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Zweitsprachenerwerb. Erwerbstypen, Faktoren, Zeitraum

Eine Untersuchung

Hausarbeit 2015 22 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Zielsetzung der Arbeit
1.1. Die Erwerbstypen der Mehrsprachigkeit und zentrale Begriffe

2. Newports Experimente über die reifungsbedingten Einschränkungen des Spracherwerbs
2.1. Johnson & Newport Reifungsbedingte Einschränkungen bei L2-Lernern
2.2. Newport Reifungsbedingte Einschränkungen bei L1-Lernern
2.3. Schlussfolgerungen der beiden Experimente und die „Less is more Hypothese“

3. Die „Critical Period-Hypothesis“
3.1. Argumente für die Existenz einer zeitlich begrenzten CPH
3.2. Warum die CPH nicht ausreicht, die Entwicklung des Spracherwerbs zu erklären
3.3. Zusammenfassende Erkenntnisse der CPH

4. Weitere Einflussfaktoren auf den Zweitspracherwerb

5. Resümee

6. Literatur

1. Einleitung und Zielsetzung der Arbeit

Claudio ist zwei Jahre alt und seine Eltern haben eine unterschiedliche Herkunft. Während seine Mutter gebürtige Italienerin ist, kommt sein Vater aus Deutschland. Nachdem die Eltern nun viele Jahre in Italien lebten und Claudio selbst seine ersten beiden Lebensjahre in Rom verbrachte, haben sich die Eltern nun entschieden nach Deutschland zu ziehen. Sowohl Claudio als auch seine Mutter müssen nun die deutsche Sprache lernen. Nach drei Jahren in der neuen Heimat fällt auf, dass Claudio hierbei deutlich erfolgreicher war als seine Mutter. Woran kann das liegen?

In unserer Gesellschaft ist im Allgemeinen die Ansicht vertreten, dass der Spracherwerb erfolgreicher ist, je früher er einsetzt. Erklärt das allein bereits die unterschiedlichen Entwicklungen von Claudio und seiner Mutter und entspricht diese Aussage der aktuellen Wissenschaft innerhalb der Forschung um den Zweitspracherwerb? Die Sprachwissenschaft untersucht dieses Gebiet bereits seit Jahrzehnten und verdeutlicht somit das langanhaltende, große Interesse auf diesem Gebiet. Bis heute, in Zeiten einer globalisierten Welt mit einer Zunahme von Migrationsströmen, sind die Untersuchungen rund um den Zweitspracherwerb aktueller denn je.

Mithilfe dieser Arbeit werden sowohl die Ursprünge der Spracherwerbsforschung seit den 1960er Jahren zusammengefasst als auch Aspekte beschrieben, die in diesem Zusammenhang bis heute unklar sind. Außerdem werden Erkenntnisse des Erstspracherwerbs mit jenen des Zweitspracherwerbs in Beziehung gesetzt und Aussagen darüber getroffen, inwieweit diese beiden Teilgebiete einander beeinflussen. Diese und weitere Aspekte werden für folgende zentrale Fragestellung der Arbeit hinführend untersucht:

Welche Einfluss hat das Lebensalter auf den ungesteuerten Zweitspracherwerb und kann ein perfektes Niveau der Beherrschung einer zweiten Sprache, vergleichbar zu dem der Muttersprache, auch im höheren Alter noch erreicht werden?

Um Aufschluss darüber zu gewinnen, werden zunächst Erwerbstypen der Mehrsprachigkeit erläutert und zentrale Begriffe des Themas definiert (Kapitel 1.1.). In der Folge (Kapitel 2.) werden anhand zweier Studien von Elissa Newport die reifungsbedingten Einflüsse des Spracherwerbs untersucht und der Themenkomplex der kritischen Periode eingeleitet. Dieser wird anschließend in Kapitel 3. vertieft und kritisch erörtert. Kapitel 4 zeigt darüber hinaus weitere Einflussfaktoren des Spracherwerbs auf, welche über die biologischen Gegebenheiten des Menschen hinausgehen. Das Kapitel 3 fasst in der Folge die Erkenntnisse zusammen, und hat außerdem den Anspruch folgende Frage zu beantworten: Gibt es einen optimalen Zeitraum, um eine zweite Sprache zu erlernen und?

1.1. Die Erwerbstypen der Mehrsprachigkeit und zentrale Begriffe

Um die Einflüsse des Alters auf den Zweitspracherwerb zu bewerten, müssen zuvor grundsätzliche Aspekte dieses Begriffs erläutert werden. Man unterscheidet den ungesteuerten und gesteuerten Zweitspracherwerb. Der gesteuerte Erwerb einer Sprach umfasst das Lernen bzw. Lehren einer Sprach in Form eines Unterrichts (learning).

Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit liegt jedoch der ungesteuerte Zweitspracherwerb (acquisition). Hierbei werden wiederum zwei Arten unterschieden: Entweder erlernen Kinder neben der Muttersprache eine weitere Sprache schon als Kleinkind (bis etwa zu einem Alter bis drei Jahre), oder es wird die zweite Sprache zu einem späteren Zeitpunkt Stadium als älteres Kind bzw. als Erwachsener erworben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Erwerb von Mehrsprachigkeit. (eigene Grafik nach Riehl 2009)

Sprachwissenschaftler weltweit sind sich jedoch uneinig darüber, ob eine Zweitsprache (bzw. Drittsprache etc.) ab einem gewissen Alter überhaupt perfekt erlernt werden kann. Riel 2009 ist der Meinung, dass „beim Erwerb in einem späteren Stadium (etwa ab zehn Jahren) ein akzentfreies Beherrschen einer Sprache kaum mehr möglich ist.“ (Riel 2009: 76) Wenn auch diese Meinung in der Wissenschaft dominiert, darf hier nicht von einer kategorischen Unmöglichkeit die Rede sein. Diverse Ausnahmen, bei denen auch erwachsene Lerner Sprachniveaus von Muttersprachlern erreichen, sorgen immer wieder für Aufsehen und das Hinterfragen der Theorien. Einerseits wird jedoch im Fazit der Arbeit auf den Stellenwert von Ausnahmefällen eingegangen und andererseits auf einzelne Aspekte der Sprache (das Lexikon, die Morphologie etc.), deren Niveaus unterschieden werden müssen.

Ist in der Folge die Rede von der perfekten Beherrschung der Sprache, ist damit nicht gemeint, dass diese im Laufe des Lebens nicht noch weiterhin verbessert werden kann, sondern dass in diesem Stadium kein Unterschied im Sprachverhalten zu Muttersprachlern der Umgebung erkannt werden können (vgl. Klein / Dimroth 2003: 3).

2. Newports Experimente über die reifungsbedingten Einschränkungen des Spracherwerbs

Elissa L. Newport veröffentlicht 1990 mit Maturational Constraints on Language Learning die Ergebnisse zweier Experimente, welche die reifungsbedingten Einschränkungen des Spracherwerbs untersuchen. Sie beobachtet in den beiden Experimenten die Einflüsse des Alters auf den Spracherwerb, untersucht dabei jedoch einmal den Erwerb der Muttersprache (L1) und einmal den einer zweiten Sprache (L2). In 2.2.1. wird zunächst die Untersuchung der L2-Lerner beschrieben. Mithilfe des Kapitels 2.2.2. wird in der Folge eine erste Erklärung für die zuvor beschriebenen Ergebnisse anhand der Untersuchung des Mutterspracherwerbs gegeben. 2.2.3. fasst die Ergebnisse zusammen und leitet ein, weshalb weitere Einflüsse auf den Spracherwerb analysiert werden müssen (Kapitel 3).

2.1. Johnson & Newport 1989 - Reifungsbedingte Einschränkungen bei L2-Lernern

Eine Studie über die Fertigkeiten von L2-Lernern, durchgeführt von Jaqueline Johnson und Elissa Newport aus dem Jahr 1989, bedient sich bis heute einer großen Aufmerksamkeit. Das Experiment wurde mit 46 muttersprachlich Koreanern und Chinesen durchgeführt, die im Alter von drei bis 39 in die USA einreisten und hier bereits zwischen drei und 26 Jahren lebten. Englisch war somit für die Probanden die Zweitsprache. In ihrer Einleitung stellen die beiden heraus, dass sie die vorherrschenden Erkenntnisse der Second Language Critical Period-Hypothesis (Kapitel 2.2.) nicht grundsätzlich in Frage stellen wollen. Ihr Ziel sei es stattdessen, die vorherrschenden Theorien zu verfeinern. Es wurde in der Untersuchung ein Grammatikbewertungstest durchgeführt, indem die Teilnehmer 276 Sätze als grammatisch oder nicht grammatisch bewerten sollten mussten. Bei allen falschen Sätzen wurden nur einzelne ungrammatische Veränderungen vorgenommen und insgesamt 12 Regelhaftigkeiten der englischen Morphologie und Syntax miteinbezogen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Ergebnis eines Tests der englischen Grammatik in Bezug auf das Alter und der Ankunft der Probanden in den Vereinigten (Newport, E. 1990: 19)

An den Ergebnissen kann man deutlich erkennen, dass eine starke Beziehung zwischen Ankunftsalter und der Leistung im Test besteht (Abbildung 2). Außerdem war durch eine genaue Untersuchung der einzelnen Fragen erkennbar, dass die Ergebnisse nicht von äußeren Faktoren, wie z.B. dem Integrationswillen, dem Erfahrungslevel des Englischen oder der sozialen Herkunft abhängig waren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Streudiagramme der Gesamtpunktzahl in Bezug auf

Ankunftsalter. Ankunft in den Vereinigten Staaten vor der Pubertät. (Newport, E. 1990: 21)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 Streudiagramme der Gesamtpunktzahl in Bezug auf Ankunftsalter. Ankunft in den Vereinigten Staaten nach der Pubertät. (Newport, E. 1990: 21)

