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Veränderungen zwischenmenschlicher Beziehungen durch das Social Web

von Jens Vösseler (Autor)

Hausarbeit 2015 13 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Menschliche Verhältnisse
2.1. Soziale Beziehungen
2.2. Privatsphäre
2.3. Identität

3. Social Web
3.1. Soziale Netzwerke
3.2. Umgang mit Daten
3.3. Persönlichkeit im virtuellen Raum

4. Auswirkungen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Freundschaften gelten als die stabilsten und am längsten dauernden persönlichen Beziehungen. Dies hat seinen Grund darin, dass Freundschaften aus Freiwilligkeit entstehen und ein Bedürfnis des Menschen sind, wie Aristoteles bereits bemerkte:

„Freundschaft ist das höchste Bedürfnis, weil ohne Freund niemand, auch bei Besitz aller übrigen Güter, gern leben wird, wenn er diese nicht in Wohltaten anwenden kann, und weil in Dürftigkeit und in den übrigen Drangsalen Freunde die einzige Zuflucht ausmachen.“ (Aristoteles 1837: 127)

Soziale Beziehungen sind so alt wie die Menschheit. Ihre Art und Weise muss im Kontext der Zeit betrachtet werden: Im 21. Jahrhundert spielen neben klassischen auch internetgebundene Netzwerke eine Rolle bei der Kommunikation. Facebook und Twitter sind prominente Beispiele für Online-Plattformen, durch die sich das soziale Umfeld gewandelt hat; neue Arten der Vernetzung wurden so möglich. Manche zweifeln jedoch an der Stärke dieser Beziehungen: Sie argumentieren, dass nur wirkliche Nähe und Beziehungen einer Freundschaft Nährboden geben können (vgl. Fröding/Peterson 2012: 204f.). Doch das Internet bietet bei sozialen Beziehungen auch Vorteile: Größere Entfernungen können überwunden werden und damit Freundschaften erhalten, die persönlich ansonsten nicht möglich sind. Auch die Zeitersparnis ist vorteilhaft: Kontakt zu mehr Leuten ist erreichbar, da Raum und Zeit keine Grenze darstellen (vgl. Bahl 1997: 77).

Trotz des Für und Wider ist unklar, inwieweit sich soziale Beziehungen durch die neuen Wege des Internet verändern. In jedem Fall sind die Anforderungen an Individuen gestiegen, da ein schnelles Anpassungsvermögen, Flexibilität und Selbständigkeit gefordert sind, um die technischen Anforderungen zu erfüllen und dem vermeintlichen Zugewinn an Freiheit gerecht zu werden (vgl. Silbereisen/Pinquart 2008: 12). Vor diesem Hintergrund sind die Folgen für die Entwicklung einzelner Individuen bedeutsam, weil Veränderungen des sozialen Umfeldes folgenreich sein können. Die vorliegende Arbeit widmet sich diesem Thema mit der folgenden Fragestellung: Begründet die Interaktion im Social Web ein neues Verständnis sozialer Beziehungen?

Zunächst werden die Grundbausteine menschlicher Verhältnisse, soziale Beziehungen, Privatsphäre und Identität, erläutert, um anschließend Auswirkungen in Bezug auf das Social Web mit den Aspekten der sozialen Netzwerke, dem Umgang mit Daten und der Persönlichkeit im virtuellen Raum betrachten zu können.

2. Menschliche Verhältnisse

2.1. Soziale Beziehungen

Soziale Beziehungen lassen sich in die Kategorien ‚Funktion‘, ‚subjektive Bedeutung‘ und ‚Rollen der Beziehungspartner‘ unterteilen. Diese wiederum werden in ‚formal‘ und ‚persönlich‘ untergliedert. Die formalen Beziehungen binden die Personen in gesellschaftliche Rollen ein, in denen sie bestimmte Funktionen erfüllen. Diese sachlich gestaltete Ebene unterbindet größtenteils emotionale Handlungen. Wesentlich freier gestaltet sind im Gegensatz hierzu die persönlichen Beziehungen: Ihnen kommen nicht primär übergeordnete Erwartungen zu, sondern individuelle Motive. Sowohl die formalen als auch die persönlichen Beziehungen werden in bestimmte Beziehungsklassen wie etwa Berufe oder Freundschaften eingeteilt. Das soziale Leben einer Person besteht sowohl aus starken als auch aus schwachen Bindungen; beide Arten der Bindung erfüllen wichtige Zwe>2.2. Privatsphäre

Das Private und das Öffentliche sind seit Jahrhunderten begründet voneinander getrennt. „Die Privatsphäre ist Raum des individuellen Rückzugs“ (Schaar 2009: 4), sodass einem dort die Möglichkeit des Schutzes vor der Öffentlichkeit geboten wird. Im Privaten gibt es Raum dafür, – im Sinne der persönlichen Beziehungen – jemand anders zu sein, als man draußen – im Sinne der funktionalen Rollenerwartungen – sein muss.

