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Hermann Hesses "Demian". Der Individuationssprozess Emil Sinclairs auf Grundlage der Theorie von C. G. Jung

Hausarbeit 2015 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Carl Gustav Jungs Leben und seine Theorie
2.1) Das Unbewusste
2.2) Die Archetypen

3.) Der Individuationsprozess Emil Sinclairs
3.1) Franz Kromer als archetypischer Schatten
3.2) Die Verinnerlichung des Schattens
3.3) Die Anima in der Gestalt der Beatrice
3.4) Die Mandalaproduktion
3.5) Die Verkörperung der großen Mutter - Frau Eva
3.6) Die Manifestierung des Selbst

4.) Fazit

Literatur

Internetquellen

1.) Einleitung

„Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?“1

Mit dieser Bemerkung beginnt der RomanDemian, niedergeschrieben im September 1917 und unter dem Pseudonym Emil Sinclair im Sommer 1919 vom Fischer Verlag veröffent- licht. Der obige Satz ist charakteristisch für das im Buch geschilderte Leben vom Protago- nisten Emil Sinclair.2 Die Hauptthematik ist die Suche nach sich selbst. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive des Protagonisten erzählt. Er rekapituliert seinen Werdegang. Angefangen ab seinem zehnten Lebensjahr schildert er seine Prägungen durch die Erzie- hung und die Gesellschaft und berichtet über „Autoritäten, Vorschriften und Traditionen, die ihn von klein auf zur Anpassung genötigt und daran gehindert haben, den Führer in sich selbst zu finden.“3 Kurz nach der VeröffentlichungDemianslüftet Hermann Hesse das Geheimnis um den Autor Emil Sinclair und erklärt, dass der Name nur ein Pseudonym sei. Hesse verteidigt sein Vorgehen wie folgt: „Am liebsten gäbe ich jedes neue Werk unter ei- nem neuen Pseudonym heraus. Ich bin ja nicht Hesse, sondern war Sinclair, war Klingsor, war Klein etc. und werde noch manches sein.“4 Die Entstehung dieses Romans ist geprägt von den Eindrücken des ersten Weltkriegs (1914-1918), Hesses familiären Krisen, wie zum Beispiel vom Tod seines Vaters 1916, und von seiner langjährigen Therapie, aufgrund einer Nervenkrise, verursacht durch die Polemik an seinen kriegskritischen Texten in der Presse, bei Dr. Josef Bernhard Lang, einem Kollegen und Schüler des Psychoanalytikers Carl Gu- stav Jung, dessen Lehren auch inDemianeine große Rolle spielen.5

Nach Jung ist der Individuationsprozess ein psychischer Integrations- und Wachstumspro- zess, in dem das Bewusstsein bestimmte archetypische Vorstellungen, die im Unbewussten vorhanden sind, als Anteile der eigenen Psyche assimiliert.6 Die Individuation ist also mit

der Bewusstwerdung des Unbewussten verknüpft.7

"Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzig- artigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte ,Indivi- duation' darum auch als ,Verselbstung' oder als ,Selbstverwirklichung' übersetzen."8

Im Verlauf der Individuation wird das Individuum immer mehr befähigt seine Beziehungen zum sozialen Umfeld zunehmend eigenverantwortlicher, bewusster und zielstrebiger zu etablieren und zu gestalten.9

Das Ziel dieser Arbeit ist es eben diesen Individuationsprozess von Emil Sinclairs unter Berücksichtigung der Theorie von C. G. Jung zu untersuchen. Um dies zu erreichen wird zunächst die Lehre Carl Gustav Jungs als Grundlage für die Untersuchung vorgestellt. Hierbei werden nur die für den Selbstfindungsprozess Emil Sinclairs relevanten Aspekte erläutert. Zuerst wird Carl Gustav Jungs Leben bis ca. in die 1920er Jahre zusammenfas- send dargestellt. Da Demian1920 veröffentlicht wurde, sind die Jahre aus Jungs Leben und seine Theorien nach 1920 irrelevant für diese Arbeit. Das Vorstellen der kompletten Lehre Jungs würde den Rahmen sprengen, daher wird der Fokus auf die Begriffe des Un- bewussten und der Archetypen seiner Theorie gesetzt um den Individuationsprozess nach Jung verstehen und auf Emil Sinclairs Entwicklung im praktischen Teil der Arbeit anwen- den zu können, welcher den zweiten Teil darstellt. Anschließend folgt das Fazit, in wel- chem die wichtigsten Ergebnisse resümierend dargestellt werden.

