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Das Konzept des Zombies aus kulturhistorischer Perspektive. Eine Typologisierung von Zombie-Arten

Bachelorarbeit 2015 49 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Etymologie des Begriffs Zombi(e)

3. Ethnologische Ursprünge des Zombi

4. Von ersten Zombis in der Literatur zu Seabrooks The Magic Island 13

5. Vorläufer der Zombiefilme

6. Voodoo-Zombies

7. Romeros Zombies

8. Virus-Zombies

9. Neue Zombies

10. Fazit

11. Literaturverzeichnis

12. Filme

1. Einleitung

Zombies haben sich im letzten Jahrzehnt von einem Motiv des Horrorfilms zu einem „Phänomen der Popkultur“1 gewandelt. Zombie-Walks mit hunderten verkleideter Menschen, die durch unsere Innenstädte schwanken, sind längst keine Veranstaltungen für ein kleines Enthusiasten-Publikum mehr, sondern ein Ereignis, das allein in Deutschland 2015 fast 30 Mal stattfindet.2 Filme, Serien und Videospiele mit Zombies erfreuen sich großer Beliebtheit. So liefert der Topos Zombie Material für Hollywood-Blockbuster wie World War Z mit Brad Pitt,3 aber auch für Comic-Adaptionen wie die erfolgreiche Serie The walking Dead, die aktuell mit Fear the Walking Dead sogar ein Spin-Off erhält. Das Smartphone-Spiel Plants vs. Zombies war 2010 unter den meistverkauften Spielen für das Apple iPhone4 und die renommierte Zeitung New York Times veröffentlicht Artikel über das moderne Leben der Menschen des 21. Jahrhunderts geht der Frage nach, wie das Gefühl des Untot-Seins zu erklären ist und warum die erste Episode von The Walking Dead 83 Prozent höhere Einschaltquoten als Mad Men hatte.5 „Fleischfressende Zombies als Metaphern unserer Zeit“6 sind die „ultimativen transmedialen Monster.“7

In der Kulturgeschichte gab es immer wieder Monster, die die „Vorstellungskraft einer bestimmten Kultur oder Epoche“8 dominierten und dadurch einen „Einblick in die speziellen Ängste in jenem historischen Moment“9 boten. Judith Halberstam schreibt: „Monsters are meaning machines.“10 Sie können uns einen „Blick auf die Alpträume der Kultur gewähren, die sie hervorbringt.“11 Horror-Figuren wie Graf Dracula, Frankensteins Monster, aber auch Werwölfe oder Dr. Jekyll und Mr. Hyde weisen mitunter eine Historie auf, die bis zu altertümlichen Legenden und der europäischen Märchen- und Schauerliteratur zurückreicht.12 Ihre Geschichten wurden oft den verschiedenen historischen Kontexten angepasst, man denke an die Blade- oder Underworld-Reihe, doch blieben ihre Grundstrukturen starr und unveränderlich.13 Der Zombie ist an dieser Stelle wandelbarer. Seine Geschichten in Literatur und Film wandeln sich von den haitianischen Voodoo-Ursprüngen über Propagandafilme des frühen 20. Jahrhunderts, hin zu rassismus- und kapitalismuskritischen Allegorien und post-apokalyptischen Globalisierungs-Dystopien.

Diese Bachelorarbeit untersucht die verschiedenen Bedeutungen und Metaphern, die Zombies im kulturhistorischen Verlauf ihrer medialen Präsenz eingenommen haben und stellt sie im historischen Kontext dar. Der Fokus liegt auf den filmischen Repräsentationen des Konzepts Zombie, da eine umfassende Einbeziehung jeglicher literarischer Varianten, Comics, Serien und Computerspielen den Rahmen der Arbeit übersteigen würde.

