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Woher kommen Menschenrechte? Die Dichotomie von Ubiquität und Diffusion

Akademische Arbeit 2006 22 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 3
1.1 Definition der zentralen Begriffe ... 3
1.1.1 Der ‚Westen’ ... 3
1.1.2 Menschenrechte ... 4
1.2 Einführung in die Debatte ... 5
1.2.1 Universalismus ... 6
1.2.2 Kulturrelativismus ... 6
1.3 Zur Literaturlage ... 7

2. Ubiquität und Diffusion ... 8
2.1 Ubiquität ... 8
2.2 Diffusion ... 9
2.3 Begründung von Universalität bzw. Kulturrelativismus ... 10
2.3.1 Ubiquitäre Begründung des Universalismus ... 11
2.3.2 Ubiquitäre Begründung des Kulturrelativismus ... 12
2.3.3 Diffusionistische Begründung des Universalismus ... 13
2.3.4 Diffusionistische Begründung des Kulturrelativismus ... 14

3. Fazit ... 16

4. Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur) ... 17
Forschungsliteratur ... 17
Internetquellen ... 21

1. Einleitung

Menschenrechte sind bis heute nicht unumstritten. Vor über einem halben Jahrhundert, unter dem Eindruck der Verbrechen des Zweiten Weltkrieges, verfasste die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte mit dem Anspruch auf universale, angeborene und unveräußerliche Menschenrechte. Die Jahresberichte von amnesty international und Human Rights Watch zeugen jedoch von anhaltenden Menschenrechtsverletzungen: In einigen Staaten Afrikas, u.a. in Somalia und Kenia, wird bis heute die schmerzhafte Tradition der Beschneidung von Frauen aufrechterhalten. Im Jahr 2003 wurden allein in China, Iran, USA und Vietnam insgesamt 84% der weltweiten Todesstrafen vollzogen, oftmals ohne fairen Gerichtsprozess.[1] Auch in der „westlichen Welt“, in der die Anerkennung der Menschenrechte auf den ersten Blick unumstritten scheint, sind die tatsächlichen Rechte der Menschen - die nicht nur einen Anspruch auf Geltung für die Bürger der Nationalstaaten haben, sondern für alle Menschen gelten sollen - nicht selbstverständlich. Dazu muss man nicht bis zu den Gräueln des Holocaust vor über 60 Jahren zurückgreifen: Von der menschenunwürdigen Behandlung gefangener Terroristen der USA in Guantánamo Bay bis zur gewaltsamen Abschiebung von Asylsuchenden in Deutschland sind die Nachrichten voll von Verstößen gegen internationale Menschenrechtsabkommen.[2]

Die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte ist ein politisches Problem. Es gibt neben dieser politischen Problematik auch einen philosophischen Diskurs, der nicht nur die Durchsetzung, sondern - weitaus essentieller - ihre Legitimation hinterfragt: Das Menschenrechtskonzept zwischen Universalität und Kulturrelativismus. Diese beiden Theorien sollen in der vorliegenden Arbeit näher beleuchtet werden:

[…]

2. Ubiquität und Diffusion

Der Diskurs zwischen Universalismus und Kulturrelativismus ist geprägt von einem Streit um die Verankerung der Menschenrechte in verschiedenen Kulturen. Die weltweite Implementierung und Durchsetzbarkeit der Menschenrechte ist ein weiteres, eher politologisches Problem und bedarf eigener Ausführungen, die den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden.

Wenn auch das von der UNO propagierte Menschenrechtskonzept unumstritten seine ideengeschichtlichen und juridischen Ursprünge in der westlich-abendländischen Tradition findet, bleibt die Existenz von gleichwertigen Menschenrechtskonzepten in anderen Kulturen strittig. Daraus ergibt sich eine weitere Dichotomie, die an dieser Stelle erläutert werden soll: Ubiquität und Diffusion. Die vorliegende Arbeit stellt analytisch dar, wie diese Dichotomie von Ubiquität und Diffusion mit der Dichotomie von Universalismus und Kulturrelativismus verknüpft ist.

2.1 Ubiquität

Geht man von einem ubiquitären Standpunkt aus – bezogen auf die Frage der Menschenrechte – betrachtet man die unterschiedlichen Konzepte von Wertvorstellungen der Kulturen und zieht einen Vergleich. Zu Grunde liegt in diesem Fall die Annahme, dass „überall und unabhängig voneinander die Gesellschaften in entelechetischer Entfaltung ähnliche Wandlungen durchgemacht haben.“[3]

Die Idee von Menschenwürde und Menschenrechten sind nach diesem Verständnis in jeder Gesellschaft vorhanden, nur die nähere Interpretation unterscheidet sich. Strittig ist in diesem Zusammenhang, in welchem Maße Parallelen gezogen werden können. Denselben Stellenwert, wie die völkerrechtlich verbindlichen Menschenrechte im Westen haben, wird wohl keine der anderen Konzeptionen erreichen. Viele Autoren untersuchen daher lediglich die Existenz derselben Idee von Menschenrechten und Menschenwürde.