Neben dieser Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit besitzt Privatsphäre keine normative Grenze, sondern eine individuelle: Jede Person definiert selbst, wo für sie die Grenze zwischen den Informationen, die nur für sie selbst zugänglich sind, und den Informationen, die öffentlich zugänglich sind, liegt (vgl. Schenk et al. 2012: 39f.; Schaar 2009: 5ff.). Entscheidend ist somit die Kontrolle über die persönlichen Informationen (vgl. Rössler 2001: 23).

Aktuelle Debatten über Privatsphäre berühren zwangsläufig neue technische Errungenschaften. Die Frage nach der Kontrolle über die eigenen Informationen gewinnt an Relevanz: Welche Personen einmal preisgegebene Daten in welchem Umfang erhalten, ist unklar (vgl. Schenk et al. 2012: 40; Reinecke/Trepte 2008: 2ff.).

2.3. Identität

Der Sozialpsychologe George Herbert Mead beschreibt Identität als eine Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft. Der von Mead beschriebene Sozialisationsprozess gilt als ein Meilenstein der Identitätstheorie, da er die Entwicklung einer Identität und eines Bewusstseins als sozialisatorisches Element darstellt, das von Individuen erworben wird (vgl. Blumer 1966: 535). Hierbei sind primäre Erfahrungen im menschlichen Entwicklungsprozess zentral (vgl. Mead 93ff.; Abels 2001: 33). Identität ist keine Eigenschaft, sondern eine Beziehung zur Umwelt (vgl. Fuchs 2015: 70). Mead zufolge nehmen Menschen sich in besonderer Art und Weise wahr, weil sie sich in andere hineinzuversetzen können (vgl. Abels 2010: 24).

In seinen Untersuchungen bezieht sich Mead zunächst auf die Sprache, denn nur durch die Ausprägung vokaler Gesten in Form von Sprache sind Menschen dazu fähig, zu kommunizieren und damit im Wissen darüber zu sein, auf eine gewisse Art gehört und verstanden zu werden. Diese Fähigkeit führt somit dazu, dass sich Menschen in Gesellschaft anderer über die Sprache wahrnehmen. Darüber hinaus besitzt der Einzelne nur durch sie – im Unterschied zur Geste – die Fähigkeit, sich selbst zu hören und zu reflektieren. Die Reflexion der eigenen Worte führt zur Objektivierung seiner selbst und befähigt somit zur Einnahme verschiedener Perspektiven (vgl. ebd.: 17ff.).

Mead nennt drei Prämissen für diesen symbolischen Interaktionismus: Die erste Prämisse hat Bedeutungen zum zentralen Inhalt; nur über diese sind Menschen fähig, miteinander zu kommunizieren, denn erst sie geben dem Handeln Bedeutung. Die zweite Prämisse besagt, dass sich die Art und Weise, wie Bedeutungen entstehen, aus der sozialen Interaktion ergibt. Schließlich bezieht sich die dritte Prämisse auf den veränderlichen Charakter der Bedeutungen: Demnach ist es möglich, in einem interpretativen Prozess Bedeutungen zu verändern (vgl. Blumer 1973: 81).

Wird der symbolische Interaktionismus auf die Entwicklungsstufen eines Menschen bezogen, beginnt der Entwicklungsverlauf mit dem kindlichen Spiel. In diesem als ‚Play‘ benannten Stadium nehmen Kleinkinder unterschiedliche Rollen ein und ahmen diese nacheinander nach. Diese Form von Mimesis führt dazu, dass Kinder lernen, sich in die Perspektive einer für sie vertrauten sozialen Rolle hineinzuversetzen und somit zwei Identitäten zu erlangen: die eigene und die imaginäre. Entscheidend ist, dass die Rollen von den Kindern nicht gleichzeitig eingenommen werden (vgl. Mead 1973: 192f.). Im ‚Game‘ lernen die Kinder, sich in mehrere, ihnen nicht direkt vertraute Rollen gleichzeitig hineinzuversetzen. Der Übergang vom ‚Play‘ zum ‚Game‘ wird als Übergang vom gespielten Gegenüber zum organisierten Gegenüber beschrieben. Mead nennt dieses Stadium, wenn es vollendet ist, den ‚generalisierten Anderen‘. Außerdem lernen Kinder, sich an Normen (Spielregeln) zu gewöhnen und sie in die Rollenübernahme zu inkorporieren. Haben Kinder das ‚Game‘ komplett verinnerlicht, sind sie in der Lage, in einer Gesellschaft universell zu interagieren (vgl. Mead 1973: 193f.).

