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Universalismus oder Kulturrelativismus? Zwei Entwürfe der Menschenrechte

Akademische Arbeit 2006 40 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 3
1.1 Definition der zentralen Begriffe ... 3
1.1.1 Der ‚Westen’ ... 3
1.1.2 Menschenrechte ... 4
1.2 Einführung in die Debatte ... 5
1.2.1 Universalismus ... 6
1.2.2 Kulturrelativismus ... 6
1.3 Verortung ... 7
1.4 Zur Literaturlage ... 7

2. Die Theorie des Universalismus ... 8
2.1 Die normativ-ontologische Herangehensweise ... 9
2.2 Naturrechtliche Begründung der Universalität ... 10
2.3 Begründungsansatz in der Aufklärung ... 12
2.4 Die theologische Begründung des Universalismus ... 13
2.5 Die ubiquitäre Begründung des Universalitätsanspruchs ... 14
2.6 Völkerrechtlich-positivistischer Ansatz ... 16
2.7 Fazit Universalismus ... 17

3. Die Theorie des Kulturrelativismus ... 19
3.1 Konstruktivismus ... 20
3.2 Der Kulturbegriff ... 20
3.3 Westliche Prägung des Menschenrechtskonzepts ... 21
3.3.1 Individualismus versus Kollektivismus ... 21
3.3.2 Politische Rechte vs. soziale Rechte ... 23
3.3.3 Rechte und Pflichten ... 24
3.4 Asian Values ... 25
3.5 Islam und Menschenrechte ... 27
3.6 Afrikanisches Verständnis von Menschenrechten ... 28
3.7 Werteimperialismus ... 29
3.3.8 Fazit Kulturrelativismus ... 31

4. Fazit ... 31

5. Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur) ... 35
Forschungsliteratur ... 35
Internetquellen ... 39

1. Einleitung

Menschenrechte sind bis heute nicht unumstritten. Vor über einem halben Jahrhundert, unter dem Eindruck der Verbrechen des Zweiten Weltkrieges, verfasste die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte mit dem Anspruch auf universale, angeborene und unveräußerliche Menschenrechte. Die Jahresberichte von amnesty international und Human Rights Watch zeugen jedoch von anhaltenden Menschenrechtsverletzungen: In einigen Staaten Afrikas, u.a. in Somalia und Kenia, wird bis heute die schmerzhafte Tradition der Beschneidung von Frauen aufrechterhalten. Im Jahr 2003 wurden allein in China, Iran, USA und Vietnam insgesamt 84% der weltweiten Todesstrafen vollzogen, oftmals ohne fairen Gerichtsprozess.[1] Auch in der „westlichen Welt“, in der die Anerkennung der Menschenrechte auf den ersten Blick unumstritten scheint, sind die tatsächlichen Rechte der Menschen - die nicht nur einen Anspruch auf Geltung für die Bürger der Nationalstaaten haben, sondern für alle Menschen gelten sollen - nicht selbstverständlich. Dazu muss man nicht bis zu den Gräueln des Holocaust vor über 60 Jahren zurückgreifen: Von der menschenunwürdigen Behandlung gefangener Terroristen der USA in Guantánamo Bay bis zur gewaltsamen Abschiebung von Asylsuchenden in Deutschland sind die Nachrichten voll von Verstößen gegen internationale Menschenrechtsabkommen.[2]

Die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte ist ein politisches Problem. Es gibt neben dieser politischen Problematik auch einen philosophischen Diskurs, der nicht nur die Durchsetzung, sondern - weitaus essentieller - ihre Legitimation hinterfragt: Das Menschenrechtskonzept zwischen Universalität und Kulturrelativismus. Diese beiden Theorien sollen in der vorliegenden Arbeit näher beleuchtet werden:

1.1 Definition der zentralen Begriffe

1.1.1 Der ‚Westen’

Wenn in dieser Arbeit von ‚dem Westen’ oder der ‚westlichen Welt’ die Rede sein wird, soll dies im Groben den europäisch-amerikanischen Kulturkreis umfassen. Eine ähnliche kulturelle Prägung Nordamerikas und Europas, die sowohl ihre Wurzeln in der griechischen und römischen Antike findet, als auch im Christentum, bis hin zu den Ereignissen des späten 18. Jahrhunderts, ist unbestritten. Ähnlichkeit muss jedoch von Einheitlichkeit unterschieden werden. Auch innerhalb des ‚Westens’ sind verschiedene kulturelle Einflüsse vorhanden und oft genug scheiden sich die Meinungen. Heiner Bielefeldt erläutert, dass auch „’die’ westliche Tradition ein Abstraktum ist, hinter dem bei genauerem Hinsehen eine Fülle unterschiedlicher, oft auch gegensätzlicher Traditionslinien zutage tritt.“[3]

