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Konzepte interkultureller Pädagogik und die resultierenden Anforderungen für die erwachsenenpädagogische Praxis

Hausarbeit 2014 27 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Der Kulturbegriff
2.1.1 Vorurteil und Stereotyp
2.1.2 Rassismus und Diskriminierung
2.2 Der Interkulturalitätsbegriff
2.2.1 Multikulturalität
2.2.2 Transkulturalität

3. Konzepte interkultureller Pädagogik nach Nohl
3.1 Assimilationspädagogik
3.2 Interkulturelle Pädagogik
3.3 Antidiskriminierungspädagogik
3.4 Pädagogik kollektiver Zugehörigkeiten

4. Anforderungen für die erwachsenenpädagogische Praxis
4.1 Interkulturelle Sozialisation, Lernen und Bildung
4.2 Entwicklung interkultureller Kompetenz
4.3 Elemente interkulturellen Lernens und Lehrens

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Dynamik kultureller Überschneidungssituationen

Abbildung 2: Mehrdimensionalität von Milieus

1. Einleitung

Die interkulturelle Pädagogik findet ihren Ursprung in den Migrations- und Arbeiterbewegungen seit Beginn der 1960er Jahre, woraufhin eine neue Art des Kulturkontaktes angestoßen wurde. Zum pädagogischen Thema wurde die Interkulturalität zuerst aufgrund von schulischen Problemen der Migrationskinder. Allerdings hat sich das Feld interkultureller Pädagogik mittlerweile massiv ausgebreitet, da die wirtschaftlichen Internationalisierungs- und Globalisierungsprozesse durch den fortschreitenden technischen Wandel stetig zunehmen und interkulturelle Kontexte im alltäglichen und beruflichen Leben zunehmen. Somit wird das Thema „Interkulturalität“ auch für Pädagogen der Erwachsenenbildung bedeutsam. Durch den damaligen Migrationsschub, in der heutigen Zeit eher aufgrund der Internationalisierung und Flüchtlingsbewegungen, formiert sich nicht nur Deutschland zu einem Land vieler Nationen, in welchem eine unübersichtliche Anzahl von Kulturen aufeinandertrifft. Die Begegnung und das gemeinschaftliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen auf einem relativ engen Raum verlaufen nicht immer unproblematisch. Das Aufeinandertreffen mehrerer Kulturen und verschiedenartiger Weltanschauungen kann Konfliktsituationen hervorrufen. Werte und Normen der Kulturen können sich maßgeblich voneinander unterscheiden, sodass eine Vielzahl an Lebensformen und Denkweisen bestehen, die eine friedliche Interaktion misslingen lassen. Unterschiedliche Sprachen erschweren oder unterbinden sogar die verbale Kommunikation, was die Ursache für gegenseitiges Missverstehen ist. Die Folge ist mangelnde Toleranz und eine die Entwicklung fremdenfeindlicher Einstellungen.[1]

In der Literatur findet sich eine Vielzahl an Theorien und Konzepten, die die Interkulturalität aus verschiedenen Perspektiven betrachten, auf dessen Grundlage der pädagogische Umgang unterschiedlich propagiert wird.[2] Innerhalb dieser Arbeit sollen prägnante Konzepte interkultureller Pädagogik herausgearbeitet werden und die erwachsenpädagogischen Anforderungen im Umgang mit Interkulturalität erschlossen werden.

Dazu soll wird im zweiten Kapitel eine theoretische Grundlage geschaffen und Aufschluss darüber gegeben werden, was unter Kultur im Allgemeinen zu verstehen ist. Unter der Bezugnahme der Begriffe Vorurteil, Stereotyp, Rassismus und Diskriminierung wird die Ausgangslage verdeutlicht und der kulturelle Kontext erweitert. Im Anschluss wird auf die Interkulturalität sowie auf die damit verbundenen Begriffe der Multikulturalität und Transkulturalität eingegangen. Das dritte Kapitel befasst sich mit den Konzepten interkultureller Pädagogik nach Arnd-Michael Nohl (2010). Er unterscheidet zwischen „Assimilationspädagogik“, „interkultureller Pädagogik“, „Antidiskriminierungspädagogik“, und der „Pädagogik kollektiver Zugehörigkeiten.“ Daraufhin werden im vierten Kapitel die Anforderungen an die erwachsenenpädagogische Praxis in interkulturellen Kontexten herausgearbeitet, indem auf die Prozesse der Sozialisation, Lernen und Bildung eingegangen wird. Ebenso werden die interkulturelle Kompetenz sowie die Elemente des interkulturellen Lernens und Lehrens behandelt. Abschließend werden in Kapitel fünf die erarbeiteten Ergebnisse zusammengefasst und ein Ausblick auf die zukünftigen Anforderungen zu der vorliegenden Thematik gegeben.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Der Kulturbegriff

