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Die Kolumbianische Weltausstellung in Chicago 1893

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 33 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Moderne Geschichte

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtliche Hintergründe: Die USA um 1900

3. Thematik, Ziele und Planung der Weltausstellung

4. Die Inhalte der Kolumbischen Weltausstellung
4.1 Größendimension, Transport und Infrastruktur
4.2 Architektur und Baustil der White City
4.3 Ausstellungsinhalte und Attraktionen
4.3.1 Court of Honor (Ehrenhof)
4.3.2 Manufactures and Liberal Arts Building (Industriehalle)
4.3.3 Electricity Building (Elektrizitätsgebäude)
4.3.4 State Buildings (Nationen-Pavillons)
4.3.5 Women’s Building (Frauen-Pavillon)
4.3.6 Midway Plaisance
4.3.6.1 Allgemeines
4.3.6.2 Das Deutsche Dorf: Ein ethnographisches Ensemble aus der Alten Welt
4.3.6.3 Ferris Wheel
4.3.6.4 Rassenproblematik

5. Der Modellcharakter der White City und Einflüsse auf das amerikanische Stadtbild

6. Abschließende Bemerkung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Lithographie von Rodolfo Morgari

Abb. 2: Ausblick auf das Messegelände

Abb. 3: Lageplan der Chicagoer Weltausstellung

Abb. 4: Court of Honor

Abb. 5: Edison's Tower of Light

Abb. 6: Das Deutsche Haus

Abb. 7: Hessisches Rathaus

Abb. 8: Ferris Wheel

Abb. 9: Midway Plaisance

Abb. 10: Werbung für die Cairo Street

Abb. 11: Cartoon The Johnson Family in Cairo Street

1. Einleitung

Die Idee der Weltausstellung formierte sich zu einer Zeit, als alte Traditionen durch neue Kommunikationsmethoden, Freihandel und Kolonialisierung zu erodieren drohten. Eine Weltausstellung ermöglichte dadurch eine Ägemeinsame Vorstellung von Welt in nachvoll- ziehbaren Dimensionen“ (Rapp 1996, 45) und hatte neben ihrer Funktion als Umschlagplatz von Waren und Wissen ebenfalls die eines Ortes Änationaler Selbstdefinition und Konkur- renz“ (Telesko 2010, 275). Blieb doch eine Reise in achtzig Tagen um die Welt, so wie sie Jules Vernes 1873 versprach, der Mehrheit der Bevölkerung vorenthalten, so konnten sich gewöhnliche Leute nun diesen Traum verwirklichen, indem sie sich auf den Weg zu einer Weltausstellung machten, die durch ihre komprimierte Abbildung der Welt in einem ÄAusstel- lungsdorf“ einen virtuellen Besuch fremder Länder ermöglichte (vgl. ebd., 275). Ihre enorme Ausstrahlung und internationale Wirkung lockte unzählige Besucher an, da sie meist die ers- te Gelegenheit offerierte, die neuesten Erfindungen wie das Telefon, Fernsehen oder den Fahrstuhl kennenzulernen (vgl. Mattie 1998, 8).

Seit der ersten Ausrichtung in London 1851 hat sich der Charakter der Weltausstellung enorm gewandelt. Erstmalig kam bei der Ausstellung in Philadelphia 1876 das ÄPavillon Sys- tem“ zur Anwendung, bei dem die verschiedenen Abteilungen nicht wie zuvor in einem uni- versalen Ausstellungsgebäude, sondern in verschiedenen Spezialbauten, zum Beispiel für Maschinenwesen, untergebracht wurden (vgl. Wörner 1999, 275). Mit dieser Aufsplitterung ging auch das wachsende Bedürfnis der Teilnehmerländer nach nationaler Profilierung ein- her. Im Sinne der Formel Ädie Welt als Vitrine“ (Barth 2007, 155) wurden auf den Ausstellun- gen Güter präsentiert, die von einem internationalen Preisgericht prämiert werden konnten - deshalb ging es bei den Weltausstellungen auch nicht nur um Informationsaustausch, son- dern sie fungierten zugleich als ÄMittel des wirtschaftlichen Wettstreits der Völker untereinan- der“ (Beutler; Selmbach 1973, V). Hierbei darf allerdings auch nicht die Möglichkeit zur Arti- kulation alternativer Konzeptionen von Modernität durch emanzipatorische Interessen, z.B. von unterprivilegierten Nationen oder internationalen Frauenbewegungen, vergessen wer- den, da diese zu Äeiner Revision der bestehenden internationalen Ordnung, der gesellschaft- lichen Hierarchien und dominanten politischen Diskursen“ beitrugen (vgl. Telesko 2010, 270). Zwar war die Erschließung neuer Absatzmärkte weiterhin ein wichtiges Ziel auf den Weltausstellungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, allerdings gewonnen die Bereiche Unterhaltung und Erholung immer mehr Bedeutung und werden zum wichtigsten Publi- kumsmagneten. Doch keineswegs nahm mit der zur Schaustellung der eigenen nationalen Identität, beispielsweise in pittoresken historischen Dörfern, der Anteil der innovativen und experimentellen Architektur ab (vgl. Mattie 1998, 8).

Wie die visionäre-fiktive Traumwelt der Columbian World Fair Chicago 1893 die Vorstel- lungen von wirtschaftlichem Fortschritt, Wohlstand und Effektivität mit dem Angebot des Be- suchs spektakulärer Erlebniswelten ergänzt (vgl. Schriefers 1999, 27), möchte ich in den folgenden Kapiteln herausstellen. Zunächst ist es wichtig, die kulturellen und historischen Hintergründe in Chicago und der USA zum Zeitpunkt der Weltausstellung zu verstehen. Nach einem Überblick über die Thematik, Ziele und Ausstellungsinhalte der Exposition greife ich besonders den Aspekt der Rassenproblematik heraus, welcher vor allem hinsichtlich der Vergnügungsmeile Midway Plaisance diskutiert wurde. Im Anschluss gehe ich darauf ein, inwiefern der Modellcharakter der Weltausstellung das amerikanische Stadtbild prägte und welche kulturellen Implikationen sie in der Gesellschaft hervorrief. Abschließend untersuche ich in meinem Fazit neben den Erfolgen der Ausstellung auch die Kritikpunkte der Gegner.

2. Geschichtliche Hintergründe: Die USA um 1900

ÄIt is hopeless for the occasional visitor to try to keep up with Chicago - she outgrows her prophecies faster than she can make them. She is never the Chicago you saw when you passed through the last time.” - Mark Twain (zit. nach Smith et al. 2011, 1)

Bis zum Jahr 1893 hat sich Chicago von einer Provinzstadt zu einer Weltmetropole ge- wandelt und besaß beinahe alle Eigenschaften, die eine moderne Stadt ausmachten: Muse- en, eine Symphonie, einflussreiche nationale und internationale Unternehmen, Universitäten, Krankenhäuser, Schnelltransportsysteme und Architekten, die nicht nur eindrucksvolle Ge- bäude errichteten, sondern die Weltarchitektur revolutionierten (vgl. Gustaitis 2013, 2). Die Weltausstellung 1893 bot Chicago somit die Möglichkeit, seine Errungenschaften nicht nur der eigenen Nation, sondern der ganzen Welt zur Schau zu stellen (vgl. ebd., 2). Nach dem Great Fire im Oktober 1871, welches 100.000 Menschen bzw. einem Drittel der Bevölkerung ihre Unterkunft nahm und neben 200 Millionen Dollar Schaden auch hunderte Menschenle- ben einforderte, begannen die Einwohner Chicagos eine neue Stadt aus den Trümmern auf- zubauen (vgl Smith et al. 2011, 3). Die Tatsache, dass das Feuer die Stadt eher gestärkt als geschwächt zu haben schien, ließ den metaphorischen Vergleich mit einem ÄPhönix“ in den Medien zu (vgl. Riedel 2007, 34). Chicagos rasanter Stadtwandel, wie ihn auch Mark Twain im obigen Zitat beschreibt, lässt sich gut anhand des Bevölkerungswachstums veranschauli- chen: Zum Zeitpunkt der Stadtgründung 1837 besaß Chicago gerade einmal 4.000 Einwoh- ner; bis 1860 wuchs die Zahl bereits auf 110.000 an und verdoppelte sich zwischen 1880 und 1890 auf über eine Million, bis sie um 1900 bei rund 1,7 Millionen lag (vgl. Gustaitis 2013, 8). Dieser rapide Bevölkerungsanstieg sowie die Industrialisierung brachten allerdings ernst zu nehmende Probleme mit sich, welche der Stadt die Bezeichnung Black City oder Gray City verliehen. Die Verbrennung von acht Millionen Tonnen Steinkohle machten Chica- go zur größten Äsoft-coal-burning-city“ der USA (ebd., 25) und hüllte sie in Rauch und Ruß.

Niemand war sich der Probleme so bewusst wie die Chicagoer selbst: Neben dem Rauch litt die Bevölkerung unter verunreinigtem Wasser, schlechten Wohnbedingungen in den Slums, politischer Korruption, Epidemien und Spekulation (vgl. ebd., 29). Darauf bedacht, ihr Image zu verändern und der Welt die Großhaftigkeit der Stadt zu beweisen, setzte sich die soziale Elite Chicagos vehement dafür ein, dass die kommende Weltausstellung in Chicago statt- fand. Der Gesamtcharakter der Ausstellung entstand aus ebendieser Einstellung von cultural inferiority mit der die Amerikaner und speziell die Chicagoer im letzten Viertel des 19. Jahr- hunderts kämpften. Die Bewohner Chicagos sahen sich nicht ausreichend von den Städtern der Ostküste anerkannt. Gleichermaßen fühlten sich die Amerikaner in kultureller Hinsicht nicht genügend von den Europäern respektiert, außerdem wurden sie von ihnen als zu jung und unerfahren eingestuft, um ernst genommen zu werden (vgl. Wit 1993, 43). Das Konzept der Weltausstellung wurde somit sowohl direkt von dieser Unterlegenheitsauffassung als auch dem Ringen nach Anerkennung beeinflusst und Anmerkungen der Organisatoren und Architekten offenbarten auch, dass die Weltausstellung das Ergebnis einer gemeinschaftli- chen Bemühung war, die USA als eine Äunified nation with a fully developed civilization of its own“ (ebd., 43) zu repräsentieren.

