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Die Bindung zwischen Mutter und Kind. Messinstrumente in der frühen Bindungsforschung

Bachelorarbeit 2014 38 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bindung
2.1 Definition
2.2 John Bowlby

3 Messmethoden
3.1 Die pränatale Phase
3.1.1 Pränatale Bindung zum Fetus
3.1.2 Maternal-Fetal Attachment Scale
3.2 Lebensphase: Neonatale Phase
3.2.1 Das Verhalten des Neugeborenen
3.2.2 Neonatal Behavioral Assessment Scale
3.3 Lebensphase: drei und sechs Monate
3.3.1 Das Säugling als aktiver Interaktionspartner
3.3.2 Das „Still - Face - Paradigma“
3.4 Lebensmonate: Neun Monate
3.4.1 Mütterliches Fürsorge- und Interaktionsverhalten
3.4.2 „Maternal Sensitivity Scales“
3.5 Lebensphase: Ein Jahr
3.5.1 Der „Fremde - Situations - Test“
3.5.2 Bindungsverhalten im „Fremde - Situations - Test“
3.5.3 Bindungsmuster
3.5.4 Die „Hypophysen-Nebennierenrinden- Aktivität“
3.5.5 Untersuchung des „kardio-vaskulären Systems“

4 Persönliches Fazit

1 Einleitung

In dieser Arbeit werden sechs Messmethoden in der frühen Bindungsforschung für die Zeitspanne von der pränatalen Phase bis zum Alter von 12 Monaten eines Kindes vorgestellt Zunächst wird der Begriff der Bindung definiert und die Grundlagen zur Entwicklung der Bindungstheorie mit ihrem Wegbereiter und Begründer John Bowlby veranschaulicht. Dabei wird der Fokus auf die Bindung zwischen Mutter und Kind gelegt, da in den meisten Fällen die Mutter die primäre Bindungsperson für ein Kind darstellt (Kapitel 1). Anschließend werden sechs Methoden der Bindungsforschung für die frühen Lebensjahre, differenziert nach Lebensabschnitten, erläutert. Hierbei ist das Ziel, aufzuzeigen, welche Bindungsfaktoren in welcher Lebensphase beobachtet oder gemessen werden können. Die pränatale Phase wird mit der „Mother - Fetal - Attachment - Scale“ von Mecca Cranley (1981) untersucht, mit der sich die mütterliche Einstellung während der Schwangerschaft erfassen lässt. Für die nächste Lebensphase folgt die „Neonatal Behavior Assessment Scale“ von T. B. Brazelton(1995), mit der das Verhalten von Neugeborenen beobachtet wird. Anschließend wird das „Still - Face - Paradigma“ von Tronick (1978), für die Lebensperiode von drei bis sechs Monaten veranschaulicht. Mit diesem Messinstrument soll die Auswirkung einer gestörten Interaktion auf das Kleinkind beobachtet werden. Zuletzt werden zwei Beobachtungsinstrumente von Mary Ainsworth (1978) erläutert: Die „Maternal Sensitivity Scales“ zur Erfassung der mütterlichen Feinfühligkeit für den Lebensabschnitt von neun Monaten und der „Fremde - Situations - Test“ für die Untersuchung der Bindungsqualität für 12 Monate alte Kinder. Abschließend werden die gemessenen biologisch- physiologischen Prozesse beim Kind beschrieben, woraufhin im dritten Kapitel ein persönliches Fazit erfolgt. Die grundsätzliche Zielsetzung dieser Arbeit ist die Darstellung der Messinstrumente der Bindungsforschung auf dem Hintergrund der ersten Lebensphasen eines Kindes, um verschiedene Bindungsfaktoren zu erfassen.

2 Bindung

2.1 Definition

Bindung ist ein grundlegendes, menschliches Bedürfnis. Sie entsteht in den ersten Lebensmonaten zu einer betreuenden Person und begleitet uns durchgängig „von der Wiege bis zum Grab“ (Bowlby, 1987, S.23). Zufriedenstellende Bindungen sorgen für durchweg positive Gefühle, wie Gefühle der Geborgenheit und des Glücks. Unsichere und unbefriedigende Bindungen sowie Trennung verursachen Unsicherheit, Furcht und Trauer. Ist eine Bindung von Anfang an zufriedenstellend, kann das im großen Maße zu einem Gefühl der Sicherheit und Zufriedenheit im Leben eines Menschen beitragen (Bowlby, 1987).