Bevor auf den Interkulturalitätsbegriff eingegangen wird, soll ihr übergeordneter Begriff der Kultur geklärt werden. Der Kulturbegriff wird aus verschieden Betrachtungsweisen heraus unterschiedlich ausgelegt. Eine Gemeinsamkeit besteht jedoch darin einen Erkenntnisgewinn darin zu erzielen, was unter Kultur zu verstehen ist und welche Aspekte ihr inbegriffen sind. Seinen Ursprung findet der Begriff im lateinischen Wort colo, colui oder cultus, was übersetzt pflegen und bebauen bedeutet.[3] Doch was macht eine Kultur aus und worin können sich Kulturen unterscheiden?

Der Mensch wird von Kant (1784) als „kulturschaffendes Wesen“ bezeichnet. Dies impliziert, dass die Kultur vom Menschen gebildet wird und von ihm ausgeht. Weiterhin wird unter Kultur „jener Inbegriff von Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Sitte und alle übrigen Fähigkeiten und Gewohnheiten, welche der Mensch als Glied der Gesellschaft sich angeeignet hat“ [4] , verstanden. Somit beeinflussen Kulturen „die Innen- und Außenperspektiven unseres Denkens, Wahrnehmens, Handelns und die Empathiefähigkeit, die für die zwischenmenschliche Kommunikation wesentlich ist.“ [5] Die Kultur ist dabei nicht als in sich geschlossenes System zu verstehen, sondern „impliziert als ein offenes und dynamisch-veränderbares Sinn- und Orientierungssystem, wie die Beziehungen innerhalb einer Gruppe sowie deren Außenbeziehungen strukturiert sind und wie diese erfahren, verstanden und interpretiert werden. Kultur stiftet soziale Ordnungsrahmen und umfasst unter anderem politische Organisationen, Wirtschaftsformen, moralische Traditionen und das Streben nach Wissen und Kunst.“ [6]

Die Kultur kann zusammengefasst als wandelbares Regelsystem des Zusammenlebens bezeichnet werden, das von Lebensformen und Glaubensrichtungen, wie beispielsweise der Religion oder Politik, beeinflusst wird und die Grundlage für das Handeln der Menschen und deren Umgangsformen miteinander bildet. Demzufolge kann sich eine Kultur unter den Bedingungen verschiedener Lebensformen und Glaubensrichtungen von einer anderen Kultur unterscheiden, aber auch Gemeinsamkeiten aufweisen. Als wesentliche Merkmale einer Kultur können erstens die Sprache, welche als Instrument der Kommunikation für die Kultur eine wesentliche Rolle innehat, zweitens die Werte und Normen, welche die Regeln des Zusammenlebens bilden und drittens das Wissen, welches den Entwicklungsstand der jeweiligen Kultur bedingt, festgehalten werden.[7] Die Ethnologie, im internationalen Kontext eher als Kulturanthropologie bezeichnet, erforscht als eigenständige Wissenschaft die Unterschiede der Kulturen und legt dabei die Schwerpunkte auf religiöse, wirtschaftliche, politische, weltanschauliche und wissenschaftliche Differenzen.[8] Im kulturanthropologischen Sinne bezeichnet der Begriff der Kultur „die soziale (oder: ‚kollektive‘) Konstruktion der Wirklichkeit“ [9] von Gruppen, Völkern oder Ländern. Dabei stellt der Sozialisationsprozess ein wichtiger Aspekt dar, „durch den Individuen im Umgang mit anderen Individuen, Gruppen und Organisationen sozial handlungsfähig werden, indem sie Normen und Werte der Gesellschaft kennenlernen und teilweise verinnerlichen und zentrale Rollen (z.B. Geschlechts-, Alters- und Berufsrollen) spielen lernen.“ [10] Die Sozialisation ist somit ein Lernprozess, der sich durch das ganze Leben zieht und von der Einflussnahme, wie beispielsweise der Erziehung von Bezugspersonen im Kindesalter, und der Auseinandersetzung mit der Umwelt geprägt wird. Neben der der Vermittlung von Werten und Handlungsvoraussetzung kultiviert und bildet sie die Persönlichkeit eines Menschen aus.[11]

