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Migration. Auswirkungen auf die Psyche und die Haltung der Psychoanalyse

Hausarbeit 2015 28 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG
1.1 EINFÜHRUNG IN DIE PROBLEMSTELLUNG
1.2 GANG DER DARSTELLUNG
1.3 ZIEL DER ARBEIT

2 HISTORIE DER MIGRATION
2.1 VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES ALS ERSTE MIGRATION
2.2 DAS TRAUMA DER GEBURT
2.3 TRENNUNG UND VERLUST AUS PSYCHOANALYTISCHER SICHT

3 MIGRATIONSLAND DEUTSCHLAND

4 GRÜNDE FÜR DIE MIGRATION UND DEREN BEWÄLTIGUNG
4.1 FREIWILLIGE MIGRATION UND DER BEZUG ZUM HEIMATLAND
4.1.1 DIEREAKTIONEN DER IM HEIMATLAND VERBLEIBENDEN
4.1.2 BESUCHE IN DER HEIMAT ODER R Ü CKKEHR
4.2 ERZWUNGENE MIGRATION - WENN DER RÜCKWEG VERSPERRT BLEIBT

5 EINLEBEN IN EINEM FREMDEN LAND UND DESSEN AUSWIRKUNGEN AUF DIE GESUNDHEIT

6 DIE BEDEUTUNG DER SPRACHE

7 PSYCHOANALYSE UND EMIGRATION
7.1 EMIGRATION UND ANKUNFT IN DEN USA
7.2 DIE ENTWICKLUNG DER PSYCHOANALYSE
7.3 DIE EMOTIONALEN ASPEKTE DER EMIGRATION
7.4 ANPASSUNG DURCH THEORIEBILDUNG

8 SCHLUSSFOLGERUNGEN UND AUSBLICK

LITERATURVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

TABELLE 1: MIGRATIONSHINTERGRUND IN DEUTSCHLAND 2013

TABELLE 2: MIGRATIONSGRÜNDE

1 Einleitung

1.1 Einführung in die Problemstellung

Migration gibt es seit Menschengedenken und es wird darüber in Religionen und mythischen Erzählungen vielfach berichtet. Verlust und Exploration sind Erfahrungen, die alle Menschen in sehr individueller Form erleben und erleiden, die aber auch Wachstum und Neuwerdung beinhalten. Die Migration stellt hierbei sicherlich eine sehr extreme Erfahrung dar, die als Verlust oder auch als Herausforderung gesehen werden kann. Zwischen diesen beiden Polen entsteht ein dynamischer Prozess von Erleben und Verhalten des Selbst und der Objekte, der hier näher beleuchtet werden soll. Es gilt aus analytischer Sicht zu verstehen, wie verschieden sich ein Exil, ein Auswandern in ein fremdes Land anfühlen und darstellen kann. So individuell die Erfahrungen auch sind, so weist der Prozess doch oft auch Parallelen auf.

Obwohl die Psychoanalyse in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts selbst stark von Migrationsbewegungen betroffen war, fällt auf, dass zwar die psychischen Auswirkungen eines Exils auf das Individuum und dessen Erkrankungen untersucht wurden, die psychoanalytische Sicht jedoch wenig Beachtung fand. Die derzeitige Migrationspolitik der Länder der Europäischen Union sowie Nordamerikas zeigen aber, dass dieses Thema von aktuellem Anlass ist. Aufgrund eigener Auslandserfahrungen und engen privaten Verbindungen zu sogenannten Arbeitsmigranten der ersten Generation in Deutschland habe ich selbst zusätzlich Interesse und Anlass, das Thema näher zu beleuchten.