Wohl diente die Weltausstellung in Chicago zur Repräsentation von Waren, sie bediente aber ebenfalls sozialreformerische Utopien einer in den 1880er Jahren neu formierten Mittel- schichtselite, welche sich durch hohe Bildung, neue Berufe und Tätigkeitsfelder, eine städti- sche Lebensweise und durch die Ideologie eines zivilgesellschaftlichen Liberalismus aus- zeichnete (vgl. Egloff 2006, 127). Dieses Progressive Movement entstand nicht nur aufgrund des explosionsartigen Bevölkerungswachstums und der kulturell diversifizierten Massenim- migration, die beide die Sorge um den Verlust weißer, angelsächsischer und protestantischer Hegemonie verstärkten, sondern auch aus Angst vor großstädtischem Chaos und morali- scher Degeneration (vgl. ebd., 127). Um das Problem gesellschaftlicher Organisation und Integration zu lösen, propagierten die Vertreter des Progressivismus eine Reform des städti- schen Apparats sowie den Ausbau staatlicher Kontrollen und Korrekturen städtischer Ent- wicklung. Diese Forderungen schlossen Minimalstandards für Hygiene, Wasser- und Abfall- systeme mit ein und verlangten nach aktiv-interventionistischen Planungsprogrammen zur Vermehrung und Verschönerung von öffentlichen Räumen, Grünzonen und Promenaden. Diese städteplanerische Reform versprach auch Möglichkeiten zur Erholung, Bewegung und Bildung für alle Bürger und sollte das gesellschaftliche Zusammenleben somit nicht nur phy- sisch, sondern auch mental verbessern (vgl. ebd., 128). Die kolumbianische Weltausstellung ließ sich als Sinnbild und Werbung für diese Programmatik identifizieren. Die Auratisierung der Chicagoer Ausstellung, der White City, sowie deren Großstadtprogramms führte sogar so weit, dass diese sogar als Heavenly City und New Jerusalem bezeichnet wurde (vgl. ebd., 128). Die imposante elektrische Beleuchtung, deren Illuminationsspektakel die Exposition auch nachts sichtbar machte und sakral überhöhte, verkörperte Ädas harmonische Zusam- mengehen von technischem, ästhetischen und sozialem Fortschritt“ (ebd., 128). Durch die Vereinigung von europäisch-ästhetischen Traditionen und neuen amerikanischen Technolo- gien und Produkten vermochten sich die USA als ÄKrone westlicher Zivilisation“ (ebd., 128) darzustellen, bei der Europa als inspirierender Partner und andere Kulturen zum Äkontrastie- renden Ornament und exotischen Amüsement“ deklassiert wurden (ebd., 128). Gerade die sozialen und ethnischen Gegensätze in Amerika, wo der Bürgerkrieg und die Sklavenfrage noch keine 30 Jahre zurücklagen und Indianeraufstände zu gegenwärtigen Ereignissen zähl- ten, kamen in der Weltausstellung klar zum Vorschein: Verglichen mit Europa, dessen Terri- torien historisch gewachsen sind und wo noch keine farbigen Bevölkerungsgruppen lebten, besaßen die USA eine offensichtlich rassistischere Grundlage der Kultur, die sich auf der Weltausstellung zeigte (vgl. Kretschmer 1999, 136).

Ebenfalls trug die Weltausstellung einen großen Teil zum Vorreiter-Image sowie zur wachsenden Kolonialmacht der USA bei: Laut Fojas wurde Chicago durch die Ausstellung die erste kosmopolitisch-moderne Stadt sowie die erste Äimperial city of the twentieth centu- ry“ (2005, 265). Denn die technischen und industriellen Ausstellungsstücke, das Vertrauen in die prachtvolle Architektur sowie die gesamte Unternehmung im großen Stil signalisierten eine neue, vor Kraft strotzende und innovative Weltmacht (vgl. Gustaitis 2013, 15). Führende Kräfte setzten sich als Advokaten eines ÄNeuen Imperialismus“ für eine expansive Außenpo- litik ein, die Amerika als eine Ävereinte, zukunftsgerichtete und militärisch gerüstete Nation“ (Hollweg 2001, 36) imaginierten, die das kommende Jahrhundert als Weltmacht bestreiten könne. Diese Ideen kamen auch in Kunst- werken aus die- ser Zeit zum Au- druck, beispiels- weise in der Li- thographie des italienischen Künstlers Rodol- fo Morgari (vgl. Abb.1). Im Zent- rum steht Co- lumbia, die weib- liche Personifizierung der USA, mit der amerikanischen Flagge in der Hand. Sie verweist mit ihrer rechten Hand auf die Chicagoer Exposition und macht deutlich, dass diese der höchste Punkt der Zivilisation und des Fortschritts sei.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Columbia präsentiert die Chicagoer Weltausstellung. Lithographie von Rodolfo Morgari

(Quelle: Harris et al. 1993, 133) 4

Die weiße, angelsächsische Ethnie berief sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts auf die Theorien des Sozialdarwinismus, welche die Evolutionstheorie Darwins rassisch und national umdeuteten, um ihre natürliche Bestimmung, die Herrschaft über schwächere Länder auszubauen, umzusetzen (vgl. ebd., 36). Diese manifest destiny-Überzeugung spiegelte sich in der gesamten Weltausstellung wider, beispielsweise in der neoklassizistischen Architektur, die Assoziationen mit der Macht des Alten Roms hervorrief (vgl. Gustaitis 2013, 15). Auch die Tatsache, dass die neue westliche Stadt Chicago sich gegenüber dem altehrwürdigen New York im Konkurrenzkampf um den Austragungsort der Weltausstellung behauptete, scheint die Hegemonie der Neuen über die Alte Welt und die erneuerte Lebenskraft Chicagos nach dem Großbrand noch mehr hervorzuheben (vgl. Marling 1992, 16).

Um die Hintergründe der Kolumbischen Weltausstellung wirklich zu verstehen, ist es demnach essentiell, die oben genannten Faktoren stets im Hinterkopf zu behalten, da diese die Inszenierung der Weltausstellung stark beeinflussten. Das explosive Bevölkerungswachstum, die schweren Umweltprobleme, soziale Reformbewegungen und das imperialistische Streben der USA trugen zu einem ambivalenten Bild der Weltausstellung und der Stadt Chicagos bei, wie es auch Donald Miller treffend beschrieb: Äand nowhere else could there be found in more dramatic display such a combination of wealth and squalor, beauty and ugliness, corruption and reform“ (1996, 17).

3. Thematik, Ziele und Planung der Weltausstellung

Die Weltausstellung zu Chicago 1893 stand im Zeichen der 400-jährigen Entdeckung Amerikas durch Kolumbus und sollte zum einen der glanzvolle Schlusspunkt einer 400 Jahre währenden Geschichte sein und zum anderen die wirtschaftliche und staatliche Entwicklung des Landes aufzeigen (vgl. Friebe 1983, 109). Im Vorfeld der Weltausstellung entbrach ein hitziger Wettbewerb um die Austragung zwischen den Hauptanwärtern St. Louis, Washing- ton D.C., New York und Chicago (vgl. Bolotin; Laing 2002, 2). Als sich Chicago 1890 durch- setzte und mit den Planungen begann, musste es sich genauso dezidiert an die Arbeit ma- chen wie zuvor nach dem Great Fire im Jahr 1871. Die Schau wurde folglich zum Äsymbol of that courage, energy, and determination“ (Dybwad; Bliss 1997, 11) und Chicagos einstiges Motto ÄI Will“ von 1893 hat heute noch Bestand. Unternehmer, die vom Aufschwung in den 1880er Jahren profitiert hatten und sich nicht scheuten, ihren akkumulierten Reichtum zur Schau zu stellen, fanden sich zu einem Konsortium, dem Citizen’s Commitee, zusammen, welches als Leitung und Lobby der Weltausstellung fungierte (vgl. Egloff 2006, 126). Als Gewerbe- und Industrieschau verkörperte die World’s Fair dabei wirtschaftliche Interessen, da die Leistungs- und Verkaufsausstellungen den Absatz erhöhen, für Produkte werben, Kontakte anbahnen sowie neue Märkte erschließen sollten (vgl. ebd., 126). Aber aufgrund ihres internationalen und patriotischen Stellenwerts mussten lokale Unternehmerinteressen überstiegen werden: Für eine kurze Zeit sollte die Weltausstellung quasi zur Änationalen und internationalen Polis“ (ebd., 126) gedeihen, welche sowohl die junge Metropole Chicago als auch die USA in der Welt zum ÄAushängeschild der Nation und Schaubühne technologi- scher, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Errungenschaften“ (Hollweg 2001, 37) etablie- ren sollte. Dass es den Organisatoren der Weltausstellung nicht nur um Freizeit und Vergnü- gen ging, zeigt sich in der didaktischen, enzyklopädischen und informativen Funktion der Exposition: Christoph Kolumbus wurde als heldenhafter Entdecker zelebriert und die Schön- heit der White City war der Beweis dafür, welche Leistungen Bürger durch gemeinsame Be- mühung erreichen konnten. Insofern bot die Weltausstellung einen Repräsentationsraum, in dem sich soziale, wirtschaftliche und außenpolitische Interessen verwirklichen ließen und durch den sich Äin publikumswirksamer Weise Prestige mit finanzielle[m] Gewinn, künstleri- scher Anspruch mit erzieherischen Absichten verbinden ließ“ (ebd., 37).