In der Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft entsteht eine Identität, die sich in ‚I‘, ‚Me‘ und ‚Self‘ unterteilen lässt. Das ‚I‘ beschreibt einen unreflektierten Zustand, in dem das Individuum gemäß der Situation handelt, ohne nachzudenken. Das ‚Me‘ ist entgegen dem ‚I‘ ein reflektiertes Ich, das aufgrund seiner Werthaltungen, die es in der Gesellschaft angenommen hat, handelt. Im ‚Self‘ sieht Mead die Synthese der beiden einzelnen Ich-Zustände; in ihm ist der Endzustand, die Identität, inbegriffen. Die Identität, auch als Selbst beschrieben, unterliegt einem permanenten Resonanzverhältnis zu sich selbst: Erfahrungen, Explorationen, selbstbezogenes Wissen und die Konstitution eines Selbstwertgefühls korrespondieren mit der Realität (vgl. ebd.; Döring 2003: 326f.; Abels 2010: 24ff.).

Da Menschen ihre stabile Lebensposition im sozialen Bereich erst entwickeln müssen, steht im Anschluss die Frage, wie sehr sie sich anpassen und wie sehr ihnen die Möglichkeit bleibt, ihre ganz eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Auch die Identität kann sich der Ambivalenz von Privatheit und Öffentlichkeit fügen, indem sie Rollen entwickelt (vgl. Döring 2003: 329).

Neben diesen beiden klassischen Sektoren ist das Internet als dritter Raum in das Leben der Menschen getreten. Die Grundbestandteile sozialer Wirklichkeit, Interaktion, Privatsphäre und Identität, werden durch das Internet mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Welche Merkmale die soziale Dimension des Internets aufweist, wird im zweiten Teil dieser Arbeit mit Bezug auf das Social Web erläutert.

3. Social Web

Unter Social Web ist eine Ansammlung an Kooperationsformen und Interaktionsmöglichkeiten zu verstehen, die den kulturellen Austausch auf Internet-Plattformen ermöglichen (vgl. Ebersbach et al. 2008: 9ff.).

3.1. Soziale Netzwerke

Soziale Netzwerke können auf zwei Arten verstanden werden: analog und digital. Zunächst sollen generelle Eigenschaften zusammengeführt werden, bevor es anschließend um Online-Netzwerke mit sozialem Kontext geht. Ein soziales Netzwerk ist die Gesamtheit sozialer Beziehungen, die eine Person unterhält. Hierbei tritt die gleiche Analogie wie bei persönlichen Beziehungen auf, derzufolge es einen schwachen Beziehungskreis, einen engen und einen starken gibt. Ein soziales Netzwerk ist durch eine hohe Komplexität gekennzeichnet: Je höher die Komplexität des sozialen Netzwerkes ist, als desto integrativer kann es bezeichnet werden. Im Gegensatz hierzu wird ein sehr kleines soziales Netzwerk als Zeichen für soziale Isolation gedeutet (vgl. Döring 2003: 409ff.).

Dass soziale Beziehungen nicht nur analog auftreten, ist kein neues Phänomen des Internet. Vorläufer dieser Entwicklung waren und sind soziale Beziehungen in den Massenmedien. In diesen gibt es bestimmte Diffusionen von Beziehungs- und Rollenmustern, die jedoch nur begrenzt mit denen im Social Web zu vergleichen sind, da auf sie kaum geantwortet werden kann (vgl. ebd.: 418ff.). Für das Verständnis moderner sozialer Beziehungen ist es unverzichtbar, sich den Phänomenen im Social Web zuzuwenden, denn hier findet eine Online-Sozialisation statt, für die neue Erklärungsmuster benötigt werden (vgl. Vallor 2012: 185).

Das Herzstück sozialer Beziehungen ist die Freundschaft. Im Social Web kann von virtueller Freundschaft gesprochen werden, die sich von traditioneller folgendermaßen abgrenzt:

„By ‚virtual friendship‘ we mean the type of friendship that exists on the internet, and seldom or never is combined with real life interaction. A ‚traditional friendship‘ is, in contrast, the type of friendship that involves substantial real life interaction, and we claim that only this type can merit the label ‚genuine friendship‘ and thus qualify as morally valuable.“ (Fröding/Peterson 2012: 201)

Trotz der Frage der moralischen Gültigkeit ist anzuführen, dass Beziehungen im Social Web nicht nur das Ziel einer nur dort geführten Freundschaft haben, sondern vor allem der Beziehungspflege dienen. Oftmals bestehen Beziehungen, die im Social Web gepflegt werden, bereits länger als die Plattformen, auf denen sie geknüpft oder gepflegt werden (vgl. Ebersbach et al. 2008: 30f.). Im Internet partizipieren Nutzer auf der gesamten Darstellungsplattform – somit ist insbesondere das Social Web durch Interaktivität gekennzeichnet. Dabei besteht die gleichzeitige Möglichkeit des Abrufens und Einstellens von Informationen (vgl. Trappel 2007: 39; Bleicher 2010: 18).

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Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668061262
ISBN (Buch)
9783668061279
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307649
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Kommunikationswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
social web soziale beziehungen zwischenmenschliche beziehungen.

Autor

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    Jens Vösseler (Autor)

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