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femina natus est? Die Funktion des Geschlechtswechsels in den Metamorphosen des Ovid

Bachelorarbeit 2015 33 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Mittel- und Neulatein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Überblick und Auswahl

3 Iphis (9.666-797)
3.1 Einbettung im Werk
3.2 Gliederung des Mythos
3.3 Iphis‘ Name
3.4 Proömium und Verortung
3.5 Erscheinen der Isis und Zuspitzung durch Verlobung
3.6 Monolog
3.7 Zuspitzung der Verlobung, Anrufen der Isis und Erlösung
3.8 Epilog

4 Caeneus (12.171-209; 459-531)
4.1 Gliederung des Mythos
4.1.1 Einbettung im Werk
4.1.2 Der Mythos als Funktion
4.2 Caenis - Einführung, Vergewaltigung und Verwandlung
4.3 Caeneus - Verunglimpfung und Kampf gegen exzessive Männlichkeit
4.4 Epilog

5 Tiresias (3.316-338)
5.1 Einbettung im Werk
5.2 Vollständige Übersetzung
5.3 Tiresias Geschichte
5.4 Tiresias Ansicht
5.5 Epilog

6 Synopsis: Historischer Hintergrund und Ovids Verarbeitung

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Spartensender ZDFneo plant für das anstehende Frühjahr das sogenannte Social-Factual-Projekt „sexchange“, in dem Männer und Frauen ihr typisches Rollenverhalten tauschen sollen. Reizvoll ist diese Thematik, da der moderne Geschlechtsbegriff mehr als eine biologisch eindeutig zu verortende Zugehörigkeit beinhaltet: Männlichkeit und Weiblichkeit sollen sich auf sozialer, kultureller und hierarchischer Ebene nicht komplementär gegenüberstehen, sondern sich als „unbeständige Konstruktion […] in stetiger Erneuerung befinde[n]“.1

Das gesellschaftliche Verständnis, welche Funktionen, Charakteristika und Tätigkeiten Mann und Frau üblicherweise zukommen, ist nicht nur im Moment ein Trend, sondern wurde schon in der Antike von Autoren behandelt2. Auch dabei ging es weniger um rein biologische Fragestellungen, sondern um komplexe Verhaltenskodizes, die einerseits als angeboren betrachtet wurden und andererseits gesellschaftlich normiert waren. Diesem Motiv menschlichen Zusammenlebens hat sich auch Ovid in seinen Metamorphosen gewidmet: Im Rahmen wiederholter Grenzüberschreitungen innerhalb seines Werkes greift er auch den Wechseln von (biologischen) Geschlechtern auf; dabei scheinen gesellschaftliche Normen gezielt aufgehoben zu werden. Bedeutet dies, dass Ovid ein Vorreiter der gender-Forschung war, der seine Zeitgenossen womöglich zum Überdenken sozialer Rollen bewegen konnte? Oder waren Geschlechtsidentitäten gar nicht derart klar definiert, sodass ein Ausbrechen ohne Weiteres möglich war und kein tatsächlicher Tabubruch vorliegt? Wie können derartige Überschreitungen vor einem antiken Leser gerechtfertigt werden?

Nachfolgend sollen diese Fragen anhand der Mythen um Tiresias, Iphis sowie Caeneus diskutiert werden; diese werden zunächst unabhängig voneinander inhaltlich und auch sprachlich analysiert. Da dabei ein historischer Kontext nicht ausgespart werden kann, wird anschließend eine kurze Zusammenfassung gesellschaftlich spezifischer Geschlechterrollen zu Zeiten Ovids vorgenommen und im abschließenden Fazit mit den genannten Mythen in Verbindung gebracht; dabei soll auch der Frage nach weiteren motivischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen diesen nachgegangen werden.

2 Überblick und Auswahl

Änderungen des Geschlechts finden in den fünfzehn Büchern der Metamorphosen insgesamt an fünf Stellen Erwähnung. Tiresias3 wird von Jupiter und Juno wegen seiner Erfahrungen, die er im Körper von Mann und Frau gesammelt hat, befragt, während Iphis4 als Mädchen geboren ist, aber als Junge aufwächst und schließlich zu einen solchen verwandelt wird. Schließlich wird Caenis5 von Neptun in einen unverwundbaren Mann verwandelt und greift als Caeneus6 später in das Kampfgeschehen von Lapithen gegen Centauren ein.

