Lade Inhalt...

Gender-Sensibilität im Bereich von Medizin und Gesundheit. Eine Untersuchung basierend auf einer Fachartikel-Analyse

Essay 2013 15 Seiten

Frauenstudien / Gender-Forschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ...3

2. Darstellung der Argumentationslinie im Text ...4

3. Analyse der verwendeten Methoden ...9

4. Bewertung des Artikels ...10

5. Stellungnahme zu den angesprochenen Geschlechterbegriffen ...11

6. Literaturverzeichnis ...14

1. Einleitung

Eine mittlerweile große Menge an Studien beweist, dass Frauen und Männer nicht gleich sind, wenn es um deren Gesundheit geht. Dies betrifft Gesundheitsrisiken, Symptome sowie die individuelle Erfahrung von Krankheit (vgl. Verdonk et al, 2007). Doch was bedeutet dies für das Verhalten der Personen in Gesundheitsberufen innerhalb der professionellen Praxis, der klinischen Diagnostik, der Behandlung, Pflege, Therapie sowie für die Ausbildung in diesen Feldern? Es kann davon ausgegangen werden, dass die Personen, die zurzeit in diesen Berufen arbeiten noch wenig bis keine Ausbildung in gendergerechter Praxis und der Entwicklung eines Genderbewusstsein für die professionelle Rolle erhalten haben. Es werden genderspezifische Problemstellungen im Gesundheitswesen identifiziert, artikuliert und untersucht, doch bedeutet dies nicht, dass die Genderdimension in der Praxis eine adäquate Umsetzung findet.

Diese Tatsache ist Ausgangspunkt für die AutorInnen in dem hier vorgestellten Artikel, die sich der Thematik des mangelnden gendersensiblen Bewusstseins und der fehlenden Strategien für die Umsetzung von gendergerechten Maßnahmen im Bereich der Gesundheitsberufe und der Medizin annehmen. Mittels einer systematischen Literaturanalyse werden verschiedene Implementierungsebenen angesprochen, sowie die darin enthaltenen Möglichkeiten und Hindernisse. Die Ergebnisse werden anhand politischer, organisationaler sowie lerntheoretischer Theorien diskutiert und praktische Implikationen für die Umsetzung von einer geschlechtersensiblen Gesundheitsversorgung gegeben. Als zentrale Aussage der AutorInnen kann die Betonung des multiplen Zuganges zu dieser Thematik gesehen werden. Für eine gendersensible Gesundheitsversorgung benötigt es einerseits die Veränderung von Systemen und Strukturen und andererseits die Erhöhung des Bewusstseins, des Wissens und der Fähigkeiten bei den im Gesundheitswesen tätigen Personen.

Der vorliegende Essay stellt die Argumentationslinie und den methodischen Zugang dar. Des Weiteren wird der Artikel in der Argumentation und Methodik kritisch bewertet sowie die angesprochenen Geschlechterbegriffe und dahinterliegende Paradigmen beleuchtet.

2. Darstellung der Argumentationslinie im Text

Die Beachtung der Genderdimension und der Genderunterschiede in Bezug zu Gesundheitsthemen wird laut der AutorInnen in der Literatur breit angesprochen. Sie kritisieren jedoch die mangelnde praktische Umsetzung und führen dies auf den fehlenden Überblick über erfolgreiche Implementierungsmaßnahmen zurück. Sie sehen in der Sensibilität für Sex- und Genderunterschiede eine Voraussetzung für Geschlechtergleichstellung im Gesundheitssektor. Der Term Gendersensibilität (gender sensitivity) fokussiert gemäß der AutorInnen die Aufforderung “ that health professionals are competent to perceive existing gender differences and to incorporate these into their decisions and actions“(ebd. S. 143). Ausgehend von der Sichtweise, dass Gender Teil des kulturellen, sozialen und politischen Kontextes ist, werden drei Tatsachen ihren Überlegungen zugrunde gelegt. Erstens kommen laut einer Studie von Zimmermann & Hill (2003) in Gesundheitsorganisationen geschlechterspezifische Tatsachen zur Wirkung. Dies bedeutet, dass Frauen und Männer unterschiedlich behandelt werden und dass männliche und weibliche ÄrztInnen sich unterschiedlich verhalten. Zweitens ist Intersektionalität zu beachten, die über die Gendersensibilität hinausgeht und andere Dimensionen von Ungleichstellungen wie soziale Klasse und Ethnizität einbezieht (Bekker 2003). Die dritte Tatsache, die der eigentlichen These der AutorInnen zugrunde liegt, betrifft die Probleme, die sich mit der Umsetzung von gendergerechten Maßnahmen und der Erhöhung der Gendersensibilität ergeben. Bezogen auf eine Studie von Lagro-Janssen et al (2009) kann nicht davon ausgegangen werden, dass ein bestehendes Genderbewusstsein automatisch in die Praxis umgesetzt wird und dass Umsetzungsprozesse im Gesundheitswesen generell Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen benötigen (Grimshaw 2003). Laut Grol (1997) erfolgt erfolgreiche Implementierung parallel auf individuell-professioneller sowie auf organisationaler Ebene. Die AutorInnen betonen in Anlehnung an Untersuchungen von Bosch et al (2006), dass, solange es an einem konkreten Umsetzungsplan bzw. an einem Überblick an erfolgreichen Maßnahmen mangelt, könnten Verbesserung nicht effektiv erreicht werden. Dies benötigt jedoch das Wissen um die hinderlichen und förderlichen Faktoren für die Einführung eines gendersensiblen Bewusstseins im Gesundheitswesen und im medizinischen Sektor (Doyal, 2006).