2.1.1 Vorurteil und Stereotyp

In einem Land, wie Deutschland, in dem viele Kulturen aufeinander treffen, können kulturelle Einflüsse anderer Gruppierungen auch negativ aufgefasst werden, weil sie im Widerspruch zu den eigenen Werten und Verhaltensweisen stehen oder sich zu stark unterscheiden. Dabei kann es zur Entstehung von Vorurteilen kommen, indem der Mensch, um etwas zu verstehen, voreilig über einen anderen Menschen, einer Personengruppe oder einen Sachverhalt urteilt. Damit ist vor allem die abwertende Meinungsbildung gemeint, an der festgehalten wird, auch wenn etwas anderes bewiesen wird.[12] Vorurteile sind ablehnende Einstellungen, die mit kognitiven Überzeugungen, Emotionen, und entsprechendem diskriminierenden Verhalten zusammenhängen und aufgrund ihrer Starrheit und dem emotional geladenen Aspekt nur schwer wieder aufzulösen sind, da sie, sobald gebildet, nicht mehr auf ihre Gültigkeit überprüft werden. Vorurteile werden vorrangig mit Gruppenkonstellationen und der sogenannten Stereotypisierung in Verbindung gebracht, wobei einer fremden Personengruppe von vornherein spezielle Eigenschaften zugeschrieben werden und es zu einer vereinfachten und standardisierten Vorstellung ihrer Merkmale kommt.[13] „Stereotype gehören nach häufiger psychologischer Auffassung zu den kognitiven Mechanismen, mit deren Hilfe die Komplexität der sozialen Umwelt reduziert werden kann.“ [14] Der Unterschied zwischen einem Vorurteil und einem allgemeinen Urteil liegt lediglich in der starren und oft auch fehlerhaften Verallgemeinerung bestimmter Personen oder Gruppeneigenschaften, denn je weniger über die Personen der Gruppe bekannt ist, umso eher werden Stereotype gebildet.[15]

Stereotype dienen der persönlichen Identitätsbildung, sowie dem Verständnis und der Theorieentwicklung für die eigene Umwelt, ohne dessen Kategorisierung der Mensch aufgrund der hohen Komplexität seiner Umgebung keine Orientierung hätte. Während Vorurteile eher negativ behaftet sind und sich auch an Individuen richten können, verallgemeinern Stereotype positive, aber auch negative Eigenschaften ganzer Personengruppen, Ethnien oder Nationen.[16] Als Beispiel für ein positives Stereotyp ist die Annahme, dass das griechische Volk gastfreundlich sei. Aufgrund einzelner Erfahrungen, die diese Annahme bestätigten, wird das Merkmal Gastfreundlichkeit einer ganzen Nation zugeschrieben. Als negatives Beispiel hingegen kann die Annahme genannt werden, dass die Finanzkrise Griechenlands von der Faulheit der griechischen Bevölkerung ausgelöst worden sei. Hier wird aufgrund der Komplexität der ökonomischen, sozialen und politischen Gründe für die Finanzkrise der Einfachheit halber der Bevölkerung Griechenlands Faulheit unterstellt und verallgemeinert.

