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Diskussionen und Abstimmungen über die Hinrichtung von Ludwig XVI.

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Legitimation einer Anklage gegen den König
2.1 Erste Diskussionen nach der Flucht nach Varennes
2.2 Die Verschärfung der Debatte: Vergniaud, Saint-Just und Morisson

3. Die Abstimmungen über das Schicksal von „Louis Capet“

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Schicksal des französischen Königs Ludwig XVI. wurde am 17. Januar 1793 durch einen relativ unbekannten Abgeordneten besiegelt: Jean-Henri Voulland.[1] Der Anhänger der Bergpartei[2] stimmte als einer von zwei Gesandten des achtköpfigen Départements Gard für die sofortige Hinrichtung von Louis Capet.[3] Neben den radikalen Montagnards nahmen die eher gemäßigten Girondisten eine bestimmende Rolle im Königsprozess ein.

Im Rahmen der Hausarbeit soll die Frage im Blickpunkt stehen, auf welche Grundlage sich der Prozess von Ludwig XVI. stützte. Hierbei soll geklärt werden, ob eine rechtliche Legitimation für eine Anklage gegen den König gegeben war, oder ob diese politisch durch die Revolutionäre motiviert war.

Zum Ende des Königsprozesses trat Voulland ins Rampenlicht. Dass sein Name nur den Wenigsten bekannt ist, hat einen simplen Grund: bedeutende Revolutionshistoriker wie François Furet, Ernst Schulin oder Albert Soboul widmeten in ihren Standardwerken zur Französischen Revolution dem Prozess jeweils nur wenige Seiten.[4] Dabei ist der Prozess in den Parlamentsarchiven detailliert dokumentiert.[5] Erst der amerikanische Historiker David P. Jordan nahm sich 1979 ausgiebig des Verfahrens gegen den Monarchen an und zeigte sich selbst über seine Entdeckung erstaunt: „I aspired to be this historian“.[6]

In der aktuellen Forschung ist zwischen Autoren mit einer eher positiven Sicht auf das Wirken Ludwigs XVI. und denjenigen mit einer differenzierteren zu unterscheiden. Die erste Position nimmt beispielsweise Angela Taeger ein, die den König zum Opfer stilisiert und von beinahe jeder Schuld freispricht.[7] Die zweite nehmen Ernst Schulin oder Michael Walzer ein. Schulin kritisiert „Ludwigs wenig großartiges Verhalten“[8] während des Prozesses.

2. Die Legitimation einer Anklage gegen den König

2.1 Erste Diskussionen nach der Flucht nach Varennes

Viele Debatten des Prozesses gegen Ludwig XVI. fanden ihren Ursprung bereits am 21. Juni 1791. Bereits nach seinem in Varennes gestoppten Fluchtversuch entwickelte sich eine lebhafte Diskussion darüber, wie mit dem Bourbonen verfahren werden sollte. Zentrales Thema war, wie bei der Anklage am 11. Dezember 1792, die Unverletzlichkeit des Königs.[9] Die Royalisten verwiesen stetig auf die Verfassung, die sie garantiere.[10] Dagegen schrieben Ludwigs Widersacher konterrevolutionäre Handlungen der alleinigen Verantwortlichkeit des Königs zu.[11] Als Ausdruck dafür diente eine Behauptung von Achille du Châtelet, dass alle Ursachen der Leiden Frankreichs immer bis auf die Könige zurückgingen.[12] Bereits in einer Rede am 14. Juli 1791 setzte es sich Maximilien de Robespierre zum Ziel, die Grenzen des Prinzips der Unverletzlichkeit zu untersuchen.[13] Sein späterer Rivale Jacques-Pierre Brissot stellte am 10. Juli fest: „Der König kann und muß verurteilt werden.“[14] Dass sich dieser Standpunkt trotz einiger Befürworter noch nicht durchsetzte, lag an den vielen Unterstützern, die Ludwig XVI. damals noch hinter sich hatte.

