Lade Inhalt...

Vom westlichen Konstrukt zum neuen Universalismus? Adamantia Pollis' und Peter Schwabs Konzept der Menschenrechte

Akademische Arbeit 2006 31 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 3
1.1 Definition der zentralen Begriffe ... 3
1.1.1 Der ‚Westen’ ... 3
1.1.2 Menschenrechte ... 4
1.2 Einführung in die Debatte ... 5
1.2.1 Universalismus ... 6
1.2.2 Kulturrelativismus ... 6
1.3 Zur Literaturlage ... 7

2. Ein westliches Konstrukt mit eingeschränkter Anwendbarkeit ... 8
2.1 Vorstellung des Artikels ... 8
2.1.1 Die westliche Prägung des Menschenrechtskonzeptes ... 8
2.1.2 Ideologische Differenzen ... 9
2.1.3 Kulturelle Differenzen ... 11
2.2 Kritik des Artikels ... 11
2.2.1 Die westliche Verankerung des Menschenrechtskonzepts ... 11
2.2.2 Die Priorisierung der ersten Generation der Menschenrechte ... 14
2.2.3 Individuum und Gemeinschaft ... 16
2.2.4 Fazit: Ein westliches Konstrukt mit mangelnder Anwendbarkeit? ... 17

3. Ein neuer Universalismus ... 19
3.1 Inhalt des Artikels ... 19
3.1.1 Einfluss der Internationalen Beziehungen auf die Universalisierung des Menschenrechtskonzepts ... 19
3.1.2 Ein neuer Universalismus – Das Konzept ... 20
3.1.3 Die Dichotomie zwischen individuellen und kollektiven Rechten ... 21
3.1.4 Zusammenfassung des Artikels ... 21
3.2 Kritik des Artikels ... 23

4. Fazit ... 25

5. Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur) ... 26
Forschungsliteratur ... 26
Internetquellen ... 30

1. Einleitung

Menschenrechte sind bis heute nicht unumstritten. Vor über einem halben Jahrhundert, unter dem Eindruck der Verbrechen des Zweiten Weltkrieges, verfasste die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte mit dem Anspruch auf universale, angeborene und unveräußerliche Menschenrechte. Die Jahresberichte von amnesty international und Human Rights Watch zeugen jedoch von anhaltenden Menschenrechtsverletzungen: In einigen Staaten Afrikas, u.a. in Somalia und Kenia, wird bis heute die schmerzhafte Tradition der Beschneidung von Frauen aufrechterhalten. Im Jahr 2003 wurden allein in China, Iran, USA und Vietnam insgesamt 84% der weltweiten Todesstrafen vollzogen, oftmals ohne fairen Gerichtsprozess. [1] Auch in der „westlichen Welt“, in der die Anerkennung der Menschenrechte auf den ersten Blick unumstritten scheint, sind die tatsächlichen Rechte der Menschen – die nicht nur einen Anspruch auf Geltung für die Bürger der Nationalstaaten haben, sondern für alle Menschen gelten sollen – nicht selbstverständlich. Dazu muss man nicht bis zu den Gräueln des Holocaust vor über 60 Jahren zurückgreifen: Von der menschenunwürdigen Behandlung gefangener Terroristen der USA in Guantánamo Bay bis zur gewaltsamen Abschiebung von Asylsuchenden in Deutschland sind die Nachrichten voll von Verstößen gegen internationale Menschenrechtsabkommen.[2]

Die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte ist ein politisches Problem. Es gibt neben dieser politischen Problematik auch einen philosophischen Diskurs, der nicht nur die Durchsetzung, sondern – weitaus essentieller – ihre Legitimation hinterfragt: Das Menschenrechtskonzept zwischen Universalität und Kulturrelativismus. Diese beiden Theorien sollen in der vorliegenden Arbeit näher beleuchtet werden:

[…]

2. Ein westliches Konstrukt mit eingeschränkter Anwendbarkeit

2.1 Vorstellung des Artikels

Im Folgenden wird der viel beachtete Artikel „Human Rights. A western construct with limited applicability“ von Adamantia Pollis und Peter Schwab aus dem Jahr 1979 vorgestellt und analysiert.