Im Gegensatz zur Pariser Weltausstellung 1889, die sich inmitten der Stadt direkt an das Publikum wandte, suchten sich die Organisatoren für die kolumbianische Ausstellung ein sump-figes Gelände am Michigan-See aus, den Jackson Park, welcher elf Kilometer von der Stadt entfernt lag, um sich ungehindert in der Landschaft und am attraktiven See ausbreiten zu können (vgl. Friebe 1983, 109f.). Das Gelände ermöglichte es, eine bisher ungenutzte Flä-che an die Stadt anzubinden und ausgedehnte Bassins anzulegen, die der Weltausstellung ihren prägnanten Charakter verliehen: Durch zahlreiche kleine Seen, Kanäle und Becken erweckte das Ausstellungsgelände Assoziationen an die Lagunenstadt Venedig, die durch zahlreiche Angebote, u.a. venezianischer Gondolieri, noch gefestigt wurden (vgl. Schriefers 1999, 27). Der Bostoner Landschaftsarchitekt Frederick Law Olmsted war für die Gestaltung des Ausstellungsgeländes im Chicagoer Süden verantwortlich; als Chefarchitekt und Leiter des Ausstellungsbaus wurde Daniel Hudson Burnham eingesetzt. Die Planung der 127 Ge-bäude delegierte Burnham an verschiedene Architekten und konzentrierte sich selbst auf die Harmonisierung des Gesamtbildes, welches dadurch zum wichtigsten Gestaltungsobjekt erhöht wurde. Durch diese Gesamtplanung konnte eine Ästädtebauliche Kohärenz“ erzielt werden, die der Äreal wuchernden Metropole Chicago fehlte“ (vgl. Egloff 2006, 126f.).

4. Die Inhalte der Kolumbischen Weltausstellung

4.1 Größendimension, Transport und Infrastruktur

ÄMake no little plans, they have no magic to stir men’s blood.” - Daniel Burnham (zit. nach Smith et al. 2011, 7)

Wie es auch der Chefarchitekt der Chicagoer Ausstellung im obigen Zitat herausstellt, sollten bei der Planung der Exposition keinerlei Zugeständnisse gemacht werden, um die Großartigkeit Chicagos hervorzuheben. Zum Zeitpunkt, als sich Chicago das Austragungs- recht für die Columbian World’s Fair sicherte, haben sich die Ausstellungen bereits zu opu- lenten Veranstaltungen entwickelt, die für das Können der Gastgeberstadt warben (vgl. Downey 2002, 7). Großartigkeit und Größe wurden als gleichbedeutend angesehen und jede Messe wollte seine Vorgänger nicht nur im Umfang, sondern auch durch aufwendige und hochentwickelte Gebäude und Ausstellungsobjekte übertrumpfen (vgl. ebd., 7). Die Weltaus- stellung in Chicago glänzte mit 50.000 Ausstellern - davon 24.000 aus Amerika - die aus knapp 50 verschiedenen Ländern kamen (vgl. Friebe 1983, 111). Der Vergleich mit anderen Messen macht das Großraumdenken der USA deutlich: Mit 278 Hektar (81 Hektar über- dacht) war die kolumbianische Weltausstellung die bisher Größte und erreichte Dimensionen, die für das eng bebaute Europa unvorstellbar gewesen waren. Verglichen mit der Pariser Weltausstellung 1889, besaß das Chicagoer Ausstellungsgelände die dreifache Fläche; die-ses war in zwei Abschnitte, den Jackson Park mit 251 Hektar für die Exposition und den Mi-dway Plaisance mit 27 Hektar für Vergnügungs- und Erholungszwecke unterteilt (vgl. ebd., 109). Selbstverständlich musste für die 27,3 Millionen Besucher (vgl. Mattie 1998, 87) wäh-rend der sechsmonatigen Messezeit vom 01. Mai bis zum 30. Oktober ein gut funktionieren-des Transportsystem sichergestellt werden, um diese gigantischen Ausmaße zu bewältigen. Neben dem Bau einer U-Bahn in Chicago, der vierten der Welt, wurde daher eine eigens eingerichtete Bahnlinie konzipiert, welche die Besucher zum großen Kopfbahnhof im Zent-rum des Ausstellungsgeländes beförderte; von dort aus bot eine Elektrobahn Anschlussmög-lichkeiten zum Erkunden des gesamten Geländes (vgl. ebd., 97). Diese verschiedenen Transportmöglichkeiten ließen es zu, bis zu 100.000 Menschen pro Stunde zum Ausstel-lungsgelände zu bringen (vgl. Rosenberg 2008, 79). Ja sogar die Fortbewegung auf Roll-stühlen, die von College Studenten für 40 Cent in der Stunde geschoben wurden, erfreute sich großer Beliebtheit. Die gigantischen Ausmaße der Exposition wurden den Besuchern vor Augen geführt, wenn sie vom Riesenrad aus einen Blick über das weitläufige Ausstel-lungsgelände warfen (vgl. Abb. 2). Für die Besichtigung mussten sich die Besucher der Kolumbianischen Weltausstellung ausreichend Zeit einplanen: Reiseführer empfohlen mindestens eine Woche Aufenthaltsdauer und verwiesen darauf, dass man drei Wochen Zeit brauche und 150 Meilen zu Fuß zurücklegen müsse, um die gesamte Ausstellung zu begutachten (vgl. Gustaitis 2013, 18). Daher planten sich die Besucher im Land der Äunbegrenzten Mög- lichkeiten“ oftmals mehrere Wochen für ihren Aufenthalt in Chicago ein, um die Grenzenlosigkeit der Kolumbischen Weltausstellung bewältigen zu können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Ein Fahrt im Riesenrad bot den Besuchern einen sagenhaften Ausblick auf das Messegelände (Blick Richtung Osten)

(Quelle: http://www.teslasociety.com/columbia_expo.htm)

4.2 Architektur und Baustil der White City

,,It was simply a journey to Fairyland.” (Findling 1994, 12)

Auch wenn sich Chicago im Wettbewerb um die Weltausstellung mit New York durchsetz- te, spiegelte der Umstand, dass die Mehrheit der gestaltenden Kräfte aus dem Osten der USA kamen, die tatsächlichen Kräfteverhältnisse in der Gesellschaft wider. Demzufolge überraschte es nicht, dass Burnhams Ausrichtung der World’s Fair den ÄTraditionen, Kunst- und Geschmacksvorstellungen einer Europa-orientierten amerikanischen Elite folgte“ (vgl. Hollweg 2001, 44). Der Kontrast zwischen der klassizistisch anmutenden Bauweise der Weltausstellung und der Black City, der rußig-grauen und aufstrebenden Industrie- und Han- delsstadt Chicago mit modernen Hochhäusern, könnte kaum stärker sein (vgl. Web2). Burn- ham, später von Ludwig Hildersheimer als Hauptvertreter und Initiator des Äarchitektonischen Imperialismus“ (vgl. Schriefers 1999, 29) bezeichnet, entwarf durch seine Nachahmung spät- römischer Prachtbauten eine Traumstadt mit herrlichen antiken Säulen, Kuppeln, hochge- schwungenen Brücken, Triumphbögen und Säulenhallen (vgl. Kretschmer 1999, 134). Der strahlend weiße Anstrich, der den Gebäuden sechs Monate lang ein solides und antikes Aussehen verlieh, stammte vom Farbanstrich eines billigen, gipsähnlichen, kurzlebigen und leicht entflammbaren Verputzstoffs, dem sogenannten staff, der die eisernen Ausstellungs- hallen verschönerte (vgl. Egloff 2006, 127). Diese Retortenstadt, die zunächst in der Presse und später auch im Volksmund als White City bezeichnet wurde, gab den Besuchern Anlass zum Träumen, denn sie versinnbildlichte unter anderem mit ihren venezianischen Gondeln die Sehnsucht nach einer märchenhaft romantischen Welt, für die es in den schnell wach- senden und gewinnorientierten Metropolen Amerikas keinen Platz mehr gab (vgl. Schriefers 1991, 29). Auch wenn die Bezeichnung White City meist für das ganze Ausstellungsgelände verwendet wurde, bezog sie sich ordnungsgemäß auf den Ehrenhof, den Court of Honor, welcher sich lebhaft in das Gedächtnis der Besucher einbrannte. Auf der Kolumbischen Weltausstellung wurde die Wassernähe erstmalig geschickt ausgenutzt und inszeniert: Das Gelände, welches von Seen und Kanälen durchzogen wurde, stand mit dem Michigan-See in Verbindung und bildete vier Hauptkomplexe: das nördliche Wasserbecken, die Lagune, das Haupt-Bassin und das südliche Wasserbecken (vgl. Friebe 1983, 110). Das Haupt-Bassin bildete das Zentrum in welcher die Hauptausstellung nach strengem Muster um ein symmet- risches Bassin angelegt werden sollte. Im Gegensatz dazu sollten die Länderpavillons in freier Anordnung in der wasserreichen Lagune weiter nördlich liegen (vgl. Mattie 1998, 88), die durch den Stil der englischen Landschaftsgärten des 18. Jahrhunderts Äasymmetrische Akzente zur Geradlinigkeit und zum Formalismus der Beaux-Arts Gebäude setzte“ (Hollweg 2001, 41). Als typisch amerikanischer Beitrag zur Historie der Weltausstellung kann die be- wusste Einbeziehung eines Vergnügungsparks, des Midway Plaisance, angesehen werden, der im rechten Winkel auf das Ausstellungsgelände stieß. Die weit auseinander liegenden Gebäude ermöglichten einen reibungslosen Verkehr und erlaubten, dass das Publikum die Bauwerke aus Ägebührender Entfernung bewundern“ konnte (Mattie 1998, 88).

4.3 Ausstellungsinhalte und Attraktionen

„The Columbian Exposition represents the world in miniature. You get a European trip without the ocean voyage. To miss this chance of self-education would be a mistake al- ways regretted.” (New Castle News, 26. August 1893, zitiert nach Smith et al. 2011, 18)

Genau wie es die New Castle News (Colorado) 1893 beschrieben, fand sich auf der Ko- lumbischen Weltausstellung eine Miniaturwelt wieder, die auf dem Ausstellungsgelände wie auf einer Äüberdimensionalen Bühne“ (Schriefers 1999, 27) zelebriert wird. Beim ersten Blick auf den Lageplan der World’s Columbian Exposition (vgl. Abb. 3) fällt sofort die symmetri- sche Anordnung der Great Buildings im Bereich des Haupt-Bassins auf, das direkt mit dem Lake Michigan verbunden ist. Weiter nördlich ist die Insel Wooded Island zu erkennen, um die sich der Frauenpavillon, das Gebäude der Fischerei, das Gartenbaugebäude und die Hallen des Transportwesens und Bergbaus gruppierten. Im nördlichen Wasserbecken entfal- teten sich die Gebäude der Bundesstaaten (State Buildings), wobei das Hauptaugenmerk sicherlich dem großen Kunstpalast galt.