Dementsprechend beendete der königstreue Antoine Barnave am 15. Juli die Diskussionen und sprach sich dafür aus, „dass das Heilmittel [...] nur in der monarchischen Regierung bestehen kann.“[15] Zudem betonte er stetig die Unverletzlichkeit des Königs, der lediglich mit diesem Recht die freie Verfassung verteidigen könne.[16]

Doch die neue Verfassung vom 3. September machte deutlich, dass diese Betrachtungsweise zunehmend auf tönernen Füßen stand.[17] Erstens stellte die konstitutionelle Verfassung drei Bedingungen auf, unter denen der Souverän auf das Königtum verzichtete. Beispielsweise diente der Artikel 6 im Abschnitt „Vom Königtum und dem König“ der revolutionären Propaganda, um gegen Ludwig XVI. ins Feld zu ziehen.[18] Zweitens schrieb das Vertragswerk in Artikel 8 unmissverständlich fest, dass der Monarch nach seiner Abdankung zur „Klasse der Bürger“ gehörte, und wie er angeklagt und verurteilt werden konnte.[19] Zugleich durfte er lediglich für Straftaten nach seiner Absetzung gerichtet werden. Ein Punkt, den vor allem die radikalen Jakobiner bewusst nicht beachten sollten.[20]

2.2 Die Verschärfung der Debatte: Vergniaud, Saint-Just und Morisson

Trotz der neuen Verfassung mehrte sich Ende des Jahres 1791 und im Laufe des Jahres 1792 der Unmut gegen den König, der in seiner Absetzung am 10. August 1792 kulminierte. Dies hing zum einen mit dem zunehmenden Einfluss der radikalen Linken und mit dem Rücktritt der Minister der Feuillants zusammen.[21] Zum anderen gab es eine Reihe von Ereignissen, die Ludwigs Gegner sukzessive zu immer stärkeren Unmutsäußerungen trieben.[22]

Außerdem schwand die Unterstützung der gemäßigten Abgeordneten. Dies wird in zwei Reden von Vergniaud[23] aus dem Jahre 1792 deutlich. Seine Worte am 10. März und am 3. Juli in seinen Reden gegen den König glichen einem politischen Drahtseilakt. Nicht ohne Grund gilt insbesondere die zweite als ein „Glanzstück girondistischer Rhetorik“.[24] Geschickt verstand es der Abgeordnete, ein riskantes Spiel einzugehen: Einerseits präsentierte er sich am 10. März auf der Seite der Revolutionäre, wenn er die Kriegsleiden mehrfach beklagte[25], andererseits wies er die Schuld vom König ab. So wollte er „über den Minister“, nicht über den König richten.[26]

Rund zwei Monate später ging er deutlich härter mit dem Monarchen ins Gericht. Einer fiktiven Anklage folgte eine fiktive Verteidigung des Souveräns, ummantelt von Anschuldigungen Vergniauds.[27] Der Girondist steigerte sich in seine Rede hinein und unterstellte dem König, er habe „den Eid auf die Verfassung nicht gehalten.“[28] Andere Anschuldigungen waren, dass die französischen Prinzen im Namen des Königs alle Höfe Europas gegen die Nation aufwiegelten[29] und dass Ludwig keine Bedeutung mehr für die Verfassung sowie für das Volk habe.[30] Dies war ein Manifest, das die Stimmungen gegen den König in sich bündelte, obwohl der bekennende Girondist es als Ziel ansah, „die Monarchie aufrechtzuerhalten oder zu schaffen, nicht sie unmöglich zu machen“.[31] Dieser Satz ging allerdings im Vortrag unter und lediglich der Abgeordnete Matthieu Dumas wagte es, ein Gegen-Plädoyer vorzubringen. Laut dem Historiker Weiß wies Dumas nach, „wie unbegründet die Vorwürfe Vergniauds waren“[32], allerdings wurde ihm ausschließlich das größte Missfallen entgegengebracht.[33]

Alles in allem zeigte dieser Diskurs, auf welch fruchtbaren Boden politische Vorwürfe gegen den König stießen. Gleichzeitig bildete er den Vorläufer für die Debatte zwischen Antoine Saint-Just[34] und Charles-François-Gabriel Morisson[35], der am 13. November 1792 als letzter öffentlicher und freiwilliger Verteidiger der Königswürde auftrat.[36]

[...]


