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Ideologische Durchdringung der Universität im Nationalsozialismus. Der "Kriegseinsatz der Deutschen Geisteswissenschaften"

Hausarbeit 2013 21 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Altertumswissenschaften
2.1. Der Einfluss des Altertums im NS-Staat
2.2. Analyse der Publikationen
2.3. Auswertung des ideologischen Gehalts

3. Geographie
3.1. Die Bedeutung der Geographie im NS-Staat
3.2. Analyse der Publikationen
3.3. Auswertung des ideologischen Gehalts

4. Orientalistik
4.1. Die Stellung der Orientalistik im NS-Staat
4.2. Analyse der Publikationen
4.3. Auswertung des ideologischen Gehalts

5. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es ist ein großer Irrtum zu meinen, daß in der Gegenwart des totalen Krieges das geistige Leben der Völker sich von den militärischen Aktionen abstrahieren ließe, ja, zuletzt mit ihnen überhaupt nichts zu tun habe.“ 1

Der im Folgenden synonym als „Gemeinschaftswerk“ und „Aktion Ritterbusch“ bezeichnete „Kriegseinsatz der Deutschen Geisteswissenschaften“ war ein wissenschaftliches Großprojekt, das 1940 durch den Kieler Rektor und Rechtsphilosophen Paul Ritterbusch ins Leben gerufen wurde. Hintergrund dieser Idee war neben ernsthaftem geistig-militärischem Ehrgeiz die berechtigte Besorgnis vieler Geisteswissenschaftler, durch die unmittelbar kriegswichtigen Disziplinen wie den Natur- und Technikwissenschaften in den Schatten gestellt zu werden, sowohl ideell als auch finanziell2. Unter den Geisteswissenschaftlern war ein hohes Maß an „Gefechtsbereitschaft“ festzustellen3, und es darf gemutmaßt werden, dass diesem Engagement neben pragmatischen Motiven wie dem Zugang zu Ressourcen auch eine gewisse Billigung der ideologischen Mission dieses „Kriegseinsatzes“, nämlich der Teilnahme an der Neugestaltung der Weltordnung, zugrunde lag4. Doch äußerte sich eine Akzeptanz des Regimes nicht nur in der bloßen Beteiligung am Gemeinschaftswerk, sondern auch im Inhalt der wissenschaftlichen Publikationen? Blieb das Prinzip wissenschaftlicher Objektivität vor dem Hintergrund der destruktiven Hitler-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges unberührt? Im Rahmen dieser Arbeit ist eine erschöpfende Darstellung und Diskussion der Publikationen aller zwölf aktiv beteiligten Fächer nicht möglich; stattdessen soll, angeregt durch Hinweise in der Forschungsliteratur sowie unter Beachtung damaliger politischer Verhältnisse, lediglich ein Überblick über die für unsere Fragestellung relevant erscheinenden Beiträge gegeben werden. Die Auswahl der drei in dieser Arbeit zu besprechenden Disziplinen erfolgte auf Grundlage von Überlegungen, welche einen erhöhten Grad rassistischer und ideologischer Kontaminierung in diesen Fächern vermuteten; so war das griechisch-römische Altertum eine Epoche, die den Nazis vielerlei nachahmungswürdige Vorbilder bot; die Lebensraum-Ideologie war ein durch geographische Forschung akademisch untermauerbares Konzept; und innerhalb der Orientalistik vereinten sich die Wissenschaften von Staaten und Völkern, mit denen Nazi-Deutschland im Krieg z.T. freundschaftliche Bande hegte. Eine abschließende Zusammenführung der Ergebnisse wird die obig gestellten Fragen bestmöglich zu klären versuchen. Die bislang einzige umfangreiche Gesamtdarstellung zu diesem Thema liefert Frank-Rutger Hausmann mit seiner Monographie „‘Deutsche Geisteswissenschaft‘ im Zweiten Weltkrieg - Die ‘Aktion Ritterbusch‘ (1940-1945)“, welche neben der Darstellung von Planung und Durchführung des Projektes auch einen Überblick über die Quintessenz des Kriegsbeitrags jeder Disziplin enthält. Der Sammelband „Nazi Germany and the Humanities“ setzt sich nicht ausschließlich mit dem Gemeinschaftswerk auseinander; der darin enthaltene Artikel von Volker Losemann gibt jedoch eine Zusammenfassung der Rolle der Altertumswissenschaften in diesem Projekt. Schwerpunktmäßig stützt sich diese Arbeit aber auf die im Rahmen des „Kriegseinsatzes“ verfassten wissenschaftlichen Schriften selbst.