Die Gebäude der Forstwirtschaft, Mol- kerei, Lederindustrie, der anthropologischen Ausstellung und die weitgedehnten Flä- chen der Viehausstel- lung vereinten sich um das südliche Be- cken (vgl. Friebe 1983, 110 f.). Für den Zutritt auf das Gelän- de wurden 50 Cent für Erwachsene und 25 Cent für Kinder bis zwölf Jahre verlangt. Jedoch mussten viele Attraktionen separat bezahlt werden, bei- spielsweise 50 Cent für eine Fahrt im Rie- senrad Ferris Wheel. Zieht man die Tatsa- che in Betracht, dass die Arbeiterklasse zum Zeitpunkt der Weltausstellung zwischen einem und 1,50 Dollar am Tag verdiente, war der Familienausflug zur Kolumbischen Weltausstellung sicherlich kein billiges Vergnügen (vgl. Rosenberg 2008, 79f.). Im Folgenden soll nur auf die besonders relevanten Ausstellungsinhalte eingehen, da die ungeheure Vielfalt der Objekte sonst den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Lageplan. 1) Haupt-Bassin 2) Administration Building 3) Kolumbus-Brunnen 4) State Buildings 5) Kunstpalast 6) Wooded Island 7) Industriehalle 8) Frauen- Pavillon 9) Deutsches Haus 10) Midway Plaisance 11) Buffalo Bills’s Wild West (Quelle: Eigene Erstellung nach Smith et al. 2011, 6)

4.3.1 Court of Honor (Ehrenhof)

Gelegen am Haupt-Bassin,diente der Court of Honor (vgl. Abb. 4) als repräsentati- ves Veranstaltungszentrum. Vergleichbar mit einem anti- ken Forum sammelten sich hier Denkmäler, Monumente und üppig geschmückte Alle- gorien, überragt von dem prächtigen Christoph- Kolumbus-Springbrunnen, der den Anlass der Weltaus- stellung thematisierte. Auf der anderen Seite des Bassins befand sich die Statue of the Re- public, welche ihren Blick auf das Administration Building und auf das Denkmal des Trium- phators richtete (vgl. Schriefers 1991, 28). Beide Monumente verkörperten den Sieg der Westlichen Kultur: Die 65 Fuß hohe Statue of the Republic, positioniert auf einem 35 Fuß hohen Podest, personifizierte die nationale Einheit Amerikas und Kolumbus, der den Fort- schritt des Landes initiierte, repräsentierte die Ambitionen der Nation (vgl. Wit 1993, 87).

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Abb. 4: Court of Honor mit Kolumbus-Springbrunnen im Vordergrund (Quelle: http://www.teslasociety.com/columbia_expo.htm)

4.3.2 Manufactures and Liberal Arts Building (Industriehalle)

Mit 514,18 auf 239,87 Metern war die Industriehalle, deren Mittelschiff nach dem gleichen Konstruktionsprinzip errichtet wurde wie die Maschinenhalle in Paris, die bis dahin größte erbaute Halle der Welt (vgl. Friebe 1983, 112). Truman beschreibt die Atmosphäre der Halle wie folgt: ÄWhen one enters the Manufactures Building, say by the south entrance, his im- pression will be that he is in fairyland, or at least that he is visiting a city of palaces, temples, castles, arches, monuments, and hanging gardens” (Truman 1976, 210). Hier gab es unend- lich viele Waren aus aller Welt und Klimazonen zu bestaunen: Chemische und pharmazeuti- sche Produkte, Kleidungsstücke, Reiseausrüstung, Särge, Seifen, Keramik, und sogar eine Sammlung aller bisher bekannten Bakterien. Als Teil der Ausstellungshalle präsentierte das Liberal Arts Department auf 70.000 Quadratmetern Musikinstrumente, Schulmaterialien, Fo- tografien, Manuskripte, u.v.m.. Es lässt sich mit Sicherheit sagen, dass die Industriehalle alle Gebrauchsgegenstände, die jemals von der Menschheit erschaffen wurden, zur Schau stellte (vgl. Bolotin; Laing, 20012, 89ff.).

4.3.3 Electricity Building (Elektrizitätsgebäude)

Wohl kein anderes Gebäude zog die Besucher der Kolumbischen Weltausstellung so in den Bann wie das Electricity Building, welches den Menschen sämtliche Elektrizitätsspektakel vorführte. Größtenteils dominierten US-amerikanische Elektronik-, Telefon-, Telegraphenund Straßenbahnunternehmen diesen Ausstellungsort; es waren aber auch die anerkannten Weltführer Deutschland und Frankreich stark ver- treten. Unter den Ausstellungsobjekten befanden sich unter anderem Motoren, Fahrstühle, Telefon- zentralen, Dynamos, Phonographen und Feuer- melder, welche allesamt angesichts der jüngsten Elektrizitätsentwicklung als revolutionär galten (vgl. Bolotin; Laing 2002, 78f.). Im Zentrum der Auf- merksamkeit stand der Edison’s Tower of Light (vgl. Abb. 5) inmitten des Gebäudes, der all die Errun- genschaften in der Entwicklung der Glühbirne ver- einte. Tausende farbige Glühbirnen wurden so ar- rangiert, dass sie im Einklang mit der Musik er- leuchtet wurden und den Betrachtern ein erstklas- siges Lichterspektakel boten (vgl. Muccigrosso 1993, 91/ Truman 1976, 358).

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Abb. 5: Edison's Tower of Light(Quelle: http://www.teslasociety.com/columbia_expo.htm)

4.3.4 State Buildings (Nationen-Pavillons)

Im Norden des Ausstellungsgeländes erstreckte sich ein parzelliertes halbförmiges Oval, auf dem sich beinahe alle Einzelstaaten der USA in Einzelgebäuden präsentierten sowie auch die 90 internationalen Gastausteller separat oder zu mehreren in Gebäuden unterge- bracht waren (vgl. Hollweg 2001, 42). Die 38 Pavillons der amerikanischen Staaten wurden im Kolonialstil des vergangenen Jahrhunderts gestaltet, um Äin pietätvoller Weise auf diejeni- gen Leute hinzuweisen, deren Pioniertätigkeit der jetzige blühende Zustand Amerikas zu verdanken ist“ (Wörner 1999, 33). Zum Beispiel war das Virginia-Gebäude eine Nachbildung von George Washingtons Wohnhaus in Mount Vernon und das Massachusetts Staatsgebäu- de orientierte sich an dem des Bürgerkriegsgenerals John Hancock (vgl. ebd., 33). Zum zweiten Mal mit einem nationalen Repräsentationsgebäude vertreten, wurde das Bauwerk des Deutschen Reichs (vgl. Abb. 6) nach Plänen des Düsseldorfer Regierungsbaumeisters Johannes Radke im Stil des deutschen Spätmittelalters und der deutschen Renaissance errichtet: Die fialengeschmückten Giebel und der Turmaufsatz an der Hauptfassade wurden dem Rathaus von Rothenburg o.d. Tauber nachempfunden und man zitierte Details von Go- slaer Bürgerhäusern an der nordwestlichen Ecke des Baus. Ziel war es, durch diesen Äbe- wusst historisch-ektizistischen Stilpluralismus“ Muster deutscher Architektur vorzuführen, um ein Äunverwechselbares Bild von Deutschland“ zu vermitteln (vgl. ebd., 34). Ebenfalls griffen andere europäische Länder auf Architektur- stile aus der Vergangenheit zurück: Frankreich orientierte sich bei der Gestaltung an der französischen Renaissance, England errichtete ein Fachwerkgebäude im elisabethani- schen Stil und Norwegen verwies mit seinem Holzpavillon auf Stabkir- chen des 12. Jahrhunderts (vgl. ebd., 34). Betrachtet man das Konzept der Nationenpavillons, wird die komplexe Dichotomie der Weltausstellung des 19. Jahrhunderts deutlich, denn nationale Schranken konnten und soll- ten keineswegs aufgehoben werden. Die Reflexion der Aussteller über nationaltypische Codes - angefangen bei Wappen bis hin zur konsequenten Durchgestaltung der Pavillons - macht Ädas Ringen um nationale Begriffe in kulturellen und ästhetischen Kategorien“ deutlich (Telesko 2010, 284).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Das Deutsche Haus (Quelle: Wilde 1893, 14)

4.3.5 Women’s Building (Frauen-Pavillon)

Der Frauen-Pavillon bildete nicht nur den geographischen Mittelpunkt der Exposition, sondern zählte durchaus auch zu den am meisten beachteten Themenpavillons. Im Gegen- satz zu früheren Weltausstellungen wurden Frauen ermutigt, in jeder Kategorie der Ausstel- lung mitzuwirken und sich im Women’s Building einzubringen. Demnach spielten Frauen eine weitaus größere Rolle auf der Columbian Exposition als bei den bisherigen Weltausstel- lungen. Der Frauen-Pavillon wurde komplett von (weißen Mittelklasse-) Frauen, dem Board of Lady Managers, unter der Leitung von Bertha Honoré Palmer organisiert und gestaltet (vgl. Hollweg 2001, 42). Bei der Auswahl der Architektin fiel die Entscheidung auf Sophia Hayden, die als erste Frau einen Abschluss in Architektur am Massachussetts Institute of Technology machte und somit bewies, dass Frauen selbst in Männerberufen durchaus mit den Männern mithalten können (vgl. Rosenberg 2008, 75f.). Die Gestaltung des Gebäudes im Stil der italienischen Renaissance spiegelte die Zerrissenheit der Frauen wider, da sie einerseits gleichgestellt zu den Männern sein wollten und sich andererseits von ihnen abzu- heben wünschten (vgl. Trump 1998, 223). In erster Linie sollten im Women’s Building Beiträ- ge von Frauen in Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft und Erziehung herausgestellt werden.