Diese Figuren werden innerhalb der vorliegenden Arbeit einer näheren Betrachtung unterzogen; auffallend ist, dass bei ihnen der Wechsel von Frau zum Mann stattfindet. Tiresias vollführt den Geschlechtswechsel zwar zwei Mal; während der zur Frau jedoch zufällig und nicht in seinem Sinne ist, folgt die Rückverwandlung zum Mann willentlich. Innerhalb der Untersuchung soll stets die Frage nach Gründen, Legitimation und Funktionen der Geschlechtswechsel im Vordergrund stehen. Neben dem jeweiligen Kontext innerhalb des Werkes sowie psychologischen Moment vor und (sofern vorhanden) nach der Metamorphose werden exemplarisch semantische und syntaktische Analysen vorgenommen, die klären sollen, wie Ovid die Szenen nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich transportiert und wertet.

Dabei wird der Mythos um Iphis aufgrund seiner Exemplarität den bestimmenden Gegenstand dieser Arbeit bilden, während darauffolgend in geringerem Umfang Caeneus und Tiresias beleuchtet werden; Handlungsverläufe, die nicht ex- oder implizit mit Verwandlung oder Rollenverständnis in Verbindung stehen, werden als irrelevant betrachtet und nicht diskutiert.

Bei der Metamorphose des Hermaphroditus7 findet eine Fusion von Mann und Frau statt, die als solche auch bestehen bleibt, weshalb diese Verwandlung als keine vollständige bewertet und keine nähere Betrachtung stattfinden wird. Innerhalb dieses Mythos wird wegen seiner Verwandlung in eine Frau außerdem Sithon8 erwähnt, zu dessen Figur jedoch keinerlei Details bekannt sind9, weshalb folgend auch zu diesem eine Untersuchung ausgespart wird.

3 Iphis (9.666-797)

Für den Iphis-Mythos findet sich ein Vorbild aus hellenistischer Zeit: Nicander beschreibt den Stoff um Leukippos mit nur wenigen Unterschieden. Mit Kreta ist der Ort gleich gewählt und auch die Problematik und Handlungsverlauf wurden von Ovid nur geringfügig verändert; eine entscheidende Zuspitzung erfährt die Dramaturgie durch das Hinzufügen von Ianthe, mit der Iphis verheiratet werden soll und in die sie sich verliebt. Mit dieser Komponente erfährt der Mythos eine Verschärfung, die für die Protaginsten eigentlich tragische Konsequenzen erwarten lässt.

3.1 Einbettung im Werk

Die Geschichte von Iphis wird in Buch neun der Metamorphosen geschildert und schließt sich der Verwandlung von Byblis10 an, die ihrerseits vieler Verehrer zum Trotz unsterblich in ihren Bruder verliebt ist. Im direkt folgenden zehnten Buch ersinnt Ovid weitere Mythen, in denen Liebe in variabler Form thematisiert wird. Auffällig hierbei sind der erwähnte direkt vorgestellte Byblis-Mythos und ein äquivalentes Begehren Myrrhas11, die sich als Strafe für ihren Frevel in ihren Vater verliebt. Insbesondere diese drei Mythen stehen im Kontext von „monströser“12 Liebe, wobei die beiden zuvor genannten Frauen nach römischem Verständnis zwar ein natürliches Verlangen haben13, Inzucht allerdings auch zu römischer Zeit als sittliches Verbrechen betrachtet wurde14. Da sie ihren Begierden nachgeben, werden sie durch Verwandlung bestraft.

Iphis sieht sich (auch selbst) sogar einem unnatürlichen Begehren ausgesetzt, zieht dabei nicht in Betracht, die bevorstehende Hochzeit abzusagen und begeht damit theoretisch sogar den größeren Frevel. Auch sie wird verwandelt, allerdings kann diese als Erlösung und eben nicht als Bestrafung betrachtet werden, da ihr Dilemma damit überwunden scheint. Die Gründe für diese Annahme sollen im Folgenden erklärt werden.