Die Abbildungen 3 und 4 zeigen die Ergebnisse der Gesamtpunktzahl in Abhängigkeit dazu, ob der Teilnehmer vor oder nach der Pubertät in die USA einreiste. Es ist eindeutig erkennbar, dass ein früher Kontakt zur Zweitsprache für bessere Ergebnisse sorgte. Bei genauerer Analyse der erreichten Punktzahlen kann folgendes festgestellt werden:

a. Die Teilnehmer, welche im Alter von 3 bis 15 Jahren in die USA einreisten, erreichten Punktzahlen zwischen ca. 215 und 277 Punkten.
b. Die Teilnehmer, welche im Alter von 17 bis 39 Jahren in die USA einreisten erreichten hingegen nur Punktzahlen zwischen ca. 163 und 255 Punkten.
c. Der Korrelationskoeffizient von 0,87 bzw. 0,16 zeigt einen deutlichen Unterschied. Die Ergebnisse der jungen Teilnehmer zeigen damit eine tendenziell graduelle Abnahme der erreichten Punktzahl, während die älteren (besonders im Zuwanderungsalter zwischen 16 und 30) tendenziell gestreute Ergebnisse erzielten.

Daraus folgt, dass das Einstiegsalter in die L2 vor der Pubertät entscheidend ist. Ob ein Kind mit 3, 10 oder 15 Jahren beginnt die Sprache zu lernen sorgt für einen deutlichen Unterschied in der letztendlichen Beherrschung der Sprache. Der unterschiedliche Einstieg in die L2 mit 17, 20 oder 39 Jahren hat dagegen weniger nennenswerte Unterschiede im Ergebnis.

Bei der genauen Untersuchung der jeweiligen Ergebnisse zu den 12 Regelhaftigkeiten war zu erkennen, dass ähnlich der L1 Lerner die Wortstellung, oder der richtige Einsatz des Morphems -ing auch nach der Pubertät erworben werden konnte. Demgegenüber zeigen jedoch alle anderen Aspekte der englischen Morphologie und Syntax große Unterschiede bei Lernern unterschiedlichen Alters. Womit sind diese Ergebnisse jedoch zu erklären? Newport selbst gibt in einem weiteren Experiment eine Antwort auf diese Frage. Auch wenn die vorlegende Arbeit den Zweitspracherwerb im Zentrum der Analyse hat, gibt das folgende Kapitel über den L1-Erwerb wichtige Hinweise auf den Spracherwerb im Allgemeinen.

2.2. Newport 1990 - Reifungsbedingte Einschränkungen bei L1-Lernern Um die Ausgangthese, dass der Spracherwerb eines Menschen durch Altersbedingte Faktoren bestimmt wird, zu analysieren, führt Newport 1990 zwei Experimente durch. Das zweite beinhaltete Tests über den Gebrauch der richtigen Basic word order und der Morphology der ASL (American Sign Language) bei 30 Probanden zwischen 35 und 70 Jahren. Die ASL ist eine Gebärdensprache und sehr gut geeignet, um diese Test durchzuführen, da sie eine vollwertige und komplexe Sprache ist und außerdem die speziellen Umstände des Lernens (das Alter und der besondere Input) berücksichtigt und zielführend eingesetzt werden können. Verben der Bewegung sind in der ASL aus mehreren einzelnen Teilbewegungen zusammengesetzt. Anhand der der Standartrealisierung von ASL Muttersprachlern können Abweichungen von dieser betrachtet und bewertet werden.

Die Probanden waren alle gleicher sozialer Herkunft und wurden in drei Gruppen aufgeteilt:

1. Native learners (Sie waren der ASL seit ihrer Geburt ausgesetzt)

2. Early lerners (Der erste Sprachkontakt mit der ASL war im Alter zwischen 4 und 6 Jahren)

3. Late learners (Der erste Sprachkontakt mit der ASL war nach dem 12. Lebensjahr)

Alle teilnehmenden Personen pflegten zum Zeitpunkt der Untersuchung mindestens

30 Jahre täglichen Umgang mit der ASL. Es wurden drei Arten von Test durchgeführt, um Aufschlüsse über die Basic word order und die Morphology zu gewissen.

Verbs of Motion Production test (VMP)

Hierbei bewegt sich ein Objekt in einer bestimmten Art und Weise und der Proband soll mithilfe der ASL das richtige Bewegungsmorphem verwenden.

Verbs of Motion Comprehension test (VMC)

Hierbei wird dem Probanden ein Verb vorgegeben und er/sie soll ein dazu passenden Objekt wählen und die entsprechende Bewegung durchführen.

Verb Agreement Production Test (VAP)

Mithilfe von Videoaufnahmen warden den Probanden Szenen vorgestellt, in welchen sie die passenden Subjekte und Objekte identifizieren sollen.

Wie bereits oben eingeführt werden die Ergebnisse in die Kategorien Basic word order und Morphology eingeordnet. Beachtlich ist, dass nahezu gleiche Ergebnisse aller Probanden in der Basic word order erzielt wurden (siehe Abbildung 5).

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668058040
ISBN (Buch)
9783668058057
Dateigröße
868 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307359
Note
Schlagworte
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