2.1.2 Rassismus und Diskriminierung

Vorurteile und Stereotypen sind eher Gegenstände der psychologischen Forschung, während Rassismus den Sozialwissenschaften zuzuordnen ist und ihm eine gewisse gesellschaftliche Überlegenheit vorausgeht.[17] „Vorurteile sind zwar Bestandteil rassistischer Denkweisen und Deutungsmuster, jedoch für sich genommen nicht zwangsweise rassistisch.[18] Grundlage des Rassismus ist die Rassenideologie, die die genetische „Reinheit“ der Menschenrassen anstrebt und rassischen Vermischungen minderwertige Eigenschaften zugeschreibt, „wodurch soziale Gruppen aufgrund physischer oder kultureller Merkmale andere Gruppen als unterschiedlich bzw. minderwertig kategorisieren.“ [19] Dabei wird nicht auf subjektiv wahrgenommene Eigenschaften einer Gruppe abgezielt, sondern unterschiedlichen Menschengruppen die Gleichrangigkeit aberkannt, was zu herabwürdigenden und zu benachteiligenden Einstellungen und Verhaltensweisen führt. Diese rassistische Diskriminierung verweist vor allem auf die Unterschiedlichkeit der Gruppen, bewertet die Differenzen und nutzt die Bewertung, um die Interessen der dominanten Kultur durchzusetzen und die zum Vorteil der Dominanzkultur bestehenden Machtverhältnisse beizubehalten.[20] Die Überlegenheitskomponente der rassistischen Diskriminierung „macht sich auch in der strukturellen Benachteiligung von Minderheiten geltend“ [21] und kann auf institutioneller, kultureller und individueller Ebene erfolgen.[22] Rassistische Diskriminierung auf der institutionellen Ebene äußert sich beispielsweise dahingehend, dass Migranten beschränkte intellektuelle Voraussetzungen zugeschrieben werden. Auf der kulturellen Ebene kann sich die Diskriminierung in traditionellen Kinderliedern („Zehn kleine Negerlein“) äußern und auf der individuellen Ebene zeigt sich Rassismus im Überlegenheitsanspruch anderer Kulturen gegenüber oder wenn über rassistische Witze gelacht wird.[23]

2.2 Der Interkulturalitätsbegriff

Wie vorher festgestellt wurde, besitzen Gruppen oder Völker (Kollektive) aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft verschiedene kulturelle Regel- und Wertesysteme (Konstrukte) und somit andersartige Denk- und Verhaltensmuster. Dadurch besteht die Möglichkeit, dass sich Menschen in ihren Handlungsweisen stark voneinander unterscheiden. Wenn Angehörige unterschiedlicher Kulturen aufeinandertreffen, interagieren und kommunizieren, entsteht Interkulturalität.[24] Der Begriff Interkulturalität basiert also auf einer Form des Kulturkontaktes und umfasst „damit alles, was sich zwischen verschiedenen Kulturen ereignet.“[25] Beim Zusammentreffen zweier Kulturen kann es bereits aufgrund der unterschiedlichen Sprache zu Kommunikationsproblemen und Missverständnissen kommen. Doch nicht nur die Sprache stellt ein interkulturelles Kommunikationsmedium dar: „Kommunikation geht über Sprache hinaus, da sie Formen des sozialen Austauschs umfasst, die nonverbaler Art sind (Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Mimik, Raumnutzung, Distanzregulation usw.)[26], weshalb es ebenso auf nonverbaler Ebene zu Kommunikationsstörungen kommen kann. Auch innerhalb eines Landes können sich verschiedene kulturelle Kontexte bilden, die einander widersprechen und es zur Entstehung sogenannter Subkulturen kommt.

Interkulturelle Herausforderungen ergeben sich beispielsweise aus Migrations- und Arbeiterbewegungen und der damit verbundenen Entwicklung von Migrationsgesellschaften, fortschreitenden Internationalisierungs- und wirtschaftlichen Globalisierungsprozessen.[27] Da Kulturen nicht als homogene Gebilde zu verstehen sind, sondern unter anderem als „Bekanntheit von Differenzen“ [28] und sie sich auch intern differenzieren, kann Interkulturalität als „Interaktion zwischen Individuen aus unterschiedlichen Kollektiven aufgefasst werden, die aufgrund mangelnder Bekanntheit des jeweiligen Differenzspektrums Fremdheitserfahrungen machen.“ [29] Ein passendes Modell, welches die Offenheit und Dynamik der Kulturen darstellt, findet sich bei Alexander Thomas (2005):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Dynamik kultureller Überschneidungssituationen (Quelle: Thomas 2005, S. 46)