Die Terminologie Konzept Zombie wurde gewählt, um den Charakter der Figur Zombie als einen vom Menschen gemachten Entwurf herauszustellen. Dieser unterliegt einem konstanten Wandel, sowohl bezüglich seiner Eigenschaften und Fähigkeiten, als auch im Kontext seiner Deutungsoptionen, so dass man durchaus von mehreren Konzepten des Zombies sprechen kann. Diese lassen sich historisch relativ klar voneinander abgrenzen. Auch der Vorgang der Zombie-Werdung, der Zombiefizierung, unterliegt diesem Wandel und unterscheidet sich zwischen den verschiedenen Konzepten im historischen Verlauf immens, so dass er ebenfalls Teil der Untersuchung ist.

Zur Kategorisierung der verschiedenen Zombie-Konzepte, die in unterschiedlicher medialer Repräsentation vorliegen, verwendet diese Arbeit eine leichte Abwandlung der Klassifizierung nach Max Brooks Buch „Der Zombie Survival Guide – Überleben unter Untoten“14. Dieses Buch ist zwar rein fiktional und hat keinen oder nur einen pseudo-wissenschaftlichen Anspruch, doch bieten die drei Kategorien Voodoo-Zombie, Virus-Zombie und Hollywood-Zombie, die von Max Brooks eingeführt werden eine plausible Klassifizierung der verschiedenen Zombie-Konzepte, die der eigenen Genealogie der Zombies gerecht wird und die, in großem Maße korrespondierenden „metaphorischen beziehungsweise allegorischen Sinnkonstruktion[en]“15 ebenfalls abbildet. Die dreiteilige Klassifizierung hat außerdem schon eine gewisse, wenn auch kurze, wissenschaftliche Tradition. Michael Fürst, Florian Krautkrämer und Serjoscha Wiemer verwenden sie 2011 in ihrem Buch Untot Zombie Film Theorie ebenfalls, um eine Einteilung der Zombies und der dazugehörigen Filme vorzunehmen.16 In dieser Bachelorarbeit wird lediglich die Kategorie des Hollywood-Zombies zur Kategorie des Romero-Zombies. Für die Jahre vor 2000 ist es durchaus legitim, die Kategorien Hollywood-Zombie und Romero-Zombie äquivalent zu benutzen; durch die heute fortlaufende Entwicklung neuer Zombiefilme, die ebenfalls den Hollywood-System entspringen, kann eine solche Bezeichnung allerdings irreführend sein. Natürlich kann jede Form der Taxonomie nur einen Orientierungspunkt liefern und ist immer von Ausnahmen gekennzeichnet. Die Entwicklung des Konzepts Zombie in den letzten 10 Jahren macht außerdem die Einführung einer vierten Kategorie nötig. Die Zombie-Filme der Nuller-Jahre des 21. Jahrhunderts wandeln das Konzept des Zombies weiter, indem sie es vom reinen Horrorfilm-Genre immer weiter entfernen und die Figur zum Stoff für Komödien, Liebesgeschichten und anderen Genres machen. Die Eigenschaften der Zombies und ihre Deutungsoptionen wandeln sich mit dem Verlassen des Horrorfilm-Genres ebenfalls. Die Klassifizierung der Zombies erfolgt also in Voodoo-Zombie, Romero-Zombie und Virus-Zombie, sowie einer vierten Kategorie den neuen Zombies.

2. Etymologie des Begriffs Zombi(e)

Zur Etymologie des Begriffs Zombi(e ) gibt es multiple Herleitungsversuche, die mit den verschiedenen Anfangspunkten der Figur im historischen Kontext zusammenhängen. Einig ist man sich in der Forschung darüber, dass einer der Anfangspunkte in der Kolonialgeschichte der Karibik zu finden ist.17 Man geht allerdings mittlerweile davon aus, dass die Ursprünge des Begriffs und der Figur in Westafrika liegen und erst durch den Sklavenhandel in die Karibik transportiert und dort weiter transformiert wurden.18 So reichen die etymologischen Herleitungsversuche vom westafrikanischen Begriff jumbie , was in etwa Geist bedeutet, über das französische Wort für Schatten les ombres, bis hin zur Bezeichnung einer Schöpfungsgottheit vieler Bantu-Ethnien Nzambi,19 was auf kongolesisch außerdem „spirit of a dead person“20 bedeutet.