Die beiden Autoren sind US-amerikanische Politikwissenschaftler aus New York. Dr. Pollis ist Professor an der New School for Social Research. Sie ist bekannt als Expertin für die mediterrane Region, besonders Griechenland und Zypern und ist darüber hinaus im Vorstand der International League for Human Rights. Peter Schwab ist Afrika-Experte und veröffentlicht besonders über das Horn von Afrika und Äthiopien.

Der Artikel beginnt mit der Verortung des Menschenrechtskonzeptes in der abendländischen Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. Die beiden darauf aufbauenden Hauptargumente von Pollis und Schwab gegen den universalistischen Anspruch des Menschenrechtskonzepts beziehen sich in diesem Artikel erstens auf die ideologischen Differenzen zwischen dem Westen und anderen Staaten und zweitens auf die kulturellen Differenzen. [3]

2.1.1 Die westliche Prägung des Menschenrechtskonzeptes

Die beiden Autoren verankern das Menschenrechtskonzept eindeutig in den historischen Entwicklungen des 18. Jahrhunderts im europäisch-westlichen Kulturraum. Zurückgehend auf die Einflüsse von Grotius, Locke, Montesquieu und Jefferson stünden die Rechte auf Leben, Freiheit und Eigentum bzw. auf den pursuit of happiness im Vordergrund. Der Zusammenschluss der Menschen zu einem Gesellschaftsvertrag wie bei Rousseau stellt den Menschen in den Mittelpunkt des politischen Geschehens. Durch die Einführung der Demokratie, weg von der Feudalgesellschaft, kommt es zu einer Herrschaft des Volkes, in der der Einzelne die Legitimation für politisches Handeln besitzt. Mit der kantschen Begründung, dass jeder Mensch zu vernünftigem Denken und Handeln fähig sei, entwickelt sich die Verantwortung jedes Menschen, das politische Geschehen mitzugestalten. Jeder Mensch hat demnach aufgrund seiner Geburt und seiner Existenz als autonomes Wesen gewisse Rechte und Freiheiten, die ihm das politische Handeln ermöglichen. Daraus ergibt sich wiederum eine Vorstaatlichkeit der politischen Rechte, die als „inherent natural rights“[4] aufgefasst werden. Pollis und Schwab verankern diese Entwicklung der Werte Freiheit und Demokratie eindeutig in den historischen Entwicklungen des späten 18. Jahrhunderts. [5]

Auch heute sei das Konzept der Aufklärung von einem „minimum of values“ erhalten geblieben.[6] Das Naturrecht ist durch seine Aufnahme in verschiedene Verfassungen im 19. und 20. Jahrhundert institutionalisiert und legalisiert worden. Besonders auch durch die Betonung der politischen Rechte durch den Europäischen Rat und die Vereinten Nationen sei das Konzept zu einem „part of the prevailing shared values of Western societies“ geworden.[7] Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gehe zwar in ihrer Präambel auf den Holocaust ein und sei auch in Reaktion auf diesen formuliert worden, sei jedoch in ihrem politischen Werteverständnis auf die Zeit der Aufklärung zurückzuführen.[8]

Die Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 sei unter besonderen Bedingungen entstanden: Mitte der fünfziger Jahre befand sich ein Großteil der ‚Dritte-Welt-Länder’ noch unter Kolonialherrschaft. Daher, so Pollis und Schwab, sei die überwältigende Zustimmung zur Erklärung nicht aussagekräftig im Bezug auf eine universelle Akzeptanz. Vielmehr sollten die westlichen Staaten zugeben, dass das Menschenrechtskonzept, welches sie universalisieren wollen, nur ein bestimmtes Wertesystem, in diesem Falle das westliche, repräsentiere.[9]