Die unterschiedliche Schraffur der Eigen- und der Fremdkultur verdeutlichen den offenen Charakter der Kulturen. Nur dadurch kann eine kulturelle Überschneidungssituation stattfinden, in der die Angehörigen zweier Kulturen interagieren, wobei die Interaktion das Interkulturelle darstellt. Im Zuge der interkulturellen Interaktion verhandeln die Interaktionspartner neue Standards für den Umgang miteinander. Im wünschenswerten Fall wird dieser Prozess vom interaktiven Verhalten des Eigenen als auch vom Fremden beeinflusst, wodurch es zu einer wechselseitigen Anpassung der Kulturen kommt. Allerdings kann während der Begegnung zweier Kulturen das unbekannte Fremde, im Gegensatz zum bekannten eigenen Sinn- und Orientierungssystem, als störend oder falsch wahrgenommen werden und zu Irritationen führen.[30] Somit ergibt sich aus der kulturellen Überschneidungssituation ein Konfliktpotenzial, das nur überwunden werden kann, wenn dem jeweiligen Individuum der Einfluss des eigenen kulturellen Orientierungssystems bewusst ist und Verständnis für das kulturell Fremde aufbringen kann. Dies setzt die Fähigkeit voraus, sich vom Bekannten zu distanzieren und die Differenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu reflektieren.[31]

Am Verständnis der Kultur ‚als Bekanntheit von Differenzen‘ wird die Kritik ausgeübt, dass dieses den Eindruck erwecke, durch Kultur könnten alle Unterscheide aufdeckt werden. Die Affirmation kultureller Differenzen nehme aber nur die ‚horizontale Dimension‘ von national-ethischen Unterschieden in den Blick und vernachlässige die vertikale Dimension geschlechtsspezifischer, rassenspezifischer oder klassenspezifischer Ungleichheiten in der Gesellschaft. Damit verschleiere ein solches Verständnis von Kultur bestehende Machtunterschiede, indem soziale Ungerechtigkeiten und ökonomische Ungleichheiten als kulturelle Differenzen verkannt würden.[32]

2.2.1 Multikulturalität

Im Rahmen der Globalisierung werden zwei weitere Schlüsselbegriffe diskutiert. Erstens wird unter dem Begriff der Multikulturalität eine Gesellschaftsform beschrieben, in der „Gruppen unterschiedlicher ethnischer, kultureller, religiöser und nationaler Herkunft leben.“ [33] In multikulturellen Kontexten wird somit von der Koexistenz ethnisch und kulturell unterschiedlichen Kollektiven ausgegangen und der Schutz sowie die gegenseitige Anerkennung der jeweiligen Kultur akzentuiert.[34] Zwar werden Interkulturalität und Multikulturalität nicht selten synonym verwendet, allerdings werden damit zwei Erscheinungsformen bezeichnet, die sich folgendermaßen unterscheiden. „Multikulturalität ist ein Faktum: Gesellschaften setzen sich (historisch schon immer, heute jedoch mehr und mehr) aus Angehörigen mehrerer Kulturen zusammen. Während ‚Multikulturalität‘ etwas faktisch Gegebenes ist, handelt es sich bei ‚Interkulturalität‘ um etwas, das durch bestimmte Handlungsweisen erst erzeugt werden muss. Interkulturalität entsteht dort, wo Angehörige der verschiedenen Kulturen untereinander in Kontakt treten, interagieren und somit ‚Interkulturen‘ […] entstehen lassen. [35]

Multikulturalität basiert auf vielen Theorien unterschiedlicher Perspektive. Dazu sollen die zwei Gegensätzlichsten genannt werden. Zum einen der „Tolerant-pluralistische Multikulturalismus“, welcher jede Art des Kulturkontaktes und der -vermischung als eine Bereicherung der Kulturen ansieht und im Gegensatz dazu die Theorie des „Multikulturalismus‘ als Bedrohung“, dessen Ansatz zum Rassismus tendiert und jegliche Vermischung als bedrohlich oder als Verlust an „Eindrang, Tiefe und Bestimmtheit“ [36] ansieht.

