mit der realen, normativen Welt sein müssen. Er geht weiterhin davon aus, dass es unterschiedliche Sprechakte gibt, die wiederum mit den Geltungsansprüchen verbunden sind. Hierunter fallen konstative, expressive und regulative Sprechakte. Konstative bezeichnen Behauptungen oder Sachverhalte. In dieser Sprechhandlung kann der Wahrheitsgehalt von Aussagen bestritten werden. Mit Regulativen werden Bitten, Aufforderungen oder Befehle, die sich auf Normen beziehen, bezeichnet. Somit kann hier die normative Richtigkeit bestritten werden. Mit expressiven Sprechhandlungen wird das innere Erleben einer Person verbunden. Innerhalb dieses subjektiven Sprechaktes kann die Wahrhaftigkeit des Sprechers bestritten werden (vgl. Rapic 2008: 345). Wichtig ist, dass die Geltungsansprüche in den Sprechakten immer angezweifelt werden können, sodass die Möglichkeit besteht, dass alle am Sprechakt beteiligten Personen zu einem rationalem Einverständnis – zu einem Konsens - bezüglich der Geltungsansprüche gelangen können. Von Diskursen spricht Habermas, wenn die Geltungsansprüche im Sprechakt selbst zum Thema werden und überprüft werden, da Uneinigkeit vorliegt. Weiterhin beziehen sich die Sprachhandlungen auf unterschiedliche Realitätsbereiche (vgl. Treibel 2008: 167 und 169): Tatsachen beziehen sich auf die objektive Welt. Sie stellt die äußere Natur dar und impliziert den Geltungsanspruch der Wahrheit. In der sozialen Welt sind die Normen und Interaktionen verankert. Hier gilt der Geltungsanspruch der Richtigkeit, das heißt, dass die Richtigkeit der Norm von allen Beteiligten anerkannt werden muss, da es ansonsten zu einem Diskurs kommt. Zusammen mit der normativen Welt bilden sie die Außenwelt. Eine weitere Unterscheidung ist die subjektive Welt, sie stellt die Innenwelt dar. Wahrhaftigkeit ist der damit verbundene Geltungsanspruch, was bedeutet, dass sich die Teilnehmer eines Sprechaktes gegenseitig Aufrichtigkeit unterstellen. In kommunikativen Handlungen treten die Weltbezüge gewöhnlich nicht differenziert voneinander auf, da sprachliche Äußerungen meist alle miteinander vereinen.

Nachdem nun die Grundstrukturen der Kommunikation ausgearbeitet wurden, kann im nächsten Abschnitt explizit auf den Begriff des kommunikativen Handelns eingegangen werden.

2.2 Kommunikatives Handeln

In seiner Theorie führt Habermas mehrere Handlungstypen ein: instrumentelles, strategisches und kommunikatives Handeln. Letztere Handlungstypen bezeichnet er als soziale Handlungen. Instrumentelles Handeln bezieht sich auf Objekte, ist erfolgsorientiert und ein nicht- soziales Handeln. Strategisches und kommunikatives Handeln ist soziales Handeln. Strategisches Handeln ist rein erfolgsorientiertes Handeln und wird durch eben diese Orientierung koordiniert. Hierbei ist es für den Sprecher irrelevant, ob Verständigung erzielt wird, wichtig ist nur, dass der Handlungserfolg einsetzt. Der Sprecher wählt „[…] Mittel und Zwecke unter Gesichtspunkten der Maximierung von Nutzen bzw. Nutzenerwartungen […]“ (Habermas 1981a: 127). Demgegenüber steht das kommunikative Handeln, welches zum Ziel die gemeinsame Verständigung hat und demnach ein verständigungsorientiertes Handeln ist. Ziel der Verständigungsprozesse ist es wiederum, zu einem Einverständnis zu gelangen, das auf gemeinsamen Überzeugungen beruht (vgl. Habermas 1982: 387).

