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Der Lübecker Totentanz von 1463 und die Tradition der Totentänze

von Maxim Rhein (Autor)

Hausarbeit 2014 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Totentanztradition

3. Vergleich des Totentanzes von Lübeck-Reval und der spanischen Dichtung Danza general de la muerte

4. Verhältnis zwischen Text und Bild anhand des Lübecker-Revaler Totentanzes

5. Literarisch-didaktische Aufgabe der Totentänze

6. Fazit

Anmerkungen:

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Media vita in morte sumus: Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“ (Rosenfeld, H. S. 10). Dieses Zitat stammt aus einem mittelalterlichen Kirchenlied und ist für die Zeit des Mittelalters von großer Bedeutung, da diese Zeit geprägt ist von Missernten, Seuchen, Kriegen und einer sehr geringen Lebenserwartung. Der Tod war daher für die Menschen des Mittelalters ein allgegenwärtiger Begleiter.

Für die Menschen des Früh- und Hochmittelalter gehört der Tod zum Leben dazu und wird als Selbstverständlichkeit hingenommen, währenddessen der Tod im Spätmittelalter zunehmend an Bedeutung gewinnt. Den größten Einfluss hierauf nehmen die starken Auswirkungen der vorherrschenden Pest und dient somit als Impulsgeber für die Totentänze.

Diese Ausarbeitung beschäftigt sich daher tiefgreifender mit der Tradition der Totentänze, wobei das Hauptaugenmerk auf dem Lübecker Totentanz liegt. Dazu wird vorab ein kleiner Einblick in die Entstehung der Totentänze gegeben, da es hierzu zahlreiche Thesen über die Entstehungszeit gibt. Hieran anknüpfend erfolgt ein Vergleich des Textes und des Bildes bezüglich ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Totentanzmalereien in der Lübecker Marienkirche aus dem Jahr 1463 und der spanischen Dichtung Danza general de la muerte, die als Vorgänger des bekannten Danse macabre ihr Ansehen findet.

Ein weiterer Punkt ist die Gegenüberstellung von Text und Bild in Bezug auf den Lübecker Totentanz von 1463 und diesem Totentanz nach der Restaurierung im Jahr 1701 mit dem Text von Nathanel Schlott.

In Zusammenhang mit der Tradition der Totentänze ist auch die literarisch-didaktische Aufgabe der Totentänze von großer Bedeutung, da diese wie bereits zu Beginn erwähnt, für die Zeit des Mittelalters eine wichtige Rolle spielen. Um die literarisch-didaktische Aufgabe zu beleuchten, wird auf die literarischen Eigenschaften der Totentänze näher eingegangen, sowie auf ihre sprachlichen Merkmale und dessen Aufbau.

In einem abschließenden Fazit werden die Punkte unserer Ausarbeitung noch einmal zusammenfassend betrachtet und ein Bezug zu unserem Vortrag hergestellt, bei dem der Fokus auf der künstlerischen bildlichen Darstellung lag.

2. Die Totentanztradition

Die Tradition der Totentänze in Europa findet ihren Anfang gegen Ende des 14. Jahrhunderts. Forscher gehen davon aus, dass die ältesten überlieferten Textzeugen aus der Zeit um 1400-1420 stammen (vgl. Schulte, B. S. 153). Allerdings wird die These aufgestellt, dass es ältere Versionen von Totentänzen gibt, die in Bezug zu den heutigen bekannten Totentänzen stehen (vgl. ebd.). Anhand einiger Kriterien können Vergleiche zwischen älteren und neueren Totentänzen hergestellt werden. Bei diesen Kriterien handelt es sich um „[…] die Textanfänge, die in vielen Überlieferungsträgern übereinstimmen, Auswahl und Darstellung der Ständerepräsentanten, die Gesamtkonzeption der einzelnen Kunstwerke, Strophenbau, Versmaß und mögliche Übereinstimmungen in Formulierungen und Wortgebrauch […]“ (ebd.). Im Folgenden wird ein Vergleich zwischen dem Totentanz von Lübeck-Reval und der spanischen Dichtung Danza general de la muerte hergestellt, bei dem der Strophenbau bzw. der Versbau, die Anzahl der Ständevertreter und die Eröffnung des ´Gesprächs´ zwischen Lebenden und Toten im Fokus stehen.