2.2.2 Transkulturalität

Zweitens wird unter dem Ansatz der Transkulturalität „eine gemeinsame Kultur jenseits bestehender Kulturen“ [37] angenommen, wodurch die „hybriden Übergänge, Binnendifferenzierungen und kulturellen Vernetzungen“ [38] betont werden. Vertreter der Transkulturalität kritisieren die Ansätze der Inter- und Multikulturalität, da diese von einem geschlossenen Kulturverständnis separater Einheiten ausgingen, welches die heutigen Umstände nicht mehr abbildeten. Die vorgeworfene „Monadenhaftigkeit“ [39] steht jedoch im Widerspruch zu den oben beschriebenen Ansichten der offenen und dynamischen Kulturansätzen aus inter- und multikultureller Perspektive. Die Transkulturalität setzt weiterhin die Überwindung kultureller Grenzen voraus und geht von einer radikalen Mischung und Homogenisierung der Kulturen innerhalb einer Gesellschaft aus. Allerdings finden sich auch hier kritische Stimmen bezüglich der unüberwindbaren Differenzen zweier Kulturen, die zwar theoretisch ausblendbar, in der Realität aber nicht übersehbar seien. Zudem gebe es keinen Ort, Menschen oder Situation, welche als transkulturell bezeichnet werden könnte.[40]

Der Unterschied zwischen der Interkulturalität zu den multi- und transkulturellen Ansätzen ist, dass sie „weder eine Homogenisierung oder Assimilation noch eine Zwangsintegration“ [41] sucht, sondern es darum geht, „die Verhältnisse neu zu durchdenken und eine Antwort durch die Korrelatbegriffe interkultureller Kommunikation auf die unaufhebbaren Differenzen in der Pluralität der Einstellung und Überzeugungen zu formulieren.“ [42]

Das folgende Kapitel wird sich mit den Antworten der Pädagogik in Form von interkulturellen Konzepten nach Arnd-Michael Nohl (2010) beschäftigen, welche auf die Erwachsenenbildung übertragbar sind. Anzumerken ist, dass dies nur eine Auswahl von vielen theoretischen Konzepten ist, die sich aufgrund ihrer Vielfalt, Komplexität und Widersprüchlichkeit nicht eindeutig differenzieren lassen.

3. Konzepte interkultureller Pädagogik nach Nohl

Die folgenden Konzepte interkultureller Pädagogik nach Arnd-Michael Nohl (2010) sollen veranschaulichen, dass es nicht nur ein oder gar das eine theoretische Konzept gibt, sondern unterschiedliche Konzepte pädagogischer Herangehensweisen an die Interkulturalität bestehen, welche es mit ihren unterschiedlichen Paradigmen auf die Handlungsprobleme in der Praxis anzuwenden gilt und zum professionellen Umgang mit unterschiedlichen Situationen beitragen soll. Nohl unterscheidet vier Konzepte: Die „Assimilationspädagogik", die „interkulturelle Pädagogik", die „Antidiskriminierungspädagogik" und die „Pädagogik kollektiver Zugehörigkeiten", welche im Folgenden dargestellt und mit ihren verschiedenen Blickwinkeln und der jeweiligen gesellschaftstheoretischen Grundlage betrachtet werden.

3.1 Assimilationspädagogik

Die Assimilationspädagogik kann als defizitorientiertes Konzept bezeichnet werden und „ findet sich in Gesellschaften, die sich durch eine einzige nationale Kultur geprägt sehen.“ [43] Sie entwickelt sich aufgrund von Migrationsbewegungen, die bei der Aufnahmegesellschaft zu Irritationen führt. Die Andersartigkeit der Migrationsminderheit werden als kulturell bedingte Defizite interpretiert, die es durch pädagogische Maßnahmen auszugleichen gilt. Dabei wird sich vor allem auf die Sprache bezogen, dessen Gebrauch sich an die Sprache der Gründungsnation halten soll. So wurde beispielsweise in Frankreich nach der Gründung der Republik keine andere Sprache als die französische akzeptiert, aber auch weitere andersartige Verhaltensweisen untersagt.[44] In diesem Konzept wird die Minderheit als etwas Fremdes betrachtet, „deren Kultur sich von den kulturellen Standards der Mehrheitsgesellschaft unterscheide.“ [45] In Deutschland entstanden vor allem nach dem Mauerbau herausfordernde kulturelle Überschneidungssituationen, da die BRD zu dieser Zeit Gastarbeiter aus verschiedenen Ländern Südeuropas abwarb und bis zu 270.000 Personen jährlich nach Deutschland kamen, aber auch wieder abreisten. Erst nach dem Zuwanderungsstopp begannen die Familienmitglieder der angeworbenen Arbeiter nachzukommen, womit die Migration dauerhaft wurde. Daraufhin begann „nur sehr zögerlich und unwillig“ [46] die Auseinandersetzung mit Migration und es wurde ein pädagogischer Ansatz namens „Ausländerpädagogik“, der auf die Assimilierung der Migranten zielte, entwickelt.