Doch wie konnte die Bedeutung von wichtigen Beiträgen zur Gesellschaft überzeugend ver- mittelt werden, ohne einfach nur die Objekte vorzuführen wie in den anderen Hallen? Der Wunsch des Frauenkommittees, ein Äcomplete picture of the condition of women in every country of the world at this moment“ (ebd. 219) zu präsentieren, erwies sich dahingehend als schwierig, dass meist Männer bei aktuellen Errungenschaften mitwirkten. Daher sollten Wer- ke Äweniger zivilisierter“ Frauen vorgeführt werden, denn diese rückwärts-gewandte Orientie- rung konnte die Entwicklung ihrer Arbeit erzählen: ÄWomen were the originators of most of the industrial arts, and (..) it was not until these became lucrative that they were appropriated by men, and women pushed aside“ (ebd., 220). Ziel war es zu beweisen, dass Frauen in vielen Gebieten die ersten waren: Töpferei, Weben, Korbflechterei, Architektur, Dekoration etc. Unglücklicherweise wurde das Konzept dieser kulturellen Evolution nicht so vermittelt wie geplant, da die Kunsthandwerke im Gebäude teils ungeordnet verstreut wirkten und die meisten Ausstellungsobjekte tatsächlich nur primitive Handwerkskunst darstellten (vgl. ebd., 221). Auch die Tatsache, dass der Frauen-Pavillon an der Grenze zwischen der White City und dem Midway Plaisance lag, deutete an, dass Frauen für die männlichen Organisatoren in die Kategorie Otherness - genau wie die Wilden und Exotischen - fielen. Nur ihre Fähig- keiten als Ämothers of civilization“ machte dies wett: Da viele Frauen jedoch dieses Stereotyp akzeptierten um ihre eigenen Reformen voranzubringen, festigte die Präsentation der Frau auf der Weltausstellung vorherrschende Ansichten von weißer Vorherrschaft (vgl. Rydell 1993, 157). Nichtsdestotrotz lässt sich sagen, dass die Mehrheit der Besucher begeistert von den Ausstellungsstücken war, und dass die Exposition sicherlich die Rechte der Frauen ver- besserte und neue Karriereperspektiven eröffnete, genauso wie sie die Stärken der Frau in allen Gebieten herausstellte (vgl. Bolotin; Laing. 2002, 43).

4.3.6 Midway Plaisance

4.3.6.1 Allgemeines

Zum ersten Mal wurde auf einer Weltausstellung des 19. Jahrhunderts dem Bereich der Anthropologie und Ethnographie ein so großer Stellenwert beigemessen, dass man hierfür eine eigenständige Abteilung, das Department M. Ethnolgy und Archaeology, installierte. Als Leiter wurde der Professor für amerikanische Archäologie und Ethnologie an der Universität Harvard, Frederick W. Putnam, beauftragt. Ein Großteil der Exponate wurde im Anthropolo- gical Building ausgestellt, welches den Äklassischen“ Weltausstellungsabteilungen in nichts nachstand. Abgesehen von dieser musealen Zurschaustellung verlagerte man einen be- trächtlichen Teil der Abteilung ins Freie, auf den Midway Plaisance. Die Bezeichnung setzte sich aus Midway (Verbindung zwischen dem Jackson Park und dem Washington Park) und dem französisch-stämmigen Wort Plaisance, was Äpleasure“ bedeutete, zusammen (vgl. Or- mos 2009, 200). Dieser 1,5 km lange und 150 m breite Geländestreifen im Westen des Aus- stellungsgeländes (vgl. Wörner 1999, 72f.) war eigentlich als eine Art ethnologischer Live- Schau als Ergänzung zur Ethnologie-Ausstellung gedacht. Der zuständige 21-jährige Archi- tekt des Midway Plaisance, Sol Bloom, verwandelte dieses Arsenal hingegen zu einer Aus- stellungs- und Vergnügungsmeile, auf der sich Ävölkerkundliche, folkloristische und jahrmark- tähnliche Elemente mischten“ (Hollweg 2001, 45). Nicht ohne Grund vergleichen Bolotin und Laing den Weg über den Midway mit einer Reise um die Welt: In wenigen Stunden konnten die Besuch den Blarney Stone im Irischen Dorf küssen, algerische Basare besuchen, ein Mittagessen im Deutschen Dorf zu sich nehmen, über die Eruption des nachgebildeten ha- waiianischen Vulkan Kilauea staunen, in der Street of Cairo einen Esel reiten oder den exoti- schen Bauchtänzerinnen zuschauen (vgl. ebd., 127ff.). Auch das Essen wurde zum Erlebnis, denn es war eine internationale Sprache, die jeder sprechen konnte: Chapati zu essen hin- terließ sicherlich einen einprägsameren Eindruck als stundenlang über Bräuche des Mittleren Ostens zu lesen (vgl. ebd., 83).

Während die White City den Intellekt der Besucher ansprach sowie Ädie integrativen Kräf- te der Nation“ (Hollweg 2001, 48) auf sich vereinte, bereitete die fast unüberschaubare An- zahl von Verkaufsbuden, Attraktionen und Kuriositäten den Besuchern vor allem Vergnügen und forderte sie zur aktiven Partizipation am Geschehen auf (vgl. ebd., 49). Aufgrund der Schaulust und des Vergnügens auf dem Midway trat jedoch schon bald für die Mehrheit der beabsichtigte Bildungs- und Erkenntnischarakter der lebenden ÄAnschauungsobjekten“ hinter ihren Charakter als ÄSchauobjekte“ zurück, die durch Äihre Fremdheit, Exotik und Differenz überraschten und begeisterten“ (vgl. ebd., 127). Wie Hollweg des Weiteren herausstellt, liegt die Erlebnisqualität der Weltausstellung in ihrer besonderen Ereignishaftigkeit, sprich ihrer Fähigkeit, den Besuchern Grenzübertritte zu ermöglichen. Denn genau diese unvorherseh- baren Ereignisse auf dem Midway rissen die Besucher aus ihrer passiven und sicheren Rolle als Museumsgänger und zwangen sie zum aktiven Handeln und Interagieren mit den ÄBe- wohnern“ des Midways, was somit auch die Besucher selbst zu ÄSchaustellern einer bunten, multikulturellen Show“ machte (vgl. ebd., 130). Es verwundert daher nicht, dass der Erfolg des zweigeteilten Modells der Kolumbischen Ausstellung die Konzepte späterer Ausstellun- gen, z.B. in Atlanta und Nashville, beeinflusste (vgl. ebd., 49). Da er dem Trend zum Ver- gnügungsspektakel zum Durchbruch verhalf, diente der Midway als Vorbild für reine Vergnü- gungsparks wie New Yorks Coney Island, in ihm liegen sogar die Wurzeln heutiger Freizeit- parks wie Disneyland (vgl. Kretschmer 1999, 138).

4.3.6.2 Das Deutsche Dorf: Ein ethnographisches Ensemble aus der Alten Welt

Neben der Zurschaustellung von rauen, ungezügelten, zugleich aber auch reizend einfa- chen Volkskulturen ließ man auch ethnographische Ensembles aus der Alten Welt errichten, die sich ebenfalls großer Popularität erfreuten (vgl. Wörner 1999, 73). Das Deutsche Dorf, welches mit Baukosten von 267.000 Dollar die teuerste Einrichtung auf dem Midway darstell- te, sollte dem Publikum Äin klarer Weise die kulturhistorische Entwicklung des deutschen Volkes“ vor Augen führen (ebd., 73). Um ein Bild deutschen Lebens zu vermitteln, legte der Architekturleiter des Deutschen Dorfes, Carl Hoffacker, viel Wert auf authentische Baumate- rialien: die gesamte Holzkonstruktion wurde in Frankfurt hergestellt, nach Chicago verschifft und von deutschen Handwerkern vor Ort zusam- mengebaut. Im Mittelpunkt des deutschen Arse- nals befand sich die sogenannte ÄPfalz“, eine Wasserburg, die mit Stilelementen des 16. Jahr- hunderts versehen war. Der Sockel aus massivem Mauerwerk, der obere Teil aus Sichtfachwerk so- wie die die Innenraumgestaltung - beispielsweise gab es im linken Burgflügel ein Weinrestaurant mit pittoreskes Erscheinungsbild. Darüber hinaus wa- ren verschiedene Sammlungen zur deutschen Kulturgeschichte untergebracht, wie alte Waf- fen in der Rüstkammer oder Trachtenfiguren im Rittersaal (vgl. ebd., 74). Neben dem Hessi- schen Rathaus (vgl. Abb. 7) gab es auch noch vier originalgetreue Kopien von Bauernhäu- sern aus dem Schwarzwald, Spreewald, Münsterland und Oberbayern, welche die charakte- ristischen Typen von Dorfhäusern aus den verschiedenen Teilen des Deutschen Reichs il- lustrieren sollten (vgl. ebd., 76). Im Osten des deutschen Geländes fanden sich zwei Musik- pavillons sowie ein Konzert- und Restaurationsgarten, in dem zwei Kapellen mit Musikern in imitierten preußischen Militäruniformen aufspielten. Natürlich durften auch Bierhallen nicht fehlen, damit die Besucher bei deutscher Blasmusik und Bier Äthe spirit of cheerfulness and enjoyment, the Gemüthlichkeit“ (ebd., 78) verspüren konnten. Außerdem boten deutsche Aussteller Industrieerzeugnisse in den mit Schnitzereien verzierten Verkaufsständen aus Holz an. Mit über einer Million Besucher war das Deutsche Dorf das erfolgreichste auf dem Midway Plaisance, auch wenn die geplante lehrreiche Funktion, deutsches Leben möglichst naturgetreu abzubilden, in den Hintergrund trat und sich die Besucher lieber der Unterhal- tung und Zerstreuung hingaben (vgl. ebd., 77f.). Derselben Kategorie der Ensembles aus der Alten Welt lassen sich auch das Irische Dorf und Alt-Wien zuordnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Vorderansicht des urdeutschen Speisen - verliehen dem Bau ein Hessischen Rathauses (Quelle: Wörner 1999, 75)