1.2 Gang der Darstellung

Es gibt die Vertreibung aus dem Paradies und das Trauma der Geburt und all dies ist eng mit Trennungs- und Verlusterfahrungen verbunden. Auf die psychoanalytische Perspektive hierzu soll in Kapitel 2 näher eingegangen werden, bevor in Kapitel 3 auf die Situation in Deutschland und in Europa eingegangen wird. In Kapitel 4 wird über das Fortgehen der Migranten berichtet, deren Gründe so unterschiedlich wie individuell sind. Es hat Auswirkungen auf die Entwicklung des Selbst und auf das Einleben in einem fremden Land, ob es sich um eine freiwillige Migration handelt oder ein erzwungenes Auswandern, ob ein Kontakt zur Heimat gehalten werden kann oder nicht. Schließlich soll in Kapitel 5 auf die Auswirkungen auf den Gesundheitszustand und das Einleben im neuen Land eingegangen werden. Dem wichtigen Umgang mit einer Fremdsprache und das Erlernen einer fremden Sprache ist ein eigenes Kapitel (6) gewidmet, da dies oft entscheidend für ein gutes Einleben im fremden Land ist und zudem das Denken und Handeln des Individuums besonders beeinflusst. Am Beispiel der emigrierten Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen in Amerika soll der Prozess der Auswanderung namhafter Psychoanalytiker und dessen Besonderheiten zur Zeit des Nationalsozialismus hervorgehoben werden (Kapitel 7). Kapitel 8 schließt die Arbeit mit einem Fazit ab.

1.3 Ziel der Arbeit

Welche Auswirkungen hat die Migration von Menschen auf ihre psychische Gesundheit und ihre Entwicklung? In unserer globalisierten Welt zählt die Migration schon (fast) zum Normalzustand des Menschen. Aber wie gehen Individuen mit den Besonderheiten, in einem fremden Land zu leben, um? Welche Herausforderungen erwarten den Immigranten in einer fremden Welt, welche Veränderungen sind zu bewältigen und in die eigene Person zu integrieren? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit näher betrachtet und aus psychoanalytischer Perspektive beleuchtet werden. Des Weiteren soll in der vorliegenden Arbeit der Begriff der Migration und die Reichweite einer Entscheidung zur Migration aus psychoanalytischer Sicht dargestellt werden.

2 Historie der Migration

In diesem Abschnitt soll eine psychoanalytische Perspektive zum Thema Migration dargestellt werden. Diese wird zum einen aus historischer Sicht beschrieben und zum anderen aus der biografischer Sicht des Individuums.

2.1 Vertreibung aus dem Paradies als erste Migration

In vielen Erzählungen und Mythen taucht die Emigration als ein Phänomen des Lebens auf. Angefangen bei der biblischen Darstellung aus dem Alten Testament kann die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies als erste Migration bezeichnet werden (Grinberg & Grinberg, 1990). Vom Baum der Erkenntnis zu essen ist zugleich ein Akt der Erkenntnis und der Entfremdung. Der Lebensweg des ersten Paares erhält eine Wendung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann und die eine erste Trennung von einer vertrauten und sicheren Umgebung darstellt. Unzählige weitere Mythen folgten: Moses wurde mit seinem Volk aus Ägypten vertrieben und er führte es nach Kanaan. Dies stellt bereits in der Bibel den Exodus des israelischen Volkes dar. Auch in der griechischen Mythologie sind Vertreibung, Exodus und Migration viel beschriebene Themen. Die Odyssee, in der die Abenteuer des Odysseus erzählt werden, steht heute als Synonym für eine lange Irrfahrt auf dem Weg in die Heimat.