3. Vergleich des Totentanzes von Lübeck-Reval und der spanischen Dichtung Danza general de la muerte

Die spanische Dichtung Danza general de la muerte wird als mögliche Vorstufe des bekannten Danse macabre angesehen, welches in den Kirchenmalereien von La Chaise-Dieu überliefert wurde (vgl. ebd.). Die spanische Danza general wird einem Vergleich mit den Totentanzmalereien in der Lübecker Marienkirche aus dem Jahre 1463 unterzogen, wobei der Fokus auf dem überlieferten Text und dem zugehörigen Bild liegt.

Die Entstehung der Danza general wird datiert auf die Zeit um 1400 und gilt als „kunstvolle Totentanzdichtung“ (ebd. S. 154). Der in der spanischen Dichtung überlieferte Text umfasst „ein Vorwort von zehn Zeilen […], vier achtzeilige Einführungsstrophen des Todes und eine dreimal acht Verse umfassende Einleitung, die einem Prediger in den Mund gelegt wird“ (ebd.). Hiermit verknüpft ist der Tod zu finden, der den Reigen mit den 33 Ständevertretern eröffnet (vgl. ebd.). Hierbei ist eine starke Anlehnung an das französische Danse macabre mit 30 Figuren wahrzunehmen.

Das letzte Motiv der Danza general bildet die Ansprache des Todes an die Stände, die auch in der Kirchenmalerei von La Chaise-Dieu auf gleiche Weise integriert ist (vgl. ebd.). Diese Übereinstimmung ist auch in Hinblick auf die Reihenfolge der Ständevertreter in der Danza general und der Lübecker Kirchenmalereien aus dem Jahr 1463 vorhanden. Auch bei diesen beiden Totentanzversionen ist der Wechsel zwischen geistlichem und weltlichem Ständevertreter gegenwärtig (vgl. ebd.).

Eine weitere Gemeinsamkeit, die zwischen der Danza general und dem Lübecker Totentanz von 1463 realisiert ist, ist der Mensch, der in beiden Versionen zu sprechen beginnt und der Tod, der auf das Gesagte antwortet (vgl. ebd.). Bereits Seelmann hat darauf hingewiesen, dass bei dem zugehörigen Verstext eine Übereinstimmung dieser beiden Totentanzüberlieferungen augenscheinlich ist (vgl. ebd.). Sowohl bei der Danza general als auch bei dem Verstext der Lübecker Kirchenmalereien handelt es sich um achtzeilige Strophen (vgl. ebd.). „Die Strophen der Danza general [sind] in gleicher Weise miteinander verknüpft wie im Text des Lübecker Totentanzes von 1463: Zunächst spricht der sterbende Mensch acht Zeilen, in sieben Versen antwortet der Tod, die achte Zeile enthält die Aufforderung zum Tanz an den nachfolgenden Ständevertreter“ (ebd. S. 155). Bei dem französischen Danse macabre, die auf dem Friedhof Aux Saints Innocents zu sehen sind, ist diese Verknüpfung der Strophen nicht präsent (vgl. ebd.).

Seelmann äußert hierzu, dass er „in einem französischen Totentanzschauspiel, den Spaniern und Niederdeutschen möglicherweise in einer Handelsmetropole wie Brügge vermittelt, die gemeinsame Vorstufe der spanischen, französischen und deutschsprachigen Totentänze [sieht]“ (ebd.).

