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Der Personenkult um Ernst Thälmann. Eine Betrachtung mithilfe Max Webers Konzept der charismatischen Herrschaft

Hausarbeit 2015 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Einleitung

B Ernst Thälmann – ein charismatischer politischer Führer?

1 Die Theorie der charismatischen Herrschaft von Max Weber

2 Anwendung der Theorie im Kontext der Weimarer Republik

3 Der Begriff Führer

4 Anwendung des Führerbegriffs im Kontext Thälmanns und der KPD

5 Ernst Thälmann vor Amtsantritt als Vorsitzender der KPD

6 Ernst Thälmann als Vorsitzender der KPD zwischen 1925 und
6.1 Die Partei in der Krise – Machtübernahme Thälmanns
6.2 Die Neuorientierung der KPD
6.3 Der RFB
6.4 Das Auftreten Thälmanns
6.4.1 Medien
6.4.2 Reden und Schriften
6.4.2.1 Inhaltsebene
6.4.2.2 Wie hielt Ernst Thälmann seine Reden?
6.4.3 Präsenz

7 Thälmann und die Abhängigkeit zur Sowjetunion
7.1 Die Wittorf-Affäre
7.2 Die Rolle der Kommunistischen Internationale

C Fazit

A Einleitung

Der in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) aufgebaute Kult um den Parteivorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) zwischen 1925 und 1932 zeigt sich noch heute in den unterschiedlichsten Medien aus damaliger Zeit. Eine kleine Recherche oder ein Besuch in der Bibliothek lassen erahnen, wie sehr Ernst Thälmann in der Weimarer Republik heroisiert wurde. Denkmäler, wie das in Berlin am Prenzlauer Berg stellen einen entschlossen blickenden Arbeiterführer mit geballter Faust und stilisierter Arbeiterfahne dar. Doch beispielsweise auch in der DDR aufgenommene Dokumentationen decken den Kult um die Galionsfigur der KPD wieder auf.

Handelt es sich um einen „Thälmann-Mythos“, der erst nach seinem Tod im Konzentrationslager (KZ) Buchenwald geschaffen wurde oder war der Parteivorsitzende bereits zu Lebzeiten ein Führer, der eine so emotionale Bindung zu seiner Gefolgschaft besaß, dass sich ein Kult in diesem Ausmaß entwickeln konnte? Laut des Soziologen Max Weber ist ein primär emotionales Verhältnis zwischen Führer und Anhänger ein Indiz für eine charismatische Herrschaft.[1] War „Teddy“ (so wurde Thälmann genannt) ein charismatischer Führer, der sich durch eine charismatische Herrschaft auszeichnete? Um diese Frage beantworten zu können wird anhand einiger Schwerpunkte die Person Thälmann und die Beziehung zu seiner Gefolgschaft analysiert.

Zu Beginn beschäftigt sich diese Arbeit mit den Begrifflichkeiten „charismatische Herrschaft“ und „Führer“, um ein Grundverständnis für die Thematik zu schaffen. Dazu wird die Theorie der charismatischen Herrschaft von Max Weber genutzt. Anhand dieser Theorie wird dann Thälmann und das Verhältnis zu seinen Anhängern genauer betrachtet.

Die Literaturrecherche zu der Person Ernst Thälmann ergibt vor allem viele subjektive Texte und weniger kritische Literatur. So schreibt Hermann Weber 2003: „Die Literaturlage um Thälmann ist [...] äußerst diffus, das Bild, das sich der Fortschung bietet, gleicht einer chaotischen Landschaft […].“[2]

Aus diesem Grund wird neben kritischer Literatur auch Literatur hinzugezogen, die in erster Linie den deutschen Kommunismus thematisiert. Für tiefe Einblicke in die Reihen der KPD und in die Person Thälmann werden Reden und Schriften Thälmanns und eine Biographie aus der DDR genutzt.

B Ernst Thälmann – ein charismatischer politischer Führer?

