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Die Solidarnosc aus marxistischer Perspektive

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Europa ab kaltem Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rahmenbedingungen
2.1 Historische Rahmenbedingungen in Polen 1918 – 1945
2.2 Kennzeichnungen des gesellschaftlichen und politischen Systems Polens
2.3 Ökonomische Rahmenbedingungen

3. Die Idee der Solidarnosc

4. Theoretische Perspektiven auf die Solidarnosc
4.1 Rosa Luxemburg – Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden
4.2 Vladimir Lenin – die Gewerkschaften als Teil der Partei
4.3 Leo Trotzki – Das Übergangsprogramm

5. Fazit – Ist eine sozialdemokratische oder sozialistische Revolution in einem sozialistischen Land theoretisch begründbar?

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Geschichte ist eine fortlaufende. Von der Sklaven- bis zur Klassenlosengesellschaft erfolgt der Ablauf teleologisch0F1. Dieser Grundmaxime marxistischen Denkens stehen seit dem 20. Jahrhunderts eine Reihe von Fällen gegenüber, die genau dies in Zweifel ziehen – bis hin zum Zusammenbruch des sogenannten Ostblocks. Exemplarisch hierfür steht die Bewegung der gewerkschaftlichen Solidarnosc in Polen, die mit ihren 21 Forderung im August 1980 einen Umsturz des Systems versuchten. Das diese revolutionäre Bewegung ausgehend vom Proletariat in einem sozialistischen Land theoretisch unmöglich schien und inhärent der marxistischen Perspektive war scheint – aus theoretischer Sichtweise - schwer erklärlich. Daher soll im Zuge dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Solidarnosc aus marxistischer und humanistisch-marxistischer Perspektive unmöglich, aus leninistisch-stalinistischer Sichtweise jedoch erklärbar ist.

Hierzu sollen im Folgenden zuerst die historischen Rahmenbedingungen betrachtet werden, denn die sowjetisch-kommunistische Ideologie fußte in Polen auf eine Minderheit und war gesellschaftlich als eine von Russland diktierte Ordnung angesehen. Dies sowie eine „Russophobie“ dienen somit auch als Erklärung dafür, weswegen sich das kommunistische Modell in Polen einer Vielzahl von Auseinandersetzungen gegenüber sah – mit einem Höhepunkt 1980/81. Im Weiteren Verlauf wird dann die sozio-ökonomische Lage Polens dargestellt, mit besonderem Blick auf das monozentrische Ordnungsmodell und die Stellung der Partei im System und der Gesellschaft. Um im Kontext dieser Arbeit einen anschließenden Vergleich zu gewährleisten, werden daraufhin die Idee beziehungsweise die Vorstellungen der Solidarnosc erläutert. Hieran werden ihre gesellschaftlichen und politischen Vorstellungen deutlich gemacht werden, um sie im Anschluss daran mit den theoretischen marxistisch-leninistischen Analysen zu betrachten. Im Schluss dieser Arbeit steht dann die Überprüfung der oben aufgeworfenen Hypothese einer marxistisch-humanistischen Unerklärbarkeit der Solidarnosc, aber einer durch leninistisch-stalinistischer Perspektive erklärbaren Bewegung mit revolutionären Forderungen.

2. Rahmenbedingungen

2.1 Historische Rahmenbedingungen in Polen 1918 – 1945

Um die Bewegung der Solidarnosc und ihre Entstehung verständlich zu machen, müssen die kontextuellen Rahmenbedingungen genauer betrachtet werden. Hierzu muss einerseits auf die Bedeutung einer von oben aufdoktrinierten Ideologie der kommunistischen Partei sowie auf die in Polen damals herrschende „Russophobie“ eingegangen werden. Da es sich hierbei um Phänomene handelt, die als Resultate aus der polnischen Geschichte des frühen 20. Jahrhundert gelten können, wird auch hierauf kurz eingegangen werden.