Allerdings werden auch heute pädagogische Assimilationskonzepte vertreten. Beispielsweise in der Bewertung religiöser Ansichten, die im Widerspruch mit dem sozialen und politischen System Deutschlands stehen und aktuell als Bedrohung für die (Mehrheits‑)Gesellschaft angesehen werden. Die Bedrohung wird dabei in der Entwicklung von „Parallelgesellschaften“ gesehen, die als sozialer „Sprengstoff“ bezeichnet werden.[47]

Zusammengefasst ist die Assimilationspädagogik eine Reaktion der Aufnahmegesellschaft auf Einwanderer, die die wahrgenommenen Differenzen durch die Angleichung der Minderheit an die Mehrheitsgesellschaft zu kompensieren versucht. Dabei wird die Verbundenheit zu einer fremden Kultur als Defizit und als Gefährdung aufgegriffen, da die kulturelle Homogenität durch gemeinsame Normen, Werte, Sprache, und Wissensbestände als verbindliche Standards, die auf die Stabilität der Gesellschaft zurückgeführt werden.[48]

3.2 Interkulturelle Pädagogik

Das Konzept der interkulturellen Pädagogik ist unter anderem „aus der Kritik an der Assimilationspädagogik heraus entstanden.“ [49] Im Gegensatz dazu werden die Differenzen zwischen den Gesellschaftsmitgliedern zwar auch hervorgehoben, aber die Gleichwertigkeit der Kulturen postuliert, womit der Einbezug der Mehrheitsangehörigen in pädagogische Prozesse gefördert werden soll. Die fremde Kultur wird somit nicht als Defizit oder als Bedrohung für die eigene Gesellschaft betrachtet, sondern als Differenz zu den kulturellen Standards der Mehrheit angesehen, wobei die Mehrheitskultur nicht als Maßstab genommen werden soll, nach dem sich die Minderheiten richten müssen. Die Gleichwertigkeit der Kulturen nimmt der Assimilierung der Minderheiten ihre Rechtfertigung und „verweist auf das Gesellschaftsmodell einer multikulturellen Gesellschaft“ [50] , in der die kulturellen Differenzen anerkannt werden. Aus der Perspektive der interkulturellen Pädagogik wird die Gesellschaft durch die Einwanderung pluralisiert, weshalb gelernt werden muss mit den kulturellen Unterschieden umzugehen und ein Verständnis für andere Kulturen aufzubringen.[51] Damit wird der Lernbedarf an alle Gesellschaftsmitglieder gerichtet, nicht nur an die Einwanderer. Dieser Paradigmenwechsel erfolgte in mehreren Ländern und bildete die Grundlage für die Bemühungen einer multikulturellen Erziehung. Einer der einflussreichsten Ansätze stellen die fünf Dimensionen multikultureller Erziehung des US-Amerikaners James Bank (2006) dar.[52] Erstens gehe es um die flächendeckende Integration kultureller Inhaltsunterschiede bezüglich der zentralen Konzepte, Verallgemeinerungen, Prinzipien und Theorien, zweitens um die Entwicklung eines multikulturellen Fokus, das heißt inwiefern Faktoren wie Rasse, Geschlecht oder Ethnizität die Wissenskonstruktion beeinflussen. Drittens gehe es um die „Reduktion von Vorurteilen“ [53] und viertens um eine „Pädagogik des Ausgleichs“ [54], mit der ethnisch unterschiedliche Gruppen und soziale Milieus gleichermaßen Bildungserfolge verzeichnen könnten, womit ein kompensatorischer Ansatz der Assimilationspädagogik von Banks angedeutet wird. Schließlich geht es laut Banks noch fünftens um die Unterstützung sozialer Strukturen und der Schulkultur, die den