1 Charismatische Herrschaft nach Max Weber

Max Webers Definition einer charismatischen Herrschaft sollte zunächst vom heutigen Charismaverständnis getrennt werden, in dem Charisma lediglich die besondere Ausstrahlungskraft eines Menschen ist. Webers Auffassung des Charismabegriffes stellt die Beziehung zwischen einer Person und seinen Anhängern dar. Dieser Fokus wird in dieser Auseinandersetzung ebenfalls verwendet, weil jeder Politiker primär von der Beziehung zu seiner Gefolgschaft abhängig ist.

Nach Weber zeichne sich die charismatische Herrschaft durch ein vor allem emotionales Verhältnis zwischen einem Leiter und seiner Gefolgschaft aus.[3] Diese Art des Verhältnisses entstehe, indem der Leiter eine Krise mithilfe von „übernatürlichen“ (im Sinne von: nicht jedermann zugänglichen) körperlichen und geistigen Fähigkeiten überwinde.[4]

Die charismatische Person betitelt Weber in seiner Theorie als „Charismaträger“, die Gefolgschaft wird als „Charismagläubige“ bezeichnet.[5] Zudem spiele es keine Rolle ob der Charismaträger reale charismatische Eigenschaften besitzt, da die Qualität des Charismaträgers auf den Zuschreibungen der Gefolgschaft beruhe.[6]

Der Ausgangspunkt einer charismatischen Herrschaft sei eine krisenhafte Situation, welche vom Charismaträger genutzt werde. Dieser erlange dadurch ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Der Charismaträger stürze im zweiten Schritt die Gewohnheiten und überwinde die krisenhafte Situation. Die primär emotionale Beziehung zwischen dem Charismaträger und den Charismagläubigen zeige sich durch persönliche Hingabe und Anerkennung. Gestützt werde diese Form des Verhältnisses durch Erregung und Hoffnung.[7]

Andererseits sei das Verhältnis der Hingabe labil, da es nicht an Ordnungen gebunden sei. Diese Unsicherheit äußere sich, indem es keine geregelte Alltagswirtschaft gäbe.[8]

Die durch die Wirtschaft produzierten materiellen Unterhaltungsmittel seien in dieser Art der Herrschaft weniger in Form von Gehältern, als in Form von Ehrengeschenken zu sehen. Der Führer teile die Unterhaltungsmittel ohne Abrechnung und Vertrag. Das Ideal für die Gefolgschaft sei hierbei die soziale und politische Ehre.[9] Die Bedrohung einer charismatischen Herrschaft sieht Weber in der „Veralltäglichung“. Diese sei unvermeidlich, da die Herrschaft auf Dauer den normalen Alltagserfordernissen und ökonomischen Zwängen angepasst werden müsse.[10]

2 Anwendung der Theorie im Kontext der Weimarer Republik

Auch wenn Max Weber die Theorie der charismatischen Herrschaft meist in einem religiösen Kontext verwendet und die Theorie bereits vor Lebzeiten Thälmanns geschaffen wurde, lässt sie sich auch im Kontext der Weimarer Republik verwenden. Zu beachteten ist, dass Weber in seinen Schriften zur charismatischen Herrschaft einen Idealtypus beschreibt, der in diesem Ausmaß nicht erreicht werden kann.

3 Führer Definition

Was macht eine Person zu einem Führer? Sie führt Menschen an. Aus diesem Grund definiert ein Teil der Forschung Führung als Einflussausübung, die durch den Führer ausgeübt wird.[11]

Hierbei übe ein hierarchisch Vorgesetzter Einfluss auf Unterstellte aus. Der Fokus liege mehr auf dem „Führer“ als auf der Gefolgschaft. Diese Asymmetrie übersehe jedoch, dass die Gefolgschaft ebenso eine wichtige Rolle spiele.[12] Hinsichtlich dieses Problems typisiere ein anderer Kreis der Forschung die Führung als wechselseitige Einflussnahme und hebe somit das Gewicht der Gefolgschaft an.[13].