Mâle teilt die Theorie von Seelmann und nimmt eine Konkretisierung vor, indem er die Totentanzmalerei in der Abteikirche in La Chaise-Dieu als „Repräsentantin einer der Pariser Danse macabre-Tradition vorangehenden Totentanzversion“ (ebd.) betitelt. Die Totentanzmalerei von La Chaise-Dieu ist ca. 1,40 m hoch, hat eine ursprüngliche Länge von 26 m und enthält 30 Vertreter der Stände (vgl. ebd.). Aufgrund äußerlicher Einflüsse ist eine Identifikation der Ständevertreter teilweise nicht mehr möglich (vgl. ebd. S. 156). Da das gesamte Gemälde ein „skizzenhaftes Erscheinungsbild“ (ebd.) darstellt, wird die These aufgestellt, dass das Kunstwerk nicht fertiggestellt wurde und daher auch eine Überlieferung des Textes nicht existent ist, „für den Flächen unterhalb der einzelnen Darstellungen freigelassen worden sind“ (ebd.).

Desweiteren geht Mâle davon aus, dass der Maler des Totentanzes von La Chaise-Dieu eine Vorlage einer „illustrierte[n] Totentanzhandschrift“ (ebd.) in Besitz hatte, sodass große Ähnlichkeiten zum Pariser Totentanz aufzuweisen sind. „Möglicherweise repräsentiere das Gemälde von La Chaise-Dieu eine ursprünglich ältere Danse macabre-Version, die den Malereien von Paris, Lübeck und Berlin, wie auch der spanischen Dichtung Danza general de la muerte als Vorlage gedient habe. Ohne Zweifel habe die europäische Totentanztradition ihren Ursprung in Frankreich genommen“ (ebd.).

Abschließend kann gesagt werden, dass die spanische Dichtung Danza general de la muerte aus der Zeit um 1400, die Kirchenmalereien von La Chaise-Dieu (ca. 1410/1420) und die Totentanzmalereien aus Lübeck aus dem Jahr 1463 „gemeinsame Strukturelemente aufweisen, die möglicherweise auf eine ältere Totentanzschicht schließen lassen, deren Ursprung mit Wahrscheinlichkeit in Frankreich liegt“ (ebd. S. 157).

4. Verhältnis zwischen Text und Bild anhand des Lübecker-Revaler Totentanzes

„Den interessantesten und sicherlich auch schwierigsten Fall innerhalb der niederdeutschen Denkmäler stellt das Totentanzgemälde in der Lübecker Marienkirche von 1463 dar“ (Warda, S. S. 69), so beschreibt Susanne Warda den spätmittelalterlichen Lübecker Totentanz. Untersuchungen an diesem Werk stellen sich als äußerst schwierig heraus, da das Gemälde in der Marienkirche aufgrund eines Bombenangriffs Ende März 1942 nicht in seiner Vollständigkeit erhalten blieb (vgl. ebd.). Es existieren zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotografien und graphische teilweise farbige Reproduktionen, die dieses Gemälde vor dem Krieg darstellen, allerdings ist keine dieser Totentanzzeugnisse eine genaue Darstellung des Originalzustandes. Hinzu kommt noch die vollständige Restaurierung im Jahr 1701 durch den Maler Anton Wortmann, sodass auch die spätmittelalterlichen Verse des Totentanzes durch Alexandriner des Dichters Nathanel Schlott der Zeit angepasst worden sind (vgl. ebd.). Diese Alexandriner weisen nur wenig Gemeinsamkeiten zu den „knappen und teilweise fast derb zu nennenden mittelalterlichen Dialogen […]“ (ebd.) auf.

Im Folgenden liegt der Fokus daher auf der Relation zwischen Text und Bild des Lübecker Totentanzes von 1463 nach der Restaurierung des Gemäldes im Jahr 1701. Hierbei wird auch die Ersetzung der alten Verse durch zeitgemäße Alexandriner eine wichtige Rolle spielen.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668065840
ISBN (Buch)
9783668065857
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307374
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
2,7
Schlagworte
Totentanz Lübecker Totentanz Danza general de la muerte Danse macabre Nathanel Schlott

Autor

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    Maxim Rhein (Autor)

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