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Hannah Arendt und die Frage nach dem Politischen

Essay 2011 7 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Was ist Politik? Ist Politik nicht vielschichtig, strukturiert und interpretiert unsere Welt und geht uns grundsätzlich alle etwas an, da wir gemäß ihrer Ansprüche in einer Gesellschaft zusammen leben?

Hannah Arendt hat sich Zeit ihres Lebens mit der Frage nach dem Politischen beschäftigt. In der Zusammenstellung von unveröffentlichtem Material, das von Ursula Ludz in „Was ist Politik? - Fragmente aus dem Nachlass“ zusammengetragen und herausgegeben wurde, kann man die prägende Philosophie über die Politik Hannah Arendts ergründen. Nach einem kurzen biographischen Überblick, sollen mit Hilfe der ausgewählten Textauszüge, die Missstände zwischen Gesellschaft und Politik verdeutlicht werden.

Hannah Arendt ist, im Oktober 1906, in einer deutsch-jüdischen Bürgerfamilie bei Hannover geboren. Nachdem sie ihr Abitur in Königsberg absolvierte, studierte sie, in den Jahren 1924-28, Philosophie als Hauptfach und protestantische Theologie, sowie griechische Philologie im Nebenfach. Als deutsch-jüdische Mitbürgerin war Hannah Arendt 1933 gezwungen, nachdem sie von einer kurzen Inhaftierung entlassen wurde, nach Paris zu emigrieren. Aufgrund historischer Ereignisse floh sie 1940 nach Lissabon und kurz darauf, wanderte sie, zusammen mit ihrem Mann Heinrich Blücher, nach New York aus. Hannah Arendt erwies sich als sozial engagiert und arbeitete als freie wissenschaftliche Schriftstellerin. Außerdem unternahm sie Gastprofessuren an amerikanischen Universitäten und veröffentlichte zudem zahlreiche Schriften, Essays und Bücher. Hannah Arendt bleibt als eine große einflussreiche Denkerin in Erinnerung, auch wenn sie die Berufsbezeichnung als Philosophin, in den Jahren bis kurz vor ihrem Tod, 1975, vehement ablehnte.

Aufgrund ihrer prekären Situation in Deutschland, zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges, begann sie sich schließlich für Politik zu interessieren und prägte unter Anderem den Begriff des Totalitarismus neu. Besonders in ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ stellte sie eine Parallele zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus her. Sie analysierte die Gründe für die Entstehung nationalsozialistischer Bewegungen und versuchte die Ursachen, Voraussetzungen und Merkmale einer totalitären Staatsform zu erklären.1

Im Folgenden sollen die Antworten Hannah Arendts auf die Problematik was Politik ist, was sie bedeutet und welchen Sinn sie hat, näher beleuchtet werden.

Antworten auf die Fragen bettet Hannah Arendt in mehreren Erklärungsansätzen ein und beginnt mit der Annahme, dass die Grundlage von Politik sich in der Pluralitä t der Menschen begründet. Nach Hannah Arendt, beruht die Politik demnach auf der vielfältigen Existenz der Menschen, eingeschlossen ihr persönliches Handeln, nach unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen, ihre freie Lebensführung und die gegenseitige Akzeptanz. Pluralität stellt in dem Sinne die Grundlage für das menschliche Handeln dar und ist weiterhin durch die Wahrnehmung und Toleranz der Anwesenheit anderer bedingt.

Anschließend weist Hannah Arendt darauf hin, dass es in der Natur des Menschen nichts Politisches zu finden gibt, sondern die Politik erst in der Gruppe, zwischen den agierenden Menschen entsteht und sich verwirklicht. Mit anderen Worten, bedeutet das die Schaffung einer Öffentlichkeit, die einen Raum für Meinungsaustausch bietet. Die Gefahr die für Hannah Arendt von der Politik ausgeht ist, die „[...] Entwicklung politischer K ö rper aus der Familie [...] 2. Anders ausgedrückt, warnt sie vor der Herausbildung einer Führerperson, die darauf bedacht ist, ein Abbild ihrer Selbst zu schaffen, indem sie die Menschen mit egoistischen Ideologien zu injizieren versucht und somit die grundlegende politische Tatsache, die auf der Akzeptanz des Miteinander-seins und dem Gemeinsamen beruht, zerstört. Hannah Arendt stuft die Herausbildung einer totalitären diktatorischen Staatsführung, wie von jene der Nazis, als gefährlich ein, da infolgedessen die Pluralitä t und simultan die ursprüngliche Gleichheit der menschlichen Individuen verloren geht. Die Menschen werden hier regelrecht nach bestimmten Ideologien geformt und dementsprechend ihrer Freiheit beraubt. Hannah Arendt zu Folge, kann politische Aufrichtigkeit nur existieren, wenn es den in einer Gesellschaft lebenden unterschiedlichen Individuen gegeben ist, sich gleiche Rechte zuzusprechen und sie die Möglichkeit erhalten, sich im Rahmen dieser zu verwirklichen. Weiterhin suggeriert Hannah Arendt, dass das Handeln in einem politischen Raum nicht auf der Basis eines freien Willen beruht, sondern die Menschen im Grunde von ihren Mitstreitern geleitet und von der gegebenen Welt, vor allem von der fortlaufenden Geschichte, beeinflusst werden.3