Bei der Betrachtung des Werkes liegt der Fokus folglich auf dem Aspekt der Individuation Emil Sinclairs, das mit Jungs Theorie in Verbindung gebracht werden kann. Alles andere, das in diesem Werk steckt wird außer Acht gelassen.

2.) Carl Gustav Jungs Leben und seine Theorie

Carl Gustav Jung ist am 26. Juli 1875 in Kesswil als Sohn des Pfarrers Johann Paul Achil- les Jung und von Emile Jung geboren und starb am 6. Juni 1961 in Küsnacht.10 1895 fing er in der Baseler Universität an Medizin, Psychiatrie, Theologie und Philosphie zu studie- ren. Nebenbei beschäftigte er sich privat mit dem okkulten Wissen und schrieb nach sei-nem Abschluss eine Dissertation darüber. 1900 zog Jung nach Zürich, wo er in der psychiatrischen Klinik als Assistent von Professor Eugen Bleulers arbeitete. Sein Werk „Die Psychologie der Dementia Praecox“ veröffentlichte er 1907. Es war das erste Buch über die psychosomatische Theorie der Schizophrenie.11 Seit 1900 setzte er sich mit den Werken Sigmund Freuds auseinander und entdeckte Zusammenhänge mit seinen eigenen Ideen.12 Die langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit mit Freud fand 1913, nachdem Jung sein Buch „Wandlungen und Symbole der Libido“ veröffentlichte, aufgrund der Un- stimmigkeit über den Libidobegriff und gegenseitiger Kritik, ein Ende.13 Ab diesem Zeit- punkt gab er seine Lehrtätigkeiten in Zürich auf und fing an nach Nordafrika, Ostafrika und Indien zu reisen. Dabei schrieb er seine Träume und Phantasien auf und rekapitulierte seine Kindheit. Er gilt als der Begründer der analytischen Psychologie.14

Laut Jung kann die Psyche in drei Teile unterteilt werden. Zuerst zählt er das Ich auf, dass er mit dem Bewusstsein in Verbindung setzt, gefolgt vom persönlichen Unbewussten, also alles, was im Augenblick nicht bewusst, aber dem Bewusstsein zugänglich ist, und zum Schluss das kollektive Unbewusste, mit welchem, laut Jung, jeder Mensch geboren wird. Es stellt eine Art Wissen dar, das jedes Verhalten und jede Erfahrungen, besonders auf emotionaler Ebene, beeinflusst.15

2.1) Das Unbewusste

Jung bezieht seine Kenntnisse über die Existenz des Unbewussten aus psychotherapeuti- scher Praxis. Er stellt fest, dass verlorene Inhalte des Bewusstseins, ohne dass ein wahr- nehmbares Ich-Bewusstsein den Akt steuert, zur Reproduktion hervorgebracht werden konnten.16 Er formuliert drei Aussagen zum Unbewussten: Als erstes nennt er den allge- meinen Vorgang des Vergessens von bewussten Inhalten, der durch Traum, Hypnose oder Assoziationen rückgängig gemacht werden kann. Die zweite Aussage bezieht sich auf Freuds Phänomen der Verdrängung. Hierbei werden bewusste Inhalte intentionell „verges- sen“. Jedoch beeinflussen diese aktiv unbewusst „gemachten“ Inhalte das Bewusstsein im

Denken und Handeln. Die signifikanteste Aussage über das Unbewusste ist die, dass Jung davon ausgeht, dass es „unbewusste psychische Zusammenhänge gibt, die z. B. Mythologische Bilder, welche niemals Gegenstand des Bewusstseins waren, die also ganz aus unbewusster Tätigkeit hervorgehen.“17 Die ersten beiden Aussagen beziehen sich auf daspersönliche Unbewusste, die letzte Aussage beschreibt daskollektive Unbewusste. Das Erstere ist von oberflächlicher und individueller Natur, während das Letztere „allgemeiner Natur ist, das heißt es hat im Gegensatz zur persönlichen Psyche Inhalte und Verhaltens- weisen, welche überall und in allen Individuen […] die gleichen sind. […] und bildet da- mit eine in jedermann vorhandene, allgemeine seelische Grundlage überpersönlicher Na- tur.“18 Die angeborenen Inhalte des kollektiven Unbewussten nennt Jung Archetypen.19