Die Funktion eines politischen Führers sei neben der Schaffung eines Konsens in der Anhängerschaft, auch die Motivationsaufgabe. Sie sehe vor, unter den Anhängern die Bereitschaft zu entwickeln, dass sie ihre Ressourcen in den Dienst der Gruppe stellen. Eine weitere wichtige Aufgabe sei die Schaffung von Gruppen- und Organisationszielen, indem der Führer Ziele und Aufgabe vorlege.[14]

4 Anwendung des Führerbegriffs im Kontext Thälmanns und der KPD

Das Übertragen der theoretischen Ebene auf die praktische birgt Schwierigkeiten. Es fällt schwer Thälmann im Allgemeinen als einen Führer zu bezeichnen. In der vorliegenden Arbeit bildet daher die Person Thälmann nach Amtsantritt als Vorsitzender der KPD einen Schwerpunkt. Die Gründe dafür sind simpel. Thälmann war vor Amtsantritt hierarchisch nicht signifikant höhergestellt als seine Anhänger und ebenso war seine Anhängerschaft kaum so groß, wie sie es in der Zeit als Parteivorsitzender war. Schwierig wird es eine Grenze zu ziehen, ab was für eine Anhängerzahl eine Person als Führer bezeichnet werden kann. Ebenso verhält es sich mit der Hierarchie. Eine hierarchisch höhergestellte Person, kann der Vater eines Kindes sein, aber ebenso der Präsident einer Nation. Aus diesem Grund wird die Person Thälmann bereits vor Amtsantritt betrachtet, jedoch bleibt der Fokus auf die Zeit als Parteivorsitzender in den Jahren 1925 bis 1933 gerichtet. In dieser Zeit entfaltet sich erst der Führerbegriff.

5 Ernst Thälmann vor Amtsantritt als Vorsitzender der KPD

Am 16. April 1886 wurde Ernst Thälmann in Hamburg geboren, als die Hafenstadt durch den Handel rasant wuchs und sich zu einem industriellen Ballungsgebiet entwickelte. Geprägt hat ihn der elfwöchige Hafenarbeiterstreik in den Jahren 1896 bis 1897 bezüglich einer Verkürzung der Arbeitszeit und einen höheren Lohn. Nach der siebten Klasse besuchte Thälmann die Selekta, in der die besten Absolventen der siebten Klassen zusammengefasst und von Fachlehrern unterrichtet wurden. Im Alter von 16 Jahren zog Thälmann von Zuhause aus, bevor er am 15. .Mai 1903 der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) beitrat. Im Krieg desertierte Thälmann am 09. November 1918 und kehrte nach Hamburg zurück.

In Hamburg geriet er durch hohes Engagement wieder in den Fokus der Öffentlichkeit und wurde am 11. Mai 1919 zum ersten Vorsitzenden der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) Hamburg gewählt, die sich im November 1920 der KPD anschloss.[15] Im Februar 1925 wurde Thälmann 1. Bundesvorsitzender im paramilitärischen Roten Frontkämpferbund (RFB).[16]

Vor allem sein Auftreten bei Veranstaltungen schien einen großen Eindruck zu hinterlassen und ihm diesen Aufstieg ermöglicht zu haben. Beispielsweise äußerte der Reichskommissar für Überwachung der öffentlichen Ordnung 1925 bezüglich Thälmanns starken Eindruck auf seine Zuhörer:

„Thälmann erscheint als ein Mann von ungewöhnlicher Energie, scharfem Verstand verbunden mit einer guten Dosis Schlauheit. Er liebt es, schon rein äußerlich – so trägt er in Versammlungen

gewöhnlich keinen Kragen – als Arbeiter aufzutreten. Es geht von ihm eine starke Suggestionskraft auf seine Zuhörer aus.“[17]

Die Selbstdarstellung als Arbeiter und die daraus resultierende Suggestionskraft wurde durch die Präsenz Thälmanns auf vielen Ebenen gestärkt. So berichtete Thälmann in einem Brief vom 24. Juni 1925, dass er für diverse Bereiche Verantwortung trug. Er war stellvertretender Parteivorsitzender der KPD, Bundesvorsitzender des RFB, Mitglied des Politbüros und Verbindungsmann zwischen Politbüro und Organisationsbüro. Außerdem vertrat er die Zentrale im Bezirk Wasserkante, war Vorsitzender der Reichstagsfraktion und verantwortlich für die gesamte antimilitaristische Arbeit sowie für propagandistische und agitatorische Tätigkeiten. [18] Seine Arbeit schien Erfolg zu haben, denn Ernst Thälmann wurde am ersten September 1925 Vorsitzender der KPD.