Im kommunikativen Handeln sind die Beteiligten nicht primär am eigenen Erfolg orientiert; sie verfolgen ihre individuellen Ziele unter der Bedingungen, daß sie ihre Handlungspläne auf der Grundlage gemeinsamer Situationsdefinitionen aufeinander abstimmen können (Habermas 1982: 385)

Beim kommunikativen Handeln wissen Sprecher und Hörer, dass jeder von ihnen die oben vorgestellten Geltungsansprüche erheben muss, wenn Verständigung erzielt werden soll und beide wissen, dass der jeweils Gegenüber dies auch beim Anderen tut. Wenn diese jedoch nicht akzeptiert werden müssen die Geltungen der Ansprüche diskursiv überprüft werden. Kommunikatives Handeln umfasst auch andere Handlungsformen, diese werden von Habermas als Grenzfälle (vgl. Treibel 2008: 171) des kommunikativen Handelns bezeichnet: Die Konversation, das dramaturgische Handeln und das normregulierte Handeln, welche im Gegensatz zum strategischen Handeln ebenfalls verständigungsorientiert ausgerichtet sind. Habermas stellt strategisches Handeln und die Grenzfälle des kommunikativen Handelns und die damit verbundenen Merkmale ausführlich dar (Habermas 1982: 439): Der zugrunde liegende Sprechakt der Konversation ist der Konstative, welcher sich auf die objektive Welt bezieht. Hier kann der Wahrheitsgehalt der Darstellung von Sachverhalten in Frage gestellt werden. Dramaturgisches Handeln bezieht sich auf die subjektive Welt und vollzieht sich im expressiven Sprechakt, welcher den Geltungsanspruch der Wahrhaftigkeit besitzt. Man kann also hier die Unwahrhaftigkeit einer bestimmten Äußerung kritisieren. Im normregulierten Handeln geht es darum, intersubjektive Beziehungen herzustellen. Der zugrunde liegende Geltungsanspruch ist der der Richtigkeit. Hier kann diskursiv gelöst werden, ob die Richtigkeit normkonform ist. Strategisches Handeln bezieht sich auf die äußere Natur und ist als einziges erfolgsorientiert. Das Ziel ist hierbei die Beeinflussung des Gegners. Des Weiteren existiert ein Bereich des verdeckt strategischen Handelns, dass ebenfalls nicht an Verständigung orientiert ist, sich jedoch auf die Merkmale verständigungsorientiertes kommunikativen Handeln stützt. Habermas nennt dies bewusste Täuschung, also Manipulation, und unbewusste Täuschung, in der der Sprecher systematisch die Kommunikation verzerrt (vgl. Habermas 1982: 446).

2.3 Lebenswelt und System: Zweistufiges Modell der Gesellschaft

Zwischen der Lebenswelt der Akteure und dem kommunikativen Handeln besteht ein enger Zusammenhang, weswegen hier der Vollständigkeit halber ein grober Überblick über Habermas` zweistufiges Modell der Gesellschaft gegeben wird.

Die kommunikativ Handelnden bewegen sich stets innerhalb des Horizonts ihrer Lebenswelt; aus ihm können sie nicht heraustreten. […] Die Strukturen der Lebenswelt legen die Formen der Intersubjektivität möglicher Verständigung fest. […] Die Lebenswelt ist […] der transzendentale Ort, an dem sich Sprecher und Hörer begegnen; wo sie reziprok den Anspruch erheben können, daß ihre Äußerungen mit der Welt […] zusammenpassen; und wo sie diese Geltungsansprüche kritisieren und bestätigen, ihren Dissens austragen und Einverständnis erzielen können. (Habermas 1981b: 192 [Hervorh. d. Verf.]).

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Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668073449
ISBN (Buch)
9783668073456
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308619
Note
1,3
Schlagworte
kommunikationsbegriff niklas luhmann jürgen habermas theorienvergleich
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