Eine genauere Einteilung bzw. Zuteilung, wer oder welche Kultur Teil des ‚Westens’ oder des ‚Nicht-Westens’ bildet, wird im Diskurs vernachlässigt. Im Diskurs über Universalität und Kulturrelativität – dies sind dabei Begriffe, die von den Autoren des Diskurses übernommen wurden[4] – werden oftmals nur Westen und Nicht-Westen kategorisch voneinander abgegrenzt, wobei keine weitere Spezifizierung erfolgt.[5] Es wird verkannt, wie unterschiedlich auch die Meinungen in den verschiedenen Gesellschaften des ‚Nicht-Westens’, aber auch innerhalb des ‚Westens’ sind. Dies ist durchaus ein Vorwurf, mit dem vor allem die Vertreter des Kulturrelativismus zu kämpfen haben. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, soll die Begrifflichkeit des Diskurses, bezogen auf die grobe Einteilung in den ‚Westen’ als europäisch-amerikanischer Kulturraum und den ‚Nicht-Westen’ als arabischer, asiatischer und afrikanischer Kulturraum übernommen werden. Die entsprechenden angeführten Beispiele sollen dabei möglichst in ihrem konkreten kulturellen Zusammenhang und nicht in einer fiktiven kulturellen Einheitlichkeit des Nicht-Westens interpretiert werden.

1.1.2 Menschenrechte

Es gibt verschiedene Betrachtungsweisen der Menschenrechte. Grob zu unterscheiden sind zwei Interpretationen von Menschenrechten: erstens als moralisch-normative Kategorie und zweitens als völkerrechtlich-positivistische Kategorie. In ihrem Verständnis als moralisch-normative Kategorie sind die von den Vereinten Nationen artikulierten Rechte jedes menschlichen Wesens per definitionem universell, angeboren, unveräußerlich und unteilbar. Dass die Universalität der Menschenrechte bis heute von vielen Autoren hinterfragt wird, ist jedoch weitläufig bekannt. Die Argumentation der Kritiker bezieht sich vorwiegend auf die westliche und individualistische Prägung der Menschenrechte. Dieser Diskurs steht im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit. Das Verständnis der Menschenrechte als völkerrechtlich-positivistische Kategorie äußert sich in ihrer wichtigen Stellung im Völkerrecht. Die Achtung und Durchsetzung der Menschenrechte innerhalb eines Staates gilt nicht selten als Legitimierungsprinzip für staatliche Souveränität und als Bedingung für internationale Handelsabkommen.

1.2 Einführung in die Debatte

Sind Menschenrechte kulturell gebundene Normen oder sind sie Universalien, und damit Voraussetzung für die Bildung eigener Normvorstellungen und die freie Entfaltung der Persönlichkeit? Sind die Menschenrechte ein „westliches Konstrukt mit beschränkter Anwendbarkeit“[6] oder ist das Konzept der Menschenrechte per se ein universelles und seine Hinterfragung lediglich eine romantisierende Verherrlichung der Kultur? Oder ist die scheinbar große Toleranz gegenüber anderen Kulturen gar ein Legitimierungsversuch von menschenunwürdigen Praktiken in einzelnen Ländern? Um die Dramatik der Diskussion erkennbar zu machen, formuliert der Politologe und vehemente Vertreter des Universalismus Ludger Kühnhardt die Frage nach der Universalität der Menschenrechte überspitzt:

„Kann und soll ein universales Menschenrechtsideal geschützt und verbreitet werden, oder aber sind Folter, Internierung, Verfolgung und Hungertod von je anderer moralischer Qualität und rechtlicher Konsequenz je nachdem, ob sie in der westlichen Welt oder in anderen Regionen der Erde stattfinden?“[7]

In der Debatte um die Universalität des Menschenrechtskonzepts stehen sich zwei Positionen gegenüber: die Theorie des Universalismus auf der einen Seite, die alle Menschenrechte als natürliche, angeborene und unveräußerliche Rechte jedes Menschen betrachtet und jegliche Relativierung ablehnt. Die These des Kulturrelativismus auf der anderen Seite, die das Menschenrechtskonzept als Konstrukt von Normen betrachtet, die in einer bestimmten Kultur verankert sind, und die Legitimation einer Universalisierung dieses Konstruktes verneint. Innerhalb dieser beiden Theorien gibt es verschiedene Begründungszugänge, die in den Kapiteln 2 und 3 erörtert werden.