Nach Bowlby ist Bindung:

Jegliches Verhalten, das darauf ausgerichtet ist, die Nähe eines vermeintlich kompetenteren Menschen zu suchen oder zu bewahren, ein Verhalten, das bei Angst, Müdigkeit, Erkrankung und entsprechendem Zuwendungs- oder Versorgungsbedürfnis am deutlichsten wird. Wenn wir uns auf eine sensible Bindungsfigur verlassen können, fühlen wir uns geborgen und möchten diese Beziehung nicht missen. (Bowlby, 2008, S. 21)

Die Definition veranschaulicht einige wichtige Merkmale der Bindung. Zum einen sind die Bindungswünsche zielgerichtet. Nach Bowlby (1987) hat ein Kind das Bedürfnis, sich an einen besonderen Menschen zu binden, mit dem es von Anfang an die meisten Interaktionserfahrungen hatte. Dieser Mensch muss über Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügen, die dem Säugling das sichere Überleben ermöglichen. Da der Säugling nach der Geburt auf die Betreuung einer zuverlässigen und schützenden Person angewiesen ist, die ihm Sicherheit und Fürsorge bietet. Dem Säugling muss es einerseits gelingen, die Beziehung zu seiner Bindungsperson aufrecht zu erhalten, was durch Bindungssignale, wie Weinen, Klammern oder dem Folgen der Bezugsperson forciert und gefestigt wird. Dieses Bindungsverhalten ist schon mit der Geburt des Säuglings fest in seinem Verhaltenssystem verankert. Indem andererseits die betreuende Person auf die Bindungswünsche des Säuglings eingeht und ihn versorgt, wird sie mit der Zeit zu seiner Bindungsperson (Grossmann & Grossmann, 2005). Charakteristisch ist auch, dass das in den ersten Entwicklungsjahren entstandene Bindungsmuster auch im späteren Verlauf des Lebens wiederholt wird. Die Bindungen sind von starken Emotionen geprägt. Man freut sich über die Sicherheit der Beziehung und ist frustriert und traurig bei Trennungen (Bowlby, 1987).

Weiterhin sollte man das grundlegende Konstrukt Bindung von einem Bindungsverhalten abgrenzen. Nach Bowlby unterscheiden sich die beiden Begriffe wie folgt:

Eine (passive oder aktive) Bindung setzt ein durch spezifische Faktoren gesteuertes starkes Kontaktbedürfnis gegenüber bestimmten Personen voraus und stellt ein dauerhaftes, weitgehend stabiles und situationsunabhängiges Merkmal des Bindungssuchenden dar. Zum Bindungsverhalten gehören hingegen sämtliche auf „Nähe“ ausgerichteten Verhaltensweisen des Betreffenden. (Bowlby, 2008, S. 22)

Während ein Mensch nur zu wenigen bestimmten Personen eine feste und langandauernde Bindung aufbauen kann, kann sich Bindungsverhalten auch in Gegenwart mehrerer Menschen äußern. Besonders in Belastungs-, Stress und angstbeladenen Situationen kann Bindungsverhalten, wie Weinen, Klammern oder Trennungsprotest aktiviert werden (Grossmann & Grossmann, 2005).

Schließlich kann man zusammenfassen, dass Bindung eine zielgerichtete, von Anfang an bestehende und affektive Beziehung zwischen zwei Personen ist, die lange andauert und sich auf die Gemütslage eines Menschen stark auswirken kann.

