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Die Lüge nach Erving Goffman und ihre Auswirkungen auf das zwischenmenschliche Vertrauen

Hausarbeit 2009 22 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. „Du sollst nicht lügen!“

2. Eine soziologische Analyse zur Entstehung von lügenähnlichen Phänomenen von Erving Goffman
2.1. Zur Person Erving Goffmans
2.2. Rollentheorie Erving Goffmans
2.2.1. Das Modell
2.2.2. Verhältnis zwischen Selbst und Rolle
2.3. Die Rahmen-Analyse Erving Goffmans
2.3.1. Das Modell
2.3.2. Primäre Rahmen
2.3.3. Rahmen-Transformation
2.3.3.1. Rahmen-Modulation

3. Täuschung gleich Lüge?

4. Lügenhafter Alltag und die Auswirkungen auf das Vertrauen
4.1. Die Folgen von Rollenspiel, Rahmenmodulation und Täuschung
4.1.1. Rolle
4.1.2. Rahmen
4.2. Die Auswirkungen der Lüge – Besonders auf das Vertrauen
4.2.1. Für den Lügner selbst
4.2.2. Für den Belogenen
4.3. Vertrauen –Warum eigentlich?

5. Wahrheit ist doch nur was für Idioten!?

Literaturverzeichnis

Lexika

Internet

1. „Du sollst nicht lügen!“

„Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.“[1] So steht es zumindest in der Bibel. Eindeutiger könnte es kaum formuliert sein, aber im Alltag können wir mit dieser Forderung, wenn wir ehrlich sind, wohl kaum etwas anfangen.

Betrachtet man den Lügenbegriff, welcher besagt, dass zu einer Lüge die Falschaussage und die Absicht zu täuschen gehört, wird man schnell feststellen, dass das menschliche Zusammenleben so ganz ohne Lüge sehr schwer vorstellbar ist. Dass unser zwischenmenschliches Vertrauen durch Lügen verletzt wird, ist einem jeden bewusst, aber schädigt nicht manchmal auch die Wahrheit das Vertrauen zwischen den Menschen, weil sie häufig verletzend sein kann? Man muss also zwischen den verschiedensten Arten der Lüge unterscheiden und kommt dabei wohl sehr schnell auf Begriffe wie „Notlüge“ oder „Höflichkeitslüge“ und sieht diese als erlaubt an, weil man damit ja häufig Beziehungen oder Andere schützt und keinem schadet. Scherz- und Dienstlügen werden zu meist toleriert oder sogar befürwortet.

Die Schadenslüge, mit welcher man sich selbst einen Vorteil verschafft und anderen schadet, gilt allerdings gemeinhin als verwerflich.

„Du sollst nicht lügen!“ Das hat Gott dem Menschen aufgetragen.

„Lügen haben kurze Beine.“, „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.“ sind gängige Sprichwörter und auch Pinocchios Nase wächst bei jeder Lüge beträchtlich an, was ihn lehrt, das Lügen sein zu lassen.

Lehren wir nicht unseren Kindern die eindeutige moralische Verwerflichkeit von Lügen? Allerdings müssen wir uns bewusst machen, dass wir in eine Welt voller Lügen eingebettet sind. Es ist also ein differenzierter Umgang mit der Lüge gefordert, und um die einzelnen Lügen moralisch bewerten zu können, ist es von essentieller Bedeutung, über ihre Entstehung bescheid zu wissen. Aus diesem Grund widmet sich die folgende Arbeit der soziologischen Alltags-Analyse Erving Goffmans, welche genau darüber Auskunft gibt. Da der Soziologe selbst den Begriff der Lüge meidet und von Täuschungen spricht, sollen diese beiden Begriffe im Anschluss kurz einander gegenübergestellt werden. Von diesem Standpunkt aus werden schließlich die Auswirkungen der Lüge auf das Vertrauen betrachtet. Somit soll diese Arbeit einen Ausgangspunkt für weitere moralische Bewertungen von Lügen schaffen.