Um Anhaltspunkte für eine konkrete Umsetzung zu erhalten, führen die AutorInnen eine systematische Untersuchung der Literatur in fachspezifisch relevanten Datenbanken durch, die die Möglichkeiten, aber auch die Hindernisse für die Implementierung der Gendersensibilität im Gesundheitswesen im Fokus haben.

Die Ergebnisse ihrer systematischen Untersuchung ergeben eine Untergliederung in eine professionelle, organisationale und politische Ebene für die Umsetzung von genderrelevanter Maßnahmen.

Die professionelle Ebene wird als primärer Ansatzpunkt von den AutorInnen betont, da in einigen Studien vor allem die mangelnde Genderkompetenz von den in Gesundheitsberufen Tätigen artikuliert wird. Um Gendergleichstellung zu erreichen, wird die medizinische Ausbildung[1] als wichtiges Ziel von Veränderungen in drei der untersuchten Artikeln adressiert, da durch die Ausbildung Prinzipien, Normen, Wissen und Fertigkeiten übermittelt werden. Es zeigt sich einerseits, dass die Einstellung und Motivation der Lehrenden, die Unterstützung und Förderung durch deren Führungspersonen sowie die Vernetzung und Diskussion zwischen medizinischen Fakultäten bezüglich der Umsetzung geschlechtsspezifischer Themen von zentraler Bedeutung sind. Während die Einstellung von männlichen Lehrenden eher von Vermeidung und Simplifikation gegenüber Genderthemen geprägt ist, zeigen weibliche Lehrende allgemein mehr Interesse und höheres gendersensibles Bewusstsein. Die Einstellung der Lehrenden spielt eine wesentliche Rolle, ob Genderthemen akzeptiert oder abgelehnt werden und ob diesbezüglich eine natürliche Sozialisation der MedizinstudentInnen erfolgt. Andererseits zeigt sich, dass die Struktur der Curricula sowie die vermittelten Gesundheitsmodelle Gendersensitivität unterstützen oder nicht. Interdisziplinäre und fallbasierte Curricula im Gegensatz zu traditionellen Vorlesungen unterstützen die Integration von Genderthemen. Während biomedizinische Modelle eher eine neutrale Gendersicht darstellen, gehen holistische Gesundheitsmodelle mehr mit einer differenzierenden Genderdefinition einher.

Ein weiterer Ansatzpunkt auf professioneller Ebene zur Sozialisation von berufsbezogener Gendersensibilität wird in zwei Studien in der Implementierung von Gendertrainings am Arbeitsplatz[2] (on-the-job gendertraining) gesehen. Durch die Interpretationen und Erfahrungen der Personen direkt am Arbeitsplatz konnte der Lernbedarf bezüglich gendersensitiver Gesundheitsversorgung direkt erfasst werden. Aufgrund der großen Variationsbreite des Lernbedarfs der einzelnen Personen wird empfohlen, Gendertrainings direkt am Arbeitsplatz individuell anzupassen.

Als weitere maßgebliche Ebene für die Umsetzung von Gendersensibilität identifizierten die AutorInnen Möglichkeiten und Hindernisse auf organisationaler Ebene. Im Bereich der Organisationen wird in Studien die Organisationskultur, die organisationale Infrastruktur sowie Protokolle und Richtlinien als bedeutend erachtet.

Die Organisationskultur[3] ist Träger von Normen und Werten, welche in Gesundheitsorganisation stark vom Verhältnis von männlichen und weiblichen MitarbeiterInnen abhängt. Es scheinen männliche Interessen (z.B. Karriereabsichten) über die weiblichen Interessen (z.B. Vereinbarkeit von Beruf und Familie) zu dominieren. Die Studie zeigt, dass die Dominanz von männlichen Mitarbeitern eine Barriere für das Aufgreifen von Genderthemen in einer Organisation sein kann.