2.2) Die Archetypen

Archetypen sind universelle Strukturdominanten der Psyche, die als unbewusste Wirkungs- faktoren das menschliche Verhalten und das Bewusstsein beeinflussen.20 Es handelt sich hierbei um Urbilder im kollektiven Unbewussten, die von allgemeiner Natur sind. Sie sind somit die Komponenten des kollektiven Unbewussten im Menschen, welche die ererbte Grundlage der Persönlichkeitsstruktur bilden.21 Ein Ausdruck von Archetypen sind zum Beispiel Mythen und Märchen, die spezifisch geprägt sind.22 Jung bezieht den Begriff der Archetypen auf psychische Inhalte, die noch nicht vom Bewusstsein bearbeitet worden sind, also stellen sie eine unmittelbare seelische Gegebenheit dar. Ihre unvermittelten Er- scheinungen kommen oft in Träumen und Visionen zum Vorschein.23

Die erste archetypische Figur, mit der sich das Bewusstsein im Individuationsprozess als auseinandersetzt, ist nach Jung derSchatten.24

[...]


1 Hesse, Hermann, Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007, S. 7.

2 Vgl. Michels, Volker, „Demian“ - eine Stimmer der Evolution. In: Materialien zu Hermann Hesses „Demian“, Band 1 (Die Entstehungsgeschichte in Selbstzeugnissen und Dokumenten), hrsg. von Volker Michels, Baden-Baden: Suhrkamp 1947, S. 11.

3 Ebd., S. 17.

4 Zitiert nach: Esselborn-Krumbiegel, Helga (Hrsg.), Hermann Hesse. Demian. Erläuterungen und Dokumente, Stuttgart: Reclam 2005, S. 48-52.

5 Vgl. Hesse, Hermann, Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend. Text und Kommentar, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000, S. 173 ff.

6 Vgl. Jacobi, Jolande, Der Weg zur Individuation, Olten: Walter 1971, S. 44 f.

7 Vgl. Baumann, Günther, Hermann Hesses Erzählungen im Lichte der Psychologie C. G. Jungs, Berlin: Schäuble 1989, S. 2.

8 Jung, Carl G., Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten, Zürich: Rascher 1933, S. 65.

9 Vgl. Jacobi, Der Weg zur Individuation, S. 105 f.

10 Vgl. Graf-Nold, Angela, Jung, Carl Gustav. In: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D14425.php, eingesehen am 15.07.2015.

11 Vgl. Ein lebenlanges Lernen. Biografie von Carl Gustav Jung. In: http://www.carl-g- jung.de/deutsch/biografie.html, eingesehen am 15.07.2015.

12 Vgl. Jaffé, Aniela (Hrsg.), C. G. Jung. Erinnerungen, Träume, Gedanken, Zürich: Walter 2001, S. 115.

13 Vgl. Bair, Deirdre, C. G Jung. Eine Biographie,München: Knaus 2005, S. 301.

14 Vgl. Webb, James, Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur und Okkultismus im 20. Jahrhundert, Wiesbaden: Marix 2008, S. 444 ff.

15 Vgl. Boeree, C. George, Carl Gustav Jung. Personality Theories, Shippensberg University 1997. In: http://www.ship.edu/~cgboeree/perscontents.html, eingesehen am 21.07.2015.

16 Vgl. Jung, Carl G., Gesammelte Werke. Die Gesammelten Werke von C. G. Jung, Band 6 (Psychologische Typen), Zürich 1960, S. 525 f.

17 Ebd., S. 526.

18 Jung, Carl G., Gesammelte Werke. Die Gesammelten Werke von C. G. Jung, Band 9/1 (Die Archetypen und das kollektive Unbewusste), Olten 1976, S. 13 f.

19 Vgl. Etheber, Alfred, Offenbarung und Psyche. Das tiefenpsychologische Verständnis der Offenbarung bei C. G. Jung, Paderborn u. a.: Schöningh 1998, S. 55 ff.

20 Vgl. Jung, Carl G., Gesammelte Werke. Die Gesammelten Werke von C. G. Jung, Band 11 ( Zur Psychologie westlicher und östlicher Religionen), Zürich 1963, S. 162 f.

21 Vgl. Etheber, Offenbarung und Psyche, S. 59 f.

22 Vgl. Jung, Gesammelte Werke 9, S. 73.

23 Vgl. Etheber, Offenbarung und Psyche, S 61 ff.

24 Vgl. Baumann, Hermann Hesses Erzählungen im Lichte der Psychologie C. G. Jungs, S. 2.

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668053878
ISBN (Buch)
9783668053885
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307265
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH Aachen
Note
1,7
Schlagworte
Hermann Hesse Jung Carl Gustav Jung Psychonanalyse Individuationsprozess Demian

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