Aus historischer Sicht ist die Geschichte eine Abfolge von Kriegen und Vertreibungen. Volksgruppen wurden zu allen Zeiten wegen ihres Glaubens oder ihrer andersartigen Kultur vertrieben und ins Exil gezwungen. Die Flüchtlingsbewegungen werden oft mit dem Begriff der Völkerwanderung beschrieben. Die Gründe für Fluchtbewegungen sind vielfältig, oft sind diese durch kriegerische Auseinandersetzungen, Missernten und Hunger erzwungen. Auch die Aussicht auf bessere Lebensverhältnisse - ähnlich wie Moses, der in das „gelobte Land“ zieht - und die menschliche Neugierde sind Motivatoren für den Auszug aus dem Heimatland. So beeinflussten die Entdeckungen der neuen Kontinente wie Amerika und Australien sowie die aufkommende Industrialisierung im 19. Jahrhundert die Migrationsbewegungen von Millionen von Menschen. Allein das Beispiel Irlands, ein kleines, von der Landwirtschaft lebendes Land mit ca. acht Millionen Einwohnern Mitte des 19. Jahrhunderts, zeigt mit rund zwei Millionen, meist nach Amerika oder Australien ausgewanderten Iren, welche Ausmaße Migrationsbewegungen haben können.

Bis heute ist Migration und Exil ein Thema der Menschen und ihrer Lebensverhältnisse. Insbesondere ist dies zunehmend in einer globalisierten Welt der Fall und wird heutzutage fast schon als zu einem Lebenslauf dazugehörig empfunden.

2.2 Das Trauma der Geburt

Kein geringerer als Otto Rank, ein Schüler Sigmund Freuds, beschreibt in seinem gleichnamigen Buch (Rank, 1924) das Trauma der Geburt. So kann die Geburt des Kindes im übertragenen Sinne als die Vertreibung aus dem Paradies gesehen werden. Es stellt eine Vertreibung aus den paradiesischen Zuständen im Mutterleib dar, wo der Säugling warm, sicher und geborgen ist und zum Zeitpunkt der Geburt hinausgetrieben wird. Aus psychoanalytischer Sicht ist dieser Vorgang für das Kind eine extreme Erfahrung: Es wird durch den engen Geburtskanal gepresst, empfindet Atemnot und wird mit grellem Licht und Kälte außerhalb des Mutterleibes konfrontiert. Hinzu kommt die Trennung von der Mutter, symbolisiert durch die Durchtrennung der Nabelschnur. Dies wird unweigerlich vom Säugling als traumatisch erlebt und geht mit Gefühlen der Angst und des Verlustes einher. Neben den medizinischen Eingriffen während der Geburt, die traumatisierend für das Kind sein können, ist auch die Behandlung des Säuglings kurz nach der Geburt entscheidend. So muss beispielsweise die Nabelschnur nicht sofort durchtrennt werden, sondern kann nach einer Ruhephase des Kindes auf dem Bauch der Mutter erfolgen, in der sich das Kind beruhigen und erholen kann. Der Kontakt zur Mutter direkt nach der Geburt kann hier lindernde Wirkung entfalten. Wie kein anderes Lebewesen ist der Mensch in den ersten Monaten und Jahren komplett von seiner umsorgenden Umgebung und seiner Bezugsperson abhängig. Damit ist der Mensch von Anfang an auf sozialen Kontakt angewiesen. Die Bindungsforschung mit John Bowlby und Mary Ainsworth in den Anfängen sowie die Säuglingsforschung hat dies eindrucksvoll belegen können. Der Säugling braucht die Bezugspersonen, um sich am Anderen entwickeln zu können. Aber auch Kinder und Erwachsene brauchen die Beziehung zu anderen Objekten, um sich weiter zu entwickeln.

In diesem Zusammenhang soll die Säuglingsforschung von Rene Spitz (1965) nicht unerwähnt bleiben. Er untersuchte als einer der ersten Psychoanalytiker die Mutter-Kind- Beziehung während des ersten Lebensjahres des Kindes. Er fand insbesondere heraus, dass Kinder in einem Alter von etwa acht Monaten anfangen zu fremdeln. Damit ist gemeint, dass das Kind in diesem Alter zwischen der Mutter und einem Fremden unterscheiden kann und sich beim Anblick eines Fremden eher ängstlich zurückzieht und bei der Mutter Schutz sucht. Erst mit der Sicherheit gebenden Mutter traut sich das Kind die vorsichtige Kontaktaufnahme zum Fremden zu. Auch wenn die Angst überwiegt, schwankt das Kind zwischen Angst vor dem Fremden und der Neugierde, Neues zu entdecken. Dieses Spannungsverhältnis tritt auch im übertragenen Sinn beim Verlassen des Heimatlandes auf. Die Ambivalenz, das Vertraute zu verlassen und sich auf ein neues und fremdes Land einzulassen, taucht auch hier wieder auf.