4.3.6.3 Ferris Wheel

Als Einzelausstellungsstück galt sicherlich das Ferris Wheel (vgl. Abb. 8), das erste Riesenrad der Welt, als die spektakulärste Attraktion auf dem Messegelände. Ziel war es, den bisher unerreichten Eiffelturm der Pariser Weltausstellung zu übertrumpfen. Seiner Aussage gemäß (ÄMere bigness is not what is wanted“) versuchte sich Burnham etwas einfallen zu lassen, was die amerikanische Ingeni- eurskunst widerspiegelte (vgl. Smith et al. 2011, 13). Das von George Ferris konstruierte Riesenrad war 250 Fuß hoch und verschaffte seinen Besuchern in seinen 64 wa- gongroßen Gondeln, die Platz für 60 Personen boten (vgl. Web1) und 26.000 Pfund wogen, einen atemberau- benden Ausblick auf das Ausstellungsgelände. Während seiner Nutzungsdauer von knapp vier Monaten transpor- tierte es ca. 1,5 Millionen Passagiere in die Höhe. Für diesen 20-minütigen Ausflug zahlten die Besucher 50

Cents, was den Organisatoren einen Umsatz von über columbia_expo.htm) 750.000 Dollar einbrachte (vgl. Gustaitis 2013, 22.f). Am Rande des Midways aufgebaut konnte es aufgrund seiner Ingenieurskunst als Verbindung zwischen dem Jackson Park mit seinen Technologiepalästen und der Vergnügungsmeile gesehen werden. Das Riesenrad wurde nach der Chicagoer Ausstellung noch auf dem Gelände der North Clark Street in Betrieb genommen sowie auf der Weltausstellung in St. Louis 1904 vorgestellt, bevor es 1906 durch Dynamit gesprengt wurde (vgl, ebd., 23).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Ferris Wheel

(Quelle: http://www.teslasociety.com/

4.3.6.4 Rassenproblematik

Ein weiterer wichtiger Zweck, den die Planer des Midways mit der Vorführung von diver- sen Ethnien in ihrem Änatürlichen“ Habitat oder den ethnologischen Sammlungen verfolgten, war komparativer Natur: Die Anschauungsobjekte verdeutlichten den Besuchern den Äzivili- satorischen Fortschritt ihrer eigenen abendländischen Kultur im Vergleich zu den Produkten und Lebensweisen der ‚primitiven‘ Völker“ (Hollweg 2001, 46). Das ethnisch ÄAndere“ auf dem Midway verkörperte den Gegensatz zur fortgeschrittenen Kultur des vornehmen Court of Honor. Historiker Robert W. Rydell beschreibt die White City und den Midway als zwei Seiten einer Medaille, Äminted in the tradition of American racism, in which the forbidden de- sires of whites were projected onto dark-skinned peoples, who consequently had to be de- graded so white purity could be maintained“ (Rydell 1999, 67). Er sieht die White City als eine utopische Konstruktion, auf den Fundamenten des Rassismus erbaut, die nur ästhetisch ein Bild der alten Welt war, in ihrem ideologischen Inhalt aber die neue Welt abbildete (vgl. Kretschmer 1999, 136). Bereits der Aufbau des Midways hatte seine Hintergründe: die Dör- fer im Osten waren geprägt durch Anstand und Etikette, wohingegen die Habitate am ande- ren Ende schroffer und Änatürlicher“ inszeniert wurden (vgl. Abb. 9). Die Ausstellungsdörfer wurden nicht nur in geographischer Hinsicht unterschieden, sondern ließen auch Rückschlüsse auf ihre kulturelle Wichtigkeit und Zivilisation zu (vgl. Downey 2002, 76). Morse fasst diesen Gedanken folgendermaßen zusammen:

“The Midway was to be a walk through Social Darwinism, starting with ‘primitive tribal ex- istence’ on the west end of the Midway, moving through the ‘barbarism’ of the Orient and the ‘misguided’ ancient history of the Old World to the heights of American forward- looking civilization in the White City beyond the east end of the Midway.” (Morse zit. nach Smith et al. 2011, 13f.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Midway Plaisance. 1) Deutsches Dorf 2) Alt-Wien 3) Algerisches/ Tunesisches Dorf 4) Türkisches Dorf 5) Street of Cairo 6) American Indian Village 7) Ferris Wheel 8) Vulkan Kilauea

(Quelle: Eigene Erstellung nach Smith et al. 2011, 6)

Genauer betrachtet ist Ausstellung fremder Ethnien ebenso ein Ausdruck von Macht und kann als symbolischer Akt der Unterwerfung angesehen werden. Man kann sogar von einer Widerspiegelung von ÄKolonialismus, Rassismus und Imperialismus“ (vgl. Kretschmer 1999, 137) in der kleinen Welt der Exposition sprechen. Durch die Gegenüberstellung der ausgestellten Völker, ihrer archaischen Welt und der hochorganisierten und -technisierten Weltausstellung konnte ein Sieg der Zivilisation über die Barbarei zelebriert (vgl. ebd., 136) und rassistische Hierarchien gefestigt werden (vgl. Cooks 2007, 448).

Andererseits strahlten die fremden Kulturen auch eine ungeheure Faszination und Attrak- tivität aus. Unterdrückte Sehnsüchte sowie die Projektion all dessen, was die Normen einer bürgerlichen Gesellschaft nicht zuließen, wurden in der exotischen Welt des Orients gefun- den. Mit seinen verwinkelten orientalischen entstanden Traumobjekte der unmittelbaren Anschauung und Phantasie, welche den Midway Plaisance zu einer Welt für sich werden ließen (vgl. Kretschmer 1999, 137). Als Beispiel für diese Faszination lässt sich die Cairo Street aufführen, die sich architek- tonisch an der Altstadt Kairos orientierte. Im Pulk der Äimportierten“ Ägypter, Araber, Nubier und Sudaner konnten die Besucher typische Vorstellungen, z.B. Hochzeitsin- szenierungen, genießen. Besonders beliebt waren die exotischen Tänzerinnen mit ih- rem Dans du Ventre, der sowohl Empörung als auch Begeisterung hervorrief (vgl. Burg 1976, 221f.). Diese verlockende Attraktio- nen wurden auf der Exposition gut vermark- tet und ließen die Besucher durch ein Ein- trittsgeld von 50 Cent tief in die Tasche grei- fen (vgl. Abb. 10).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 10: Werbung für die Cairo Street (Quelle: Harris et al. 1993, 136)

Dass die Afro-Amerikaner nur eine untergeordnete Stellung auf der Kolumbischen Welt- ausstellung einnahmen, lässt sich auf die Furcht vor dem Verlust der anglosächsischen Vormachtstellung zurückführen. Der schwarze Bevölkerungsanteil Chicagos von 6.000 Be- wohnern im Jahr 1890 verfünffachte sich im nächsten Jahrzehnt. Diese Zunahme verstärkte die Angst der weißen Bürger vor dem Statusverlust und verhinderte den Fortschritt der Schwarzen bzw. trug zur Formation abgeschotteter Ghettos in Chicago bei. Es überrascht nicht, dass die schwarzen Besucher die Exposition als Äthe White American’s World’s Fair“ bezeichneten, denn dieser Ethnie blieben Posten im Organisationskomitee oder im Board of Lady Managers verweigert (vgl. Muccigrosso 1993, 142f.). Dadurch bestätigte die Weltaus- stellung zwar die Einheit der Nation für das weiße Amerika und vermittelte ihm Selbstver- trauen, doch die Ausgrenzung der Schwarzen sprach nicht gerade für eine Zelebrierung der kulturellen Vielfalt. Auch wenn das Organisationskommittee den Schwarzen einen Colored People’s Day am 25. August (vgl. Hochman 2006, 101) zusprach, wurde dieser von der schwarzen Bevölkerung als Segregation wahrgenommen. Viele Aktivisten nahmen wegen dieser Abwertung und Ausgrenzung an der Kolumbischen Weltausstellung teil, beispielswei- se die Lynchmord-Gegnerin Ida. B. Wells oder Frederick Douglass (vgl. Schulmann 2004, 39). Letzterer war sogar der Verantwortliche des Haiti-Pavillons, denn Haiti sagte der Welt- ausstellung nur unter dem Vorbehalt zu, dass ihr ehemaliger Generalkonsul Douglass die Leitung dafür übernehme. Trotz der Bemühungen, Afro-Amerikaner auszuschließen, genoss Douglass ironischerweise große Beliebtheit und der haitianische Pavillon wurde unter der Schirmherrschaft eines fremden Landes somit zum Äheadquarters for African-American self- representation, a place to resist exposition discrimination“ (Cooks 2007, 446). Hier konnten Afro-Amerikaner um Aufmerksamkeit kämpfen und, paradoxerweise, ihre kulturelle Ver- schiedenheit als Schwarze mit afrikanischen und amerikanischen Wurzeln in den USA be- haupten und gleichzeitig bestreiten (vgl. Trotman 2002, 121). Weiterhin schlossen sich Douglass, Ida Wells, Irvine Garland Penn, Ferdinand L. Barnett und Frederic Loudin zusam- men, um die Broschüre The Reason Why the Colored American Is Not in the Columbian Ex- position zu veröffentlichen. Trotz der nationalen und internationalen Bekanntheit der Autoren brachten die 20.000 Kopien nicht den erwünschten Erfolg und verschwanden schnell wieder aus der Öffentlichkeit, wohl weil die Expositionsbehörde und die weiße Presse ihnen keine Aufmerksamkeit zollte (vgl. Wells-Barnett; Rydell, 1999, XIII).

Als Beispiel für die Rassendiskrimination möchte ich an dieser Stelle auf eine Cartoon- Reihe im Harper’s Weekly von Peter Newell eingehen, welche vom 15. Juli bis zum 11. No- vember 1893 veröffentlicht wurde und die afro-amerikanische Familie Johnson bei ihrem Besuch der Kolumbischen Weltausstellung zeigte. Die Karikaturen erfüllten vor allem folgen- de Funktionen: Zum einen sollten sie rassische Grenzen ziehen um Segregation zu rechtfer- tigen und die Freiheiten der Rassisten beizubehalten. Zum anderen sollten Weiße durch den ÄHumor“ und die Ausnutzung rassistischer Stereotype belehrt werden, wie es sich als Weiße zu verhalten geziemte, und was wiederum das Äfalsche“ Auftreten der Afro-Amerikaner aus- machte. Das scheinbar untragbare Verhalten der Schwarzen definierte amerikanische Ras- senrelationen im Sinne des Sozialdarwinismus und betonte, dass dieser Bevölkerungsanteil weder in der Vergangenheit wertvolle Beiträge für die Nation geleistet habe, noch dass er es zukünftig werde. Generell verstünde die minderbemittelte Familie Johnson nicht das, was sie auf der Ausstellung geboten bekomme. Die weißen Amerikaner griffen dies wiederum als Argument auf, warum Schwarze daher besser nur als Bedienstete auf der Columbian’s Fair auftreten sollten und nicht als gleichwertige Teilnehmer (vgl. Cooks 2007, 436ff.).