2. Eine soziologische Analyse zur Entstehung von lügenähnlichen Phänomenen von Erving Goffman

2.1. Zur Person Erving Goffmans

Bevor auf Goffmans einzelne Werke eingegangen wird, sollen zunächst die wichtigsten Informationen zu seiner Person und zu seinem Gesamtwerk kurz Erwähnung finden, um den Zugang zu dieser Thematik zu erleichtern: Am 11. Juli 1922 wurde Erving Goffman in Kanada geboren. Er erwarb 1949 den Master of Arts in Soziologie und wurde 1962 zum Professor berufen.[2] Goffman verfasste zahlreiche, viel gelesene, und in viele Sprachen übersetzte Werke, welche wohl so erfolgreich waren, „weil sie in witziger, leicht verständlicher Form den menschlichen Alltag mit seinen sozialen Überraschungen analysierten.“[3] Der Soziologe betrachtete in erster Linie „kleinere[, dem Leser zugängige] Welten und Ereignisse“[4] und wehrte sich „[g]egen reines, vom Alltag abgehobenes Theoretiesieren“[5]. Doch gerade deswegen forderte seine Arbeit ein hohes Maß an analytischem Können. Ihm gelang es, die versteckten Organisationsprinzipien, nach denen der menschliche Alltag abläuft, durch genauestes Beobachten dessen weitestgehend herauszuarbeiten. Aus seinem Werk geht hervor, dass das, was wir sehen, nicht immer das ist, was es zu sein scheint und beschreibt, wie diese Diskrepanzen aufgelöst bzw. geschaffen werden können. Somit gibt uns seine Arbeit – und besonders die Theorien seiner beiden Werke „Presentation of self in everyday life“ und „Frame-Analyse“ – Aufschluss darüber, wie lügenähnliche Phänomene entstehen. Diese beiden Theorien werden im Folgenden genauer erklärt, um dann von diesen aus den Bogen zur Lüge zu spannen.

2.2. Rollentheorie Erving Goffmans

Seine Rollentheorie entfaltet Erving Goffman in dem 1959 erschienen Werk „The presentation of self in everyday life“ – auf Deutsch „Wir alle spielen Theater“. Goffmans Grundannahme in dieser Theorie ist, dass „soziales Handeln […] Schauspiel“[6] ist. Daher verwendet er in seinen Ausführungen die Theatermetaphorik,

[d]enn auch wenn Theateraufführungen im Vergleich zu natürlichen Interaktionen nicht ‚wirklich’ sind und nicht die gleichen realen Auswirkungen haben wie diese, hängt die schauspielerische Inszenierung von realen Techniken ab – ‚den gleichen Techniken, mit deren Hilfe man sich im Alltagsleben in seiner realen sozialen Situation behauptet’[7].

Grob vereinfacht kann man sagen, gibt es die Darsteller und die Zuschauer. Wobei man an dieser Stelle festhalten muss, dass im Gegensatz zur Theateraufführung die Positionen des Zuschauers und des Darstellers nicht fest sind. Jeder ist im Alltag sowohl Zuschauer als auch Darsteller, die Positionen werden getauscht, bzw. gleichzeitig eingenommen.

2.2.1. Das Modell

Die Darsteller agieren auf der Bühne, welche in Hinter- und Vorderbühne geteilt ist. Auf der Hinterbühne bereitet der Darsteller seine Rolle vor, welche er dann auf der Vorderbühne aufführt.[8] Der Zuschauer hat lediglich Einblick auf die Vorderbühne, auf die Rolle, das „dargestellte Selbst“[9], nicht jedoch auf die Hinterbühne, auf das „Selbst des Darstellers“[10]. Manchmal gelingt es aber dem Zuschauer, einen Blick hinter die Kulissen zu erhaschen und somit inoffizielle Informationen zu erlangen[11], und zwar dann wenn der Darsteller beispielsweise aus seiner Rolle fällt, sich nicht völlig unter Kont’Rolle’ hat. „Wir müssen bereit sein zu sehen, daß der Eindruck von Realität, den eine Darstellung erweckt, ein zartes, zerbrechliches Ding ist, das durch das kleinste Mißgeschick zerstört werden kann.“[12] Wir sind als menschliche Wesen anfällig für Stimmungs- und Gemütsschwankungen, dürfen diese jedoch nur selten nach außen hin zeigen. Daraus lebt die Diskrepanz zwischen unserem Selbst und unserer gesellschaftlichen Rolle und genau diese immer einwandfrei aufrecht zu erhalten, fällt häufig sehr schwer oder misslingt, so dass es eben dem Zuschauer möglich wird, diese inoffiziellen Beobachtungen zu machen, weil der Darsteller sie auf die Vorderbühne gebracht hat.