Wolfgang Heidelmeyer untersucht fernöstliche Glaubensrichtungen auf ihren Bezug zu Menschenrechten. Er führt dazu das Beispiel von Manu und Buddha an, die zehn menschliche Freiheiten und Tugenden nannten, die einander bedingen und ergänzen sollen. Den fünf sozialen Freiheiten – Freiheit von Gewalt, von Not, von Ausbeutung, von Entehrung, von verfrühtem Tode und Krankheit – ständen die fünf Tugenden – Toleranz, Gemeinschaftsgefühl, Wissen, Freiheit des Gewissens und der Gedanken, Freiheit von Furcht – gegenüber, die erfüllt werden sollen, damit auch die oben genannten Freiheiten garantiert werden könnten. Heidelmeyer bezeichnet diese „grundlegenden Ideen (...) [als] die natürlichen Ansprüche des Menschen an die Gestalt von Gemeinschaften“. [4]

Auch zum in der französischen Revolution entstandenen Recht auf Widerstand findet Heidelmeyer Parallelen. Er zitiert das chinesische ‚Buch der Geschichte’, in dem es heißt: „Der Himmel liebt das Volk, und der Herrscher muß [sic!] dem Himmel gehorchen.“[5] Yougindra Khushalani bestätigt diese These und interpretiert sie sogar so weit, dass bei falscher Regierungsführung – wenn der Herrscher nicht mehr für das Wohl des Volkes eintritt – der Widerstand des Volkes gerechtfertigt sei.[6]

Die deutsch-namibische Journalistin Erika von Wietersheim beschreibt parallel zu westlichen Vorstellungen eine afrikanische Form der Menschlichkeit:

„uBuntu ist eine sich öffentlich und eigenständig entwickelnde afrikanische Sozialethik, der die westlich geprägten christlichen Konfessionen und die importierte Kultur des Westens im Moment nichts entgegenzusetzen haben.“

Strittig ist bei dieser Feststellung, ob die besondere Betonung der Abhängigkeit von Individuum und Gemeinschaft eine zu den westlichen Werten konträre Vorstellung die Unvereinbarkeit mit individuellen Menschenrechten beinhaltet.

2.2 Diffusion

Diffusion bezeichnet die Entstehung einer Idee – in diesem Falle eines Menschenrechtskonzepts – an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit und die Verbreitung dieser Idee von diesem Punkt aus. Sybille Tönnies spricht von der „Singularität des kulturellen Ereignisses“ [7]. Dies wäre im Rahmen der Menschenrechtsdiskussion sicherlich die Verankerung des Menschenrechtskonzeptes in die Ereignisse des späten 18. Jahrhunderts und der Moderne. Tönnies führt das Beispiel des Verständnisses des Individuums als Rechtssubjekt an, der „Souveränität des unqualifizierten Individuums“[8] nach Ortega, das seinen Ursprung in der europäischen Antike fand, und heute, zumindest in der westlichen Welt, als Grundlage des Staatsverständnisses gilt. Talcott Parsons setzt die Diffusionsthese für sein „System moderner Gesellschaften“ voraus, indem er feststellt,

„daß [sic!] die moderne Gesellschaft nur auf einem einzigen evolutionären Schauplatz, dem Westen, entstanden ist, d.h. im Wesentlichen in Europa, welches das Erbe der westlichen Hälfte des Römischen Reiches nördlich des Mittelmeeres übernahm.“[9]

[…]


[1] Vgl. Amnesty international Jahresbericht 2004, S. 34.

[2] Vergleiche dazu die Jahresberichte von Human Rights Watch oder amnesty international: Human Rights Watch: World Report 2006, New York 2006; amnesty international e.V.: Jahresbericht 2004, Frankfurt am Main 2004.

[3] Tönnies 2001: S. 60.

[4] Vgl.: Heidelmeyer 1997: S. 9.

[5] Ebd.: S. 9.

[6] Khushalani 1983: S. 405.

[7] Tönnies 2001: S. 63.

[8] Zitiert nach Tönnies 2001: S. 61.

[9] Parsons, Talcott: System moderner Gesellschaften , München 1972, S. 9.

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783668056848
ISBN (Buch)
9783668056992
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307382
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
menschenrechte ubiquität kulturrelativismus diffusion universalismus dichotomie menschenrechtskonvention

Autor

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