Im Cartoon The Johnson Family in Cairo Street vom 26. August 1893 sieht man Mr. und Mrs. Johnson auf einem Kamel über den Midway reiten, der Sohn Peter klammert sich wie ein Affe am Schwanz des Kamels fest (vgl. Abb. 11). Im Untertitel steht:

MR. JOHNSON. ‚Cloriah, Whah’s Petah?‘

MRS. JOHNSON. ‚Taggin‘ on behin‘ some’res, I s’pose.‘

Der Wortlaut der Johnsons soll verdeutli- chen, dass diese nicht vermögen, korrek- tes Englisch zu lernen oder zu sprechen. Verstärkt durch die physische Verwerfung der Familie, betont der Dialog die kulturelle Verschiedenheit und hebt gleichzeitig die Minderwertigkeit der Familie hervor. Die Johnsons stechen wie Fremde aus der Weltausstellung des Fortschritts und der Zivilisation heraus und werden von den anderen Besuchern selber wie sonderbare Ausstellungsobjekte betrachtet. Abgelenkt von den Attraktionen der Vergnügungsmei- le, werden Mr. und Mrs. Johnson als un- verantwortliche Eltern präsentiert, die ihren Sohn Peter aus den Augen verlieren, woraufhin sich dieser unanständig benimmt und sich spitzbübisch am Schwanz des Kamels baumeln lässt. Das Fehlverhalten der Familie Johnson soll ihre Verantwortungslosigkeit und schlech- tes Benehmen in der Öffentlichkeit ausdrücken sowie ihre Verschiedenheit und Unterlegen- heit untermauern (vgl. ebd., 449f.). Newell’s Cartoons machten Afro-Amerikaner zu Witzbol- den und Besuchern, die nicht begriffen, was die kolumbianische Weltausstellung ihnen zu bie-ten hatte. Nicht-wissend, welche politische Dimensionen die Ausstellung verkörperte oder welche fortschrittliche Vision sie repräsentierte, gingen die Johnsons schockiert, überrascht und wie fehl am Platz über die Columbian’s Fair. Die Cartoons stellen die Inkompatibilität der Schwarzen mit der Weltausstellung und der Welt im Allgemeinen dar (vgl. ebd., 453).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 11: The Johnson Family in Cairo Street (Harper’s Weekly, 26. August 1893)

(Quelle: Cooks 2007, 449)

Auch den Native Americans kam auf der Kolumbischen Weltausstellung kein besseres Schicksal zu. Sie wurden zwar nicht von der Exposition ausgeschlossen, aber die Funktionä- re und Besucher schenkten den indianischen Exponaten, die sie für weniger wertvoll hielten als weiße oder europäische Ausstellungsstücke, nur wenig Beachtung (vgl. Muccigrosso 1993, 148). Obgleich sie doch einheimisch auf dem amerikanischen Kontinent waren, be- handelte man sie wie Kuriositäten, die sich dem Stereotyp Äunehrenhafter Indianer“ nicht entziehen konnten. Und da sie nach amerikanischer Sicht nicht mit dem ÄFortschritt“ mithal- ten konnten, dienten die Indianer auf dem Midway bald zur Belustigung des zahlenden Be- suchers (vgl. Downey 2002, 77). Darüber hinaus wurde das Stereotyp der Ägrimmigen Wil- den“ noch durch die Wild West Show des legendären William F. Cody, genannt Buffalo Bill, verstärkt. Dieser tourte bereits 1884 mit seiner Show durch die Welt, unter anderem mit Sit- ting Bull, dem Widerständler und Stammeshäuptling der Sioux. Buffalo Bill’s Manager konnte zwar keine Fläche auf der Kolumbischen Weltausstellung erwerben, pachtete aber schlau- erweise eine in der Nähe. Ungefähr sechs Millionen Zuschauer verfolgten diese Shows, in denen Indianer reitend auf grausamer Weise weiße Siedler angriffen. Dies überzeugte natür- lich die US-Bevölkerung nicht gerade von einer möglichen Zivilisation der Native Americans, was durch den offensichtlichen Alkoholmissbrauch der Darsteller noch verstärkt wurde (vgl. Muccigrosso 1993, 148ff.). Die Degradierung der Ureinwohner Amerikas verweist auf die imperialistischen Züge der Ausstellung und macht sie zu Ätrophies of scientific racism juxta- posed against the formidable white neoclassical architecture of the massive buildings on the fairgrounds“ (Rinehart 2012, 405).

Abschließend lässt sich sagen, dass die kolumbianische Weltausstellung zwar für die anglo-sächsischen weißen Amerikaner überaus erfreulich war, andere Minderheiten des melting pots durch sie aber diskriminiert und ausgeschlossen wurden. Die Exposition sollte ein strin-gentes Bild von Harmonie und Einheit entwerfen, jedoch war sie eine meisterhafte Illusion, denn bei genauer Betrachtung fallen bei der Konzeption und Durchführung der Weltausstel-lung Vorurteile und ausgrenzende Praktiken auf (vgl. Lewis 1993, XII). Auch wenn die breite Zurschaustellung fremder Kulturen Interesse am Anderen zeigte, blieb jedoch die Akzeptanz des kulturell Fremden aus. Tatsächlich katalogisierte die Ausstellung die Völker auf eine Weise, die gleichzeitig falschen Stolz und stereotypisierte Bilder generierte. Weiße Hierar-chien wurden gestärkt, die Forderung der Ethnien nach Emanzipation blieb unbeachtet (vgl. Smith et al. 2011, 92).

5. Der Modellcharakter der White City und Einflüsse auf das amerikanische Stadtbild

Die wirtschaftliche Depression von 1893 bis 1897, die sich aufgrund der Weltausstellung erst nach dieser in Chicago bemerkbar machte, hemmte die Bau-und Planungstätigkeit in Folge der Exposition stark. Da somit große Projekte zur Stadtgestaltung erst nach der Kon- junkturerholung wieder in Erwägung gezogen werden konnten, ist die unmittelbare Wirkung der Kolumbischen Ausstellung auf die Bau- und Planungspraxis ihrer Umgebung nur schwer nachweisbar. Nicht abzustreiten ist allerdings deren Einfluss im Plan of Chicago, den Daniel Burnham zusammen mit Edward H. Bennett im Jahr 1909 vorstellte: Mit diesem wurde eine kohärente und einheitliche Planung des gesamten Ballungsgebiets Chicagos angestrebt, um es attraktiver für die Bevölkerung und kapitalkräftige Unternehmen zu machen (vgl. Egloff 2006, 129). Durch den Ausbau der gesamten öffentlichen Infrastruktur sollte Chicago in ein ÄParis by the lake“ umgewandelt werden (vgl. Wilhelm; Jessen-Klingenberg 2006, 103). Burnham und Bennett selbst erklärten die Weltausstellung von 1893 zum Ursprung öffentli- cher Bauplanung in den USA überhaupt: „The origin of the plan of Chicago can be traced directly to the World Columbian Exposition. The World’s Fair of 1893 was the beginning, in our day and in this country, of the orderly arrangement of extensive public grounds and build- ings“ (ebd., 130). Doch dieses, die Planungshistoriografie dominierendes, genealogische Paradigma wurde nach dem zweiten Weltkrieg stark relativiert: Die White City sei lediglich Ursprung der bürgerlichen Stadtverschönerungsbewegung, des city beautiful movement, gewesen, welches nicht mit Stadtplanung verwechselt werden dürfte. Zwar gebe es Über- schneidungen, doch sei city beautiful primär als Ämoralisierende und ästhetisierende Re- formbewegung von Amateuren zu verstehen, während die Stadtplanung professionelle Ex- pertise aus Architektur, Verwaltung und Ingenieurwesen vereine“ (ebd., 130). Nichtsdestot- rotz erweckte die Alabaster-Stadt, der unbestreitbar etwas Kulissenhaftes und Theatrali- sches anhaftete, ein noch nie dagewesenes öffentliches Interesse an der Stadtplanung: Die Sauberkeit und Sicherheit der Wege, die funktionstüchtige Infrastruktur und der neoklassizis- tische Stil der Schaupaläste sollten Modellcharakter für künftige Stadtentwürfe haben (vgl. Hollweg 2001, 39). Burnham wurde engagiert, um seinen Plan neben Chicago auch in den Städten Cleveland, Washington D.C. und San Francisco zu integrieren. Ihm sind heute noch einige schöne Teile amerikanischer Städte mit breiten Boulevards und dekorativem Land- schaftsbau zu verdanken (vgl. Bolotin; Laing 2002, 158). Auch andere Architekten und Land- schaftsplaner ließen sich in ihrer Städteplanung von der Weltausstellung inspirieren und widmeten sich Verschönerungsprojekten, Stadtpärken, Bibliotheken, Museen usw. (vgl. Har- ris 1993, 10). Vor allem die achsenförmige Gestaltung lässt sich auf die White City zurück- führen, denn bis dahin wurden die Städte strikt in rechtwinkligen Rastern angelegt in denen jeder Stadtblock gleich wichtig war. Jetzt schneiden große Boulevards diagonal durch die Stadtnetze und weisen auf Zentren oder kulturelle Institutionen hin, was eine gewisse Hie- rarchie zwischen den Stadtteilen oder Straßen schafft (vgl. Wit 1993, 73). Daher war die Ko- lumbische Weltausstellung der Beweis, dass Städte durch sorgfältige Planung lebenswert, sicher und beeindruckend sein konnten. Am Ende der Ausstellung beschrieb der Chicago Tribune sie als Äa little ideal world, a realization of Utopia“, deren künstlerische Fantasie eine Zeit voraussagte, in der die ganze Welt so wundervoll, rein und fröhlich sei wie die White City selbst (Gustaitits 2013, 11f.).