2.2.2. Verhältnis zwischen Selbst und Rolle

Interessant ist nun aber in erster Linie die Betrachtung des Verhältnisses zwischen dem Selbst und der Rolle. „In unserer Gesellschaft werden die Rolle, die man spielt, und das Selbst, das man ist, in einer gewissen Weise gleichgesetzt“[13]. Anders formuliert bedeutet das, dass der dargestellten Rolle ein Selbst zugeschrieben wird, welches jedoch nicht organisch, sondern vielmehr dramaturgisch ist.[14] Doch genau das ist auch das Kennzeichen einer gelungenen Vorstellung, dass „das fixierte Selbst, das jeder dargestellten Rolle zugeschrieben wird, […] seinem Darsteller selbst zu entströmen [scheint].“[15] Die von uns gespielte Rolle sagt aber trotz all ihrer ‚Aufgesetztheit’ etwas über unser Selbst aus; „[n]icht wie wir erscheinen, sondern wie wir erscheinen wollen, das sagt etwas über uns.“[16]

Doch wie wählen und entwickeln wir diese Rolle eigentlich? Ist sie uns von unserer sozialen Umgebung in gewissem Maße zugeteilt, so wie dem Schauspieler die Rolle von dem aufzuführenden Stück zugewiesen ist? In wie weit können wir diese Rolle selbst gestalten? Die richtige Gestaltung unserer Rolle ist eine Gratwanderung: Einerseits müssen wir die uns durch unsere Umwelt zugetragene Rolle übernehmen, uns den Konventionen hingeben, andererseits müssen wir aber auch darauf achten, dass wir uns nicht völlig dem Konformitätsdruck hingeben, uns selbst weitestgehend treu bleiben.[17]

Komplizierter wird das Ganze noch, wenn man bedenkt, dass wir nicht nur eine Rolle spielen, sondern viele verschiedene. Wir alle leben in einer Vielzahl sozialer Beziehungen und sind in einer jeden dieser Beziehungen gezwungen, die passende, erwartete Rolle anzunehmen. Es ist für uns ganz ‚normal’, dass wir uns in unserem beruflichem Umfeld anders verhalten als in unserem privaten, in der Familie vielleicht eine andere Rolle spielen als in unserem Freundeskreis, das heißt, dass wir in den verschieden zwischenmenschlichen Beziehungen die unterschiedlichsten Rollen einnehmen. – In manchen Beziehungen sind wir die Verantwortungsvollen, in anderen können wir ausgelassener sein, weil der andere für uns diese Verantwortung trägt. Manche Rollen, die wir einnehmen, sind authentischer als andere, mit manchen können wir uns mehr identifizieren und es ist uns ein leichtes, sie glaubwürdig zu spielen, andere hingegen bedürfen viel Übung, weil sie unserem wahren Selbst sehr fremd sind. Und genau diese Rollen können unserer Identität gefährlich werden, wenn wir uns selbst zu verlieren drohen.

In diesem Zusammenhang sollte man darauf hinweisen, dass Goffman auch verschiedene Darsteller unterscheidet:

Zum einen gibt es den „Darsteller, der vollständig von seinem Spiel gefangen genommen wird;“[18] er geht davon aus, dass der Eindruck, den er von der Realität gibt auch wirklich Realität ist. Der durchschnittliche Zuschauer, welcher nicht mit soziologischem Wissen an die Sache herangeht, wird keine Zweifel an der Wirklichkeit des Dargestellten haben.[19]

Goffman nennt diesen Typus den „aufrichtigen Darsteller“.[20]

Als anderes Extrem wäre der Darsteller zu nennen, „den seine eigene Rolle überhaupt nicht zu überzeugen vermag.“[21] Diese „zynischen Darsteller“, wie Goffman sie nennt[22], können aus den verschiedensten Gründen solche sein. Manche können ihre eigene Rolle nicht glauben, weil sie sie selbst durchschauen und dieses Vermögen auch von anderen annehmen, anderen ist ihre Wirkung gleichgültig und wieder anderen gestattet ihr Publikum nicht einmal aufrichtig zu sein.[23]

Es gibt also Individuen, die sich von ihrem eigenen Spiel täuschen lassen und welche, die ihm zynisch gegenüberstehen.[24] Mit etwas Selbsttäuschung können wir auch eine Zwischenposition einnehmen, die es uns erlaubt, glaubhaft eine Rolle anzunehmen, ohne vorbehaltlos daran zu glauben. Dies ist dann auch ein gewisser Selbstschutz, kann aber schon als willentliche Manipulation der Außenwelt gedeutet werden, wobei die Annahme einer Rolle in erster Linie nicht der Manipulation dient, sondern der Ermöglichung des sozialen Zusammenlebens und als etwas völlig natürliches gilt. So hatte das Wort „Person“ ursprünglich die Bedeutung von „Maske“. Dies weist schon darauf hin, dass wir Menschen in unserem Leben ganz automatisch mit Hilfe von Masken Rollen annehmen. Diese Rolle wird zu einem Teil unseres Selbst.[25] „Wir kommen als Individuen zur Welt, bauen einen Charakter auf und werden Personen.“[26]

Die dadurch entstehende Täuschung unserer Umwelt ist also nicht der primäre Zweck unseres Rollenverhaltens, sondern nur die Folge unseres auf diese Weise gewährleisteten Selbstschutzes.