2.1.2 Ideologische Differenzen

Die ideologischen Differenzen äußern sich, laut Pollis und Schwab, vor allem in der Priorisierung der politischen Rechte gegenüber den wirtschaftlichen Rechten. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sei eine stärkere Betonung der politischen und bürgerlichen Rechte sichtbar. Nur drei der dreißig Rechte, davon eines mit Bezug auf das Recht auf Eigentum, seien als wirtschaftliche Rechte zu bezeichnen: Artikel 17, der das Recht auf Privateigentum postuliert, Artikel 23, der das Recht auf Arbeit und gerechte Entlohnung beinhaltet und Artikel 24 mit dem Recht auf Freizeit und Erholung. Alle anderen Rechte bezögen sich auf politische Freiheiten. Damit dominiere die liberalistische Philosophie das Menschenrechtskonzept und stelle ihr Wertesystem über das Wertesystem anderer Philosophien, beispielsweise des Sozialismus.[10]

Diese Priorisierung politischer und bürgerlicher Rechte stimmt nach Meinung der beiden Autoren nicht mit den Ansichten vieler Vertreter von Entwicklungsländern überein. Um politische und bürgerliche Rechte wie Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit etc. in Anspruch nehmen zu können, müssten erst die wirtschaftlichen Voraussetzungen geschaffen werden. Pollis und Schwab führen das Beispiel dreier afrikanischer Staatschefs, Nkrumah, Toure und Nyerere an, die in den 1960er Jahren demokratische Änderungen für ihre Länder Ghana, Guinea und Tansania ablehnten. Institutionen, die im Westen als essentiell für einen funktionierenden demokratischen Staat betrachtet werden, wie zum Beispiel ein Mehrparteiensystem, würden eine wirtschaftliche Entwicklung des Landes hemmen. Erst wenn diese auf ein bestimmtes Niveau gehoben sei, könne man im Nachhinein den Bürgern auch politische Rechte gewähren:

„Human rights […] can come into existence only after a stable economic life with a minimum of economic prosperity is assured to the african population.”[11]

Dass die wirtschaftliche Entwicklung in den drei afrikanischen Staaten nicht erfolgreich war, sei nicht auf den antidemokratischen Ansatz zurückzuführen. Vielmehr sei dieses Konzept, das die wirtschaftliche Entwicklung vor die Garantie von individuellen Bürgerrechten stelle, in den 1970er Jahren als spezifisch afrikanischer Ansatz begrüßt worden.[12] Auch die Modernisierungsphase oder „westernization“[13] unter Kemal Atatürk wird als Beispiel aufgeführt. Der türkische Staatschef legte, laut Pollis und Schwab, mehr Wert auf Säkularisierung, ein modernes Bildungssystem und industriellen Fortschritt als auf individuelle Rechte oder demokratische Institutionen wie ein Mehrparteiensystem. Sobald die Ziele des Modernisierungsprozesses und die Einheit des Staates erreicht wurden, habe die Türkei das Risiko eines demokratischen Systems und der Garantie von Menschenrechten auf sich genommen.[14]

[…]


[1] Vgl. Amnesty international Jahresbericht 2004, S. 34.

[2] Vergleiche dazu die Jahresberichte von Human Rights Watch oder amnesty international: Human Rights Watch: World Report 2006, New York 2006; amnesty international e.V.: Jahresbericht 2004, Frankfurt am Main 2004.

[3] Vgl. Pollis/ Schwab 1979: S. 1.

[4] Ebd.: S. 2.

[5] Vgl. Ebd.: S. 2f.

[6] Vgl. Ebd.: S. 3.

[7] Ebd.: S. 3.

[8] Vgl. Ebd.: S. 7.

[9] Ebd.: S. 4.

[10] Vgl. Ebd.: S. 5.

[11] Ebd.: S. 12.

[12] Vgl. Ebd.: S. 10ff.

[13] Ebd.: S. 11.

[14] Vgl. Ebd.: S. 11.

Details

Seiten
31
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783668056862
ISBN (Buch)
9783668133204
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307445
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
menschenrechte human rights adamantia pollis peter schwab Human Rights. A western construct with limited applicability a new universalism Human Rights. New perspectives new realities

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Vom westlichen Konstrukt zum neuen Universalismus? Adamantia Pollis' und Peter Schwabs Konzept der Menschenrechte