Im Zuge der Versailler Verträge wurde Polen, welches seit über 120 Jahren kein eigener Staat mehr gewesen war, 1918 wieder in die Staatlichkeit „entlassen“. Jedoch waren weder Staatsform noch Grenzen festgelegt, weshalb es im Zuge dessen zu Streitigkeiten mit seinen territorialen Nachbarn kam. Hierzu zählte einerseits das Deutsche Reich, welches fast ganz Posen und 70 Prozent Westpreußens an Polen abtreten musste, sowie Danzig als „Freie Stadt“ nicht über eigenes Territorium erreicht werden konnte. Des Weiteren schuf der neue polnische Staat vollendete Tatsachen an seiner östlichen Grenze. Durch den polnisch-sowjetischen Krieg von 1920 und dem nachfolgenden Friedensvertrag von Riga (1921) vergrößerte sich das polnische Staatsgebiet nunmehr um 150 Kilometer mehr gen Osten als 1918 vorgesehen. Jedoch auch durch militärische Aktionen gegen Litauen und die Tschechoslowakei vergrößerte sich das Staatsgebiet. Dies hatte allerdings zur Folge, dass Polen seine Position als östlicher Eckpfeiler des Westens einbüßte und geschwächt zwischen dem wieder erstarkten Deutschen Reich unter den Nationalsozialisten und der UdSSR1F2 lag (Bingen 2009: 1).

Gerade im Bezug auf diese Arbeit ist der nachfolgende Teil, der sich kurz mit dem zweiten Weltkrieg befasst, von hoher Bedeutung. Denn gerade dieser Teil prägte lange und vermutlich bis heute die sowjetisch/russisch – polnischen sowie die deutsch-polnischen Beziehungen. Dem Überfall auf Polen am 9. September 1939 war ein deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt mit geheimen Zusatzprotokoll voraus gegangen. In diesem war die Aufteilung Polens vorgesehen („Hitler-Stalin-Pakt“). Nachdem die letzten polnischen Verbände am 5. Oktober 1939 kapituliert hatten, setzten sogleich Verfolgung, Massenmord und Terror ein – in beiden Gebieten des geteilten Polens. Während das vom Deutschen Reich besetzte Land sofort mit der nationalsozialistischen „Lebensraum-Politik“ begann, waren in den östlichen Landesteilen vor allem Polen mit polnischer Muttersprache sowie Kriegsgefangene vom sowjetischen Terror betroffen. Beispielhaft hierfür steht die Ermordung von 12 000 polnischen Offizieren bei Katyn, Kozielsk und Starobielsk durch den NKWD2F3. Wie Bingen hierzu konstatiert, sei alleine hierdurch das polnisch-sowjetische Verhältnis über Jahrzehnte belastet gewesen (Bingen 2009: 2). Gerade im Bezug auf die nach dem zweiten Weltkrieg durch die UdSSR eingesetzte polnische KP – de facto also eine Inthronisierung von außen – erklärt sich die von Anfang an herrschende Ablehnung des politischen Systems. Dies und die Angst wegen der durchgeführten Gräueltaten sind Gründe einer (damals) herrschenden „Russophobie“3F4.

Die unmittelbare Zeit nach dem Sieg über das nationalsozialistische deutsche Reich war für die östlichen Staaten, die unter dem Einfluss der UdSSR standen, gekennzeichnet von Umsiedlung und Vertreibung, territorialer Umstrukturierung und der Reorganisation der politischen Systeme. Im Vordergrund stand neben der Aussiedlung der deutschen Bevölkerung Polens auch die Formung von Nationalstaaten entlang kultureller und sprachlicher Grenzen. Hiermit kam es zu beidseitigen Transfers zwischen Polen und seinen Anrainerstaaten (Litauen, Ukraine, Weißrussen) sowie die oben bereits erwähnte systematische Austreibung polnischer Staatsbürger deutscher Nationalität (Roos 1986). Auch eine territoriale Neuordnung fand statt. So blieben vom polnischen Staatsgebiet des Jahres 1921 lediglich 54 Prozent von Grenzveränderungen verschont. Dies lag einerseits an der Revision des polnisch-sowjetischen Krieges von 1921 (s. oben) und andererseit an einer Verschiebung des Landes von Osten nach Westen. Im Zuge dessen „verlor“ das Land im Osten 180 000 qkm - „gewann“ im Gegenzug jedoch 103 000 qkm im Westen dazu.