Im folgenden Kapitel beschäftigt sich Hannah Arendt mit dem Begriff Vorurteil. Sie beginnt mit einem gängigen Vorurteil gegen Politik und kritisiert im gleichen Zuge, die angebliche Machtlosigkeit der Gesellschaft. Ihrem Erachten nach, ist das gängigste Vorurteil gegen Politik, die enttäuschende Erkenntnis darüber, dass politische Handlungen lediglich aus einem Konstrukt von Lügen und egoistischen Interessen bestehen. Diese Voreingenommenheit begründet sich ihrer Meinung nach, aus den realen Bedingungen der weltlichen Geschehnisse und die durch Politik ausgelösten Grausamkeiten. Gerade weil es sich um die Wahrnehmung von Fakten handelt, können sie zwar nicht verleugnet, müssen jedoch interpretiert werden. Sie gehen uns alle etwas an, da allein wir es sind, die sich mit dem Vorurteil, mit der Unaufrichtigkeit der Politik arrangieren und weiter existieren müssen. Als sehr bedrohlich empfindet Hannah Arendt die Tatsache, dass mit Politik, Politik bekämpft wird, dass es in dem Sinne als unabwendbar und notwendig gilt, Kriege für die Herstellung von Gerechtigkeit zu führen. Aber nicht allein die banale Kriegsführung wirkt als bedrohlich, vielmehr lässt die Atombombe als ein fortentwickeltes politisches Gewaltmittel, die Bekämpfung der Politik mit Politik umso bedrohlicher wirken.

Die Kritik, die Hannah Arendt an die Gesellschaft richtet ist, dass die Menschen sich in einer Art Schwebezustand befinden. Sie erkennen die verderblichen Auswirkungen der Politik, verirren sich jedoch gleichzeitig im Schatten ihrer Selbst, weil sie ihre Fähigkeiten verkennen, einschreiten zu können. 4

Nachdem sich Hannah Arendt mit dem Vorurteil gegenüber der Politik beschäftigt hat, greift sie im Folgenden den Begriff des Vorurteils erneut auf, allerdings im Kontext der vorurteilsbehafteten politischen Handlungen. Außerdem stellt sie die Begriffe Vorurteil und Urteil gegenüber und schreibt ihre jeweilige Bedeutung zu. Vorurteile stellen in diesem Zusammenhang für sie keine eigenen Ideen der Menschen dar, da sie nicht revidiert, sondern lediglich von der Gesellschaft weiter tradiert wurden. Vorurteile stützen sich demnach nicht auf eigene Erfahrungen oder Sinneswahrnehmungen mit der Realität, vielmehr auf vor-verurteilte Fakten. Das Problem hierbei ist, dass die Vorurteile, aufgrund des fehlenden Gegenwartsbezuges schnell und einfach von der Gesellschaft angenommen werden können und die eigene Fähigkeit der Entwicklung von Meinungen und Idealvorstellungen, durch die schnelle Akzeptanz von vorgefertigten, historisch belasteten Ideologien verdrängt wird. Der Zustand der Urteilslosigkeit in der Gesellschaft sollte idealerweise mit Hilfe des politischen Denkens kompensiert werden. Wie Hannah Arendt jedoch feststellt, herrschen die Vorurteile in einem politischen Raum vor und sind fälschlicherweise unerlässlich. Sie werden ausschließlich aufgearbeitet, von Neuem beleuchtet und geprüft und als Rechtfertigungen für gewisse politische Handlungen befähigt. Die Gefahr, die sich für Hannah Arendt aus der Unmündigkeit ergibt, ist dass aus einer vergangenen Epoche, Idealvorstellungen weitergetragen und verfestigt und somit gegenwärtige Umstände und Probleme nicht gelöst oder verbessert werden. Eine nach Hannah Arendt mögliche Lösung schließt ein, dass die angebliche Tätigkeit der Urteilskraft, nicht mehr auf der bloßen Ableitung des Allgemeinen aus vorhandenen Maßstäben beruht, die im Zuge dessen eine politische Handlung einleiten und rechtfertigen würde. Sondern die Fähigkeit zu urteilen gänzlich unabhängig von geltenden Maßstäben verlaufen und folglich die festgesetzten Vorurteile eliminieren, sodass ausschließlich mit der Wahrheit, also der Realität, gearbeitet werden kann. Das würde bedeuten, dass sich die Politik mit aktuellen Gegebenheiten und zeitgemäßen Umständen gesellschaftlicher Verhältnisse beschäftigt und so dem Nihilismus entgeht.5

