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Das Spannungsfeld von Vernunft und Wahnsinn in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann"

Hausarbeit 2014 24 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Erzählstimmen
1.1. Nathanael und Clara - Zwei Wirklichkeiten
1.2. Die Rolle des Erzählers

2. Intention des Autors

3. Zur Entwicklung der Wahnsinnsthematik
3.1. Der Einfluss Gotthilf Heinrich Schuberts

4. Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die 1806 erschienene und viel diskutierte Erzählung Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann (1776 -1822) thematisiert die dämonischen, dunklen und krankhaften menschlichen Seiten unter Verwendung romantischer Motive. Dieser Topos ist charakteristisch für alle Werke von Hoffmanns Erzählzyklus Nachtstücke, von denen Der Sandmann eines der populärsten ist. Die dort enthaltene Wahnsinnsthematik ist in der Literatur der Romantik in Anbetracht des zeitgenössischen Diskurses und der zeitgleichen Begründung und Institutionalisierung der Psychologie von besonderer Bedeutung.

Im Rahmen dieser Arbeit wende ich mich vor allem der Erzähltechnik Hoffmanns zu, anhand derer das Spannungsfeld von Vernunft und Wahnsinn literarisch manifestiert wird. Im Zuge dessen wird ein besonderes Augenmerk auf den häufigen Perspektivenwechsel innerhalb der Erzählung gelegt, durch den Hoffmann die Wirklichkeitswahrnehmung seiner Leser zu erschüttern versucht, um die eingefahrenen Ansichten über Gesundes und Krankes zu lösen. Die Untersuchung dieser Erzähltechniken soll, in Verbindung mit den zeitgenössischen Theorien über den Wahnsinn, die Analyse der Intention E.T.A. Hoffmanns hinter seinem viel diskutiertem Werk Der Sandmann unterstützen.

Im ersten Teil der Arbeit werde ich den am Beginn der Erzählung stehenden Briefwechsel analysieren. Nathanael und Clara, die hier auftretenden Ich-Erzähler, beurteilen die Vorkommnisse aus zwei kontroversen Perspektiven, die im Wesentlichen die beiden elementaren Deutungsmöglichkeiten der Geschehnisse innerhalb der Erzählung repräsentieren:

Auf der einen Seite steht Nathanaels tiefgründige Angst vor der bedrohlichen Figur des Sandmanns und den damit zusammenhängenden Ereignissen als dämonische, aber subjektiv reale Wirklichkeit. Auf der anderen Seite Clara, die die Dinge rational zu erklären und als Visionen aufzudecken versucht.

Im nächsten Schritt wird die Funktion des Erzählers analysiert, der im Anschluss an den Briefwechsel zum ersten Mal auftritt und einen fiktiven Leser anspricht, auf dessen Rolle ich ebenfalls eingehen werde. Es soll aufgezeigt werden, anhand welcher Mittel der Erzähler derart aufdringlich und gleichzeitig vollkommen neutral zugleich erscheinen kann.

Im Anschluss daran wird das Verhältnis Hoffmanns zu der Frage nach dem Wahnsinn als Attribut der Figur des Künstlers untersucht. Da seine Werke aufgrund der dort dargestellten (meist dem Wahnsinn verfallenen) Künstlerfiguren teilweise energischer Kritik ausgesetzt waren, soll die Anthologie Die Serapionsbrüder hinzugezogen werden, um die Kritik auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen.

Im zweiten Teil werde ich die zeitgenössische Diskussion im Hinblick auf die Wahnsinnsthematik und den Umgang mit psychisch kranken Personen skizzieren. Hier wird sich zeigen, dass sich die - durch die Charaktere im Werk - bereits angedeuteten gegensätzlichen Positionen im allgemeinen Diskurs wiederfinden. Besondere Beachtung wird dem Werk Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft des Naturphilosophen Gotthilf Heinrich Schubert (1780 - 1860) zukommen, welches von großer Bedeutung für die Romantik ist. Schubert hatte einen beachtlichen Einfluss auf das Denken und die Werke Hoffmanns und stellt dementsprechend eine wichtige Grundlage bei der Deutung des Sandmanns dar.1 Zum Schluss werden die Ergebnisse noch einmal zusammenfassend formuliert.