2.2 John Bowlby

Der Kinderarzt und Psychoanalytiker John Bowlby war Anfang der 60er - Jahre ein Vorreiter und Begründer der Bindungstheorie. Durch seine zahlreichen Vorträge in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über die Auswirkungen und Folgen von Mutterentbehrung auf kleine Kinder entzündete er heftigen Diskussionsstoff in der psychoanalytischen Gesellschaft. Seine Theorien und der von ihm erkannte Zusammenhang zwischen Mutterentbehrung und seelischem Leid des Kindes aufgrund der Frustration des affektiven Kontaktbedürfnisses wurden von einflussreichen Psychoanalytikern wie Anna Freud und Melanie Klein aufs Heftigste bestritten (Bowlby, 2008). Die herrschende Meinung in den 50er-Jahren war, dass die Triebbefriedigung die entscheidende und bindende Komponente in der Mutter- Kind Beziehung ist. Unter primärer Triebbefriedigung verstand man das Fütterungsverhalten und die sexuelle Befriedigung bei Erwachsenen. Erst der Begriff der sekundären Triebbefriedigung bezog sich auf eine gefühlsmäßige Beziehung zwischen Mutter und Kind. Nach der Theorie der primären Triebbefriedigung wäre der Säugling bereits durch die Nahrungsaufnahme befriedigt, und er würde die Nähe zur Mutter primär wegen der Nahrungsaufnahme suchen (Bowlby, 1987).

Das bezweifelte Bowlby, aber empirische Untersuchungen dazu gab es noch nicht (Bowlby, 2006). Im Rahmen einer Studie über obdachlose Kinder, die nach dem ersten Weltkrieg ohne Eltern aufwuchsen, erforschte er schließlich mit seinem Assistenten James Robertson die Folgen von Elternentbehrung. 1951 veröffentlichte Robertson einen Dokumentarfilm, der die Tragik und das Leid von Kindern zeigte, die von ihrer Familie aufgrund von Krankenhausaufenthalten getrennt wurden. Beauftragt von der Weltgesundheitsorganisation erforschte Bowlby die seelischen Zustände von Waisenkindern, die nach dem Krieg ihre Eltern verloren hatten. Zusammengefasst in einem Bericht für die Weltgesundheitsorganisation (Bowlby, 1952) veröffentlichte er seine Erkenntnisse über die Besorgnis erregenden Konsequenzen einer fehlenden Mutterbindung auf die spätere Entwicklung. So zeigten sich bei den Kindern diese Gefühle, beispielsweise einerseits in Trauer oder depressiver Verstimmung nach einer Trennung von der Bezugsperson, und eine starke Sehnsucht nach mütterlicher Nähe. Andererseits konnte starker Widerstand gegenüber fremden betreuenden Personen beobachtet werden.

Zusätzlich geprägt war Bowlby von den Studien von Konrad Lorenz an Gänsen Anfang der 50er - Jahre und von den Untersuchungen von Harry Harlow an Rhesusaffen. Beide Studien konnten die Theorie der Nahrungsaufnahme als Motivation für ein Verhalten, das die Nähe zur Mutter bzw. zur primären Bezugsperson widerlegen (Bowlby, 2008); denn Lorenz beobachtete, dass Küken der Gans folgten, die sie bei der Geburt zuerst erblickten (Bowlby, 1987), was nichts mit Fütterung zu tun hat. Harlow und Zimmermann (1959) konnten in ihrem Tierexperiment an Rhesusaffen ebenfalls die Bedeutung der Triebbefriedigung als primären Bindungsfaktor widerlegen. In ihrem Experiment beobachteten sie, dass sich kleine Äffchen, die man von der Mutter getrennt hatte, eher an eine kuschelige Handtuch - Mutter anklammerten, anstatt an eine stachelige Mutterattrappe aus Draht, obwohl die Drahtversion Milch spendete.

Vor dem Hintergrund von Bowlbys Bindungstheorie untersuchte die Psychologin Mary D.S. Ainsworth in Uganda (und später in den USA) die Mutter - Kind - Interaktion. Damit gab Ainsworth dem zunächst theoretischen Bindungskonzept durch ihre Beobachtungen und Analysen der Mutter - Kind - Interaktion eine empirische Grundlage (Ainsworth, 1964; Ainsworth, Bell & Stayton, 1974, zitiert nach, Grossmann & Grossmann, 2009). Nach Ainsworth ist die Qualität der Bindung zwischen Säugling und Mutter davon abhängig, wie die Mutter auf die Bindungssignale des Säuglings reagiert und wie sie auf seine Bedürfnisse eingeht. Ainsworths Beobachtungen waren die Basis für die Entwicklung eines Messinstruments zur Operationalisierung der Bindungsqualität, und zwar für den „Fremde - Situations - Test“ (Ainsworth & Wittig, 1969). Die fruchtbare Zusammenarbeit von Bowlby und Ainsworth war, so kann man zusammenfassend sagen, ein entscheidender Grundstein für die Entwicklung, die empirische Überprüfung und schließlich für die Anerkennung der Bindungstheorie. Bowlby selbst nennt drei Gründe für die Akzeptanz seiner Bindungstheorie:

1. Die Aufbereitung psychoanalytischen Gedankenguts für eine zeitgemäße Wissenschaftspraxis durch empirische Forschung, 2. Die Integration der Verhaltensbiologie und 3. Den Glücksfall, dass Mary Ainsworth, die zunächst höchst skeptisch war, nach zwei Jahren der Zusammenarbeit mit ihm in London zufällig die Möglichkeit erhielt, Beobachtungen an Kindern und Müttern in Uganda durchzuführen, und erst dabei selbst von der Bindungstheorie überzeugt wurde. (Grossmann & Grossmann, 2009, S.14)

3 Messmethoden

Mit Messmethoden und werden wichtige Informationen erst für die wissenschaftliche Erforschung und für die therapeutische Praxis nutzbar gemacht. In diesem Abschnitt werden deshalb sechs Messmethoden in der frühen Bindungsforschung, differenziert nach kindlichen Lebensabschnitten, vorgestellt. In Kapitel 3.1 bis 3.5 werden fünf verschiedene Beobachtungsinstrumente - und pro Lebensphase eine Darstellung zur erhobenen Variable erläutert. Außerdem werden in Kapitel 3.5 die biologischphysiologischen Prozesse beim Kind veranschaulicht.

Nach Sedlmeier & Renkewitz (2013) ist der Begriff Messung folgendermaßen definiert: Das Ziel des Messens besteht nun darin, die Ausprägung eines Merkmals, die bei einem bestimmten Objekt (oder einer Person) zu einem bestimmten Zeitpunkt gegeben ist, zu ermitteln. Dabei soll die jeweilige Merkmalsausprägung durch eine Zahl ausgedrückt werden. Eine erste vorläufige Definition von „Messen“ könnte also lauten: Messen besteht in der Zuordnung von Zahlen zu Objekten oder Personen. (Sedlmeier & Renkewitz, 2013, S. 53)

Aus der Definition folgt, dass im Zuge einer Messung wichtige charakteristische Eigenschaften über ein Individuum oder einen Gegenstand erfasst werden. Dieser Prozess geschieht im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung, in der beispielsweise eine Fragestellung über die Ausprägung einer solchen charakteristischen Eigenschaft aufgeworfen wird. Die erfassten Eigenschaften, auch Variablen genannt, können mehrere Ausprägungen haben. Beispielsweise kann die Nahrungspräferenz einer Person viele verschiedene Ausprägungen haben. Eine Person kann Obst, Gemüse, Kuchen oder Fleisch bevorzugen. Die erfassten Merkmalsausprägungen werden dann aufsummiert und beispielsweise einer Person zugeordnet (Sedlmeier & Renkewitz, 2013).

Demgegenüber ist eine Methode ein Instrument für eine wissenschaftliche Messung. Mit einem Instrument lassen sich Daten erfassen und analysieren. Verschiedene Wissenschaftsgebiete interessieren sich für unterschiedliche Fragestellungen und haben auch dementsprechend unterschiedlich strukturierte Methoden. Die psychologischen Methoden richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Erfassung vom menschlichen „Erleben und Verhalten“ (Eid, Gollwitzer & Schmitt , 2010, S. 3), versuchen dieses zu beobachten und zu begreifen und daraus neue Einsichten zu gewinnen.

Nach Eid, Gollwitzer & Schmitt (2010) werden Methoden folgendermaßen beschrieben:

Der Begriff >>Methode<< stammt aus dem Griechischen (méthodos) und bedeutet wörtlich >>der Weg auf ein Ziel hin<<. Der wissenschaftliche Methodenbegriff umfasst alle Mittel und Wege, die dem Erkenntnisgewinn und der praktischen Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse dienen. Methoden sind gewissermaßen die Werkzeuge, die den wissenschaftlichen Fortschritt ermöglichen. (Eid, Gollwitzer & Schmitt, 2010, S. 3)

Aus der Definition geht hervor, dass eine Methode eine Herangehensweise zur Erreichung eines Zieles ist. Dabei ist das übergeordnete Ziel die Verbesserung von Theorien und der allgemeine Weiterentwicklung in der Wissenschaft. Schließlich kann man „ Erkenntnismethoden “ von den „ Interventionsmethoden “ abgrenzen. Während „ Erkenntnismethoden “ besonders für die Forschung von Nutzen sind, haben „ Interventionsmethoden “ das Ziel, in einen laufenden Prozess einzugreifen und diesen zum Positiven zu verändern, wie zum Beispiel in einer Therapie, in der die Lebensqualität eines Klienten verbessert werden soll.