Masken sind bewahrter Ausdruck und bewundernswerte Echos des Fühlens, zugleich wahrheitsgetreu, zurückhaltend und übersteigert. Lebende Wesen, die der Luft ausgesetzt sind, brauchen eine Schutzhaut, und niemand wirft es der Haut vor, daß sie nicht das Herz ist; dennoch scheinen es manche Philosophen den Bildern zu verübeln, daß sie nicht die Dinge selbst sind, und den Worten, daß sie nicht die Gefühle sind. Worte und Bilder gleichen Schalen: Sie sind nicht weniger Bestandteile der Natur als die Substanzen, die sie umhüllten, aber sie wenden sich stärker an das Auge und liegen offener zutage.[27]

2.3. Die Rahmen-Analyse Erving Goffmans

Die zweite wichtige Theorie Goffmans, die in diese Arbeit Eingang findet, ist die „Rahmen-Analyse“. Goffman selbst beschreibt sein Werk als „ein[en] weiteren Anlauf zu Analyse und Betrug, Täuschung, Schwindelmotiven, verschiedenartigen Vorführungen usw.“[28] Dabei nimmt er sehr häufig Bezug auf seine vorhergehenden Werke und greift auch Gedanken aus diesen wieder auf. Allerdings darf man seinem Werk „Frame Analyse“ deshalb nicht unterstellen, dass es keinen neuen Erkenntniswert besitzt. Vielmehr kann man Herbert Willelms zustimmen, welcher betont, dass Goffman in seinem Werk „Frame-Analyse“ „eine Reihe seiner früheren Arbeiten [...] konzeptuell überbietet und integriert“[29].

Selbst rechtfertigt Goffman diese Wiederholungen dadurch, dass er angibt, er „versuche [s]eine Gedanken zu diesen Fragen zu ordnen, zu einer allgemeinen Aussage zu kommen.“[30]

[...]


[1] 2 Mo 20,16 oder auch „Du sollst nicht Falsches gegen deinen Nächsten aussagen“ ( 5 Mo 5,20)

[2] Vgl. Hettlage, Robert. Erving Goffman (1922-1982). In: Klassiker der Soziologie. Band 2. von Talcott Parsons bis Pierre Bourdieu. Hrsg. von Dirk Kaesler. München 1999. S. 188.

[3] Ebd. S. 189.

[4] Ebd. S. 189.

[5] Ebd. S. 189.

[6] Abels, Heinz. Die Individuen in ihrer Gesellschaft. 3. Auflage. Wiesbaden 2007. (= Einführung in die Soziologie 2). S. 349.

[7] Strauß, Katharina. Masken, Lügen, Demaskierung – Zur Ethnographie des Alltags. Hamburg 2006.

(=SOCIALIA, Studienreihe Soziologische Forschungsergebnisse 74). S. 71.

[8] Gofman, Erving. Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München 2003. S. 217.

[9] Strauß, Katharina. Masken. S. 70.

[10] Ebd. S. 70.

[11] Vgl. Ebd. S. 72.

[12] Goffman, Erving. Theater. S. 52.

[13] Ebd. S. 230.

[14] Vgl. Ebd. S. 231.

[15] Ebd. S. 231f.

[16] Abels, Heinz. Individuen. S. 352.

[17] Vgl. Hettlage, Robert. Erving Goffman. S. 196.

[18] Goffman, Erving. Theater. S. 19.

[19] Vgl. Ebd. S. 19.

[20] Vgl. Ebd. S. 20.

[21] Ebd. S. 19.

[22] Ebd. S. 20.

[23] Vgl. ebd. S. 20.

[24] Vgl. ebd. S. 20.

[25] Vgl. Strauß, Katharina. Masken. S. 75.

[26] Goffman, Erving. Theater. S. 21.

[27] Goffman, Erving. Theater. S. 2.

[28] Goffman, Erving. Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Frankfurt 1989. S. 30.

[29] Willems, Herbert. Rahmen und Habitus. Zum theoretischen und methodischen Ansatz Erving Goffmans. Vergleiche, Anschlüsse und Anwendungen. Frankfurt 1997. S. 30.

[30] Goffman, Erving. Rahmen-Analyse. S. 23.

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668068865
ISBN (Buch)
9783668068872
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308440
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Katholische Theologie
Note
1,3
Schlagworte
Lüge Alltagslüge Wahrheit Soziologie Goffman Rollen

Autor

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Titel: Die Lüge nach Erving Goffman und ihre Auswirkungen auf das zwischenmenschliche Vertrauen