Wandel mit einbeziehen und praktisch erlebbar machen müsse.[55] In Deutschland kritisieren Lutz Götze und Gabriele Pommerin (1986) die Ausländerpädagogik dahingehend, dass sie die multikulturellen Entwicklungen nicht angemessen betrachte und die „Gefahr, im Sinne eines falsch verstandenen Autonomiebestrebens ihres Gegenstandbereichs“ [56] bestehe. Die interkulturelle Pädagogik hingegen impliziere „eine gegenseitige Lernchance“ [57] bezüglich der Existenz von nationalen, sprachlichen und kulturellen Unterschieden . Diese Ansicht wird von Georg Auernheimer gestützt indem er folgende Leitmotive interkultureller Pädagogik formuliert:

- „das Eintreten für die Gleichheit aller ungeachtet der Herkunft,
- die Haltung des Respekts für Andersheit,
- die Befähigung zum interkulturellen Verstehen,
- die Befähigung zum interkulturellen Dialog.“[58]

Der Gleichheitsgrundsatz fordere vor allem die Debatte um Rassismus (siehe dazu Abschnitt 2.1.2), während der zweite Punkt auf die Anerkennung fremder Lebensformen und Differenzen verweise. Interkulturelles Verstehen behandle die Befähigung zur interkulturellen Kommunikation, wohingegen sich im kulturellen Dialog mit den Geltungsansprüchen umstrittener Themen kultureller Kontexte auseinandergesetzt werde.[59]

[...]


[1] Vgl. Auernheimer 2007, S.10-20

[2] Vgl. Yousefi/Braun 2011, S. 7

[3] Vgl. Hansen 2003, S. 14

[4] Tylor 1963, S. 33

[5] Yousefi/Braun 2011, S. 11

[6] Ebd., S. 10

[7] Vgl. Rehberg 2007, S. 82-90

[8] Vgl. Yousefi/Braun 2011, S. 11

[9] Erll/Gymnich 2007, S. 19

[10] Feldmann 2006, S. 239

[11] Vgl. Gnahs 2010, S. 33

[12] Bertels/Hellman de Manrique 2011, S. 79

[13] Vgl. Auernheimer 2007, S. 84

[14] Ebd.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. Florack 2007, S. 35f.

[17] Vgl. Auernheimer 2007, S. 91

[18] Johann/ Michely/ Springer 1998, S. 59

[19] Castles 1993, S. 18

[20] Vgl. Johann/ Michely/ Springer 1998, S. 58f.

[21] Auernheimer 2007, S. 91

[22] Vgl. Johann/ Michely/ Springer 1998, S. 72

[23] Vgl. ebd., S. 73ff.

[24] Vgl. Erll/Gymnich 2007, S. 34

[25] Ebd., S. 34f.

[26] Straub/Weidemann/Weidemann 2007, S. 263

[27] Vgl. Yousefi/Braun 2011, S. 27

[28] Erll/Gymnich 2007, S. 35

[29] Rathje 2006, S. 13

[30] Vgl. Thomas 2005, S. 46f.

[31] Vgl. ebd., S. 54

[32] Vgl. Mecheril, 2002, S. 21f.

[33] Yousefi/Braun 2011, S. 105

[34] Vgl. ebd.

[35] Erll, Gymnich 2007, S. 32

[36] Herder 1967, S. 423

[37] Yousefi/Braun 2011, S. 108

[38] Ebd.

[39] Yousefi/Braun 2011, S. 109

[40] Vgl. ebd.

[41] Ebd.

[42] Ebd.

[43] Nohl 2010, S. 14

[44] Vgl. ebd., S. 17f.

[45] Vgl. ebd., S. 47

[46] Vgl. ebd., S. 22

[47] Vgl. Nohl 2010, S. 44

[48] Vgl. ebd., S. 47

[49] Ebd., S. 14

[50] Ebd., S. 91

[51] Vgl. ebd., S. 49

[52] Vgl. ebd., S. 50

[53] Banks 2006, S. 133

[54] Banks 2006, S. 137

[55] Vgl. ebd.

[56] Götze/Pommerin 1986, S. 111

[57] Ebd., S. 112

[58] Auernheimer 2007, S. 21

[59] Vgl. Auernheimer 2007, S. 22

Details

Seiten
27
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668054882
ISBN (Buch)
9783668054899
Dateigröße
747 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307362
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg – Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
interkulturelle Pädagogik erwachsenenpädagogiK Praxis Konzepte Nohl Anforderungen Analyse Erwachsenenbildung

Autor

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