2. Altertumswissenschaften

2.1. Der Einfluss des Altertums im NS-Staat

Hitler betonte in seiner programmatischen Schrift „Mein Kampf“, man solle sich „im Geschichtsunterricht [...] nicht vom Studium der Antike abbringen lassen“, denn:

„Römische Geschichte, in ganz großen Linien richtig aufgefaßt, ist und bleibt die beste Lehrmeisterin nicht nur für heute, sondern wohl für alle Zeiten. Auch das hellenische Kulturideal soll uns in seiner vorbildlichen Schönheit erhalten bleiben.“5

Die Nazikunst, repräsentiert durch die Plastiken und Monumentalfiguren der im NSStaat populären Bildhauer Breker und Thorak, nahm sich offensichtlich die antiken Meister zum Vorbild6. Doch neben künstlerischen, zeremoniellen und architektonischen Anlehnungen an die Antike erlangten die Altertumswissenschaften, insbesondere durch das Kriegserlebnis bedingt, vermehrt eine gewisse Gegenwartsrelevanz und Zukunftsträchtigkeit. Das Fach bot einen weiten Raum für die akademische Anwendung der Rassenidee. Dies ist bereits aus dem Vorwort zum ersten Band der Sammlung „Das neue Bild der Antike“ ersichtlich, das vom Althistoriker Helmut Berve, der gleichzeitig der Herausgeber und Leiter dieses „Kriegseinsatzes“ war, verfasst wurde. So lasse der „wach gewordene Rasseninstinkt unseres Volkes“ die Römer und Griechen „als unseres Blutes und unserer Art empfinden“; umso erkenntnisreicher also die fortgesetzte Beschäftigung mit der Antike, welche „mehr als je [...] in den ewigen Prozeß deutscher Gestaltwerdung [eingebettet ist], der im letzten Jahrzehnt eine nie gekannte Größe erreicht hat.“7

2.2. Analyse der Publikationen

„Das neue Bild der Antike“ umfasst in zwei Bände gegliedert eine bunte Zusammenstellung von insgesamt 38 Abhandlungen mit archäologischen, philologischen, philosophischen und althistorischen Schwerpunkten. Während sich der erste Band auf „Hellas“ konzentriert, beinhaltet der zweite Band Untersuchungen zum Oberthema „Rom“. Hervorzuheben ist in ersterem der Aufsatz „Die Gymnastik und Agonistik der Griechen als politische Leibeserziehung“, da sein Verfasser Ludwig Englert im Unterschied zu den übrigen Beiträgen offene Referenzen an das Regime macht. Englert sieht im „agonalen Geist“ der Griechen, in Wettkämpfen sportlicher, musischer, aber auch politischer Art ausgelebt, einen Ausdruck ihres nordischen Erbes; er sei „bei Homer in gleicher Weise wie in den Sögur, in der germanischen Mythologie ebenso wie in der griechischen“8 zu finden. Aus dieser Tatsache sei eine „enge rassisch bedingte Verwandtschaft mit den Völkern des Nordens“ zu schließen9. Offenkundige Bewunderung bringt Englert der kriegerischen Ausbildung in Sparta entgegen, kritisiert aber die vom Staat in die Hand genommene Erziehung der Jugend in Lagern, da sie gegen das biologische Gesetz von der Individualität der Menschen verstoße - eine Auffassung, die mit Prinzipien der Hitlerjugend und des „völkischen Ganzen“ nicht vereinbar scheint. Explizit als Vorbild für die NS-Leibeserziehung wird das platonische Erziehungsideal genannt, welches sportliche und musische Übung vereint - neben Friedrich Ludwig Jahns „Deutsches Volksthum“ und Hitlers „Mein Kampf“10.