[1] Biographien der einzelnen Personen sind in folgendem Werk zu finden: Jeschonnek, Bernd: Revolution in Frankreich 1789-1799. Ein Lexikon. Köln 1989. Zu Jean-Henri Voulland vgl. S. 101. Das Votum ist zu finden bei David P. Jordan, The king’s trial. The French Revolution vs. Louis XVI. Berkeley [u.a.] 1979, S. 188.

[2] In der Arbeit auch als Montagne, Montagnards, Radikale, radikale Jakobiner oder radikale Linke bezeichnet.

[3] Der Nationalkonvent klagte Ludwig XVI. unter dem Namen „Louis Capet“ an und nannte ihn im Laufe des Prozesses nur bei diesem Namen. Diese Situation war für ihn äußerst demütigend, da er fortan wie ein einfacher Bürger behandelt wurde. Seine Königswürde verlor er bereits mit der Abschaffung des Königtums am 21. September 1792. Zur Anklage als „Louis Capet“ vgl. Bernardine Melchior-Bonnet, Le procès de Louis XVI. Paris 1992, S. 174. Hugo Capet war der Stammvater der französischen Könige. Vgl. Erich Pelzer, Le roi est mort. Vive la république! Der Prozeß Ludwigs XVI. als europäisches Ereignis. In: Universalgeschichte und Nationalgeschichten. Hrsg. v. Gangolf, Hübinger. Freiburg [u.a.] 1994, S. 158.

[4] Ernst Schulin, Die Französische Revolution. München 42004, S. 214-216; François Furet/Denis Richet, La Révolution. Des états généraux. Bd. 1. Paris 1965, S. 258-261; Albert Soboul, La Révolution française. De la Bastille à la Gironde. Bd. 1. Paris 1968, S. 329-334. Eine Ausnahme bildet Jules Michelet, der sich umfangreicher damit befasste. Vgl. Jules Michelet, Histoire de la Révolution française. 7 Bde. Paris 1847-1853.

[5] Jerôme Mavidal [u.a.] (Hrsg.): Archives parlementaires de 1787 à 1860. Bd. 54, 55, 57. Paris 1898, 1899, 1900 [Neudruck Nendeln 1969].

[6] Jordan, S. XIII.

[7] Angela Taeger, Ludwig XVI. König von Frankreich. Stuttgart 2006, S. 144-157.

[8] Schulin, S. 214.

[9] Nur wenn die Unverletzlichkeit nicht mehr gegeben war, war eine rechtmäßige Anklage möglich. Zum Zeitpunkt der Taten war sie dies durch die Verfassung noch, aber Vergniaud bemerkte bereits am 3. Juli 1792: „Die Verteidiger der Verfassung sind aus dem Ministerium vertrieben worden [...]“. Zitat n. Wolfgang Kruse, Die Französische Revolution. Paderborn [u.a.] 2005, S. 59 und Peter Fischer (Hrsg.), Reden der Französischen Revolution. München 1974, S. 168.

[10] In ihren Augen tat Ludwig nichts, was gegen die Verfassung verstieß. Richtig stellte Robespierre am 3. Dezember 1791 fest: „Man beruft sich zu seinen Gunsten auf die Verfassung.“ Vgl. Fischer, S. 256.

[11] Eine interessante Auseinandersetzung zwischen Muguet de Nanthou und dem radikalen Jakobiner Jérôme Pétion ist nachzulesen bei Johann Baptist Weiß, Weltgeschichte. Ludwig XVI. und die Revolution. Bd. 15. Graz 31894, S. 223-226. Auch das Marsfeldmassaker am 17. Juli 1791 wurde auf die alleinige Verantwortlichkeit des Königs zurückgeführt, obwohl dies nicht gerechtfertigt ist, da über die genauen Abläufe Unklarheit herrschte. Die Komplexität der Vorkommnisse wird sehr gut geschildert bei Weiß, S. 232-236.

[12] Weiß, S. 221. Diese Schlussfolgerung von Achille du Châtelet ist selbstverständlich nicht haltbar.

[13] Fischer, S. 130.

[14] Kruse, S. 55.

[15] Weiß, S. 227.

[16] Ebd., S. 228. Zudem traute er dem Volk nicht zu sich selbst zu regieren. Vgl. Ebd., S. 227.

