Lade Inhalt...

Die Bedeutung der biblischen Sprache in Joseph Roths "Die Legende vom heiligen Trinker"

Eine Literaturanalyse

Hausarbeit 2015 10 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der rechte Weg

3. Die Heilsmetaphorik

4. Bibelsprache

5. Roth und die Bibel

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen. Dein guter Geist führe mich auf

Ebener Bahn.“ (Ps 143,10)

In der christlichen Kirche ein oft verlesener Spruch bei dem Sakrament der Taufe, das Ritual der christlichen Kirche um einen neuen Gläubigen in die kirchliche Gemeinschaft aufzunehmen und einzugliedern. Ein öffentliches Glaubensbekenntnis des Gläubigen, der seinen weiteren Lebensweg von Gott begleitet wissen will, „auf ebener Bahn“ bleiben möchte, und eine Reinwaschung von seinen Sünden.

So das allgemeingültige Verständnis in unserer heutigen Gesellschaft, und so auch das Verständnis im Frühling 1934 in Paris.

Andreas, der Protagonist der Novelle, ein ehemaliger Kohlearbeiter, Ex-Straftäter, ein Alkoholiker, der auf den Straßen und unter den Brücken Frankreichs lebt, will ein neues Leben beginnen.

Ihm wiederfahren Wunder. Nicht nur eins, nein, gleich mehrere am Stück. Und alles beginnt mit einem Fremden, der ihm ganz zufällig eines Abends an der Seine begegnet und ihm 200 Francs schenken will. Doch Andreas will dieses Geschenk nicht annehmen und so verspricht er dem Fremden, sich die 200 Francs nur zu leihen und sie der heiligen Therese, eine Statue der heiligen Therese von Lisieux, die sich in der Kapelle St. Marie des Batignolles befindet, wiederzubringen, und das Geld dort zu hinterlegen. Es bleibt nicht bei diesem einen Zufall, immer wieder gelangt Andreas durch Zufälle an Geld, nach und nach, wie aneinandergereiht. Es ist so ungewöhnlich, dass es für ihn keine Zufälle mehr sein können, sondern Wunder sein müssen. „Denn es war einfach ein Wunder, und innerhalb des Wunders gibt es nichts verwunderliches.“ [1] Und somit beginnt Andreas sich mehr und mehr im Alkohol zu verlieren und stürzt sich letztendlich in den Tod. Doch ein alkoholkranker Obdachloser wird nicht zum Heiligen, nur weil ihm als Wunder geglaubte, glückliche Zufälle wiederfahren. Viel mehr zieht sich das Motiv des heiligen Sakramentes der Taufe durch Roths Roman und man kann beobachten, dass Andreas tatsächlich eine Art Reinwaschung vollzieht kann und am Ende der heilige Trinker wird.

Zweifellos zieht sich die biblische Symbolik durch Roths Roman. Die Bedeutung für den Protagonisten und die Handlung bleibt hier zu klären.

2. Der rechte Weg

Roth eröffnet die Legende vom heiligen Trinker geradezu mit dem biblischen Symbol des rechten/richtigen Weges. So handelt ein Fremder, der dem Obdachlosen Andreas Geld schenken möchte, nicht nur in seinem Verständnis christlich, er übernimmt die Worte, sogar die Rolle des Gott Vaters. „Ich werde versuchen, ihnen den Weg zu zeigen – sagte der Herr.“[2]

In der Bibel ist das Motiv des rechten Weges eine der Grundlagen des christlichen Glaubens. Im Alten Testament ist die Rede vom rechten Weg der mit Gott oder mit Jesu geht.

So heißt es im Alten Testament „ Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst, ich will dich mit meinen Augen leiten.“ ( Ps 32,8)

3. Die Heilsmetaphorik

Nicht nur mit der Metaphorik des rechten Weges werden biblische Symbole in der Legende vom heiligen Trinker aufgegriffen. Wie zu Anfang schon erwähnt spielt das Motiv der Taufe eine besondere Rolle in Roths Roman.

Sowohl in der jüdischen, als auch in der christlichen Kirche wird das heilige Sakrament der Taufe durchgeführt, um den Täufling in die Glaubensgemeinschaft aufzunehmen, aber auch, um ihn von seinen Sünden reinzuwaschen. Dies hat seinen Ursprung in der Bibel. Zum einen die Taufe Jesu, der von Johannes, dem Täufer, im Fluss Jordan getauft wird. „Und es geschah in jenen Tagen: Jesus kam von Nazareth in Galiläa und wurde von Johannes im Jordan getauft. Und sobald er aus dem Wasser hinaufstieg, sah er die Himmel sich teilen und den Geist wie eine Taube auf ihn herabfahren. Und eine Stimme kam aus den Himmeln: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ (Mk. 1, 9-11)

Wie Jesus in einem Fluss getauft wird, will auch Andreas sich an dem Fluss Seine waschen. Nun suchte er eine besonders abgelegene Stelle an der Böschung der Seine, um sich zumindest Gesicht und Hals zu waschen. Da es ihm aber schien, dass überall Menschen, armselige Menschen seiner Art eben (verkommen, wie er sie auf einmal selbst im Stillen nannte), seiner Waschung zusehen könnten, verzichtete er schließlich auf sein Vorhaben und begnügte sich damit, nur die Hände ins Wasser zu tauchen.[3]

Nicht nur die Parallele des Flusses zur Bibel ist auffällig, auch die Verwendung des Wortes Waschung, da dies typisch für die Bibelsprache, nicht aber für Schrift- oder Alltagssprache ist.