In der einschlägigen Literatur ist die Schreibweise Zombi als Bezeichnung für die historische karibische Variante der lebenden Toten gebräuchlich. Der Zombie entstand erst durch die Adaptierung des Konzepts durch die Bild- und Textproduktion westlicher Kunst und Kultur.21 Diese Arbeit verwendet die entsprechende Differenzierung in der Schreibweise, um den unterschiedlichen Codierungen des Begriffs Rechnung zu tragen.

3. Ethnologische Ursprünge des Zombi

Wie bereits festgestellt, vermutet man die Wurzeln des Zombi-Konzeptes zwar in Westafrika, die größte und am besten dokumentierte Ausprägung liegt allerdings in der Karibik im heutigen Haiti. Die ehemalige französischen Kolonie Saint-Domingue, in der vor allem Sklavenhandel und Zuckerindustrie florierten, wurde nach einem erfolgreichen Aufstand der Sklaven 1791 und der Unabhängigkeit von Frankreich 1804 zur ersten Black Republic überhaupt.22 In diesem historischen Kontext und den damit verbundenen „rassistischen Stereotypisierungen,“23 die, Haiti als einen „Hort des Aberglaubens und der schwarzen Magie“24 identifizierten und die „synkretistische religiöse Praxis des Voodoo diskriminierten,“25 lässt sich das Auftauchen der Figur des Zombi einordnen. Bis heute wird im „Imaginären“26 Haitis unter einem Zombi ein seelenloser, vom Geist getrennter Körper verstanden, dem ein sog. bokor, ein Schwarzmagier, durch seine magische Kraft, die Seele geraubt hat. Er kann diesen Menschen kontrollieren und ihn dazu bringen, für ihn zu arbeiten.27 In einer möglichen Variante findet diese Unterwerfung nach der Bestattung der Person und ihrer „neuerlichen Ausgrabung“28 statt. Der Tod der Person kann sowohl „natürlich als auch gewaltsam herbeigeführt werden.“29 Laut einer ethno-biologischen Studie des kanadischen Ethnobiologen und Anthropologen Wade Davis von 1988 kann diese „Praxis der Zombifizierung“30 auch mittels Vergiftung der Person mit dem im Kugelfisch vorkommenden Nervengift Tetrodotoxin herbeigeführt werden. Davis vertritt die These, dass es sich bei den haitianischen Zombis um Scheintote handeln könnte, da in der Praxis des Voodoo Substanzen verwendet werden, die dieses Nervengift enthalten.31 Davis Studie ist allerdings in der Medizin und Ethnobiologie umstritten. So konnte Davis in mehreren Proben eines sogenannten „zombie powder“32 Spuren von Tetrodotoxin nachweisen. Mit diesem Pulver reibt, laut Davis, ein bokor sein Opfer ein. Dieses verfällt dann in eine Art Scheintod. Die Wirkstoffkonzentration war allerdings in den acht gesammelten Proben33 höchst unterschiedlich.34 In einem ersten Tierversuch an mehreren Ratten und einem Rhesusaffen konnte Davis zwar die Testobjekte in einen komatösen Zustand versetzen, dieser war allerdings nur bei einigen Tieren reversibel. Der Rest starb. Dieser erste Tierversuch fand zudem nicht unter wissenschaftlich korrekten Bedingungen statt und das Ergebnis konnte in weiteren unabhängigen Versuchen nicht reproduziert werden.35 Die Verwendung von Gift zur realen Zombifizierung lässt sich also unter bestimmten Gegebenheiten im Bereich des Möglichen verorten, ist aber vom wissenschaftlichen Standpunkt aus bisher nicht beweisbar.

[...]