3.2 Gliederung des Mythos

Der Mythos um Iphis lässt sich wie eine Ringkomposition lesen, in der wiederkehrende Elemente um den zentral gestellten inneren Monolog (9.726-763) der Protagonistin gereiht werden. Zum besseren Verständnis der Geschichte und der Veranschaulichung dieser Komposition erfolgt zunächst die Einteilung der einzelnen Sinneinheiten mit kurzer inhaltlicher Wiedergabe.

Dem Beginn um Iphis geht der Byblis-Mythos voraus; diesem folgt ein ‚Proömium‘ (9.666-673), das angibt, welches weitere Wunder sich auf Kreta ereignete und als ein noch viel größeres gilt, als das zuvor genannte. Dabei wird von Ovid keine nähere zeitliche Einordnung vorgenommen; zunächst wird mit Ligdus ein unbescholtener, aber armer und deshalb völlig unbekannten Bürger vorgestellt.

Hierauf folgt die Initiierung des Konfliktes (9.673-684): Ligdus gibt seiner schwangeren Gattin im Folgenden zu verstehen, sie solle nach einer möglichst komplikationsfreien Geburt nur einen Sohn am Leben lassen, da sich die Familie das Aufziehen einer Tochter nicht leisten könne. Dies befiehlt er ihr zwar unter Tränen, doch auch durch beständiges Bitten seiner Frau Telethusa lässt er sich nicht umstimmen.

Schließlich steht die Geburt unmittelbar bevor und Telethusa erscheint die Göttin Isis (9.684-710) mitsamt Gefolge, die ihr befiehlt, das Kind am Leben zu lassen, auch wenn es sich um eine Tochter handle und verspricht im Gegenzug ihre Hilfe, sobald Telethusa oder das Kind dieser bedürfen. Im Beisein der Amme wird schließlich ein Mädchen geboren, das sie entgegen der Anweisung ihres Mannes am Leben lässt, allerdings als Jungen großziehen wird.

Dreizehn Jahre vergehen, Iphis wächst -offenbar problemlos- als Junge auf, bis Ligdus erneut in Erscheinung tritt: Die Zuspitzung durch die Verlobung (9.710-725) von Iphis mit Ianthe wird forciert. Mit dieser ist Iphis seit ihrer Kindheit aufgewachsen und die beiden Mädchen verlieben sich ineinander.

Nun wird der ausführliche innere Monolog von Iphis wiedergeben, in dem sie ihr Dilemma schildert, denn immerhin stehe sie kurz davor, als Frau mit einer Frau verheiratet zu werden. Im weiteren Verlauf führt sie diverse Beispiele und Argumente an, warum dies nicht möglich sei und dass sie ein Mensch wider jeder Natur sei.

Hierauf folgt die Zuspitzung der Verlobung (9.764-770): Die Hochzeit von Iphis und Ianthe steht nun unmittelbar bevor; nachdem Telethusa diverse Einfälle hervorgebracht hat, um die Katastrophe hinauszuzögern, steht ihr nun kein Mittel mehr zur Verfügung.

Schließlich tritt Isis erneut in Erscheinung (9.770-781-9): In ihrer letzten Verzweiflung geht Telethusa mit ihrer Tochter am Tag vor der Hochzeit in den Tempel der Göttin und erfleht die vor dreizehn Jahren versprochene Hilfe.

Die Göttin zeigt sich zwar nicht direkt, doch lässt den Altar kurz erbeben und noch im Tempel beginnt Iphis‘ Verwandlung und damit die Erlösung (9.782-791) ihrer zuvor so aussichtlosen Situation: Es wird die schrittweise körperliche Metamorphose beschrieben und schließlich ist Iphis ein Mann.

Es folgt ein ‚Plädoyer‘ und damit die Moral von der Geschicht‘: Wer fromm ist und Gottvertrauen hat, dem kann auch das größte Wunder wiederfahren, so wie Iphis, der nun endlich Ianthe heiraten kann.