[17] Komplette Verfassung unter http://www.verfassungen.eu/f/fverf91-i.htm (Letzter Zugriff am 13.08.2011).

[18] Artikel 5 sprach von der Möglichkeit der Abdankung im Falle, dass der König den Eid auf die Verfassung nicht innerhalb eines Monats ablegte, was er schließlich am 13. September 1791 tat. Artikel 6 ließ sie verlauten, wenn er gegen die Nation Krieg führte. Artikel 7 erklärte die Amtsenthebung, wenn er nicht innerhalb einer gesetzten Frist ins Königreich zurückkehrte und war als direkte Reaktion auf seinen Fluchtversuch zu sehen.

[19] In der Verfassung nachzulesen unter „Titel III, Kapitel II, Abschnitt 1, Art. 5,6,7,8“. Auch bei Weiß, S. 229.

[20] Das arbeitete Raymond de Sèze bei seiner Verteidigung deutlich heraus. Er betonte, dass zum Zeitpunkt der „Verbrechen“ kein Gesetz existierte, durch das Ludwig XVI. hätte verurteilt werden können. Laut Artikel 2 der Verfassung war der König „unverletzlich und heilig“. Vgl. Jordan, S. 131; MM. Mavidal, Bd. 55, S. 619f.

[21] Am 15. März 1792 wurde ein jakobinisches Ministerium unter Jean-Marie Roland und Étienne Clavière eingesetzt. Die Feuillant-Minister traten am 10. Juli zurück.

[22] So forderten nach dem Marsfeldmassaker Georges Jacques Danton, Pierre-Ambroise-François de Laclos und Brissot in einem Schreiben die Abdankung des Königs. Vgl. Weiß, S. 232.

[23] Pierre Victurnien Vergniaud leitete mit Brissot die Girondisten an. Dazu vgl. Kruse, S. 218.Vergniaud spielte in Bezug auf den König eine sehr ambivalente Rolle. Aus seiner kurzen Biographie bei Jeschonnek geht dies deutlich hervor. Hierzu vgl. S. 100f. Beispielsweise erklärte er am 31. Juli 1792 den Vorschlag Ludwig abzusetzen noch als verfassungswidrig, forderte aber am 10. August dessen Amtsenthebung.

[24] Fischer, S. 159. Dies wird auch deutlich bei Weiß, S. 586: „Der Beifall wollte kein Ende nehmen. Die Rechte wie die Linke fühlten sich ergriffen.“.

[25] Fischer, S. 157ff.

[26] Ebd., S. 159.

[27] Fischer, S. 159-169. Weiß, S. 581-586.

[28] Fischer, S. 165. Ein Zitat, das belegt wie sehr der Unmut gegen den König der Franzosen gestiegen war. Selbst der Girondist und Feind der Bergpartei Vergniaud ließ sich zu einer politisch motivierten Aussage hinreißen.

[29] Fischer, S. 162.

[30] Ebd., S. 165f.

[31] Ebd., S. 167.

[32] Weiß, S. 586.

[33] Die Reaktion der Abgeordneten ist dokumentiert bei Johann Konrad Friederich/Carl Strahlheim (Bearb.), Die Geschichte unserer Zeit. Unsere Zeit, oder geschichtliche Uebersicht der merkwürdigsten Ereignisse von 1789 – 1830. Bd. 4. Stuttgart 1827, S. 500.

[34] Louis-Antoine-Léon de Saint Just war im Rahmen des Prozesses der wichtigste und zugleich einer der jüngsten Wortführer der Montagne. Vgl. Kruse, S. 216.

[35] Morisson war zur Zeit des Prozesses einer der ältesten Abgeordneten im Nationalkonvent. Vgl. Michael Walzer, Regicide and revolution. Speeches at the trial of Louis XVI. New York 1992, S. 110.

[36] Ebd., S. 110-127.

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668064294
ISBN (Buch)
9783668064300
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308334
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Historisches Seminar - Neuere Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Ludwig XVI. Louis Capet Girondist Montagnard Französische Revolution Frankreich Saint-Just Robespierre 1793 Bergpartei Hinrichtung Todesurteil Abstimmung Prozess König Anklage de Sèze

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Titel: Diskussionen und Abstimmungen über  die Hinrichtung von Ludwig XVI.