Die Zeit nach dem II. Weltkrieg kann in der Regel in die stalinistische und die nach-stalinistische Periode eingeteilt werden. Erstere war in Polen vor allem durch die totale Durchsetzung des sowjetischen Herrschaftsmodell gekennzeichnet. Hierzu bediente sich die kommunistische Machtelite terroristischer Mittel der Politik. In der zweiten Periode änderte sich die Herrschaftspraxis der politischen Führungseliten, wobei jedoch stets die Umsetzung der „Diktatur des Proletariats“ sowie der Monopolanspruch der politischen Führung aufrecht erhalten wurde (Fehr 1996: 50f.). Das die politischen kommunistischen Führungen Osteuropas sich eine monopole Stellung in den jeweiligen Systemen zuspielten ist hinlänglich bekannt und wird dahingehend in dieser Arbeit nicht weiter beleuchtet. Weit wichtiger, gerade im Kontext dieses Textes, ist dahingehend die Bedeutung der „Diktatur des Proletariats“ – auf welche im nachfolgenden Teil spezifischer eingegangen wird.

Sozio-ökonomische Rahmenbedingungen

Die Entstehung der gewerkschaftlichen Organisation der Solidarnosc kann und darf nicht singulär betrachtet werden. Vielmehr spiegelt sich in dem Aufkommen dieser auch der Niedergang des kommunistisch propagierten gesellschaftlichen Modells wieder. Nachdem stillschweigend von den Alliierten die de facto Herrschaft der UdSSR über Polen nach 1945 anerkannt wurde und somit das polnische Staatsgebiet unter sowjetische Herrschaft fiel, wurde auch das stalinistisch-leninistische Staatsmodell in Polen adaptiert. Dies bedeutete die Übertragung eines spezifischen Musters ökonomischer, gesellschaftlicher und politischer Natur.

2.2 Kennzeichnungen des gesellschaftlichen und politischen Systems Polens

Die gesellschaftliche Struktur Polens in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts kann nicht separat von dem politischen System betrachtet werden, da gerade durch die kommunistisch-gesellschaftliche Idee die Trennung dieser Sphären entnommen wurde. Durch die Vorstellung der „Diktatur des Proletariats“ wird eine bestimmte Gesellschaftsauffassung impliziert - das monozentrische Ordnungsmodell4F5. Dies bedeutet, dass Gesellschaft, Recht und politische Öffentlichkeit als keine herrschaftsfreien Sphären angesehen werden, sondern sich vielmehr, ausgehend vom politischen Zentrum, eine Kontrolle/Herrschaft in allen Bereichen durch die Partei festsetzt. Somit war – wie auch in den anderen Staaten des Warschauer Paktes5F6 - ein Monopolanspruch der kommunistischen Partei vorhanden, welcher jedwede Gewaltenteilung oder andere intermediäre Organisationen verhinderte (Fehr 1996: 53). Hieraus ergibt sich auch das Selbstverständnis der Partei als Avantgarde, worauf im Folgenden weiterführend eingegangen werden wird. Im täglichen Leben bedeutete dies in praktischer Umsetzung:

- Das ständige Eingreifen des Parteiapparates in die Tätigkeiten der Staatsorgane;
- Instrumentalisierung der Zwangsorgane des Staates (Staatssicherheitsdienste und Zensur durch Informationsmonopol;
- Nomenklatursystem6F7.