Dagegen finden sich im zweiten Band mehrere Artikel, denen ein zeitgemäßer Anstrich anhaftet. So verfasste Franz Miltner mit seinem Aufsatz „Die Antike als Einheit in der Geschichte“ den Beitrag dieses zweibändigen Gemeinschaftswerks, welcher am deutlichsten die Rassentheorie widerspiegelt11. Die Römer und Griechen als Vertreter der Nordvölker stellt er den fremdartigen, semitischen Stämmen gegenüber. Die Antike betrachtet er als „Auseinandersetzung rassisch verschiedener Welten“12. Joseph Vogts Darlegung über die „Raumauffassung und Raumordnung in der römischen Politik“ kann als Zeugnis seiner Bewunderung für die Ausmaße der römischen Expansion gelesen werden, die er als Vorbild für die Gegenwart ansieht13. Zudem setzt er die durch die römischen Gelehrten betriebene Geographie in Beziehung zur zeitgenössischen Anwendung dieser Wissenschaft, indem er anmerkt, dass sie sowohl in der Antike als auch immer mehr heutzutage „die Beziehungen zwischen den natürlichen Faktoren und der menschlichen Kultur“ herausstelle, „also die Natur und die menschliche Planung [...] in ihrer Verbundenheit“ zeige. Insofern sei die deutsche von der römischen Geographie geprägt14. Gerhart Rodenwaldt entwickelt eine ebensolche geistige Nachfolgerschaft in seiner Abhandlung über die „Römische Staatsarchitektur“, die er in den Bauten der Gegenwart wiederbelebt sieht15. Hitler füge sich demnach mit seinem Architektur-Programm für Berlin in die Reihe jener „großen konstruktiven Staatsmänner“ ein, die „die Architektur, die dadurch zur politischsten aller Künste [werde], als Ausdruck der Macht“ betrachteten16.

[...]


1 Ritterbusch, Paul, Hochschule und Wissenschaft im Kriege. Rede, gehalten am 26. November 1939 zur Eröffnung der „Kriegsvorlesungen für das deutsche Volk“ an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, Neumünster 1940, S. 12.

2 Vgl. z.B. Losemann, Volker, Nationalsozialismus und Antike. Studien zur Entwicklung des Faches Alte Geschichte 1933-1945, Hamburg 1977 (Historische Perspektiven, Bd. 7) [zugl. verkürzte Fass. der Diss., Universität Marburg, 1975], S. 108 f.

3 Vgl. bzgl. der regen Partizipation und des anfänglichen Erfolgs des Gemeinschaftswerks z.B.

Hausmann, Frank-Rutger, „Deutsche Geisteswissenschaft“ im Zweiten Weltkrieg. Die „Aktion

Ritterbusch“ (1940-1945), Dresden 1998 (Schriften zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte, Bd.1), S. 47.

4 Vgl. z.B. Hausmann, „Aktion Ritterbusch“, S. 17 f.

5 Hitler, Adolf, Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band. Ungekürzte Ausgabe, 851.-855. Aufl., München 1943, S. 470. Das Zitat geht wie folgt weiter: „Man darf sich nicht durch Verschiedenheiten der einzelnen Völker die größere Rassegemeinschaft zerreißen lassen. Der Kampf, der heute tobt, geht um ganz große Ziele: eine Kultur kämpft um ihr Dasein, die Jahrtausende in sich verbindet und Griechen- und Germanentum gemeinsam umschließt.“ Das Hellenentum scheint Hitler also wichtiger erschienen zu sein, obgleich für die NS-Ideologie das Vorbild Rom prägender war, vgl. Losemann, Volker, Classics in the Second World War, in: Bialas, Wolfgang/Rabinbach, Anson (Hrsg.), Nazi Germany and the Humanities, Oxford 2007, S. 306-340, hier S. 308.

6 Hausmann, „Aktion Ritterbusch“, S. 129.

7 Berve, Helmut (Hrsg.), Das neue Bild der Antike, 2 Bde., Leipzig 1942, Band 1: Hellas, S. 7. Insbesondere mit diesem letzten Satz „entlarvt“ sich Berve als nicht nur opportunistischer Nationalsozialist. Dass die Hauptverantwortlichen wie Berve und Ritterbusch sich dem Regime verbunden fühlten hat jedoch keine Aussagekraft über die Gesamtheit des Projekts und der an diesem Beteiligten.

8 Englert in Berve, Hellas, S. 218-236, hier S. 224.

9 ebd.

10 ebd., S. 235 f.

11 Losemann in Bialas/Rabinbach, Humanities, S. 323.

12 Miltner in Berve, Helmut (Hrsg.), Das neue Bild der Antike, 2 Bde., Leipzig 1942, Band 2: Rom, S. 433-453, hier S. 439.

13 Hausmann, „Aktion Ritterbusch“, S. 130.

14 Vogt in Berve, Rom, S. 100-132, hier S. 127.

15 Rodenwaldt in Berve, Rom, S. 356-373, hier S. 373.

16 ebd., S. 358.

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668058385
ISBN (Buch)
9783668058392
Dateigröße
906 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307606
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
Aktion Ritterbusch Kriegseinsatz der Deutschen Geisteswissenschaften nationalsozialismus Orientalistik geographie altertumswissenschaft geschichte geisteswissenschaften

Autor

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Titel: Ideologische Durchdringung der Universität im Nationalsozialismus. Der "Kriegseinsatz der Deutschen Geisteswissenschaften"