2.3 Trennung und Verlust aus psychoanalytischer Sicht

Es ist daher einleuchtend, dass spätere Trennungs- und Verlusterfahrungen unweigerlich mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden sind; Dies bleibt ein nicht wegzudenkender Teil unseres Lebens. Wie diese erste in Abschnitt 2.2 beschriebene sensible Phase der Geburt durch das Kind erlebt und verarbeitet wird und wie die Mutter mit dem Geburtserlebnis umgeht, ist für die späteren Trennungserfahrungen somit von großer Bedeutung. Weitere Beispiele für Trennungserfahrungen sind unter anderem entwicklungsbedinge Krisen wie die Loslösung von der Mutter beim Laufenlernen, die Einschulung, die Ablösung vom Elternhaus in der Adoleszenz und eben ein Ortswechsel, Umzug in einen anderen Ort oder in ein anderes Land. Mütter begleiten ihre Kinder am ersten Schultag bis ins Klassenzimmer und bringen ihre Kinder häufig bis zur 6. Klasse zur Schule. Solche Krisen können auch als Übergänge bezeichnet werden, die bewältigt werden wollen und die das Individuum herausfordern. Mit Übergängen ist gemeint, etwas Altes, das alte Leben, die Heimat, alte Freunde, Beziehungen hinter sich zu lassen und etwas Neues beginnen zu lassen. Die Migration stellt dafür den Prototyp dar, in dem ein Land, die Heimat, verlassen wird und in einem fremden Land neu angefangen wird zu leben, mit neuen Beziehungen und neuen Aufgaben und unter völlig neuen Gesichtspunkten. Die heftigen Gefühle, die mit solchen Veränderungen einhergehen, wie beispielsweise Angst, Schuld oder Trauer, werden oft nicht gelebt und durchlebt, sondern abgespalten oder abgewehrt. Somit stellen solche Übergänge für den Einzelnen eine Herausforderung und eine Chance zum Wachstum dar. Sie bergen aber auch eine Gefahr für die erhöhte Anfälligkeit für psychische Störungen (Grinberg & Grinberg, 1990).

Die Aufgabe des Individuums besteht also darin, die traumatische Erfahrung der Migration in sein Ich zu integrieren und die ursprünglichen, bisher gemachten Erfahrungen mit dem neuen Erleben und Verhalten in einem fremden Land und einer fremden Umgebung in Einklang zu bringen. Folge ist für das Individuum ein Zustand der Desorganisation, der überwunden werden will (ebd.). Wie diese Desorganisation überwunden und verarbeitet werden kann, welche Strategien und Abwehrmechanismen dabei verwendet werden können, welche dabei hilfreich bzw. weniger hilfreich sind, soll in den Kapitel 4 beziehungsweise in Kapitel 5 näher erläutert werden. Im folgenden Kapitel 3 soll jedoch erst kurz auf die Entwicklung der Migration in Deutschland eingegangen werden, da dies exemplarisch zeigt, wie unterschiedlich sich Migration darstellen kann.

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Details

Seiten
28
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668060241
ISBN (Buch)
9783668060258
Dateigröße
702 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307918
Note
1,0
Schlagworte
migration psyche auswirkungen psychoanalyse psychische gesundheit entwicklung psyche herausforderungen psychoanalytische perspektive folgen

Autor

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Titel: Migration. Auswirkungen auf die Psyche und die Haltung der Psychoanalyse