1.2.1 Universalismus

Die Vertreter des Universalismus gehen davon aus, dass die Menschenrechte als Universalien zu verstehen sind, die allgemein gültig, natürlich, vorstaatlich, unveräußerlich und unabhängig vom kulturellen Hintergrund zu betrachten sind. Sie sind nach naturrechtlichem Verständnis jedem Menschen aufgrund seiner Existenz zueigen. Ihre Begründung liegt nicht in der Durchsetzbarkeit menschenrechtlicher Standards in der Welt, sondern in der Würde jedes Menschen und in seinem daraus resultierenden Anspruch auf den Schutz dieser Würde. Weltweite Verletzungen der Menschenrechte stellen ihre universelle Geltung daher nicht in Frage.[8]

Wichtige Vertreter der Universalismustheorie sind Ludger Kühnhardt, Bassam Tibi und Alain Finkielkraut[9]. Dies repräsentiert jedoch nur eine kleine Auswahl an Vertretern der Theorie. Die Theorie der Universalität der Menschenrechte wird mit Abstand von den meisten Politikwissenschaftlern, Philosophen und Theologen, Politikern und Wissenschaftlern, sowie Nicht-Regierungsorganisationen und transnationalen Organisationen unterstützt. Ihre Gegner, die Vertreter des Kulturrelativismus, haben meist einen stärker ethnologisch orientierten Zugang und sind deutlich in der Minderzahl. Die Menschenrechte und der ihnen implizierten Universalitätsanspruch werden international vor allem von den Vereinten Nationen verteidigt. Viele Staaten, die sich der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte angeschlossen haben, setzen sich ebenso für die Verbreitung der Menschenrechte ein.

In Kapitel 2 wird die Theorie des Universalismus ausführlicher dargestellt, um einen Überblick über den Diskurs zu geben.

1.2.2 Kulturrelativismus

Die Theorie des Kulturrelativismus verwirft den universalistischen Anspruch des Menschenrechtskonzeptes, da dieses nicht auf andere Kulturen übertragbar sei.

Das Hauptargument gegen die universelle Gültigkeit des von den Vereinten Nationen propagierten Menschenrechtskonzepts bezieht sich auf die westliche Prägung der Menschenrechte. Die Menschenrechte seien aus ihrem historischen Entstehungskontext in der Philosophie der Aufklärung sowie in den Menschenrechtserklärungen der Französischen Revolution und der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung gerissen und würden un-berechtigterweise als unabhängig von Zeit und Raum gültige Rechte von „atomized individuals“[10] postuliert, die losgelöst von ihrem jeweiligen kulturellen Hintergrund existieren. Das vorliegende Menschenrechtskonzept sei eindeutig von seinem abendländischen Entstehungskontext geprägt und somit stelle dessen Implementierung auf nicht-westliche Völker und Kulturen eine Art Werteimperialismus und ethnozentristischen „moral chauvinism“[11] dar. Die Annahme der Gleichheit aller Menschen und deren Anspruch auf Wahrung von Freiheitsinteressen spiegele ein typisch westliches Verständnis von Individualismus, Liberalismus und Rechtsethik wider, das auf andere Völker nicht übertragbar sei.

1.3 Verortung

Der hier vorliegende, zu analysierende Konflikt besteht in der umstrittenen Universalität der Menschenrechte und der Frage ob das ‚westliche’ Konzept der Menschenrechte mit unterschiedlichen kulturellen Traditionen vereinbar ist. Die unterschiedlichen Deutungen der sozialen und politischen Handlungszusammenhänge werden in den Kapiteln 2 und 3 ausführlich dargestellt.[12]

1.4 Zur Literaturlage

Die Literatur zu dieser Debatte zwischen Universalismus und Kulturrelativismus scheint auf den ersten Blick etwas veraltet. Die meisten Beiträge stammen aus der Zeitspanne 1979 – 1984. Bereits 1981 stellte der Völkerrechtler Christian Tomuschat die Frage, ob die Menschenrechts-standards ein „outdated and utopian concept“ darstellen.[13] Jedoch wird auch in den neueren Abhandlungen immer wieder auf diese wichtigen Beiträge Bezug genommen. Sie scheinen mir daher weder wissenschaftlich widerlegt noch zeitlich überholt. Der Artikel „Human Rights: A western construct with limited applicability“ von Adamantia Pollis und Peter Schwab aus dem Jahr 1979 hat seit seiner Veröffentlichung bis heute besonderes Aufsehen erregt und die Debatte angeheizt. Die beiden Autoren gehören damit – laut Ludger Kühnhardt – zu „den exponiertesten Vertretern dieser Position“[14] (des Kulturrelativismus). In einem neueren Artikel „A new universalism“ aus dem Jahr 2000 greift Adamantia Pollis ihre eigene These auf und setzt sie in Bezug auf die Entwicklungen der Internationalen Politik.