Hauptteil

1. Erzählstimmen

1.1. Nathanael und Clara: Zwei Wirklichkeiten

Die Erzählung erfährt durch die Wiedergabe dreier Briefe zwischen dem Studenten Nathanael und seiner Verlobten Clara einen unmittelbaren Einstieg. Bevor sich der Erzähler offiziell einschaltet, werden Nathanaels Kindheitserlebnisse aus eigener Sicht bis zum gegenwärtigen Moment in geraffter Form dargestellt. Damit erfährt der Leser bereits in der Exposition die maßgebende Problematik Nathanaels und lernt die für die Erzählung bedeutenden Personen namentlich kennen. Hoffmann bedient sich hier der ordo artificalis, indem er den Protagonisten seine Ängste und Sorgen anhand von Rückblicken in die Kindheit desselben schildern lässt und so die vergangenen Geschehnisse rekonstruiert.

Die Erzählung umfasst hier drei verschiedene Zeitebenen: Die Kindheitserinnerungen Nathanaels, die nicht lange zurückliegende Begegnung mit dem Wetterglashändler Coppola und die Gegenwart, in der Nathanael den Brief schreibt. Die Kindheitserlebnisse werden anhand der direkten Figurenrede wiedergegeben. Dadurch kommt die Innensicht Nathanaels zum Ausdruck, die zunächst unbeeinflusst von Claras Standpunkt bleibt. Der Protagonist schwankt hier deutlich zwischen der Angst, von seinem Schwager Lothar, an den er den Brief ursprünglich schicken möchte, nicht verstanden zu werden, der Ahnung, er könnte wahrhaftig verrückt geworden sein und dennoch der tiefen Überzeugung, dass der Wetterglashändler der Advokat Coppelius ist.2 Dieser stellt seit Nathanaels Kindheit eine dämonische und bedrohliche Figur für ihn dar, da Nathanael ihn für den frühen Tod seines Vaters verantwortlich macht.3

Die Verknüpfung des Wetterglashändlers mit dem Advokaten Coppelius impliziert dann wiederum auch, dass aus Nathanaels Sicht die Schreckensfigur des Sandmanns immer noch real sein kann. Coppelius wird in Nathanales Kindheit stets von dessen Mutter als „Sandmann“ angekündigt: „Nun Kinder! - zu Bette! der Sandmann kommt, ich merk’ es schon.“4 Werner Obermeit beschreibt diese Entwicklung der mysteriösen Gestalt des Sandmanns als „aus einer nur an ihren Wirkungen erkennbare(n) Figur zu einer konkreten handelnden Gestalt“5.

Die nächtlichen Besuche versetzen die Kleinfamilie wieder und wieder in einen ängstlichen, „starr(en)“ und „traurig(en)“6 Zustand und führen dazu, dass das Kind Nathanael sich den Sandmann in seiner Fantasie als bedrohliche Schreckensfigur ausmalt. Mit der Entdeckung Coppelius‘ wird dieser von Nathanael als der Sandmann „identifiziert, er verliert seine Märchenhaftigkeit (…) und erhält damit denselben Wirklichkeitsgrad, den andere Figuren der Erzählung haben“7. Trotz der Personifizierung des Sandmanns als den Advokaten ergibt sich ein dämonisches und überirdisches Bild desselben: Nathanael berichtet davon, „festgezaubert“8 von seiner Gestalt zu sein und beschreibt den überirdischen Angriff des Coppelius, bei dem er den kleinen Nathanael angeblich „gewaltig [fasste], daß die Gelenke knackten, und [ihm] die Hände ab [schraubte] und die Füße und [sie] bald hier, bald dort wieder ein[setzte]“9. Die Grenzen zwischen Fantasie und Realität scheinen verwischt zu werden und es bleibt dem Leser überlassen, Nathanael zuzustimmen und damit die Existenz der Schreckensfigur anzuerkennen oder sie seiner wahnhaften Vorstellung zuzuschreiben.

Die Ereignisse, die im ersten Brief geschildert werden, zeigen nur die Eindrücke und Wahrnehmungen Nathanaels und sind somit im Hinblick auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Zuverlässigkeit kritisch zu bewerten. Nicht nur, weil Nathanael seine eigenen Erfahrungen schildert, also vollkommen subjektiv berichtet, sondern verstärkt, weil er aus seiner Kindheit erzählt. Somit berichtet er aus einer Zeit, die sowohl lange zurück liegt als auch oftmals von verzerrter Wahrnehmung und kindlicher Fantasie geprägt ist, die im Nachhinein oft mit der Realität gemischt wird.10 Die Glaubwürdigkeit der Geschehnisse wird außerdem auf der Wortebene durch die häufige Verwendung von Konjunktiven angezweifelt.11

Aufgrund Nathanaels Fehladressierung, wird der Brief fälschlicherweise von Clara anstatt ihres Bruders Lothar geöffnet und ebenso von ihr beantwortet.