Schließlich bearbeitet Hannah Arendt die Frage nach dem Sinn von Politik. Die Antwort, die sie gibt, basiert auf einem antiken Grundsatz politischen Handelns, der erklärt, dass „ der Sinn von Politik [ist] Freiheit ist “ 6. Die Frage stellt sich, da politisches Handeln bereits große Schäden in der Vergangenheit angerichtet hat und ihre Sorge, dass weitere politische Fehlschläge drohen groß ist. Vor allem lässt sie hier Kritik an den für sie fragwürdigen totalitären Herrschaftsformen und die voranschreitende Entwicklung moderner politischer Gewaltmittel, wie beispielsweise die Atombombe, laut werden . Die als unpolitisch zu betrachtenden Verhaltensweisen, führen zu einer Einschränkung der freien menschlichen Entfaltung und decken sich demnach nicht mit dem eigentlichen Begriff von Politik. Was ist demnach der Sinn von Politik, wenn er offensichtlich nicht darin liegt Frieden zu stiften und im Interesse Aller zu handeln? Hannah Arendt erkennt, dass resultierend aus dem gegenwärtigen Zustand, es eine Notwendigkeit für einen völligen Neuanfang besteht, wenn Politik nicht in Sinnlosigkeit umschlagen soll. Im Zuge dieses Neuanfangs sollen wir bis in die Antike zurückgehen und den Sinn von Politik wieder in der Freiheit gründen. Das kann nur funktionieren, wenn die Menschen endlich beginnen ihre Urteilskraft zu entwickeln und in die Lage versetzt werden, Vorurteile zu revidieren, umzuformen und die Realität dabei nicht aus den Augen verlieren. Das würde bedeuten, dass die Menschen gemeinschaftlich und nach ihrem Ermessen beginnen zu handeln. Dieses gemeinsame Handeln, ist nach Hannah Arendt eng verknüpft mit dem Begriff der Freiheit. Die Menschen sollen demnach den Zustand der Unmündigkeit verlassen. Sie sollen im öffentlichen Raum beginnen zu partizipieren, zu handeln und mitbestimmen, sodass die Politik mit und für andere handeln kann. Das impliziert schließlich, dass der politische Raum stetig erneuert werden muss, um ihn vor dem Zerfall zu schützen.7

In den ausgewählten Textauszügen kann man die Frustration Hannah Arendts über die Politik erkennen. Ihre romantischen Idealvorstellungen von Politik werden deutlich, wenn sie Wunsch nach Gerechtigkeit auf politischer Ebene und der Sehnsucht nach wachsamen Zeitgenossen Ausdruck verleiht. Es kann ihr niemand abstreiten, dass sie sich intensiv mit Politik und ihren Missständen beschäftigt hat - zumal sie die Missstände am eigenen Leib erfahren hat. Dennoch lag es nicht in ihrem Ermessen Lösungsansätze und Antworten zu finden. Vielmehr wird deutlich, dass sie es als kritisch betrachtet, Antworten in der gegenwärtigen Krise zu geben.

Die eigentliche Intention Hannah Arendts, versteckt sich hinter dem immer wieder kehrenden Appell an die Gesellschaft und lädt deshalb dazu ein, wiederholt zu werden. Der Aufruf an die Menschen besagt, dass sie sich nicht länger der politischen Verantwortung entziehen und endlich den Umgang mit der Wahrheit erlernen sollen. Da wir nicht als der Mensch, sondern als die Menschen die Welt bewohnen und uns der Errichtung einer Welt zwischen uns, durch das gemeinsame Handeln nicht entziehen können, ist es nach Hannah Arendt erforderlich, dass wir die Pluralitä t als Bedingung der Politik erkennen und endlich ein Verständnis für den Umgang mit bestehenden Ressourcen entwickeln und so die Welt verändern.

Der Text von Hannah Arendt lädt auf allen Ebenen zum Nachdenken ein, gerade weil er zusätzlich Aktualität beweist.

Bibliographie:

Arendt, Hannah (1950); Hrsg. Ludz, Ursula (1993): Was ist Politik?. Fragmente aus dem Nachla ß. München/Zürich: R. Piper GmbH & Co KG. S. 9-35

Internetquellen:

Wegmarshaus, Gert-R.: Politische Theorie II Materialien. Onlineverfügbar. http://www.kuwi.europa-

uni.de/de/lehrstuhl/vs/politik1/lehre/Lehre_WS_2011__12/Polit__Theorie_II/index.html, Zuletzt besucht am 16.11.2011 um 21:28

[...]


1 Wegmarshaus, Gert-R.: Politische Theorie II Materialien. Onlineverfügbar.

2 Arendt, Hannah (1950): Was ist Politik?. Fragmente aus dem Nachlaß. S. 10

3 Vgl. Arendt, Hannah (1950): Was ist Politik?. Fragmente aus dem Nachlaß. S. 9-12

4 Vgl. Arendt, Hannah (1950): Was ist Politik?. Fragmente aus dem Nachlaß. S. 13-16

5 Vgl. Arendt, Hannah (1950): Was ist Politik?. Fragmente aus dem Nachlaß. S. 17-27

6 Arendt, Hannah (1950): Was ist Politik?. Fragmente aus dem Nachlaß. S. 28

7 Vgl. Arendt, Hannah (1950): Was ist Politik?. Fragmente aus dem Nachlaß. S. 28-35

Details

Seiten
7
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668069930
ISBN (Buch)
9783668069947
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308414
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Kulturwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Hannah Arendt Politik

Autor

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Titel: Hannah Arendt und die Frage nach dem Politischen