Neben der Auswirkung auf das Stadtbild lassen sich auch weitere Effekte auf die Kolum- bische Weltausstellung zurückführen. Die Herausstellung anthropologischer Forschung im Anthropological Building und das rege Interesse an fremden Kulturen auf dem Midway Plaisance können demnach als Ausgangspunkt für die wissenschaftliche Erforschung der Anthropologie in den USA angesehen werden (vgl. Gustaitis 2013, 44). Die Weltausstellung schien nicht nur für soziologische Beobachtung geeignet, sondern wurde auch als Plattform für die planmäßige Induzierung gesellschaftlicher Veränderungen genutzt. Das heutige Art Institute of Chicago an der Michigan Avenue diente während der Weltausstellung als Kon- gresszentrum und verzeichnete insgesamt 5.978 Ansprachen während diesen sechs Mona- ten (vgl. Smith et al. 2011, 92). Der berühmteste Kongress war wohl das World Parliament of Religions während dem Katholiken, Protestanten, Juden, Buddhisten usw. zusammenkamen um gemeinsame Vorstellungen von Toleranz zu diskutieren. Diese Zusammenkunft hatte darüber hinaus einen tiefgründigen Effekt auf die amerikanische Kultur: Der Star des Kon- gresses, ein turbantragender Mönch namens Vivekananda, unterwies die Amerikaner in ei- ner spirituellen Disziplin namens Yoga, welche sich heute zu einem milliardenschweren Trend entwickelt hat (vgl. Gustaitis 2013, 34f.).

Als Publikumsmagnet erwirtschaftete die Weltausstellung ein Plus von 1,4 Millionen Dollar (vgl. Kretschmer 1999, 139), doch ihr markantestes Ergebnis liegt wohl in ihrer gesellschaft- lichen Wirkung, denn die hohe symbolische Kraft und der Stellenwert der World Fair in der amerikanischen Bevölkerung lassen sich nicht bestreiten. Sie wurde als symbolisches Objekt instrumentalisiert und diente als Gegenstand kollektiver Erinnerung: Die erfolgreiche Ver- marktung und der gelungene Auftritt der White City verschaffte der städtischen Planung und Gestaltung eine nachhaltige Anerkennung und etablierte sie als definitionsmächtige Instanz (vgl. Egloff 2006, 31). Doch das Vermächtnis der Ausstellung greift noch tiefer: Indem die Organisatoren so prachtvoll den Fortschritt der letzten 400 Jahre demonstrierten, verlieh sie den Amerikanern neue Kraft und Hoffnung für das anstehende 20. Jahrhundert. Die Ausstel- lung kann als Brücke hin zum stark industrialisierten 20. Jahrhundert angesehen werden, denn sie leitete ausschlaggebende Veränderungen im amerikanischen Lebensstil ein. Auf einer Messe spielte das Transportwesen und die Elektrizität nie zuvor eine so entscheidende Rolle, beispielsweise verbrauchte die Weltausstellung zu Chicago zehnmal so viel Strom wie die Pariser 1889 (vgl. Bolotin; Laing 2002, 8). Durch die Präsentation zukünftiger Technik erschien den Menschen der Einbruch des technischen Zeitalters nicht ganz so bedrohlich, viele sahen die Stadt der Zukunft dank ihr als sauber, sicher, weiträumig und ordentlich an. Die Exposition wurde zum Ävehicle for the hopes and dreams of Americans, as they saw in it a reflection of their own progressive nature and bright future” (vgl. Web3). Darüber hinaus verlieh sie ihnen Anerkennung sowie Stolz auf das bisher Erreichte und bekräftigte durch die Zusammenarbeit verschiedenen Chicagoer Interessengruppen die Einheit der Nation und seinen triumphalen Fortschritt (vgl. Smith et al., 91f.). In vielerlei Hinsicht nutzte Amerika die Weltausstellung als massive Demonstration seiner Stärke und seiner angestrebten Welt- machtrolle und verfolgte mit neu gewonnenem Patriotismus und Optimismus die Vision, dass die amerikanische Kultur problemlos mit dem europäischen Modell rivalisieren könne.

6. Abschließende Bemerkung

Nach dem Ende der sechsmonatigen Ausstellung am 31. Oktober 1893 wurde in den Me- dien kontrovers über den Verbleib der Schaupaläste diskutiert. Der Abriss begann direkt im Anschluss, begleitet von Vandalismus und Brandschatzungen, bis die White City schließlich am 8. Januar 1894 durch einen Großbrand vollkommen zerstört wurde (vgl. Hollweg 2001, 50). Nur vier Gebäude der Exposition sind heute noch erhalten, allein der ehemalige Palace of Fine Arts, welcher heute Chicagos Museum of Science and Industry beherbergt, befindet sich noch im Norden des Jackson Parks. Der Midway Plaisance ist heute eine ehrwürdige grüne Fläche des Campus der University of Chicago. Das Maine Building beinhaltet heute eine Bibliothek und das Holländische Haus, jetzt in Massachusetts, sowie das Norwegische Gebäude in Wisconsin, locken weiterhin Touristen an (vgl. Bolotin; Laing 2002, 155).

Dass die pompöse Weltausstellung nicht nur auf Befürworter stieß, ist nicht sehr verwun- derlich. Der Fokus auf den Historizismus der Architektur wurde als Gegenbewegung zur Mo- dernität Chicagos gesehen, wo der Architekt Sullivan große Fortschritte im Bau moderner, hochgeschossiger Geschäftshäuser verzeichnete. In den Ländern Europas sahen Kritiker die Weltausstellung nur als eine Imitation von dem an, was die Europäer bereits kannten, und zeigten sich enttäuscht von der fehlenden Verwegenheit und Originalität der Amerikaner (vgl. Friebe 1983, 113). Auch die Besucher übten Kritik an den Inszenierungen und Schauplätzen des Midways und hinterfragten die Zuschaustellung der ausländischen Völker, welche durch die Sauberkeit und Sicherheit an Authentizität verlor und sogar als geschmacklos und wenig überzeugend empfunden wurde (vgl. Hollweg 2001, 120). Andererseits wird ebenfalls an den Bewohnern des Midways bemängelt, dass diese selbst den Ausstellungskontext als Gele- genheit zur finanziellen Bereicherung sahen: Diese besaßen kein Interesse am kulturellen Austausch mit den Amerikanern, sondern versuchten mit einfallsreichen Tricks den Besu- chern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Beispielsweise gaben orientalische Frauen vor, von ihren Männern geschlagen zu werden, um das Mitleid ihrer amerikanischen ÄSchwes- tern“ zu erregen und sie zur Spende zu bewegen. Hollweg stellt in diesem Zusammenhang heraus, dass bei solchen Ereignissen grundsätzliche Probleme des touristischen Reisens entlarvt werden, u.a. Ädas sozio-ökonomische Gefälle zwischen Heimat- und Zielort, die kli- scheegeleitete Wahrnehmung des ‚Anderen‘ sowie die Funktionalisierung von Stereotypen“ (2001, 122). Dass die Touristen bereitwillig für die Befriedigung ihrer Schaulust bezahlten, rückte die Geschäfts- und Wettbewerbsmentalität der Ausstellung in den Vordergrund. Zu- dem störte man sich an der ÄSelbstbedienungsmentalität“ gegenüber des ÄAnderen“. Außer- dem quoll der Midway wie ein geplatztes Freilichtmuseum über seine Umzäunungen in den städtischen Außenraum hinaus und verwischte die Grenzen zwischen einem Museumsbesuch, Shopping und Sight-Seeing (ebd., 123).

Unbestreitbar trug die kolumbianische Weltausstellung entscheidend zur Kommerzialisierung bei, denn sie war der Ursprung vieler Gegenstände der amerikanischen Populärkultur, wie Soft Drinks, Postkarten, Hamburger oder das Riesenrad (vgl. Fojas 2005, 274). Es stellt sich daher die Frage, ob der moralische Gehalt für die Organisatoren überhaupt noch eine Rolle spielte, oder ob diese nur als erste den Show-Charakter erkannt und ausgenutzt haben um Millionen von Besuchern anzulocken. Definitiv gehen aus der Kolumbischen Weltausstellung 1893 architektonische und technologische Errungenschaften hervor, sie beeinflusste die spä-tere Stadtplanung und hatte darüber hinaus eine große Wirkung auf die Gesellschaft. Die kolumbianische Weltausstellung wurde zu einem Symbol, das aktuelle Tendenzen und Konflik-te einfing, so wie das folgende Zitat ihre Symbolik und Bedeutung für das amerikanische Volk zusammenfasst:

It mirrored its beauty and vulgarity, its order and its confusion, its unity and its gaping di- visions, its industry and artistic imagination, its present perils and its prospects. In 1893 the fair and Chicago itself symbolized all that the country was and could be. Both were expressions of American civilization at a time of crisis and opportunity.” (Miller 1996, 532)

Demnach spiegelte die Ausstellung Chicagos Umwelt- und Gesellschaftsprobleme, Kampf- geist, Potenziale, Ängste und Erwartungen wider. Die kolumbianische Weltausstellung wurde zweifellos zu einem Standard, an dem sich spätere Weltausstellungen messen mussten und ihr erfolgreiches Modell wurde sogar auf späteren Ausstellungen in St. Louis 1901 und San Francisco 1915 übertragen (vgl. Web3). Durch die Akzeptanz von Konsum und Technologie und dem Dialog zwischen Hochkultur und Unterhaltung entstand ein Entwurf für das moderne Amerika. Die White City, der amerikanische Traum aus erster Hand, blickte daher nicht nur auf den Fortschritt der amerikanischen Bevölkerung zurück, sondern warf einen Blick in die Zukunft der aufstrebenden USA im 20. Jahrhundert.

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Details

Seiten
33
Jahr
2015
ISBN (Buch)
9783668057753
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307185
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Schlagworte
Weltausstellung Columbian World Fair White City

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Titel: Die Kolumbianische Weltausstellung in Chicago 1893