Besonders interessant an der These von Pollis und Schwab scheint mir, dass die beiden Autoren selbst aus den USA und somit dem ‚Westen’ stammen und gerade daraus ihren Begründungszusammenhang für die Relativierung der universellen Gültigkeit von Menschenrechten herleiten. Andere Autoren aus nicht-westlichen Ländern, wie beispielsweise Youghindra Khushalani, können auf die eigene kulturelle Herkunft zurückgreifen und an einem Beispiel die mangelnde Durchsetzungsmöglichkeit der Menschenrechte kritisieren. Pollis und Schwab jedoch relativieren mit ihrer Kritik an der Universalisierbarkeit eines westlichen Konzepts die eigene kulturelle Prägung. Daher erscheint mir eine Untersuchung einer internen westlichen Kritik am universalistischen Anspruch des Menschenrechtskonzepts der interessanteste Ansatz, den Vorwurf des Werteimperialismus zu überprüfen.

[...]


[1] Vgl. Amnesty international Jahresbericht 2004, S. 34.

[2] Vergleiche dazu die Jahresberichte von Human Rights Watch oder amnesty international: Human Rights Watch: World Report 2006, New York 2006; amnesty international e.V.: Jahresbericht 2004, Frankfurt am Main 2004.

[3] Bielefeldt, Heiner: Philosophie der Menschenrechte. Grundlagen eines weltweiten Freiheitsethos, Darmstadt, 1998, S. 130.

[4] Siehe hierzu beispielsweise:
- Pollis, Adamantia/ Schwab, Peter: Human rights: a Western concept with limited applicability, in: Dies.: Human Rights. Cultural and Ideological Perspectives, New York 1979, S. 1ff;
- Kühnhardt, Ludger: Die Universalität der Menschenrechte. München 1987, S. 135ff;
- An-Na’im, Abdullah: Towards a Cross-Cultural Approach to Defining International Standards of Human Rights: The Meaning of Cruel, Inhuman, or Degrading Treatment or Punishment, in: Ders. (Ed.): Human Rights in Cross-Cultural Perspectives. A Quest for Consensus, Philadelphia, 1992, S. 19-43, S. 22.
- Renteln, Alison Dundes: International Human Rights. Universalism versus Relativism, Newbury Park 1990, S. 12.

[5] Siehe hierzu die Artikel von Pollis und Schwab 1979 und 2000 (Pollis, Adamantia/ Schwab, Peter: A new Universalism, in: Dies.: Human Rights – new perspectives, new realities, Boulder 2000, S. 9-30)

[6] Übersetzung des Titels des Aufsatzes von: Pollis, Adamantia/ Schwab, Peter: A western construct with limited applicability, in: Dies.: Human Rights. Cultural and Ideological Perspectives, New York 1979, S. 1-17.

[7] Kühnhardt 1987: S. 39.

[8] Vgl. Gewirth, Alan: Human Rights. Essays on justifications and applications, Chicago 1982, S. 2

[9] Siehe dazu: Kühnhardt 1987; Tibi, Bassam: Im Schatten Allahs, Düsseldorf 2003; Finkielkraut, Alain: La défaite de la pensée, Paris 1987.

[10] Pollis/ Schwab 2000: S. 16.

[11] Pollis/ Schwab 1979: S. 14.

[12] Übersichtliche Ausführungen zur Diskursanalyse finden sich beispielsweise bei: Link/ Link-Herr 1990, s.o.; Jäger, Siegfried: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung, Duisburg 2001; Keller 2001, s.o..

[13] Tomuschat, Christian: Is Universality of Human Rights Standards an Outdated and Utopian Concept?, in Bieber, Bleckmann, Capotori: Das Europa der zweiten Generation,1981, S. 585 - 609.

[14] Vgl. Kühnhardt 1987: S. 295.

Details

Seiten
40
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783668056831
ISBN (Buch)
9783668133167
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307379
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
menschenrechte universalismus kulturrelativismus relativismus menschenrechtskonvention allgemeine erklärung der menschenrechte

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