In der ursprünglichen Absicht Nathanaels, die Ereignisse Lothar anstatt seiner Verlobten Clara mitzuteilen, zeichnet sich bereits die Gegensätzlichkeit der Weltanschauungen, die im Sandmann thematisiert werden, ab: die Gegenpole des wahnsinnigen und irrationalen Gemüts auf der einen Seite und des gesunden, rationalen auf der anderen, werden durch Nathanael und Clara personifiziert12. Nathanael hat eigentlich nicht die Absicht, seine unvernünftigen und unerklärbaren Gedanken mit Clara zu teilen.

Angesichts des Fernhaltens seines Innenlebens von Clara, signalisiert Nathanael einerseits, dass er seinen Geisteszustand selbst als normabweichend bewertet und andererseits macht er deutlich, dass er Clara eine solche Empfänglichkeit und das Verständnis für Übersinnliches klar abspricht. Günther Saße spricht in diesem Kontext auch von der ersten Andeutung einer gestörten Kommunikation zwischen dem Paar: „Nathanael [vermag] sich nicht vorzustellen, dass seine Verlobte jene lang verdrängte dunkle Seite seiner Existenz nachempfinden kann.“13

Diese Vermutung ist nicht unbegründet. In ihrer Antwort in Form des zweiten Briefes, der in der Erzählung wiedergegeben wird, zeigt sich Clara zwar besorgt, jedoch nicht darum, dass die beängstigenden Ahnungen ihres Verlobten wahr sein könnten, sondern darüber, dass Nathanaels Angst ihn unnötig belastet, da diese nach ihrem Bemessen irrational und unbegründet ist. Clara leugnet die dämonische Kraft zwar nicht, spricht sie allerdings allein Nathanaels Innenleben zu und erklärt die Geschehnisse anhand psychologischer Theorien. Sie spricht von der Außenwelt als „wahre wirkliche“14 Welt, die wenig mit den Vorgängen zu tun hat, die sich „nur“15 in Nathanaels Innenleben abspielen. Sie macht deutlich, dass sie Nathanael und seine Angst versteht, zeigt also eine Empfänglichkeit für die Symptome ihres Verlobten und ist bemüht, sein Unwohlsein zu lindern. Trotzdem grenzt sie sich klar von Nathanaels Einschätzung der Dinge ab, wenn sie ihm mitteilt, dass sie „ganz heiteren unbefangenen Sinnes [ist], wie immer“16.

Diese rationale Herangehensweise lässt sie nicht unbegründet, sondern versucht, die Verknüpfung durchaus sinnvoll zu rechtfertigen: „Gibt es eine dunkle Macht, […] so muss sie […] unser Selbst werden; denn nur so glauben wir an sie […]“17.

[...]


1 Vgl. Werner, Hans-Georg: E.T.A. Hoffmann. Die Darstellung und Deutung der Wirklichkeit im dichterischen Werk. Weimar 1962. S.90

2 Vgl. Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. Mit einem Kommentar von Peter Braun. Frankfurt am Main 2003, S. 12

3 „Coppelius, verruchter Satan, du hast den Vater erschlagen!“

4 Ebd., S. 18 Ebd., S. 10

5 Obermeit, Werner: Psychologie um 1800. Berlin 1978,S. 204

6 Der Sandmann, S. 10

7 Obermeit, Psychologie um 1800, S. 204

8 Der Sandmann, S. 15

9 Ebd., S. 16

10 In unbewussten oder wahnsinnigen Zuständen wie zum Beispiel den affektiven Ausbrüchen von Angst und Emotionen ist eine Unterscheidung von Fantasie und Erinnerung für den Betroffenen oft unmöglich und so können eigene Imaginationen oder Wahrnehmungen so real fantasiert werden, dass sie den Anschein einer echten Erinnerung annehmen.

Vgl. dazu: Ellenberger, Henry: Die Entdeckung des Unbewussten. Band II. Stuttgart 1973, S. 642

11 „Mir war es, als würden Menschengesichter ringsumher sichtbar […]“, „Ein Jahr mochte vergangen sein […]“, Der Sandmann, S. 17

12 Vgl. Obermeit, Psychologie um 1800, S.197 Saße, Günter: Der Sandmann. Kommunikative Isolation und narzisstische

13 Selbstverfallenheit. In: Günter Saße: E.T.A. Hoffmann. Romane und Erzählungen. Stuttgart 2012. S. 96 - 115. S. 98

14 Der Sandmann, S. 20

15 Ebd., S. 20

16 Ebd., S. 20

17 Ebd., S. 21

Details

Seiten
24
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668061989
ISBN (Buch)
9783668061996
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307736
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann Der Sandmann Wahnsinn Erzähltechnik

Autor

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