1 Jamie Russel: Manchmal kommen Sie wieder. Der Zombie als neues Phänomen der Popkultur. In: Schnitt. Das Filmmagazin (2012), H. 67, S. 8-11, S. 9.

2 Zombie Walk Termine: Wo ist die nächste Zombie-Parade. In: maskworld.com – the world of masquerade, 21.09.2014, URL: http://maskworld.com/german/news/willkommen-bei-zombiewalks-de (01.09.2015).

3 Der Film basiert ebenfalls auf einem Buch von Max Brooks, dem apokalyptischen Horror-Roman World War Z: An Oral History of the Zombie War. Die Handlung weicht allerdings stark von der Romanvorlage ab.

4 Marcel Benz: Apple. Die beliebtesten iOS Spiele des Jahres. In: Games Trust. The Next Entertainment Level, 12.12.2010, URL: http://www.gamestrust.de/news,apple-beliebtesten-ios-spiele-jahres,id5564.html (01.09.2015).

5 Vgl. Chuck Klosterman: My Zombie, Myself: Why Modern Life Feels Rather Undead. In: The New York Times, 03.12.2010, URL: http://www.nytimes.com/2010/12/05/arts/television/05zombies.html?pagewanted=all&_r=0 (01.09.2015).

6 Russel: Manchmal kommen Sie wieder, S. 9.

7 Ebd.

8 Ebd, S. 10.

9 Ebd.

10 Judith Halberstam: Skin Shows. Gothic Horror and the Technology of Monsters. Durham 2012, S. 21.

11 Russel: Manchmal kommen Sie wieder, S. 10.

12 Vgl. ebd., S. 9.

13 Vgl. ebd., S. 10.

14 Max Brooks: Der Zombie Survival Guide. Überleben unter Untoten. New York 2010, S.3.

15 Michael Fürst / Florian Krautkrämer / Serjoscha Wiemer: Einleitung. In: Michael Fürst / Florian Krautkrämer / Serjoscha Wiemer (Hrsg.): Untot. Zombie Film Theorie. München 2011, S. 7-15, S. 8.

16 Vgl. Florian Krautkrämer: A Matter of Life and Death. In: Michael Fürst / Florian Krautkrämer / Serjoscha Wiemer (Hrsg.): Untot. Zombie Film Theorie. München 2011, S. 24.

17 Vgl. Gudrun Rath: Zombi/e/s. Zur Einleitung. In: ZFK. Zeitschrift für Kulturwissenschaften (2014), H. 1, S. 11-19, S. 12.

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. Hans-W. Ackermann / Jeanine Gauthier: The Ways and Nature of the Zombi. In: The Journal of American Folklore 104 (1991), H. 414, S. 466-494, S. 467.

20 Ebd., S. 468.

21 Vgl. Gudrun Rath: Zombi/e/s, S.11.

22 Vgl. ebd. S.12.

23 Ebd.

24 Ebd.

25 Ebd.

26 Ebd.

27 Vgl. Christoph Auffahrt/Jutta Bernhard/Hubert Mohr: Metzler Lexikon Religion. Band 3: Paganismus – Zombie. Gebundene Ausgabe. Stuttgart/Weimar 2000, S. 727.

28 Rath: Zombi/e/s, S. 12.

29 Ebd.

30 Ebd., S. 13.

31 Ebd.

32 William Booth: Voodoo Science. In: Science. The World’s Leading Journal of Original Scientific Research, Global News, and Commentary. (1988) H. 240, S. 274 – 277, S. 274.

33 Vgl. ebd.

34 Vgl. ebd., S. 276.

35 Vgl. Ebd., S. 275.

Details

Seiten
49
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668062467
ISBN (Buch)
9783668062474
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307686
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Medienkultur und Theater
Note
1,5
Schlagworte
Zombie Zombies Zombi Zombis Kulturgeschichte Romero night of the living dead Karibik Haiti

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Titel: Das Konzept des Zombies aus kulturhistorischer Perspektive. Eine Typologisierung von Zombie-Arten