Die Messinstrumente, die im Folgenden besprochen werden, sind sowohl Erkenntnis- als auch Interventionsmethoden. Auf der einen Seite konnten diese Messmethoden ursprünglich wichtige Erkenntnisse über das Verhalten von Kindern in den frühen Lebensjahren liefern. Andererseits kann man mit diesen Erkenntnissen in der Praxis viel bewegen: man kann die Erkenntnisse in der Psychotherapie anwenden und einige davon in einer familien - basierten Intervention nutzen (Eid, Gollwitzer & Schmitt, 2010).

3.1 Die pränatale Phase

3.1.1 Pränatale Bindung zum Fetus

Cranley (1981) sagt, dass es schon vor der Geburt des Kindes zu einer Bindung der Mutter zu ihrem Fetus kommen kann, wobei einige Frauen bereits eine sehr starke Bindung zu ihrem ungeborenen Kind aufbauen, die parallel zu den deutlichen physiologischen und psychodynamische Veränderungen entsteht, die eine werdende Mutter während der Schwangerschaft durchlebt. Vielen Frauen fällt es jedoch schwer, in einem so frühen Stadium, besonders in den ersten drei Monaten, Muttergefühle zu spüren und den Fetus als ein werdendes Individuum anzusehen (Beutel 1996, zitiert nach, Strauß, Buchheim & Kächele, 2002). Neben den körperlichen Veränderungen wandelt sich während der Schwangerschaft auch das Selbstbild der Frauen. Sie erweitern ihr Selbstbewusstsein um die Rolle der Mutter (Cranley, 1981).

In ihren Studien fand Gloger - Tippelt (1990, zitiert nach Strauß, Buchheim & Kächele, 2002) heraus, dass eine starke Bindung zum Säugling das Ergebnis eines Prozesses ist, der sich im Verlauf einer Schwangerschaft steigert: Die mütterliche Zuneigung und Annahme des Ungeborenen nimmt zu, die Mutter betrachtet den heranwachsenden Fetus zunehmend als ein Individuum und die Bindung wächst. Die Vorstellung, die sich die Mutter von ihrem Ungeborenen macht, entwickelt sich peu à peu. Sie ist zuerst ungenau und differenziert sich allmählich aus. Die Art der Vorstellung von ihrem Fetus und hat Einfluss auf die spätere Mutter - Kind Bindung. Abhängig von der pränatalen Bindung zeigten sich unterschiedliche Mutter-Typen auch nach der Geburt des Kindes. Leifer (1977, zitiert nach Strauß, Buchheim & Kächele, 2002) konnte Mütter in drei verschiedene Kategorien einordnen: Mütter mit einer schwachen pränatalen Bindung zum Fetus fühlten sich eher von diesem beeinträchtigt und zeigten Symptome wie Furcht, negative Gefühle gegenüber dem Säugling nach der Geburt und sie zeigten eine starke Selbstbezogenheit. Mütter mit einer mäßigen Bindung zum Fetus reagierten dem Fetus gegenüber widersprüchlich, wobei ihre Bindungsgefühle am Anfang niedrig und im Laufe der Schwangerschaft sehr viel größer wurden. Mütter mit einer guten pränatalen Bindung waren verantwortungsvoll, hatten ein hohes Selbstwertgefühl und eine gute postpartale Bindung zum Kind. Davon, dass diese frühen Bindungen auch für das spätere Leben ganz wesentlich sind, ging Bowlby (1969/1982) aus: Geformt durch die Bindungserlebnisse in der frühen Kindheit entsteht ein inneres Arbeitsmodell über sich selbst und die Umwelt. Folglich sind auch andere Bindungen durch die primären Bindungserfahrungen stark geprägt, so dass nicht auszuschließen ist, dass eine Mutter mit unsicheren Bindungserfahrungen diese in die nächste Generation weitergibt.