Des Weiteren zeigt sich in den untersuchten Artikeln, dass die organisatorische Infrastruktur[4] Hindernisse für eine Geschlechtergleichstellung produzieren kann. Im Bereich der Medizin hat sich in den westlichen Ländern der Frauenanteil zwar stark erhöht, was sich jedoch auf deren Karriereentwicklung aufgrund der Organisationsstruktur wie z.B. den familienunfreundlichen Arbeitszeiten nur beschränkt auswirkt. Trotz der Verringerung der formalen Barrieren für Frauen wird von einem „glassceiling“ gesprochen, einer unsichtbaren, jedoch existierenden Barriere für den Karriereaufstieg von Frauen. Im Allgemeinen gehen Frauen sensibler auf genderspezifische Unterschiede ein, wenn es um frauenspezifische Besonderheiten wie die Beachtung von Erziehungsthemen oder speziellen Bedürfnissen aufgrund von Alkohol- oder Drogenproblemen geht. Weibliche Ärztinnen werden von weiblichen Patientinnen bevorzugt. Es zeigt sich jedoch auch, dass selbst Angebote in auf Frauen spezialisierten Einrichtungen nur beschränkt auf die weiblichen Bedürfnisse einzugehen vermögen.

Des Weiteren bergen medizinische Leitlinien[5], welche heute ein wichtiges Instrument für die zur Verfügung Stellung der besten Evidenz und der optimalen Vorgangsweise in der Diagnostik und Behandlung darstellen, ein großes Potential für die Beachtung von Genderthemen. In einer Untersuchung der niederländischen Leitlinien wird offensichtlich, dass trotz Vorhandensein von genderspezifischer Forschung diese darin nur beschränkt Berücksichtigung findet. Auch in den Komitees für die Leitlinienentwicklung sind Frauen unterrepräsentiert und ein mangelndes Bewusstsein und Wissen über genderspezifische Themen muss festgestellt werden.

Als letzte Ebene werden die Möglichkeiten und Barrieren für die Umsetzung der Genderdimension im Gesundheitssektor durch nationale und internationale Entscheidungsträger angesprochen.

Nationale Regierungsdokumente stellen einen wesentlichen Baustein für die Integration von Genderthemen (mainstreaming gender)[6] dar, da diese als Grundlage und Legitimation für das Aufgreifen sowie Umsetzen geschlechterspezifischer Themenstellungen bei der Erstellung von Angeboten für das Gesundheitswesen dienen. Ein normativer, für alle Sektoren passender Zugang, kann nicht alleine durch eine genderneutrale Politik abgetan werden, sondern benötigt die Durchsetzung in allen Bereichen.

Ebenso spielt die Dezentralisation[7] von Entscheidungsprozessen, von nationaler Ebene hin zu Bezirks- und Gemeindeebene, eine wesentliche Rolle. Die Übersetzung der Inhalte in konkrete Umsetzungsschritte durch Unterstützung in Form von genderspezifischer Kompetenzen sowie finanzieller und technischer Maßnahmen auf lokaler Ebene ist notwendig. Ein weiteres Schlüsselelement für die Institutionalisierung von Genderthemen ist ein „strategisches Framing“, welches auf die Anpassung der Geschlechterthematik auf das lokale Gesundheitswesen abzielt. Dies bedeutet auch, dass Gendertrainings nicht in theoretischer Form an den Stakeholdern auf nationaler Ebene orientiert sind, sondern die praktischen Realitäten auf lokaler Ebene angesprochen werden. Dies bedeutet auch, dass top-down Prozesse mit bottom-up Initiativen ineinandergreifen müssen.

Als Resümee verweisen die AutorInnen auf die große Breite an zu beachteten Merkmalen für die Umsetzung von Gendersensibilität im Gesundheitswesen. Die Einstellung der Personen in den Gesundheitsberufen sowie in der Ausbildung, die Kultur und die Männer-Frauen-Quote in einer Organisation sowie das politische Umfeld helfen oder vermeiden die Implementierung eines gendersensiblen Bewusstseins in die Praxis.

[...]


[1] Lagro-Janssen, Widdershoven, Abma, 2011, S. 144

[2] Lagro-Janssen, Widdershoven, Abma, 2011, S. 145

[3] Lagro-Janssen, Widdershoven, Abma, 2011, S. 145

[4] Lagro-Janssen, Widdershoven, Abma, 2011, S. 147

[5] Lagro-Janssen, Widdershoven, Abma, 2011, S. 147

[6] Lagro-Janssen, Widdershoven, Abma, 2011, S. 147

[7] Lagro-Janssen, Widdershoven, Abma, 2011, S. 147

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668066106
ISBN (Buch)
9783668066113
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308400
Institution / Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz
Note
1
Schlagworte
gender-sensibilität bereich medizin gesundheit eine untersuchung fachartikel-analyse

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Gender-Sensibilität im Bereich von Medizin und Gesundheit. Eine Untersuchung basierend auf einer Fachartikel-Analyse