3.3 Iphis‘ Name

Dem griechischen Ἶφις entlehnt, ist der Name geschlechtsneutral, sodass die antike Literatur diverse Träger männlichen und weiblichen Geschlechts gleichermaßen kennt: Es ist zum Beispiel der Name des Königs von Argos sowie der eines Argonauten und eines Kriegers der Sieben von Theben; in Buch 14 der Metamorphosen tritt eine Figur Iphis als ein Verehrer der Anaxarete in Erscheinung, die ihn aufgrund seines geringeren Standes nicht ehelichen möchte, woraufhin sich dieser erhängt. Die hier diskutierte Figur Iphis stellt als zunächst weiblich, später männlich eine Art Bindeglied dar; weiterhin bekannte Frauen mit dem Namen sind eine Geliebte des Patroklos und nicht zuletzt die Frau des Herakles.15 Der von Ovid gewählte Name reiht sich also in eine durchaus klangvolle Reihe ein, die allerdings einen männlichen Überhang hat; beides dürfte dem antiken Leser bewusst gewesen sein und kann als eine Vorausdeutung für den Ausgang des Mythos aufgefasst werden.

Die Bedeutung des Namens ist ebenso klangvoll wie programmatisch: Neben der griechischen Wortbedeutung „Kraft, Stärke“16 spielt Ovid hier auch mit der starken Ähnlichkeit zum lateinischen vis.17 Diese wird im Allgemeinen Männern zugeschrieben18 und ruft auch Assoziationen zu vir hervor19, was in diesem Kontext ebenfalls eine Vorankündigung der Verwandlung bedeutet, wobei Iphis eine mentale Stärke im Verlauf ihrer Geschichte nur allzu gut gebrauchen kann.

[...]


1 Vgl. Schmitt Pantel, P./Späth, T. Geschlecht und antike Gesellschaften im 21.Jahrjundert, in: Hartmann, E. (Hrsg.), Geschlechterdefinitionen und Geschlechtergrenzen in der Antike, Stuttgart 2007, S. 31.

2 U.a. von Ovid selbst: Sowohl in der ars amatoria wie auch in den Heroides spielen derartige Fragen eine Rolle.

3 Met. 3.316-338.

4 Met. 9.666-797.

5 Met. 12.171-209.

6 Met. 12.459-531.

7 Met. 4.271-388.

8 Met. 4.279f.

9 Vgl. Anderson, W. Ovid’s Metamorphoses. Books 1-5. Norman 1997, S.443.

10 Vgl. Met. 9.454-665.

11 Vgl. Met. 10.298-502.

12 Vgl. Lämmle, R. Die Natur optimieren. Der Geschlechtswandel der Iphis in Ovids Metamorphosen. in: Harich-Schwarzbauer, H./Späth, T. (Hrsg.) IPHIS - Gender Studies in den Altertumswissenschaften. Räume und Geschlechter in der Antike., Bd. 3, Trier 2005, S. 195.

13 Natürlich deshalb, weil sie die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau anstreben (vgl. Kamen, D. Naturalized Desires and the Metamorphosis of Iphis. in: Helios 39(1)/2012, S. 28ff.). Die nähere Erläuterung dieser Problematik wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit vorgenommen.

14 Vgl. ebd.

15 Vgl. Graf, F. Iphis. in: DNP. sowie Bömer, F. P. Ovidius Naso, Metamorphosen. Kommentar, Bd. 9/10, Heidelberg 2001², S. 489; nachfolgend als "Bömer IX“ zitiert .

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. Wheeler S., Changing Names: The Miracle of Iphis in Ovid "Metamorphoses" 9. in: Phoenix 51(2)/1997, S. 194.

18 Wheeler gibt außerdem an, dass vis nicht nur körperliche und militärische Gewalt oder Kraft ausdrückt, sondern auch in sexuellen Kontexten relevant ist (vgl. Wheeler S. 194f.).

19 Vgl. Wheeler, S. 195. sowie Gerlinger, S. Virtus ohne Ende? Zum Rollenverhalten zwischen Mann und Frau. in: Heil, A./Korn, M./Sauer, J. (Hrsg.) Noctes Sinenses. Festschrift für Fritz-Heiner Mutschler zum 65. Geburtstag., Heidelberg 2011, S. 303f.

Details

Seiten
33
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668061866
ISBN (Buch)
9783668061873
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308076
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Griechische und Lateinische Philologie
Note
1,7
Schlagworte
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Titel: femina natus est? Die Funktion des Geschlechtswechsels in den Metamorphosen des Ovid