3.1.2 „Maternal - Fetal Attachment Scale“

Die „Maternal - Fetal Attachment Scale“ von Mecca Cranley (1981) ist eine Bewertungsskala zur Messung der mütterlichen pränatalen Bindung zum Fetus. Durch die Entwicklung dieser Skala wurde Cranley zur Vorreiterin auf dem Gebiet der pränatalen Bindungsforschung. Das Messinstrument besteht aus 24 Skalen und den fünf folgenden Subskalen: „1) differentiation of self from fetus, 2) interaction with the fetus, 3) attributing of characteristics and intentions to the fetus, 4) giving of self, and 5) maternal role taking“ (Kemp & Page, 1987, S.181). Die in den Subskalen enthaltenen Fragen befassen sich mit den Fantasien, Gedanken und Handlungen der Frau während der Schwangerschaft. Die Fragen können zu erkennen geben, in welchem Umfang eine Frau Verhaltensweisen an den Tag legt und Gedanken hegt, die eine Bindung zum Fetus erkennen lassen (Cranley, 1981). Die erste Subskala „ Differentiation “ kann auf die Fähigkeit der Mutter hinweisen, ihren Fetus als ein eigenständiges, von ihr getrenntes Individuum zu betrachtet. Die Fragen der zweiten Skala „ Interaction “ geben zu erkennen in welchem Ausmaß die Mutter mit dem Fetus in Interaktion treten kann, während die Subskala „ Attributing “ die mütterliche Fähigkeit zur Zuschreibung von Eigenschaften erfasst. Die Subskala „ Giving of self “ zeigt an, in wie weit die werdende Mutter bereit ist, sich auf die Schwangerschaft umzustellen und die letzte Unterskala „ Maternal role taking “ lässt erkennen, in wie weit eine Frau die Mutterrolle annahmen kann. Die fünf Subskalen entstanden in einem aufwendigen Auswahlverfahren, bei dem Ärzte, Krankenschwestern, Forscher und Mütter eine entscheidende Rolle spielten. Ärzte und Krankenschwestern erfassten wichtige Aussagen schwangerer Mütter über sich selbst und den Fetus, welche dann von Forschern auf die Inhaltsvalidität überprüft und anschließend von den Müttern validiert wurden. Schließlich konnte für die Subskalen eine Reliabilität von 0.52 bis 0.73 berichtet werden. Für die Gesamtskala konnte eine gute Reliabilität von r= 0.85 gefunden werden (Cranley, 1981).

Obwohl Cranley (1981) in ihren Untersuchungen fand, dass Frauen in der Schwangerschaft bereits eine Bindung zu ihrem Fetus aufbauen können, fand sie keinen Zusammenhang zwischen der pränatalen Mutter - Kind - Bindung im „Maternal - Fetal Attachment Scale“ und der Mutter - Kind - Bindung nach der Geburt. Angenommen wird, dass der fehlende Zusammenhang auf die Methodologie der Erhebung und auf eine insgesamt mangelhafte Inhaltsvalidität zurückzuführen ist (Strauß, Buchheim & Kächele 2002). Nach Grace (1989, zitiert nach Strauß, Buchheim & Kächele 2002) lassen einige Fragen des Messinstruments mehr auf die mütterliche Einstellung zur Schwangerschaft und der Mutterrolle schließen als auf die pränatale Bindung zum Fetus.

Muller (1993) kritisierte Cranleys Messinstrument, da es ihrer Ansicht nach ungenügend in das Konzept der Bindungstheorie eingebunden wurde. Dennoch konnte sie in ihrer Untersuchung einen Zusammenhang zwischen der „Maternal - Fetal Attachment Scale“ und einem anderen Messinstrument, dem „Prenatal Attachment Inventory“, welches ein vergleichbares Konzept erfasst, finden (r= 0.72).

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Details

Seiten
38
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668054035
ISBN (Buch)
9783668054042
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307187
Note
1.0
Schlagworte
Messinstrumente Bindungsforschung Psychologie Forschungsmethoden Psychotherapie John Bowlby Mecca Cranley Mutter-Kind Tronick Ainsworth

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Titel: Die Bindung zwischen Mutter und Kind. Messinstrumente in der frühen Bindungsforschung