Laut Ziemer schufen diese Faktoren einen nicht aufhebbaren Konflikt zwischen Regierenden und Regierten, welcher sich 1980 entlud und die Diskrepanz zwischen dem Anspruch des sozialistischen Staates (Macht gehört werktätigen Volk) und der Realität (Macht gehört der Partei) offenlegte (Ziemer 1987: 139f.).

Weiterführend sei dieses System in seiner radikalsten Ausführung laut Lipinksi somit gekennzeichnet durch das vollständige „Fehlen der Bürgerrechte, ein autokratisches Machtsystem [...], eine scharfe Gedankenzensur sowie [...] Anstalten für psychisch Kranke oder sogar Konzentrationslager“ (1981: 251). Hiermit einher gehe auch die „Einheit des Denkens“ (Lipinski 1981: 251) welche schon bald in der ehemals multikulturellen polnischen Gesellschaft auf heftige Gegenreaktionen stieß. Jedoch verließ Polen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks (s.u.) – den russisch/sowjetischen Weg schon in der zweiten Hälfte der 50er Jahre das totalitäre Ordnungsmodell. Es entwickelten sich quasi-totalitäre Strukturen, welche durch ein soziales Vakuum zwischen den Bürgern und der Nation einhergingen. Dieser Freiraum wurde nun „durch neue gebildete Gemeinschaftsbezüge, Milieus und intermediäre Strukturen ausgefüllt“ (Fehr 1996: 55), welche auch hinsichtlich der Solidarnosc von entscheidender Bedeutung sind. Von staatlicher Seite wurde versucht dieses Vakuum durch eine nationale Version des Kommunismus zu schließen. Dies bedeutete eine Symbiose und Vernetzung vom Gedanken der Diktatur des Proletariats mit nationalen bis nationalistischen Patriotismus. Im Zuge der Girerek-Ära7F8 wurde daher durch Referenzen der polnischen Geschichte versucht, ein Gefühl der polnischen Nation zu entwickeln, welches zugleich durch eine Steigerung des Konsumniveaus die Bevölkerung ruhig halten sollte. Problematisch waren jedoch im diesem Zusammenhang neben der stagnierenden wirtschaftlichen Entwicklung (s.u.) vor allem die fehlende kulturelle Legitimation der Regierenden und des Systems - denn beides wurde als fremd und von außen aufgezwungen wahrgenommen (Fehr 1996: 103).

[...]


1 Dieser teleologische Ansatz bezieht sich auf den von Marx und Engels beschriebenen „Historischen Materialismus“. Dieser sieht die Geschichte, als eine durch ökonomische Prozesse gesetzmäßig bestimmte Entwicklung der Gesellschaft an. Die Triebkraft dessen ist der sozio-ökonomische Widerspruch, welche die Gesellschaften, auf ihren jeweiligen Entwicklungsstufen kennzeichnen (Engels: 19).

2 Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken

3 Volkskommissariat des Innern (sowjetische Geheimpolizei) von 1934-1946

4 Ausführlicher auf diese geschichtlich verwurzelte Angst geht Mirko Petersen ein. Text abrufbar unter: http://imi-online.de/download/IMI-Studie2011_russland.pdf.

5 Ein Zentrum der politischen Entscheidungen in einer Gesellschaft, von dem der Primat der politischen Steuerung ausgeht (Ossowski 1973).

6 Warschauer Pakt, auch Warschauer Vertragsorganisation war ein von 1955 bis 1991 militärischer Beistandspakt der Staaten des Ostblocks unter der Führung der UdSSR.

7 Verfügungsgewalt der Partei über die Besetzung von „Schlüsselpositionen“ in Staat, Wirtschaft und gesellschaftlichen Organisationen .

8 1970-1980. Vermeintlicher wirtschaftlicher Aufschwung durch ausländische Kredite und der Versuch verbesserter Kontakte zum Westen.

Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668057128
ISBN (Buch)
9783668057135
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307516
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Politikwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Marxismus Solidarnosc Ostblock Gewerkschaften 21 Forderungen von Danzig

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