Aber nicht nur die Vergleichbarkeit zu Jesus liegt nahe, die positiv zu werten ist. So erinnert Andreas „Waschung“ der Hände stark an einen der größten Sünder der Bibel: Pilatus, der Statthalter in den Gebieten Judäa und Samaria war und Jesus zur Kreuzigung nach den Forderungen des Volkes verurteilte. „Pilatus spricht zu ihnen: was soll ich denn mit Jesus tun, der Christus genannt wird? Sie sagen alle: Er werde gekreuzigt!“ (Mt. 27, 22) Gleich darauf zeigt sich die enorme Parallele zu Andreas, der sich dazu entscheidet, nur seine Hände zu waschen. In der Bibel heißt es dann: „Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern viel mehr Tumult entstand, nahm er Wasser, wusch seine Hände vor der Volksmenge und sprach: Ich bin schuldlos an dem Blut dieses Gerechten. Seht ihr zu!“ (Mt. 27, 24) So wird also ein deutlich negativ behaftetes Bild der Bibel aufgegriffen, das berüchtigte Hände in Unschuld waschen. Wie auch bei Pilatus handelt es sich bei Andreas um einen Sünder, der in der Vergangenheit eine Affäre mit einer Frau namens Karoline hatte, deren Mann er erschlug und dafür in Haft musste.

Doch allein durch das Händewaschen, fühlt Andreas sich rein „ und kam sich vollständig gesäubert und geradezu verwandelt vor.“[4] Geht man also davon aus, dass Andreas eine Art Taufakt vollziehen will, ist dieser bei oben genanntem Versuch gänzlich fehlgeschlagen, sogar noch negativ konstituiert durch die Parallelen zu Pilatus. Doch im Laufe von Roths Novelle bleibt es nicht nur bei diesem gescheiterten Versuch des Reinwaschens.

Andreas zweiter Versuch der Taufe findet nach einem Traum von der heiligen Therese statt, der er Geld schuldet:

Noch ein Mal wollte er sich am Flusse waschen. Aber bevor er seinen Rock zu diesem Zweck ablegte, griff er in die linke Brusttasche, in der vagen Hoffnung, es könnte sich dort noch irgend etwas Geld vorfinden, von dem er vielleicht gar nichts gewusst hätte. Er griff nun in die linke innere Brusttasche seines Rockes, und seine Hand fand dort zwar keinen Geldschein, wohl aber jene lederne Brieftasche, die er vor ein paar Tagen gekauft hatte. Diese zog er hervor. Es war eine äußerst billige, bereits verbrauchte, umgetauschte, wie nicht anders zu erwarten. Spaltleder. Rindsleder. Er betrachtete sie, weil er sich nicht mehr erinnerte, dass, wo und wann er sie gekauft hatte. Wie kommt das zu mir? fragte er sich. Schließlich öffnete er das Ding und sah, dass es zwei Fächer hatte. Neugierig sah er in beide hinein, und in einem von ihnen war ein Geldschein. Und er zog ihn hervor, es war ein Tausendfrancs-Schein. Hierauf steckte er die tausend Francs in die Hosentasche und ging an das Ufer der Seine, und, ohne sich um seine Unheilsgenossen zu kümmern, wusch er sich Gesicht und den Hals sogar, und dies beinahe fröhlich.[5]

[...]


[1] Joseph Roth, Die Legende vom heiligen Trinker, Reclam, Stuttgart 2010. S. 28.

[2] Joseph Roth, Die Legende vom heiligen Trinker, Reclam, Stuttgart 2010. S. 6.

[3] Joseph Roth, Die Legende vom heiligen Trinker, Reclam, Stuttgart 2010. S. 9.

[4] Joseph Roth, Die Legende vom heiligen Trinker, Reclam, Stuttgart 2010. S. 9.

[5] Joseph Roth, Die Legende vom heiligen Trinker, Reclam, Stuttgart 2010. S. 23- 24.

Details

Seiten
10
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668054219
ISBN (Buch)
9783668054226
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307180
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,1
Schlagworte
Joseph Roth Die Legende vom heiligen Trinker Literaturanalyse Bibel Bibelsprache Analyse Heilsmetaphorik Hauptcharakter Symbolik Sprache

Autor

Zurück

Titel: Die Bedeutung der biblischen Sprache in Joseph Roths "Die Legende vom heiligen Trinker"