Thälmann war - streng genommen - vor Amtsantritt kein „Führer“ mit einer riesigen Anhängerschaft. Dennoch lohnt es sich einen Blick auf das Frühstadium der politischen Macht Thälmanns zu werfen, da hier bereits wichtige Merkmale zu finden waren, die Thälmann später eine derartige politische Karriere ermöglichten.

Wichtig im Hinblick auf die Theorie der charismatischen Herrschaft war die hohe Präsenz Thälmanns. Sie zeichnete sich durch viele Aufgabenbereiche, Stellungnahmen oder Anwesenheit anderer Art aus. Gepaart durch die Fähigkeit bei Auftritten einen Eindruck zu hinterlassen, wirkte Thälmann stets erreichbar für seine Anhänger.

Dies scheint der Definition eines charismatischen Führers zu widersprechen, der „gottähnlich“ Befehle von oben erteilt und von dem die Gefolgschaft „übernatürliches“ (hier: außerordentlich gut) erwartet.[19] Doch im Hinblick auf die so entstandene Beziehung zwischen Thälmann und seiner Gefolgschaft sollte bedacht werden, dass diese gerade durch einen präsenten Führer verstärkt emotional wirkte.

Thälmann sympathisierte mit seinen Anhängern, indem er für Fragen zur Verfügung stand und Dinge selbst in die Hand nahm. Ihr „Teddy“ (schon der Spitzname verdeutlicht die emotionale Beziehung) kannte das Leid der Arbeiterklasse als „einer von ihnen“. So schilderte ein Parteianhänger nach einer Begegnung mit Thälmann: „Als wir auseinandergingen, sagte ein Kamerad: ‚Siehst du, das ist unser Ernst Thälmann, der Vorsitzende der Partei und des Roten Frontkämpferbundes – ein Arbeiter, einer von uns‘. Das war der Gedanke, der alle Kameraden bewegte.“[20] Mit dieser Bindung schaffte es Thälmann, dass die Arbeiter sich ihm anvertrauten und Hoffnung mit ihm verbanden.

[...]


[1] Vgl. Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte. Nachlaß. 4. Teilband: Herrschaft. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 2005. S.481

[2] Weber, Hermann; Bayerlein, Bernhard H.: Der Thälmann Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin. Bd. 2. Ulm: Aufbau-Verlag 2003. S.42

[3] Weber 2005, S.481

[4] Weber, Max, 2005. S.460

[5] Vgl. Ebd. S.464

[6] Vgl. Möller, Frank (Hrsg.): Charismatische Führer der deutschen Nation. 2. Aufl. München: Oldenbourg 2004. S.5

[7] Vgl. Ebd. S.5 f.

[8] Vgl. Ebd. S.6

[9] Vgl. Weber 2005, S.486

[10] Vgl. Möller 2004, S.6

[11] z.B. bei Lord R. G. & Brown: Leadership processes and follower identity. Mahwah, NJ. 2004

[12] Vgl. Gast, Henrik: Der Bundeskanzler als politischer Führer. Potenziale und Probleme deutscher Regierungschefs aus interdisziplinärer Perspektive. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss. 2011. S. 22 f.

[13] z.B. bei Rost, Joseph C.: Leadership for the twenty first century. Westport, USA: Praeger Publishers 1991

[14] Vgl. Gast 2011, S.23

[15] Vgl. Hortzschansky, Günter et al.:Ernst Thälmann – Eine Biographie. 3. Aufl. Berlin: Dietz Verlag 1980. S.13 ff.

[16] Vgl. Ebd. S.237

[17] Hortzschansky, Günter et al. 1980, S.221

[18] Vgl. Hortzschansky 1980, S.238

[19] Vgl. Weber 2005, S.466

[20] Hortzschansky 1980, S.332

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668066861
ISBN (Buch)
9783668066878
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308512
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,00
Schlagworte
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